Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist


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HÖHERER UND EINFACHER BLÖDSINN 83

"Was bleibt uns außer der Kultur? Wir wünschen guten Appetit." Schwer was los in der K u l t u r ist bekanntlich immer, wenn die Macht ihren Untertanen "schwere Zeiten" verordnet hat. Die "Goldenen Zwanziger Jahre" und auch die unmittelbare Nach-1945- Kriegszeit - da soll die U n t e r h a l t u n g viel Niveau gehabt haben und der Geist unheimlich unterhaltsam gewesen sein. Das liegt daran, daß sich I n t e l l e k t u e l l e von der Kunst mehr erwarten als bloßes Amüsement: Ohne ein wenig E n g a g e m e n t und ein paar Pfund Sinn unterhalten sie sich unter ihrem Niveau, das sie brauchen, um sich vom einfachen Volk abzugrenzen. Wenn sie sich auch einmal den Luxus leisten, sich von der M a c h t abzugrenzen, liefern sie Dokumente des armseligen Be- dürfnisses nach einer Gewalt, die sich mit i h r e m Geist schmückt. So haben in Bonn seit der Wende birnenförmige Wesen das Sagen, die es der Intelligenz der Nation unnötig erschweren, die BRD mit Kopf und Herz als C h a n c e und H e i m a t zu be- trachten. Nicht w a s der Kanzler m a c h t, sondern w i e er daher r e d e t, stößt auf die Kritik der Geister, weil die schlimmsten Sünden für sie immer noch V e r g e h e n g e g e n d i e K u l t u r sind. Im historischen Rückblick stiften je- doch gerade Dokumente von K u l t u r s c h a n d e Einheit zwischen dem Geist und der gerade amtierenden Macht. Am 50. Jahrestag der Bücherverbrennung -------------------------------------- vom 10. Mai 1933 stand zumindest eines fest: Einen derart für je- den Kulturmenschen unverzeihlichen faux pas leistet sich kein Re- gime mehr. Wenn Wilfried F. Schoeller in zwei Artikeln der "Süddeutschen Zeitung" fast schon bedauernd meinte: "Doch das Feuer auf dem Berliner Opernplatz ist aufgegangen in den imposan- teren Bildern, die es vom Reichstagsbrand bis zu den lodernden deutschen Städten im 2. Weltkrieg gibt." - so war das zumindest untertrieben: Mag ja sein, daß die Millionen in den KZ-Gasöfen verbrannten Juden gerade noch auf mehr moralische Anteilnahme rechnen können - zumindest seit "Holocaust" -; aber ansonsten wurden die Feuerchen der NS-Kulturpolitik so ziemlich als das Ge- meinste geführt, was den Nazis eingefallen ist. "Dort, wo man Bü- cher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Dieses Heine-Zitat wurde anläßlich des Gedenktages wieder bis zum Erbre- chen angeführt, obwohl es gänzlich in die Irre führt: Erstens ha- ben die Nazis ihre Kriege und Massenvernichtungen nicht deswegen durchgeführt, weil sie keinen Respekt vor Büchern hatten, und zweitens gibt es in der demokratischen Welt genügend Staaten, die Napalm-Bomben schmeißen und sich dabei auf jenes "kulturelle Erbe" berufen, das in den damals verbrannten Büchern enthalten ist; weswegen es drittens eine der erbärmlichsten Lobpreisungen der Demokratie ist, daß sie Bücher nicht v e r b r e n n t - sondern nur gegebenenfalls v e r b i e t e t. Entsprechend dreist bis dämlich fielen dann auch die Politiker-Gedenkreden aus: Helmut Kohl, geistiger Führer in der BRD, entdeckte einen "geraden Weg von den Feuern des 10. Mai zu Terror, Vernichtung und Völkermord" und meinte damit natürlich n i c h t Nicaragua oder Vietnam, ebenso wie ihm bei "Abrechnung mit dem freien Geist" nicht das Berufsverbot oder der Paragr 89a einfiel. Und die "Tötung des modernen wissenschaftlichen Denkens" betreiben deutsche Professoren an demokratischen Universitäten nicht nur "symbolisch", sondern praktisch, von Berufs wegen und im öffent- lichen Dienst. Der Kanzler verneigte sich ebenfalls rein s y m b o l i s c h vor den Büchern von Karl Marx und Sigmund Freud, obwohl er jeden G e d a n k e n dieser Autoren - soweit er überhaupt einen davon kennt -- bei anderer Gelegenheit als verfassungsfeindlich bzw. unsittlich aus jedem Schulbuch elimi- nieren möchte. Willy Brandts Bemerkung zum Jahrestag war aller- dings originell: "Man könne aber, da Bücher nicht zuletzt aus Holz hergestellt würden, die Literatur vielleicht auch dadurch kaputtmachen, daß man den Wald zugrunde gehen lasse." (dpa vom 10.Mai). Soviel zum "geraden Weg" vom sauren Regen bis zum Schwachsinn... Bot hier die deutsche V e r g a n g e n h e i t einen höchst willkommenen Anlaß, um das demokratisch geläuterte Verhältnis zum Geist in der G e g e n w a r t rühmend hervorzuheben, so machte sich ein westdeutscher Stückeschreiber zu Jahresbeginn noch posthum unbeliebt, weil er Geist und Tat b e w ä l t i g t e r Vergangenheit höchst lebendig im Hier und Heute auf die Bühne brachte. Heinur Kipphardts "Bruder Eichmann" ----------------------------------- soll ein Stück Zeitgeschichte höchst mißbräuchlich zu aktuellen Zeitbezügen verwendet haben. Statt nämlich - wie der Titel es suggeriert - einen verdienstvollen Beitrag für die Bewältigungs- reihe "Nie wieder...!" abzuliefern, verdarb er den Interessenten am Genuß "menschlicher Abgründe" ihre verantwortungsbeflissene Erbauung: Sie mußten entdecken, daß Kipphardt sich bei seinem An- prangern staatlicher Gewalt eines unerlaubten moralischen Rigo- rismus bediente und die Qualität einer Gewalt im Faschismus auch an den Opfern von Demokratie und Imperialismus nach 1945 wieder- zuentdecken vermeinte. Die Gleichsetzung von Israels Kriegsmin- ster Sharon mit dem 'Unmenschen' Eichmann, der Judenvergasung mit den US-Massakern in Vietnam und andernorts, wurde hinsichtlich ihres künstlerischen Wertes für nachgerade entartet befunden, weil ein staatsgetreuer Genuß nur an einem Theater Erbauung fin- det, in dem Faschismus als die Perversion der sauberen Demokratie vorgestellt wird. Zu retten wäre das Kunstwerk allenfalls, wenn es - gemäß dem Vorschlag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 24.1.83 - der Bekämpfung des Un m e n s c h e n tums in Ge- stalt von 'Eichmann' r i c h t i g e Zeitbezüge hergestellt hätte: "...in den politisch mißbrauchten Kliniken,... im Archipel Gulag,... in Afghanistan." An einer zeitlosen Vergangenheit und darum an d e r moralischen Gegenwarts- und Zukunftsperspektive soll sich der Film von Herbert Achternbusch "Das Gespenst" ----------------------------------- in blasphemischer Weise vergangen haben. Nun macht die zotige Ge- schichte vom Christus, der vom Kreuz herab und dann mit der Äb- tissin durchs Land steigt, keinesfalls den Zimmermann bange. Weder er selbst noch die überwältigende Mehrheit deutscher Chri- stenmenschen wird sich je im Leben einen Zelluloidstreifen des Herrn Achternbusch antun - es sei denn, er käme ins Gerede wegen "sexueller Freizügigkeit". Insofern ist es natürlich glatt gelo- gen, wenn der Minister behauptet, das "Gespenst" dürfe nicht aus öffentlichen Mitteln gefördert werden, w e i l der Film "gegen das religiöse Empfinden eines Großteils der deutschen Bevölkerung gerichtet sei." Die Wahrheit ist schlicht, daß die Regierung der Wende keinen Pfennig Geld ausgeben will für Kunst, die nicht er- klärter- und für die Herren Kohl und Zimmermann auch einsichti- germaßen die hohen Ansprüche ans H o f n a r r e n tum erfüllt: Das heißt entweder nur n ä r r i s c h als moralisch einwand- freie Unterhaltung für die Truppe oder, wenn schon "anspruchsvoll", dann eindeutig h o f f ä h i g, d.h. mit allen Versfüßen auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundord- nung. Die K u l t u r politik verlangt ab sofort, daß die Kultur für die P o l i t i k da ist und zwar für die nach der Wende, die saubere Staatswerte und "positive" Gesinnung verlangt; und sie räumt mit dem sowohl künstlerischen als auch politischen Miß- verständnis auf, es verhielte sich umgekehrt. Insofern ist auch die ganze Aufregung der Künstler - sie rufen laut "Zensur!" - sehr gekünstelt: Noch droht ihnen der Zimmermann nicht mit der Axt, sondern nur mit dem öffentlichen G e l d b e u t e l. Aus ihm wird nur noch alimentiert, wer die ö f f e n t l i c h e Sache fördert, also förderungs w ü r d i g ist. Das ist hart für Künstler, aber ihrerseits ganz schön blöd, die Härte des Staats ausgerechnet bei der Filmförderung zu entdecken. So brachten es weder deutsche Filmschaffende noch hanseatische Werftarbeiter, geschweige denn hungernde Kinder im exotischen Ausland auf jene hohen S o l i d a r i t ä t s q u o t e n, die selbst noch die bis dahin gültige Rekordmarke für den Großen Pandabären übertrumpften: Im Frühjahr des Jahres wurden vom Kanz- ler bis zum ABC-Schützen Robbenbabies ------------ für das erhaltenswerteste Kulturgut auf dem Globus befunden. Die "Tagesschau" meldete voll Stolz den Verzicht der deutschen Indu- strie auf den Import ihrer Felle und plazierte unmittelbar nach dem Bild einer putzigen Jungrobbe den Kopf des Bundesaußenmini- sters nebst der Meldung, daß Genscher mit seiner "Haltung zur Einfuhr von Jungrobbenfellen" bei Brigitte Bardot einen Stich ge- macht hat. Nun hat der Außenminister bekanntlich ein dickes Fell, so daß ihm Gefühlsduselei wahrlich nicht vorgeworfen werden kann: Folterungen in der Türkei, Massaker in Mittelamerika - kein Grund, auf Gemüse und Kaffee aus diesen Staaten zu verzichten, geschweige denn auf gute politische Beziehungen. Es geht ja nur um erwachsene Menschen, und die Schuldfrage ist keineswegs zu de- ren Gunsten entschieden. Aber Robbenbabies - das erschütterte selbst einen hartgesottenen Schreibtischtäter wie den Genscher so, daß er nicht davor zurückschreckte, eine diplomatische Ver- stimmung zwischen Bonn und Grönland bzw. Kanada zu riskieren, zumal er eines nicht befürchten mußte: einen weltweiten Boykott deutscher Waren, weil zu deren Wert nichts anderes verarbeitet worden ist, als das den Proleten über die Ohren gezogene Fell. Einmal im Jahr aber heißt's 'Ohren aufgesperrt!', denn dann über- trägt das Fernsehen den Grand Prix Eurovision --------------------- für Schlager. 1983 gewann in München unter lebhaften Mißfallen- säußerungen des deutschen Publikums Luxemburg mit einer "21-jäh- rigen blonden" Kreissäge aus Paris und dem Lied "Wenn Leben ein Geschenk ist". Leider blieb ein Kuß von Franz Josef Strauß die einzige Strafe für die Siegerin. "Rund eine halbe Milliarde Men- schen wohnte dem Ereignis am Bildschirm bei" (Kommentator Ado Schlier). Es besteht aller Anlaß zu dem Verdacht, daß zumindest der Nationalismus auf dem Gebiet des Schlagerwesens in Sieg und Niederlage auf seine Kosten gekommen ist. Der gehobene Geschmack dürfte an diesem Abend seinen fernseh- freien Tag eingelegt und sich einem g u t e n B u c h zuge- wandt haben. So dominierte das ganze Jahr hindurch Michael Endes "Unendliche Geschichte" ------------------------------------- die Bestseller-Hitparaden. Das Erfolgs"geheimnis" dieses "visionären Seelenlandschafts"-Malers ("Spiegel"), mit dem er sowohl die bewährten Moraltriefel von Böll bis Zahrnt, die lite- rarischen Newcomer in Sachen Erfolgsmoral von Buchheim bis Palmer Lilli, als auch die Akkordarbeiter der Kolportage von Burk bis Simmel vorübergehend auf die Plätze verwies, ist eine ausgespro- chen endliche Geschichte: Ende gibt seine Erfindungen gleich als Märchen aus, und ihre "Modernität" sowie die Moral der Geschicht- chen muß er nicht extra noch am Ende hinschreiben: Sie tropft ho- nigsüß zwischen allen Zeilen seiner endlosen Werke. Da gibt es ein Land "Phantasien", in dem der kleine, dicke Widerling von Held auf eine Herrscherin stößt, die "niemals Macht ausübt. Es ist, als wäre sie nicht da, und doch ist sie in allem". Sie sorgt dafür, daß einer selbst im Reich der Phantasie erst recht nicht "tun" kann, "wozu er Lust hat". So kehrt der Ausreißer auf S. 416 in die "Realität" zurück mit der nun keineswegs phantasievollen Begründung, daß "er der sein wollte, der er war". Doch nicht ohne Lernerfolg, indem der hoffnungsvolle Knabe "in der Alltäglichkeit plötzlich Wunder und Geheimnisse entdeckt". Also auch jenen Stoff, aus dem die T r ä u m e sind, die sich für Simmel zwi- schen zwei Buchdeckeln in klingende Tantiemen verwandeln. Nur entdeckt bei Ende nicht ein Jimmy die Demokratie am Ende des Re- genbogens, sondern ein finsterer Wolf (nicht der mit den kleinen Schweinchen, sondern einer für Jebildete!) knurrt: "Verdrängte Phantasie wird zu Lügen, mit Hilfe derer man Macht über die Men- schen hat" sowie "Geschäfte gemacht, Kriege entfesselt, Weltrei- che begründet " werden. Nur gut, daß in unserem Realisten sich jeder seine Phantasie schmecken lassen darf. Hielt die feinsinnige Kritik die Schmöker des Ende, deren Unter- haltungswert in etwa dem Gagreichtum einer germanistischen Zulas- sungsarbeit gleichkommt, größtenteils für Produkte einer "fast schon verloren geglaubten Fabulierkunst" und verkannte den Autor als "Emigranten aus der Wirklichkeit", so stürzte sich der ge- sammelte Spürsinn in Sachen Ideologie auf Carlos Sauras Film "Carmen" --------------------------- Mitten im Disco Fever wird plötzlich g e t a n z t, trotz der Erfindung des Synthesizers spielt Paco de Lucia G i t a r r e und die H a u p t d a r s t e l l e r i n sieht nicht nur scharf aus, der Regisseur inszeniert das auch noch! Daß sowas so manchem Zuschauer einfach gefällt, kann unmöglich der Fall sein, weswegen es "Carmen" bis zu einer "Spiegel"-Titelgeschichte brachte - natürlich nicht der F i l m. Wer im Kino etwa gar zur Musik mit den Fingern schnippt oder nicht die Augen zumacht, wenn Laura del Sol im Schweißhemd auftritt, der kann sich keinesfalls auf "die tänzerischen Qualitäten" des Films "zurückziehen". Hel- mut Karasek hat ihn beim "Protest gegen die Latzhosen-Kultur" er- tappt, beim "Aufstand gegen die Verödung der Sexualität" etc., während die Gegenpartei, vertreten durch Gisela Elsner, gleich- falls im "Spiegel" dem alten Macho auf die Wichspfoten hauen durfte und im Namen aller "Geschlechtsgenossinnen" eine Flamenco- Ballerina gnadenlos als "Synonym für Unberechenbarkeit, Irratio- nalität und Triebhaftigkeit" entlarvte. In der Kulturszene, wo man sich vorsätzlich blind stellt gegen alle wirklichen G r ü n d e, haben die kleinsten Ursachen prinzipiell die größ- ten W i r k u n g e n! Dies schließt nicht aus, daß sich Künst- ler aufführen wie die P o l i t i k e r im richtigen Leben und in Fragen der Macht mindestens ebenso intrigant verfahren, wie die wirklichen Inhaber derselben. So im Falle des VDS-Vorsitzenden Bernt Engelmann -------------------------------- Westdeutsche S c h r i f t s t e l l e r, namentlich die aus der DDR rübergemachten, fühlten sich von ihrem Verbandspräsiden- ten nicht mehr würdig "repräsentiert", so G. Grass, S. Kirsch, S. Lenz u.a. in einem "Offenen Brief". Ausgerechnet dem führenden "Unterschriftsteller" (Titanic) der Nation wird vorgeworfen, manchmal an Stellen nicht seinen Namen druntergesetzt zu haben, wo man bei Dichters ein "klares Wort" zu östlicher Unfreiheit gerne vernommen hätte. Das Maß voll machte Engelmann seinen Geg- nern, als er neulich anfragte, wieso ausgerechnet Manes Sperber den F r i e d e n s p r e i s wegen seines Plädoyers für eine eigenständige, komplette europäische Erst- und Zweitschlagsatom- garnitur bekam. Sowas nennen freie Poeten eine "Verletzung der S o l i d a r i t ä t unter schreibenden Kollegen". Durch die ultimative Forderung nach Engelmanns Rücktritt, garniert mit dem schönen Vergleich, er führe sich auf wie sein Kollege in der DDR (S. Kirsch in den ARD-Tagesthemen), soll sie wieder hergestellt werden. Nicht zum Rücktritt aufgefordert hat die schreibende Zunft selbstverständlich den Deutschen Bundestag wegen seines k l a r e n W o r t s zur Raketenstationierung. Die Kulturar- beiter mögen sich zwar einbilden, sie d i c h t e t e n mitt- lerweile schwerpunktmäßig gegen den "drohenden Menschheitsholo- caust", über seine Beschwörung und die Bebilderung i h r e r höchst sensiblen Betroffenheit sind sie allerdings der Natur ih- rer und der verhandelten Sache gemäß nicht hinausgekommen. Den höchsten Stich machten hierbei allerdings bislang nicht die Schöngeister deutscher Nation, sondern ein kommerzielles Fernseh- unternehmen in USA. "Der Tag danach" ---------------- ein action-Film im Auftrag der ABC, versammelte Ende November 73 Mio. Amerikaner vor den Bildschirm. "Sichtlich erschüttert" durch die farbigen Bilder von einem Atomschlag gegen Kansas City gingen die US-Bürger am Tag danach wieder ihren mehr oder weniger norma- len Tätigkeiten des Arbeitens, Hungerns, Zeitungsschreibens oder Regierens nach. Kein Wunder: Der S p i e l f i l m bebildert mit der Vorstellungskraft und der Technik seiner Macher, was man sich immer schon so in etwa vorgestellt hat, wie es sein wird, wenn es wirklich kracht. Die "Schlußfolgerungen" aus dem Streifen folgten konsequent den politischen E i n s t e l l u n g e n der Betrachter: Die US-Friedensbewegung sah sich in ihrem Glauben bestätigt, Atom w a f f e n seien eine unkontrollierbare Gefahr, und sprach mit dem Appell an die Politiker, die Finger von solch' gefährlichen Dingern zu lassen, diese wieder einmal von jeder bö- sen Absicht frei. Die Staatsmänner sahen sich durch die Holo- caust-Szenen voll gerechtfertigt. Außenminister Shultz: "Wir sollten uns um unseren Präsidenten scharen und weiter versuchen, die Zahl der Atomwaffen zu reduzieren. Natürlich müssen wir auch die Russen überreden, das Gleiche zu tun." Wofür wir natürlich ein paar mehr Atomwaffen brauchen, um unseren Überredungskünsten Nachdruck zu verleihen... Daß ABC ausdrücklich "davor gewarnt hat, Kinder unter 12 Jahren zuschauen zu lassen", dürfte dem Film bei seinem Kinostart in der BRD einen Erfolg auch beim breiten Publikum bescheren. Dort waren Abenteuerfilme "nach Tatsachen" immer schon besonders beliebt. Weswegen im übrigen auch der Unterhaltungswert von Über- tragungen aus dem Bundestag, wo 'die Tage vorher' t a t- s ä c h l i c h b e s c h l o s s e n werden, vergleichsweise gering ist. Scharfe Konkurrenz macht dem Streifen allerdings hier und drüben der 3. Teil von George Lucas' Weltraumkriegsfilm "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" ------------------------------ Ein Film, der zeigt, wie es dereinst gelingen wird, mit neuen Technologien konventioneller Art (taktische Steinschleuder!), die atomare Schwelle entscheidend anzuheben. zurück