Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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Benno von Wiese, Hans Rosenthal und Gustav Knuth +
EIN SCHWERER SCHLAG FÜR DIE DEUTSCHE KULTUR
Der deutsche Literaturpapst
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"Durch den Vers wurde man beinahe Gott. Ein solches Grundgefühl
läßt sich nicht mehr völlig ausrotten - und noch jetzt... wird
auch der Weiseste von uns gelegentlich zum Narren des Rhythmus,
sei es auch nur darin, daß er einen Gedanken als w a h r e r
e m p f i n d e t, wenn er eine metrische Form hat und mit einem
göttlichen Hoppsassa daherkommt." (F. Nietzsche)
Benno von Wiese war so ein Narr von Berufs wegen und hat beim
Auslegen von Literatur Richtlinien gesetzt. Seine Interpretatio-
nen hatten die Aura des Unwidersprechlichen und galten, was frag-
los daher kommt, daß Benno immer ziemlich fraglose Botschaften zu
sagen wußte. Sie betrafen "den Menschen", überhaupt und in der
ganzen Grundsätzlichkeit seines stäubchenmäßigen Seins, nebst dem
wohl verständlichen, insgesamt aber doch eitlen Hoffen auf ein
Paradies hienieden. Sie selbst erfinden mußte er dabei nur in den
seltensten Fällen. Er war ja Interpret, und da bestand seine
ganze Kunst darin, sich bei der anerkannten Wucht dessen, was es
wieder einmal zu sagen galt, mittels des verdrechselten Wie des
Sagens auch noch der Quelle zu berühmen, der solches entsprungen:
Vom Zauber der k ü n s t l e r i s c h e n F o r m wollte der
Interpret sich so sehr durchdrungen wissen, daß er den Gehalt,
den tiefen, um den es ihm ging, nicht bloß hersagen, sondern hym-
nisch gestalten wollte und sich so als S c h w ä r m e r d e r
m o r a l i s c h e n I d e e gab:
"Es gilt, den eigentümlichen Kreis-Charakter dieses Sonettes
richtig zu verstehen. Es beginnt mit einer Aussage, für die dann
in den Terzetten die Begründung gegeben wird. Aber eben diese Be-
gründung wird wiederum zur Ursache dafür, daß keiner das Leben
faßt und jeder es verliert. So muß man am Ende des Sonettes
gleichsam mit dem Lesen von neuem beginnen und kommt aus dieser
endlosen Kreisbewegung niemals heraus. Das Ende mündet in den An-
fang. Wir verlieren das Leben, weil wir auf das Glück hoffen müs-
sen. Wir leben in dem Angewiesensein auf das Glück, weil uns das
Dasein in seiner Gegenwärtigkeit entgleitet. Die Begründung der
Terzette wird zur faktischen Aussage, die ihrerseits in den
zunächst nur feststellenden Quartetten nachträglich ihre Begrün-
dung erhält. Dieses und nichts anderes ist Struktur und Bewegung
unseres Daseins, die sich in Struktur und Bewegung des Sonettes
widerspiegelt."
Das ist Schwafelei in Reinform, eine gestanzte "Kreisbewegung" um
Lesen und Leben und die Gleichheit beider herum, so daß es um de-
rentwillen auch getrost gleichgültig bleiben kann, welchem gele-
senen Stoff sie abgelauscht wurde. Da hatte man im Deutschunter-
rich immer seine rechte Mühe, diese und ähnliche Heucheleien zei-
lenfüllend hinzukriegen und in Benno von Wiese wenigstens die
Orientierung, was bei den verkrampfte Bemühungen zumindest vor-
kommen mußte, dem Sonett nachzuweisen, es bliebe ohne den eigenen
geistigen Liebesdienst an ihm in seiner Tiefe gänzlich verschlos-
sen und die Menschheit folglich um etliches ärmer. Mehr wußten
die Lehrer garantiert auch nicht. Und selbst wenn man sich an die
großkalibrigen Wertehämmer nicht herantraute, die das Orakel
Benno noch dem blauesten Bächlein entriß: Schon die Anlehnung an
die Wortschleifen, mit denen der Meister ein ums andre Mal die
Einheit von allem mit jedem beschwor, mochte einem dabei Hilfe
sein, vom Heideröslein zur Würdigung des Gesamtkunstwerks Mensch
vorzustoßen. Solange wenigstens, wie die Kunstwissenschaftler -
einem Dichterwort auch hier getreu folgend - damit froh und zu-
frieden waren, das als Botschaft zu verkünden, was i h n e n zu
erfühlen und erjagen geglückt war. Doch als dann die
"W i s s e n s c h a f t" so recht Einzug hielt und objektivi-
tätsbeflissen auf "M e t h o d e n" drängte, mit denen es nun-
mehr vom Nutzen der Kunst fürs Gesellschaftliche zu reden galt
oder die Literatur als "Text" erst erobert werden mußte, auf daß
über sie geredet werden konnte, war's um das unbefangene morali-
sche Schwätzen ein wenig geschehen. Ein kleiner Umweg über
"sozialgeschichtliche", womöglich gar "materialistische"
"Aspekte" des literarischen Schaffens sollte schon sein, bevor
dann das übliche Trompeten des Sinns von Dichtung losging, den
Leute wie Benno von Wiese zu ganzen Kompendien zusammengetragen
haben. Man muß Benno schon zugutehalten, daß er diesen ganzen Un-
fug, auch noch "die Gesellschaft" zur Sinnträchtigkeit aufzubla-
sen, um die Literatur groß zu machen, nicht mitmachte und wie eh
und je "dem Menschen" treu blieb, wie er ihn sich ins Visier ge-
nommen hatte: Zu mehr als einem flauen Bekenntnis zum
"Methodenpluralismus" mochte er sich nicht durchringen, bevor er
dann genießerisch in den sinnhaften Inhalten schwelgte. Wohl wis-
send, daß sein in die Zeitlosigkeit der nationalen Kultur ge-
stelltes Anliegen auf "Größeres" ausgelegt ist als den Nachvoll-
zug konjunktureller Schwankungen wissenschaftlichen Selbstver-
ständnisses -
"Auch das 'alte Wahre' muß immer von neuem gefunden und überprüft
werden. Gerade darin bewährt es seinen bleibenden Wert."
Er liebte in diesem Zusammenhang die leisen Töne, mit denen er
der deutschen Jugend und ihren schulischen Betreuern sein kra-
chertes Hauptwerk offerierte - den Sammelband "Deutsche Gedichte,
von den Anfängen bis zur Gegenwart". In den Strom deutscher Kul-
tur als einen zeitlicher Unabkömmlichkeit gestellt, sollte
"ein jeder erstaunt sein, wie viele äußere und innere Wandlungen
im Schicksal unserer Nation sich hier abzeichnen."
Es gehört zu dieser Erstaunen heischenden Tour des Altmeisters
nationaler Schicksalszuweisung, definitive Bestimmungen dessen,
woran nationaler Anteil genommen werden sollte, ins Wolkige zu
verflüchtigen - seine Gemeinde verstand ihn auch bei den übrigen
deutschen Dichtungsgattungen. Man muß Herrn Benno eben einfach
erlebt haben, wie er auf kleinen Füßen mit vom Hochwasser seiner
weiten Hosen geschickt enthüllten zierlichen Gelenken die Fülle
seiner Persönlichkeit durchs Audimax der Bonner Universität schob
und Widersinniges feinsinnig platttrat. Der raunende Ton machte
die Melodie seiner Botschaft aus, die man deshalb auch nie beson-
ders verstehen mußte, um sie jedenfalls als echt zu empfinden.
Sein Weggang ist schon ein Verlust, besieht man sich die verblei-
benden Vertreter seiner Zunft.
Die Spitzenkraft der deutschen Unterhaltung
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Hans Rosenthal wurde auch in den einzelnen Etappen seines Ver-
scheidens und en detail von der liebevollen Aufmerksamkeit seines
Fernsehpublikums nicht alleingelassen. Das ist gerecht und hat
vermutlich bei ihm auch bis zuletzt für die frohe Laune gesorgt,
die einem die Auffassung so beschert, im Leben alles goldrichtig
gemacht zu haben. Grund genug für diese hatte er ja auch: Von
seinem Beruf des Volksunterhalters hat er schon ganz zu Beginn
gewußt, daß das Publikum ein Recht darauf hat, von Irritationen,
gar kritischen Tönen verschont zu werden. Entsprechend wußte er
es auch dadurch zu unterhalten, daß er in Spiel- und Spaß eine
Gemeinschaft lauterer Menschlichkeit arrangierte, als deren Vor-
bild er selbst herumhüpfte. Nie ging ein Spaß daneben, weil auf
Kosten anderer, und nie verfiel einer der Beteiligten darauf, der
Quizmeister wäre doch noch schlauer als er selber. Das stiftete
beim breiten Fernsehpublikum naturgemäß das sichere Gefühl, in
Rosenthal jemanden zu haben, der es ganz für voll nimmt und es in
dem ehrt, was es in all seiner Gewöhnlichkeit ist. Der immer
fröhliche Frontstadt-Insulaner hat den inzwischen wieder jedem
Deutschen verordneten Optimismus auf dem Feld der Massenerbauung
vorgelebt und ihm auch mit seinen christlichen Beziehungen zu
Kohl und Berlin-Filz die passende parteipolitische S p i t z e
verliehen. Das hat ihn als Showmenschen geehrt und den Kanzler
umgekehrt noch menschlicher gemacht. Auf Rosenthals wohlverdiente
Popularität fiel nur einmal ein Schatten, als er die deutsch-jü-
dische Versöhnung, die er nebenberuflich auch noch leibhaftig
darstellte, als Auftrag mißverstand, ein Treffen blitzsauberer
SS-Burschen doch lieber abzusagen. Aber übelgenommen haben sich
beide Seiten nichts weiter, so daß schon stimmt, daß das deutsche
Volk in Hans Rosenthal etwas Wichtiges verloren hat.
Der deutsche Charakterdarsteller
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Gustav Knuth ging ganz leise von uns, was durchaus einen gewissen
Kontrapunkt zu dem scheppernden Charakter darstellt, der er Zeit
seines künstlerischen Schaffens war. Wohl begann es 1944 thema-
tisch noch verhalten, als Gustl in "Unter den Brücken" echt
menschlich die Probleme eines verliebten Schlepperführers verkör-
pern durfte. Doch zum richtig beliebten Volksschauspieler machte
ihn seine Auslegung des deutschen Familienvaters, der hemdsärme-
lig und immer ruck-zuck die Sachen anging und dabei prustend für
gute Laune allenthalben sorgte. Unvergessen bleibt sein "Härr
Studäänt" in "Ich denke oft an Piroschka", aber auch die leise
menschliche Tragik, die sich bei seinem letztlich dann doch ver-
geblichen Bemühen abzeichnete, sich selbst wieder von der Rolle
zu unterscheiden, die er spielte, und auf dem E-Sektor des Thea-
ters Fuß zu fassen. Damit ist's wohl nun vorbei.
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