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KULTURNOTIZEN
Nekrologisches
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Schelsky, Helmut hat sich enorm um die S o z i o l o g i e ver-
dient gemacht und sich mit den Einfällen dieser Wissenschaft des
öfteren auf dem M e i n u n g s m a r k t der Nation betätigt.
Dabei ist es ihm in eindrucksvoller Weise gelungen, das
G e m e i n s a m e von Soziologie und deutsch-demokratischer
Öffentlichkeit herauszustellen: Auf beiden Feldern geht es um
r a d i k a l e A n t i - K r i t i k.
Die einigermaßen verkehrten Auffassungen der Soziologie über die
Welt waren für Schelsky genau das Richtige, um seine Zeitgenossen
regelmäßig zu ermahnen. Beseelt von der Sorge um das
F u n k t i o n i e r e n der "Industriegesellschaft" mit ihrem
"System" von "Institutionen", Normen und Werten hat sich dieser
Denker immerzu für das G e l i n g e n von Arbeit, Wissen-
schaft, Familie etc. stark gemacht, so wie er sie in d e r Ge-
sellschaft antraf. Wo immer Soziologen ihr Handwerkszeug einsetz-
ten, um irgendwelche Veränderungen für notwendig zu erachten,
entdeckte er einen M i ß brauch seiner Wissenschaft. Wenn er
sich "Auf der Suche nach Wirklichkeit" befand, kam dagegen stets
ein sehr v e r n ü n f t i g e s "Zusammenleben" und gesell-
schaftliches Gefüge zum Vorschein, dem irgendwelche unvernünftige
Zeitgenossen nicht gerecht wurden.
An der Religion erkundete er ebenso manche Funktionen wie am gar
nicht existenten "Leistungsprinzip" und der durchaus vorhandenen
Habilitationsordnung - und das ergab ein klares Votum dafür.
Da er sich in seinem soziologischen Betrieb in den 60er und 70er
Jahren mit immer mehr abwegigen Meinungen konfrontiert sah, mit
lauter soziologischen Verbesserern der Chimäre "Gesellschaft"
nämlich, nahm er grundsätzlich für die "Arbeit" Partei - und für
die guten Menschen, die sie ein Leben lang tun müssen. In "Die
Arbeit tun die andern. Klassenkampf und Priesterherrschaft der
Intellektuellen" (1975) ist ihm die gelehrte Ausarbeitung des Ge-
meinspruches gelungen, den man s t u d i e r t e n K r i-
t i k e r n entgegenhält: "Geh doch erst mal arbeiten!" Was man
studierten Karrieristen zu bedenken gibt, die ihre eigene
Stellung ebenso in Ordnung finden wie die lebenslange Fabrikar-
beit anderer, die deshalb der gesellschaftlichen Ordnung ein ge-
glücktes Prinzip nach dem anderen entlocken und d a s als Wis-
senschaft handeln, ist ihm nicht eingefallen. Und jetzt ist es
auch endgültig zu spät, um es ihm zu sagen.
Aus den Nachrufen seiner Kollegen geht Tröstliches hervor - für
die Soziologie. Daß er sich "mit ausgeprägtem Sinn für den Geist
der Zeit" (Dahrendorf) seine Ideen konstruierte, geht lässig als
Kompliment in Druck. Reaktionärer Opportunismus ist in der Welt
der Soziologie eben eine gesellschaftserhaltende Tugend. Deshalb
ist es auch eine saftige Lüge, wenn es heißt: "Die Annahme des
Rufes an die Universität Straßburg im Jahre 1943 ist ihm verübelt
worden." Was man auf der "Suche nach der Wirklichkeit" alles fin-
det!
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In Sachen Nation und Religion versteht die Bourgeoisie keinen
Spaß; und erst recht reagiert sie sauer, wenn ein führender Kir-
chenmann nicht nur Vaterlandslästerliches von sich gibt, sondern
sich dafür auch noch vom Gottseibeiuns mit dem Leninpreis deko-
rieren läßt. Dabei hatte der im März verstorbene Martin Niemöller
nicht ohne Erfolg den Herren dieser Welt gedient unterm Kaiser
brachte er es immerhin bis zum U-Boot-Kommandanten - und in sei-
ner Kirche wählte man ihn zum Chefprotestanten von Hessen-Nassau.
Bei alledem hat den Pastor Niemöller zeit seines langen Lebens
nichts so sehr umgetrieben wie der deutschnationale P a t r i-
o t i s m u s und ein b e k e n n e n d e s Christentum. Von
diesem Standpunkt aus begrüßt er zunächst Hitlers "völkische
Einigung und Erhebung", um dann gegen den "Führer, der sein
Ehrenwort brach", von der Kanzel herunter die Gläubigen zu
agitieren. Nach dem Ende des Dritten Reichs sah Niemöller im Un-
terschied zu all denen, die sich für ein Viertes sorgsam aufbe-
wahrt hatten, nicht nur die N a t i o n darnieder, sondern auch
die Deutschen unter und hinter dem Führer mit einer
"Kollektivschuld" beladen. Das war zwar auch nur
"Vergangenheitsbewältigung", doch mit einer im Inland damals wie
heute unpassenden Moral. Draußen hingegen brachte sie Niemöller
als ersten Deutschen in eine internationale Führungsposition als
Vorsitzenden des Weltkirchenrats. Als er jedoch lange vor der
Friedensbewegung "einseitige" Schuldzuweisungen fürs nächste Völ-
kerschlachten der NATO vornahm und als Bischof quasi ex cathedra
die Bundeswehrausbildung eine "Hohe Schule für Berufsverbrecher"
nannte, wurde er rasch international wie national wieder zum Pa-
stor demontiert. Ein Mann, der so wie Niemöller die hehrsten
I d e a l e von Nation und Religion bitter ernst nahm, lebte
sich und anderen seine persönlichen Enttäuschungen als Anklage
vor: Die BRD kritisierte er früh schon als "in Rom gezeugt, in
Washington geboren" und verkündete kurz nach Erhalt des Bundes-
verdienstkreuzes, daß der ihn auszeichnende Staat "die primitiv-
sten Menschenrechte bedroht". Als Christ mochte er sich einfach
nicht vorstellen, daß, "Jesus sagen würde: Nimm die Atombombe!"
Als Demokrat wollte er nicht einsehen, daß die 'Wiederbewaffnung'
der BRD und ihre 'Integration' in die NATO verantwortliche demo-
kratische Politik ist. Als patriotischer D i s s i d e n t fand
er schließlich doch noch seine "Erfüllung" in der
F r i e d e n s b e w e g u n g, die sich mit seiner Person als
überragender moralischer Instanz ihrer Identität mit dem besseren
Deutschland vergewisserte. Niemöller unterschrieb gemeinsam mit
Gert Bastian 1980 den Krefelder Appell; und im Unterschied zu
diesem Patrioten 'der nachfolgenden Generation nahm er auch die-
ses sein letztes Bekenntnis nicht zurück.
Vorm "Blutrausch im Kinderzimmer"
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warnte nach den C-Parteien und diversen Wissenschaftlern, die
sich von Beruf's wegen mit der psychischen Gesundheit der Jugend
befassen, im März auch "Der Spiegel" mit einer Horror-Titelge-
schichte. Mitten im "Aufschwung" wird hier ausgerechnet einer Er-
folgsbranche ihr geschäftstüchtiger Riecher für ein zahlungsfähi-
ges Bedürfnis vorgeworfen. Dabei jagt ein abwegiges Argument das
noch dümmere: Haben etwa die Saudi-Prinzen in zartem Kindesalter
zuviel mit Kriegsspielzeug herumgetollt, daß sie jetzt so scharf
sind auf die Qualititsprodukte von Krauss-Maffei für Erwachsene?
Oder glaubt jemand im Ernst, ausgerechnet Ronald Reagan ziehe
sich im Weißen Haus immer einen Zombiefilm über "lebende Leichen"
rein, ehe er seine Truppe für garantiert tote sorgen läßt?
Selbstverständlich kommt auch niemand auf den Gedanken, der bun-
desamtlichen Indizierungsstelle die "Tagesschau" und "Heute" für
ein striktes Jugendverbot zu empfehlen. Es ist wie bei Karl
Kraus: Die letzten Tage vor dem III. Weltkrieg, mit dem der Un-
tergang der östlichen Menschheit mit einem jede P h a n-
t a s i e übersteigenden Waffenarsenal ganz nüchtern g e-
p l a n t u n d v o r b e r e i t e t wird, schaffen den
Hintergrund für die Inszenierung einer geschmäcklerischen Sitten-
wacht am Seelenfrieden der Jungen. Die Alten werden wohl als ab-
gebrüht eingeschätzt, um auch so was richtig "einordnen" zu kön-
nen. Den ungestörten Schlaf von Kindern und Jugendlichen gefährde
hingegen der Kannibalismus im Pantoffelkino, weil sie den nicht
"verarbeiten" können. Im Gegensatz zu den politisch motivierten
Schlächtereien der Freien Welt, die ihnen von den Erziehern demo-
kratisch verklickert werden. Und Heranwachsende sollen durch das
Blut aus Ketchup zur G e w a l t t ä t i g k e i t "verführt"
werden - noch ehe man sie in der Bundeswehr dafür ganz sachge-
recht ausbildet.
Und dabei soll die künstlerische Gestaltung des Massakrierens
hinderlich sein? Nie und nimmer, denn die Moral solcher Streifen
kennt man noch aus jedem Film und jeder Zeitung: Das B ö s e
führt sich auf, bis es von der g e r e c h t e n S t r a f e
ereilt wird. Über die humanitären Defizite von Rasiermessern
verglichen mit der Neutronenbombe zu richten, das ist gewisserma-
ßen ein Luxus für moralische Riesen - der Heuchelei.
Die kommen natürlich nie auf den Gedanken, das ganz normale und
garantiert jugendfreie Fernsehangebot von der "Biene Maja" bis zu
Werner Höfer wegen Verführung aller Altersstufen zum Aushalten
der bürgerlichen Gewaltverhältnisse verbieten zu lassen. Ganz im
Gegenteil: Dafür sind sie nämlich.
Der Arbeitnehmer des Monats
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März ist ohne Zweifel Herr Karl-Heinz ('Kalle') Rummenigge, bis-
lang Wahlmünchner aus dem Westfälischen, angelernter Bankkauf-
mann, Fußballvolontär beim FC Lippstadt und dann lange Jahre
Facharbeiter im Sturm von Bayern. Jetzt, mit 28 vor der Perspek-
tive, in absehbarer Zeit vom Trainer in eine Vorruhestandsrege-
lung ab geschoben zu werden, denkt Rummenigge, wie er der
"Süddeutschen Zeitung" anvertraut hat, ausnahmsweise "auch einmal
an sich" selbst: Nicht länger will er aus schierem (Lokal-) Pa-
triotismus für das Butterbrot von 1,2 Millionen per anno in der
Bundesliga werkeln. Inter Mailand legt 800.000 DM drauf und der
Kapitän verläßt das Schiff. Ein Gastarbeiterlos in der Lombardei?
Mitnichten: Rummenigges Häuschen in der Heimat steht schon in
Grünwald und Italien empfängt trotz hoher Arbeitslosigkeit den
zusätzlichen Arbeitsplatzokkupanten mit nationalen Siegesgefühlen
gegen die deutsche Konkurrenz deren geringeres Lohnniveau den
Transfer möglich gemacht hat. So ist Karl-Heinz Rummenigge zur
"schwersten Entscheidung meines Lebens" gezwungen worden - mit
Geld. Und davon mußten immerhin an die 12 Mio. locker gemacht
werden, weil auch der bisherige Arbeitgeber nur schweren Herzens
auf diese bewährte Arbeitskraft verzichtet. Das hinterbliebene
(Fußball-) Volk überlegt jetzt hin und her ob der Transfer seines
Idols in Ordnung geht oder nicht. Für einen Sack voll Lire Ar-
beitsplatz und Vaterland verlassen, das schmeckt den einen nicht,
die auch für ein paar Mark weniger im Monat schon glücklich sind,
überhaupt noch arbeiten zu dürfen. Die anderen haben volles Ver-
ständnis für einen Mann aus dem Volke, der mitnimmt, was er ohne
jeden Arbeitskampf und Gewerkschaft kriegen kann. So zerbrechen
sich Leute mit höchstens 2.000 DM im Monat auf die Hand den Kopf
eines Millionärs, der sich schlimmstenfalls noch vor dem 1. Juli
den Fuß brechen kann.
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