Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
zurück
KULTURNOTIZEN
Das Imperium schlägt zurück
---------------------------
Die "Challenger"-Mission der NASA von Anfang Februar bot der ein-
schlägigen Presse in der BRD Anlaß zu Spekulationen, ob die Rus-
sen, die ohnehin an allem schuld sind, nicht auch noch in der
Stratosphäre ihre Interventionsfinger im Spiel haben. Nachdem die
Raumfährenbesatzung zwei sündteure Erdsatelliten und einen For-
schungsballon im Higher-and-Fire-Verfahren ins Unendliche gejagt
hatte, fragte "Bild am Sonntag" mißtrauisch: "Sollten doch die
Russen ihre Finger im Weltraumspiel haben?" Deutschlands Oberte-
leskopwart Professor Kaminski kam den BamS-Leuten soweit entge-
gen, wie es nur irgendwie ging: "Kaum. Dazu sind die Sowjets noch
nicht in der Lage." Vorsorglich stellte er jedoch gleich einmal
die Kräfteverhältnsse im luftleeren Raum klar: "Und wenn es
tatsächlich einmal dazu kommen sollte, dann würden die Amerikaner
mit ihrer ausgefuchsten Elektronik die ganzen sowjetischen Welt-
raumsysteme durcheinander bringen." Anschließend ist dann Major
McCandless frei und völlig losgelöst durchs Schwerelose gesegelt.
"Das Risiko, plötzlich nicht mehr wenden zu können und als men-
schliche Monde ins Unendliche des Alls zu verschwinden" war laut
BamS "allerdings enorm". Wenigstens im All einmal "ein hilflos
treibender" Truppenteil der US-Army - das darf nicht mal im Welt-
raum passieren! Denn wem nützt das? Doch nur dem "rückständigen
Sowjetimperium"...
*
Schon gehört, was das Deutsche Fernsehen in seiner bekannt über-
parteilichen Art herausgefunden hat? Die Russen starten doch
tatsächlich Raketen und lassen die dann auch noch einfach so rum-
fliegen. Ein eindeutiger Fall von "V e r s c h m u t z u n g
d e s W e l t r a u m s d u r c h r u s s i s c h e
W e g w e r f r a k e t e n"! Was denken sich die Ostler eigent-
lich? Wie gut, daß unsere Raum-Pflegeexperten unterwegs sind und
in ihrem "Rucksack" das nötige Gerät mitführen, die globalen
Schmutzfinken zu orten und ihren Dreck wegzuputzen.
*
Ein zeitgemäßes Gebet
---------------------
hat nach den Worten von US-Präsident Reagan "eine ähnlich große
Kraft wie die einer Atomrakete", meldete die 'Katholische Nach-
richtenagentur' (KNA) am 3. Februar nicht ohne Genugtuung über
die von kompetenter Seite bestätigte TNT-Wirkung ihrer Hauswaffe.
"Würde man die Summe der Gebete aller hier im Saale Versammelten
zusammenfassen", führt Reagan beim "Nationalen Gebetsfrühstück"
vor Regierungsmitgliedern und Vertretern des diplomatischen Korps
fort, "welche Gewalt würde da zusammenkommen?" Dies ist natürlich
nicht als neues Rüstungsprogramm zu verstehen, demzufolge bei US-
Raketen ab sofort die Atomsprengköpfe durch Gebetbücher ersetzt
werden. Denn das Gebet ist laut Reagan nur "das e r s t e und
wichtigste Mittel, zu dem wir Zuflucht nehmen, um die Probleme
der Welt zu lösen". Zur E n d l ö s u n g bleiben die anderen
Mittel natürlich gefechtsklar. Scharf wandte sich der Präsident
dann noch gegen "das g e g e n s e i t i g e Morden im Namen
Christi". Das darf nur die NATO. Amen!
Aber glauben...
---------------
H o r o s k o p e u n d A s t r o l o g i e hat das Zentralor-
gan der katholischen Kirche, der "Osservatore Romano", verur-
teilt. "Die Astrologie steht im Gegensatz zur christlichen Moral,
und die Wissenschaft hat seit geraumer Zeit schon bewiesen, daß
es keinerlei Verbindung zwischen dem Stand der Sterne und dem
Schicksal der Menschen gibt." Wie erinnerlich, hat das wissen-
schaftliche Hauptwerk der katholischen Moral, "Die Bibel"
(erschienen im Heilig-Geist-Verlag, Rom o.J.), schon seit gerau-
mer Zeit nachgewiesen, daß das Schicksal der Menschen vom Stand
der Verbindung zwischen einem gewissen Herrn Gott, seinem Sohn
und einer zahmen Taube abhangt. Und anders als die Astrologie hat
diese Sorte Konjunkturforschung ihren von allen Nachbardiszipli-
nen anerkannten Stammplatz an den Universitäten.
...macht selig!
---------------
99 französische "Märtyrer" hat Papst Johannes Paul II. am 19. Fe-
bruar im Petersdom feierlich seliggesprochen. Es handelt sich um
Contras aus der Französischen Revolution, die erschossen worden
sind, weil "sie sich geweigert hatten, einem Gesetz zuzustimmen,
das die Unterstellung des Glaubens unter die staatliche Autorität
vorsah." Aus aktuellem Anlaß, dem Schulstreit zwischen Kirche und
Mitterrand-Regierung, läßt der Vatikan 99 schwarze Luftballons am
französischen Glaubenshimmel aufsteigen und eröffnet damit
feierlich den K u l t u r k a m p f um die unschuldigen
Seelchen der gallischen Schulkinder.
*
Nekrologisches
--------------
78jährig starb Manes Sperber in Paris. Er kam von der Psychoana-
lyse zum Kommunismus und deswegen auch wieder hinaus. Fragte sich
der Adler-Schüler in Wien allen Ernstes, ob nicht "Kriege
schlicht entstanden" seien, weil "die Menschen dem Grau des All-
tags, des Privaten machtvoll entfliehen wollten - gleichviel wo-
hin", so brach er später mit dem Kommunismus, weil er die gesamte
Komintern als Anschlag auf seine sensible Dichterexistenz er-
lebte. "Traum und Realität, Theorie und Praxis, Geist und Macht"
- dieser "fundamentale Zwiespalt" soll die Menschheit seit Jahr-
tausenden beuteln. Sperbers "Träne im Ozean" personifiziert die
jeweils erste Abteilung in ihrer lautersten Gesinnung, während
die zweite in pervertierter Form im 20. Jahrhundert immer aus
Moskau kommt. Sein Bruch mit der Kommunistischen Partei war so
die biographische Konsequenz eines Mißverständnisses. Als endlich
unorganisierter "Zeuge des Jahrhunderts" versorgte er den organi-
sierten Antikommunismus mit Belegen aus seiner "Lebenserfahrung".
Damit hat der Mann 3 Bände Autobiographie ("Bis man mir Scherben
auf die Augen legt") und einen autobiographischen Roman gefüllt
und zuguterletzt noch den Friedenspreis der westdeutschen Buch-
händler gekriegt. Aus diesem Anlaß wagte es ein "ebenso törichter
wie unverschämter deutscher Autor" (so Reich-Ranicki im Nekrolog
der FAZ über Bernt Engelmann), diese "humane Stimme" (Joachim
Kaiser in der "Süddeutschen Zeitung") wegen ihres politischen
Aufrufs für mehr Raketen gegen den Osten zu kritisieren. So
durfte Sperber bis zum Schluß seiner in seinem gesamten Werk zu-
sammengestrickten Legende treubleiben, er sei ein "ewig unzeitge-
mäßer" Autor.
*
Während Bao-Bao, der andere Zoo-Bär von Berlin, "den Tod seiner
Partnerin möglicherweise gar nicht bemerken" wird, ist unter den
possierlichen Menschenkindern von Berlin "große Trauer" ausgebro-
chen. Um ein Vieh namens
TIAN-TIAN
("Himmelchen" Pandabär).
Den gefühlvollen, anteilnehmenden Würdigungen dieser Exilchinesin
schließt sich die menschenverachtende MSZ-Redaktion nicht an. Und
zwar aufgrund der gesicherten Erkenntnis, daß Erleuchtungen wie
"Wir alle stehen völlig unter einem Schock!" (Der Zoo-Direktor)
"eine der großen Persönlichkeiten der Stadt" (Weizsäcker, Präs.
in spe)
unmöglich einem Bär zur Last gelegt werden können. Das Tier hat
sich zeitlebens um die Bambusvertilgung verdient gemacht und kann
überhaupt nichts für die Verblödung einer Gattung namens "homo
sapiens". Wenn letzteres Geziefer die Erfindung des Buchdrucks
dazu mißbraucht, ärztliche Bulletins über den Gesundheitszustand
eines lebendigen Polit-Präsents zu veröffentlichen, ist die To-
desursache des tapsigen Opfers kein Rätsel mehr. Das Tier ist an
Verzweiflung über den Geisteszustand seiner geschäftstüchtigen
und drolligkeitssüchtigen Umwelt zugrunde gegangen. Diese Umwelt
hat selbst das Abbeißen eines Fotografenfingers nicht als Mahnung
verstanden, sondern als Anlaß zu Schlagzeilen. Tian-Tian hat die-
ses menschliche Interesse an ihrer unschuldigen Bärennatur weder
verstanden noch ertragen. Mit ihrem Freitod setzte sie ein Zei-
chen - leider schon wieder ein vergebliches - für ihre maßlose
Verachtung der Tierliebe. Jetzt kommt ihr Bild auf Raketen!
*
Kristiane Allert-Wybranietz
---------------------------
beweist mit ihren "Verschenktexten", daß Lyrik auch und gerade in
schweren Zeiten die Menschen erreicht: mit 3 Gedichtbänden aktu-
ell in der "Spiegel" -Bestsellerliste, auflagenmäßig Michael Ende
über- und Simmel fast eingeholt! "Diese Texte bereiten Entzüc-
ken", so ihr Verleger Körner, und "werfen alle Vorurteile über
moderne Lyrik über den Haufen." Frau Allert gestaltet alle klas-
sischen lyrischen Topoi in zeitgemäßer Metaphorik. So notierte
sie folgendes zum Fluglotsenstreik: "Ich möchte zu dir fliegen, /
doch meine Propeller sind zerbrochen / an den Felsen der Angst...
Ich möchte dich streicheln, / aber ich habe keine Landeerlaubnis;
/ die Hemmungen im Tower geben / die Landebahn nicht frei." Das
sind keine "nichtssagenden Sprachspielereien", sondern das Urer-
lebnis zerstörter Kommunikation in poetische Sprache gebannt. Daß
das politisch-engagierte Gedicht nach Brecht in der plakativen
Botschaft erstarrt sei oder im unverbindlichen Experiment, diese
Konvention der etablierten Literaturkritik widerlegt Frau Allert
in ihrem Band "Trotz alledem" auch durch folgendes, offensicht-
lich den "Tagesthemen" der ARD gewidmete Gedicht: "22 Uhr 30. /
Ich möchte jetzt spazierengehen. /... Nur - / Wohin soll ich
jetzt gehen? / Allein? Ohne Angst? / Als Frau, 1980 / in Deutsch-
land?" Diese Lyrikerin verweigert sich den allzu einfachen Ant-
worten. Auch und gerade "als Frau" will sie "in Deutschland 1980"
nicht einfach zu Hause bleiben. Im Wunsch, "jetzt spazierenge-
hen", verleiht sich die Neugier, das wache Selbstbewußtsein jen-
seits und gegen die "Angst", bewegenden Ausdruck. Ein bohrender
Anspruch an die Welt, der an anderer Stelle es wagt, über bloße
"Reformen am System" hinausgehende Lösungen anzudeuten: "In mir
zerrt der Sturm / an jungen Mauern. / Aufruhr. Hart. /... Ich
kämpfe für den Tag, / an dem die Sonne aufgeht, / und Liebe ein-
zieht / in alle Herzen." Die Erinnerung an die "junge Mauer"
durch Berlin, an das "Harte" der deutschen Teilung, wird hier im
Sonnen-Symbol transzendiert zur ewigen Hoffnung der Deutschen
nach dem Tag der Wiedervereinigung, an dem über die platte Tages-
politik hinaus "Liebe in alle Herzen einzieht". Mit hellwachen
Augen registriert die Allert-Wybranietz die defizitäre Emotiona-
lität des Geschehens, das wir allzu leichtfertig 'Weltpolitik'
nennen: "Immer mehr / legen / ihre Gefühle / in die
Tiefkühltruhe. / Ob sie glauben, / dadurch ihre Haltbarkeit / zu
verlängern?" Und eine fast schon wieder romantische Ironie
benennt die Bruchstellen des modischen Rückzugs in die neue
Innerlichkeit, wenn er nicht ausreichend versichert ist: "Zwei
Glasmurmeln / aus dem Kinderspiel /... so schön verziert und / so
zerbrechlich. / Das sind wir /... Vielleicht sollten wir eine /
Glasbruchversicherung abschließen?" Die adornitische Aporie, ob
man denn nach Auschwitz noch Gedichte schreiben könne, widerlegt
hier eine junge Lyrikerin durch - Gedichte!
(Alle Zitate aus: Allert-Wybanietz, Trotz alledem. Lucy Körner
Verlag, 17. Aufl., Platz 4 der "Spiegel"-Bestsellerliste Anfang
Februar 1984)
*
Die Affäre Kießling/Wörner als Film!
------------------------------------
Nach der Doppelausschlachtung des Falles Bachmeier durch den
deutschen Film konnte es nicht ausbleiben, daß auch die Bonner
Staatsaffäre dieser geschäftstüchtigen Branche als Sujet für
einen kassenfüllenden Streifen gerade recht kam: Bereits im März
will Peter Zadek mit den Dreharbeiten für "Hurra, ich regiere
noch!" beginnen. Luggi Waldleitner produziert und Erich Kuby hat
das Drehbuch schon fertig. "Es wird eine ätzende Komödie", ver-
riet Zadek, und "die betreffenden Herren werden schon merken, daß
sie gemeint sind." Manfred Wörner heißt bei Kuby Manfred Hörner
und wird von 007-Sean-Connery gespielt. "Mich interessiert dabei
vor allem die Rolle seiner Frau. Davon hat man aus keiner Zeitung
was erfahren", meinte Zadek, der dafür Barbara Valentin engagiert
hat. "Der Kießling ist ein Charakter. Wir sind froh, den Heinz
Rühmann gewonnen zu haben." Kuby will bei den Dreharbeiten dabei-
sein, um zu verhindern, daß "mir Herr Zadek nicht die politische
Dimension des Falles, wenn auch brilliant, weginszeniert". Der
Kanzler wird im Film nur über dazwischengeschnittene Fernsehauf-
nahmen vorkommen. "Dafür gibt es einfach keinen Schauspieler, den
man uns geglaubt hätte" (Zadek).
zurück