Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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HUNGER IM SOMMERLOCH
Das "größte Konzert in der Geschichte der Rockmusik", die meisten
Fernsehzuschauer aller Zeiten, die berühmtesten Stars aller Zei-
ten - keine Frage, der Hunger spornt zu Weltrekorden an. Mit der
Concorde von London nach Philadelphia jetten, um zur gleichen
Ortszeit auf beiden Bühnen zu stehen, ist da genauso gut wie der
sensationelle Video-Clip mit lauter Hungerbabies, lebenden und
toten, als Untermalung zu David-Bowie-Shoobedoo.
Für einen guten Zweck ist alles erlaubt. Oder doch nicht ganz.
Ein guter Geschmack ist schon unerläßlich. So würdigt nach Sich-
tung sämtlicher Afrikaplatten die "Frankfurter Allgemeine Zei-
tung" "Starvation/Tam-Tam pour l'Ethiopie" als "die bemerkenswer-
teste":
"Sie wirkt ursprünglich, stellenweise auch elektrisierend. Eine
Mischung traditioneller und moderner Instrumente, gesungen wird
in mehreren west- und ostafrikanischen Sprachen. Hier haben etwa
50 afrikanische Künstler einen 'eigenen' Beitrag geleistet."
So wie wir die Neger lieben, so schön "ursprünglich" und "eigen".
Als extrem geschmacklos dagegen ist den FAZ-Kulturaufpassern der
deutsche Beitrag aufgestoßen, wo
"Udo Lindenberg als Sprecher der Gruppe mit nölendem Ernst eine
ganzseitige vulgärpolitische Philippika gegen Stellvertreter-
kriege und Rüstungswahn vorlas."
Dabei hat der gute Udo sich bloß von der Hungermoralisiererei
dazu aufgerufen gefühlt, die S c h u l d f r a g e zu wälzen,
wobei er auf den alten, bösen, ausplündernden Kolonialismus ge-
stoßen ist. Und dann hat er noch ein bißchen verteilungstheore-
tisch herumgerechnet, wieviel Neger vom Geld für Waffen ernährt
werden könnten weder ein allzu richtiger noch allzu anklägeri-
scher Gedanke, weil er von den Gründen für Waffen und Hunger gar
nichts wissen will. Aber es hat dennoch gereicht. Wenn sich die
Schlageraffen zur Verfügung stellen, um mit ihrem "unglaublichen
Einsatz" - sie haben wahrhaftig alle mehr oder weniger gesungen!
- den g u t e n W i l l e n der westlichen Öffentlichkeit und
der ganzen westlichen Welt zu demonstrieren, dann ist das gut und
richtig. Wenn sie aber auch nur den Verdacht aufkommen lassen, in
diesen Brei von anständigen Gefühlen Argumente gegen die westli-
che Politik einzuschmuggeln, dann sind die Sittenwarte von der
Kulturfront sofort zur Stelle.
"Die deutsche Rockprominenz fühlte sich aufgerufen, von der Köl-
ner Domplatte aus den oberflächlichen Rest der Welt Mores zu leh-
ren... statt ein deprimierendes Video von hungernden Kindern in
Äthiopien für sich selbst sprechen zu lassen, wie einige Stunden
danach David Bowie."
Und deshalb rammt der Feuilletonist gleich auch noch den feinen
deutschen Song in Grund und Boden:
"Der Ruf der Bundesrepublik als popmusikalisches Entwicklungsland
dürfte auf Jahre hinaus gesichert sein."
Man kann sich kaum noch sehen lassen im Ausland.
***
Eine echt starke Idee hat sich leider nicht realisieren lassen:
Geplant war, "falls 'Space Shuttle' rechtzeitig startet, ein
Blick auf Afrika, eingespielt in die Fernsehkameras". Mit Zoom
aus dem Weltraum auf die Hungerlager - der Ideenreichtum im Kampf
gegen den Hunger ist noch lange nicht erschöpft.
***
Natürlich lassen wir es nicht einfach mit starken Gefühlen und
großherzigen Taten bewenden: Die Gründe für den Hunger und die
Methoden, ihm beizukommen, werden nach wie vor ausgiebig erör-
tert. Dazu einige exemplarische Beiträge. Der Vordenker der
"Süddeutschen Zeitung", der bekannte Natur-, Agrar- und Bevölke-
rungswissenschaftler Hans Heigert, hat wieder einmal die Gesetz-
mäßigkeiten im Verhältnis von Mensch und Natur (in Afrika) aufge-
deckt, die der Fortschritt zerstört hat:
"Der Fortschritt der Pharmazie und der Hygiene hält die Menschen
länger am Leben, aber da sie sich auf diese Weise sehr schnell
vermehren, zerstören sie ihre eigenen Lebensgrundlagen... Unter-
suchungen zeigen, daß bis etwa 1970 eine Art sozio-ökologisches
Gleichgewicht herrschte (freilich mit hoher Todesrate der Men-
schen, zumal der Kinder). In den letzten fünfzehn Jahren hat die-
ses Gleichgewicht seine Balance verloren. Afrika hat die Fähig-
keit verloren, sich selbst zu ernähren."
Und damit beweist der scharfsinnige Heigert,
"daß inzwischen bereits 10% der Exporterlöse afrikanischer Länder
von den Nahrungsmitteln insgesamt aufgezehrt werden."
Daß das "unfähige" Afrika dazu fähig ist, einiges zu
e x p o r t i e r e n, darunter auch allerlei Eßbares, daß die-
ser Export einer ist, der mit den Eßgewohnheiten der Einheimi-
schen offensichtlich nicht besonders gut harmoniert und etwas
entfernteren Geschäftsgründen entspringt, stört das
"Gleichgewicht" mitnichten. Die liebgewonnene Vorstellung einer
riesigen, unmündigen Menschenmasse, die in ihrem karnickelmäßigen
Verhältnis zur Natur aus dem Tritt gekommen ist, weil sie nicht
mehr rechtzeitig genug und in genügend großen Portionen krepiert,
schreit im Weltbild ihres Erfinders nämlich nach einem Kompensa-
tionsmittel, einer der harten Natur kongenialen, despotischen Re-
gierung:
"China hat es mit freilich drakonischen Mitteln fertiggebracht,
das Einmilliardenvolk wieder zulänglich zu ernähren. In der Ziel-
richtung Ähnliches brauchen die riesigen Notregionen Afrikas."
Ein Forscher der "Frankfurter Rundschau" hat es weniger mit dem
gestörten Gleichgewicht als mit dem Faktor "Schicksal". Er hat
sich auf Inspektionsreise nach Äthiopien begeben, um dort festzu-
stellen:
"Diese Landschaft hat viel mit Dürre und Hunger zu tun."
Zweitens rettet er den Ruf der äthiopischen Bauern:
"Nichts ist dümmer, als den Bauern Äthiopiens Dummheit, Rückstän-
digkeit, mittelalterliche Methoden vorzuwerfen. Aus dem Mittelal-
ter stammt der Ritzpflug, den der äthiopische Bauer verwendet,
aber damit ist er gegenüber den Hackbauern des übrigen Afrika ge-
radezu modern. Diese Landwirtschaft ist bestens angepaßt, da
kommt mehr heraus, als hineingesteckt wird, ganz im Unterschied
zu unseren Wirtschaften, wo das Input-Output-Verhältnis klar ne-
gativ ist (Energieaufwand). Selbst wer kritiklos das moderne Dün-
ger-Saatgut-Chemie-Paket befürwortet, muß zugeben, daß es bei den
bestehenden Transportverhältnissen den Bauern hier ganz einfach
nicht zugänglich ist."
Und wenn sie dann mit ihrem vorbildlich angepaßten Verhalten kre-
pieren, soll man ihnen daraus, wenn man mit dem Fotoapparat dane-
bensteht, keinen Vorwurf machen - wieso ausgerechnet denen und
wieso ausgerechnet V o r w ü r f e, erklärt der FR-Philosoph:
Auf diese Tour ist er zu einem Einblick in die
M e n s c h e n w ü r d e gekommen.
"Eine Frau ist dermaßen geschwächt, daß sie die Augen nicht of-
fenhalten kann. Von einer Verwandten geführt, stolpert sie nur
noch die Straße entlang, bis sie endgültig zusammenbrechen wird.
Sicher: Erbarmen, Mitleid, Betroffenheit lösen diese Szenen schon
aus. Aber irgendwie wirken sie auch abstoßend. Man ist... ge-
neigt, den Menschen ihr Schicksal vorzuwerfen: Wie konntet ihr es
nur soweit kommen lassen. Ich weiß es jetzt besser, kenne ein we-
nig die Geschichte des Kampfes, der diesem elenden Tod, diesem
endgültigen Zusammenbruch vorangegangen ist, das Sich-Wehren ge-
gen das Unvermeidliche, die Vorkehrungen gegen Dürre und Hunger,
die dann doch alle versagt haben, das überkommene Geschick auch
im Umgang mit der Natur, der man eine karge Existenz abringen,
gegen die man sich letztlich nicht durchsetzen kann. Für mich hat
das Sterben dieser Frau Würde."
***
Über der unmittelbaren Hilfe, die wir natürlich überreichlich und
selbstlos fließen lassen, darf man die Zukunft nicht außer acht
lassen. Seien wir einmal ehrlich: Es kann doch nicht immer so
weitergehen, daß wir die Eingeborenen mit eingeflogenen Lebens-
mitteln durchfüttern. Eine gewisse Kritik an der Hilfe läßt sich
da auch nicht vermeiden:
"Der Selbsthilfegedanke ist unterentwickelt: Gratishilfe, Spenden
und fremde Unterstützung sind nicht geeignet, diesen Gedanken zu
fördern. Am Geld liegt es oft nicht, nur an der Initiative. Die
wird erschlagen, wenn alles geschenkt wird."
"Das betäubende Gift der Nahrungsmittelhilfe bietet auch die Mög-
lichkeit zur Sicherung von Arbeit und Zukunft. Arbeit, nicht als
sinnlose Beschäftigung, sondern zur Lösung der Probleme durch die
Betroffenen selbst. Durch Krieg und Dürre ist der Spielraum be-
grenzt. Aber die Deutsche Welthungerhilfe und die Schweizer Orga-
nisation SWISSAID haben Nischen gefunden. Sie liefern Projekte,
die UN-Organisation PAM Lebensmittel."
Ein Erziehungsprogramm für die Hungerneger steht also an, damit
sie sich auch mal wieder auf die eigenen Füße stellen. Auch wenn
"Krieg und Dürre" und gewisse, an ihrem Kontinent exekutierte In-
teressen sie überhaupt erst von ihren eigenen Füßen gebracht ha-
ben und weiterhin den Spielraum der Erziehungsprojekte etwas
einengen - als Helfer zur Selbsthilfe darf man sich von so etwas
nicht beirren lassen. Auf den Erfolg in Sachen Ernährung kommt es
dabei ja ohnehin weniger an als auf die Lehre: "Die Hilfe muß von
unten kommen, nicht von oben." Was umso überzeugender klingt,
wenn es ein eingeborener Entwicklungshelfer vermeldet.
***
Forschersinn und Experimentiergeist sind angesichts der unumstöß-
lich engen "Spielräume " herausgefordert. In Kenia haben solche
Pioniere eine "anthropologische Sensation" entdeckt: Ausgehend
von dem Lehrsatz, daß Hunger zwingend auf ein Zuviel an Leuten
zurückschließen läßt, haben sie die Gesetze des Bevölkerungs-
wachstums studiert und eine wahre Sensation gefunden.
"Das Bevölkerungswachstum der einzelnen Stämme ist nämlich direkt
dem der Herden angepaßt. Das hat einen einfachen Grund: Junge
Männer heiraten erst, wenn die Herde des Vaters geteilt werden
kann und eine zusätzliche Familie ernährt. Die menschliche Bevöl-
kerung kann so - äußere Einflüsse, wie etwa Weizenlieferungen
ausgeschlossen - nicht schneller als der Viehbestand wachsen.
Eine Rinderherde verdoppelt sich in fetten Zeiten binnen fünf
Jahren. Kamele aber brauchen dafür doppelt so lange.
Tatsächlich spiegelt das Bevölkerungswachstum exakt das gleiche
Bild wider: Die Samburu legen pro Jahr um drei, die Rendilli nur
um 1,6 Prozent zu. Die Samburu fördern ihren Zuwachs noch durch
die Vielehe und dadurch, daß sie im Todesfall eines Familienober-
hauptes die Herden auf sämtliche Söhne verteilen und sie so hei-
ratsfähig machen. Die Rendilli hingegen sind monogam, vererben
ihre Kamele an den ältesten Sohn, heiraten später und geben sogar
einen Teil ihrer Frauen an die polygamen Samburu ab. Erfolg der
Bevölkerungsbremse: Heute leben in Nordkenia 75.000 Samburu, aber
nur 10.000 Rendilli." (Die Zeit)
Was brauchen die Kenianer also? Richtig! Kamele, damit sie ihr
Bevölkerungswachstum wieder optimieren können.
"Field und Lamprey haben deshalb begonnen, in Olturor, fernab von
überweideten Flächen, Kamele aufzuziehen oder in der Notzeit den
Nomaden abzukaufen, um sie nach dem Regen wieder abzugeben."
Was geht und was nicht geht
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muß man - vor allem in Afrika - genauestens unterscheiden. Was
geht, ist z.B.:
- mit UNO-Geldern Anthropologen finanzieren, die dann in Kenia
Kamele züchten;
- Space Shuttles in den Weltraum transportieren, die von oben
Afrika fotografieren;
- wissenschaftlich ausgetüftelte und industriell hergestellte Un-
terernährungsnahrungsmittel in Afrika verteilen. Z.B. ORS-Päck-
chen:
"Die Formel dafür lautet ORS, Oral Rehydration Salts. Diese Pa-
kete sind in Krisengebieten allgegenwärtig, kleine Pakete mit
Salz und Zucker, dosiert für eine Wassermenge von einem Liter.
Wenn ein Baby Durchfall bekommt, kann es in diesem Klima inner-
halb von Stunden soviel Flüssigkeit verlieren, daß es stirbt. Die
ORS-Lösung bindet die Flüssigkeit im Körper, muß aber unentwegt
in das Baby hineingelöffelt werden."
Oder Proteinkekse, hygienisch abgepackt und medizinisch auf den
Verdauungstrakt Halbverhungerter abgestimmt, damit sie nicht
gleich das Kotzen und Scheißen anfangen, wenn sie wieder was zwi-
schen die Lippen bekommen. Hergestellt bei Ciba-Geigy, Bayer usw.
und profitlich an die Gesundheitsdienste verkauft. Was dagegen
überhaupt n i c h t g e h t, ist die Verpflanzung produktiver
Bebauungsmethoden nach Afrika. Landmaschinen, Bewässerungsmittel,
Düngemittel usw. dorthin zu schaffen (in die Hungergebiete natür-
lich, nicht in die Exportplantagen), wäre eine ökologische, eth-
nologische und anthropologische Todsünde mindestens. Das würde
verstoßen gegen Gesetze der Natur, des Mensch-Natur-Gleichge-
wichts, der kulturellen Identität und noch mindestens zehn ande-
rer wissenschaftlicher Fetische. Daß die Veranstaltung einer ra-
tionellen Landwirtschaft in den Hungergebieten überhaupt nur ge-
gen eines verstößt, gegen die i m p e r i a l i s t i s c h e n
I n t e r e s s e n, die diese Gebiete für andere Zwecke vorge-
sehen haben als für die Ernährung der dort Ansässigen, nämlich
für cash crops, Kriege oder einfach als Abfallprodukte einer aus-
genutzten Natur, ist als Gedanke zwar nicht schwierig, aber völ-
lig unergiebig für die Helferphantasie. Daß die Leistungen von
Wissenschaft und Chemiegeschäft sie vor Ort mit den ausge-
suchtesten Hilfsmitteln versorgen "können", hindert sie nicht im
geringsten daran, ihre erdachten Wege zur Selbsthilfe an die im-
perialistisch geschaffene Not wie an Naturgegebenheiten zu bin-
den. Eine Kritik des Geschäfts würde den Hungernden ja auch gar
nicht helfen, konkret und vor Ort. So versorgen sie weiterhin die
Babies mit ORS-Päckchen und tragen abends die Totenraten in die
Lagerlisten ein.
***
Der Katalog der Hilfeleistungen ist damit natürlich längst nicht
erschöpft.
E r s t e n s verfaßt die UNO eine "Charta für Ernährungssicher-
heit". Zwar gibt es noch Streit:
"US-Landwirtschaftsminister John Block lehnte jede staatliche
Lenkung des Nahrungsmittelmarkts ab. Er forderte eine völlige Li-
beralisierung des Handels."
Ohne die bekäme die Menschheit ja nie genug zu essen. Angesichts
der dringlichen Lage hat man aber den Streit geschlichtet, die
US-Vorbehalte in die Charta aufgenommen und höchstoffiziell er-
klärt,
"die Charta enthält keine bindenden Verpflichtungen, sie ist eine
moralische Bekräftigung bestehender Verpflichtungen und Prinzi-
pien."
Dann brauchen nicht einmal die Amis mehr zu befürchten, daß die
heiligen Prinzipien des Weltmarkts geistig angepinkelt werden
könnten.
Z w e i t e n s tritt nunmehr der "Sonderfonds der Weltbank" für
die Hungergebiete in Aktion. Mit extrem günstigen Krediten sowie
"bindenden Verpflichtungen", die hier absolut notwendig sind.
Sonst kann die Hilfe ja nicht "greifen".
"Die Länder müssen sich einem wirtschaftspolitischen Reformpro-
gramm unterwerfen, das selbst von Weltbankexperten als "politisch
schwer durchsetzbar" bezeichnet wird.
Zu den Forderungen der Bank gehören die Kürzung der Staatsausga-
ben, Abbau der Subventionen für Lebensmittel und Dienstleistun-
gen, Erhöhung der Erzeugerpreise in der Landwirtschaft, Abbau von
Preiskontrollen, die Abwertung bzw. Einführung 'realistischer'
Wechselkurse, Privatisierung von Staatsunternehmen und die Ver-
besserung des Managements bei öffentlichen Investitionen."
(Süddeutsche Zeitung)
Wenn am "aufgeblähten Staatsapparat" gespart wird, etliche
Staatsbedienstete ihre Existenzgrundlage verlieren, wenn der
Staat keine Subventionen für Lebensmittel mehr zahlt, damit sie
sich ordentlich verteuern, wenn die Erzeugerpreise steigen, die
Lebensmittel sich also auch deshalb verteuern, wenn endlich die
Preise freigegeben werden, damit sie sich verteuern können, wenn
die Währung abgewertet wird, damit sich alle Importware, inklu-
sive Lebensmittel, verteuert, und wenn dann alles noch viel
marktwirtschaftlicher und rentabler geregelt wird, dann kann es
mit dem Hunger ja nur aufwärts gehen. Die schwarzafrikanischen
Staaten werden als Unkost des Imperialismus weiter verbilligt,
dem auswärtigen Geschäftswesen werden noch mehr Freiheiten einge-
räumt; wie soll denn auch - weltwirtschaftlich betrachtet - Ent-
wicklung anders gehen?!
D r i t t e n s hat der Papst dem Hungerkontinent wieder einmal
geistlichen Beistand gespendet. An der Elfenbeinküste hat er die
zweitgrößte Kathedrale der Welt geweiht. Es hat da Mäkeleien ge-
geben, aber ein Gotteshaus ist nun einmal etwas ganz anderes als
ehrgeizige Entwicklungsprojekte oder aufwendige Repräsentations-
bauten. Es dient dem Herrn und nicht solchen Drittweltherren,
die, nach erfolgtem Geschäft, auch einmal in ihrer Unverschämt-
heit zurechtgestutzt werden müssen, wenn sie immer wieder einen
übersteigerten nationalen Geltungsdrang an den Tag legen, für den
wir ihnen die Mittel dazu gar nicht entzogen haben.
Danach hat der Papst den zwischenzeitlich so oft wegen ihrer Ver-
mehrung kritisierten Negern Mut zugesprochen. "Seid fruchtbar und
mehret euch!"
"Die Afrikaner sollen Kinder als Geschenk Gottes annehmen und
sich gegen die lebensfeindliche Mentalität wehren, die sich in
den Industriestaaten breit macht."
"Die Probleme des Bevölkerungswachstums in einigen Gegenden der
Welt" hat der Papst aber auch gewürdigt und seinen kirchlichen
Mitarbeitern dafür gedankt, daß sie in Afrika "die natürlichen
Methoden zur Regulierung der Fruchtbarkeit" bekanntmachen. Wenn
schon hierzulande kaum einer mit Knaus-Ogino zurandekommt, wird
er den Negern die Gottesgeschenke wohl auch nicht verderben. Und
dann wird es auch nicht erforderlich sein, weitere Vorkehrungen
gegen das "Konsumstreben" zu treffen, vor dem der Papst seine
schwarzen Kinder noch einmal ausdrücklich gewarnt hat. Deswegen
liebt er sie ja so besonders, weil hinten und vorne - nicht abzu-
sehen ist, daß sie in Sachen Ernährung, Überleben usw. einmal
übermütig und sorglos werden und von ihrem Gott abfallen könnten.
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