Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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Systemvergleich kulturell
DA-DA-DA HÜBEN UND DRÜBEN
Daß die Staaten des Ostblocks eine Kultur haben, wird hierzulande
immer mit einer besonderen Betonung vermerkt - als sei sie dort
eigenlich gar nicht zu vermuten. Daß "wir" dagegen einen
"Kulturstaat" haben, gilt als ausgemachte Sache und animiert en-
gagierte Intellektuelle wie z.B. Grass, Lenz oder Raddatz dazu,
auf "geistiger Führung" zu bestehen und sie mit den Mächtigen im
Land am besten gleich selber zu praktizieren:
"Dieser Kniefall in Warschau vor dem Mahnmal für die Opfer des
deutschen Faschismus... Ein Zeichen war das, daß Macht und Geist,
Politik und Moral, Handel und Humanität zu vereinigen seien."
(Walter Jens)
Drüben soll das anders sein. Für den Westler ist die Kultur (Ost)
eine, die nicht den dortigen Ländern zuzurechnen ist, sondern in
einem "problematischen Verhältnis" zu diesen stehen soll. Da kann
die Sowjetunion ruhig in ihrer Verfassung stehen haben (und ent-
sprechend praktizieren):
"Artikel 27: Der Staat sorgt für den Schutz, die Mehrung und um-
fassende Nutzung der geistigen Werte der Gesellschaft, für die
ethische und ästhetische Erziehung der sowjetischen Menschen und
für die Erhöhung ihres kulturellen Niveaus.
In der UdSSR wird die Entwicklung der Berufskunst und des Volks-
kunstschaffens auf jede Weise gefördert."
Das nimmt ihr im Westen doch niemand ab: Was im Osten als kul-
turelles Leben existiert, wird eigens als eines "entdeckt", das
seine Existenz dem alle Grenzen des östlichen Herrschaftsbereichs
freizügig überschreitenden "Geist der Freiheit" verdankt, sich
also t r o t z der sozialistischen Staaten und g e g e n sie
entfaltet.
Umgekehrt wird an allem, was drüben "doch" an kulturellem Erbe,
gepflegter Massenkultur und fortschrittlichem Kunstschaffen aus-
gemacht wird, die F ö r d e r u n g durch die Staatsparteien
als B e h i n d e r u n g besprochen und das Prädikat "frei" in
Gänsefüßchen gesetzt: Im russischen Staatszirkus z.B. wird - man
denke! - "bis zur Perfektion" geübt, die östliche Körperkultur
beruht auf "Drill" und fängt schon beim Training der Kleinsten
an, das Spiel der Mannschaften von drüben ist entsprechend
"roboterhaft einstudiert" usw. - als ginge es im "Freien Westen"
beim Einüben anders zu. Die Kleinigkeit, die hiesige Intellektu-
elle am Kulturbetrieb des Ostens zu bemängeln haben, ist also die
staatliche Obhut - die sie hier nie und nimmer zu kritisieren ge-
denken. Westliche Experten in Sachen östlicher Kulturszene sind
eben zuallererst, weil i m P r i n z i p erklärte Feinde des
dortigen "Systems" - Antikommunisten im Namen der Freiheit von
Kunst und Kultur, die ihnen nie so wichtig sind, daß sie sie
schlicht zur Kenntnis zu nehmen und vielleicht ob ihrer Qualität
zu goutieren bereit wären.
An Kulturaustausch, Begegnungen, Dialogen etc. darf es bei dieser
Einstellung dann allerdings um so weniger fehlen - die eigene
Überheblichkeit, die sich nicht den Vorzügen westlicher Kultur,
sondern der Ideologie verdankt, sie auf der "besseren Seite" zu
pflegen, will schließlich offensiv zur Geltung gebracht werden.
Ginge es diesen Kulturschaffenden bei ihrer Kontaktnahme mit den
Kollegen jenseits - des "Eisernen Vorhangs" tatsächlich um Lernen
in der Sache und deren Voranbringen, so könnte ihnen nur die Emp-
fehlung mit auf den Weg gegeben werden, doch nach drüben zu gehen
und an der "Mehrung und umfassenden Nutzung der geistigen Werte
der Gesellschaft" teilzunehmen.
Diesen Rat will aber hier keiner dieser Leute hören; denn der von
ihnen in aller Selbständigkeit exekutierte Auftrag lautet ja, die
Bastionen der (kulturellen) "Unfreiheit" anzugreifen und madig zu
machen: Jubel also für offenkundige Feinde des "Sowjetsystems"
wie den Klerikal-Faschisten Solschenizyn, aufs schönste ergänzt
um Hetzreden gegen die (Kultus-)Behörden des Ostens und ihren
"Sozialistischen Realismus". So heißt es etwa zur gegenwärtigen
großen "IX. Kunstausstellung der Deutschen Demokratischen Repu-
blik" in Dresden schulterklopfend, die Kunst (Ost) habe ihren
Auftrag (West) schon ganz ordentlich eigenständig wahrgenommen:
"Kritik an der Monotonie im Alltag... Es muß nicht alles aufbau-
end sein... So vielfältig war die DDR-Kunst noch nie... Der neue
sozialistische Mensch bleibt aus... Sie passen in kein Schema
mehr... Die Funktionäre sind oft ratlos..." (Stern)
Andererseits erwartet man von der 5. Kolonne nichts Übermenschli-
ches; mit Leinwand und Pinsel ist da drüben nur bedingt etwas
auszurichten:
"Denn dem Zufall wird im durchgeplanten anderen Deutschland
nichts überlassen, schon gar nicht die Lockerung der Leine. Ge-
stern waren die Schriftsteller privilegiert und durften (bis zur
Ausweisung des oppositionellen Liedersängers Wolf Biermann 1976)
die 'Widersprüche im Sozialismus' aufdecken und in den Westen
reisen, heute sind es die Maler. Warum jetzt die? Weil Bilder
auslegbar sind, also weniger gefährlich als Worte. Und weil die
DDR es mittlerweile für ihr Prestige braucht, den Anschluß an die
'Weltkunst' zu finden..." (ebd.)
"DDR-Art" ist eben immer noch eine der DDR - pfui! Aber Einbrüche
an der kulturellen Front läßt sich ein BRD-Artist - hier kein
Pfui! - überaus angelegen sein. Ganz in seinem Element "geistige
Führung" der Sache der Freiheit des Westens meldet sich z.B. Gün-
ter Grass zu Wort, der je schon Gesamtdeutsche, der das nationale
Anliegen bis zur Oder-Neiße-Linie und darüber binaus bis Danzig
usw. vorträgt:
"In der DDR wird deutscher (!) gemalt. Dieser Staat und seine
Bürger tragen sichtbar schwerer und ausfluchtloser an der deut-
schen Vergangenheit."
Höchste Zeit, diese nationale Bürde auf den Schultern der mühse-
ligen und beladenen Ost-Menschen mitzutragen und gemeinsam den
großdeutschen Weg in die Zukunft zu schreiten: Dank Hitler und
der Nazis ist "die deutsche Frage" in der DDR und weiter östlich
besonders "offen", weil "schwer und ausfluchtlos". Schon mit Ul-
bricht mußte um sie gerungen werden; heute sollen sich die DDR-
Künstler damit anfreunden, daß der "Geist der Nation", wie Grass
ihn meint, am deutschesten ist, wenn sie rein in den Farben
Schwarz-Rot-Gold ohne störende Beimischung von Hammer und Zirkel
malen.
Ihre Bekundungen, sie hätten es mit der Darstellung des
"sozialistischen Lebens", gelten als bloße Lippenbekenntnisse
prinzipiell oppositioneller Geister, die nur "noch nicht" so auf-
treten können, wie sie "eigentlich" wollen. Diese durch und durch
b o t m ä ß i g e Vorstellung westlicher Kulturbonzen vom
p o l i t i s c h e n Zweck verantwortungsvoll wahrgenommener
kultureller Arbeit entdeckt den "Zwang zur Anpassung" östlicher
Künstler als Diener ihrer Herren - der f a l s c h e n Herren.
So betrachtet, kann man kein Verständnis dafür haben, daß die
Kulturschaffenden (Ost) das Angebot, das sozialistische Staaten
ihnen offerieren, wahrnehmen und ihren Beitrag zur "Entfaltung
des sozialistischen Individuums" leisten: einfach so als
K ü n s t l e r! Das d a r f es drüben nicht geben, daß
dortige Leute ihre Kultur als eine Extra-Sphäre ansehen, die der
real existierende Sozialismus eingerichtet hat und in der sie
sich - die Profis wie ihr Publikum - wie die Fische im Wasser
tummeln.
Dabei haben sich die sozialistischen Länder mit der Etablierung
eines eigenen B e r u f s s t a n d e s für die
kulturelle Ausschmückung des Lebens im Sozialismus
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und die Erziehung der Bevölkerung zu deren Genuß eine Abteilung
geistiger Freiheit g e s c h a f f e n, die g e n u t z t
wird - und w i e! Da ist im Osten eine ganze Kulturszene vom
"Reich materieller Notwendigkeiten" freigesetzt, die ihre
"disposable time" ausgerechnet dazu nutzt, am Rest der Bevölke-
rung ein umfangreiches Bildungsprogramm ins Werk zu setzen, das
sie sich n e b e n der Arbeit a u c h "verdient" habe: Nach
getaner Pflicht erhalten die braven "Handarbeiter" von ihren
nicht-arbeitenden Kollegen das R e c h t eingeräumt, ihre freie
Zeit für sich zu haben - eine gelinde Unverschämtheit, die den
Arbeitern ein kontemplatives Verhältnis zu sich selber abfordert,
in dem sie sich ihre Ansprüche aufmachen dürfen. In feierabendli-
cher Zufriedenheit mit der Freiheit, sie sich als Verdienst für
harte Arbeit zurechnen zu können, soll sich der "sozialistische
Mensch" erfüllen: Vergnügt bis ernsthaft pflege er sich
"Sozialistischen Realismus" und/oder "Sozialistische Moral" zuzu-
führen, statt sich den Marxschen Gedanken zu eigen zu machen, daß
im Sozialismus die "disposable time aller" das "Maß des Reich-
tums" darstellt und dieser Reichtum vermehrt gehört. (Vgl. Grund-
risse, 596)
S o l c h e Bedenken gegen sozialistische Kulturpflege drücken
einen westlichen Staatskulturhänger natürlich nicht. Mit der
"kulturellen Identität" der Bürger in ihren Gemeinwesen hält er
es allemal - wenn's nur das westliche ist. Daß die Staaten des
"freien Westens" im Unterschied zu denen des Ostens keine Frei-
zeit für ihre arbeitende Bevölkerung einplanen, in der diese sich
bildet, rechnen sie ihnen nicht weiter an - wozu auch, wo hierzu-
lande die Menschen nach dem Dafürhalten der Intellektuellen so-
wieso zuviel Freizeit haben, die sie nicht gescheit zu nutzen
verstehen, weil sie sich der "geistigen Führung" entziehen. Ja,
sie träumen ganz schön "totalitäre" Träume, unsere Herren Kriti-
ker östlicher "Unfreiheit".
Derweil führen ihre Ost-Kollegen eine regelrechte Auseinanderset-
zung mit ihrem Staat, wie die behauptete, nach dem Selbstver-
ständnis einer "Volksdemokratie" grundsätzliche Identität zwi-
schen sowjetischem, bulgarischem etc. Staat und sowjetischen/
bulgarischen etc. Bürgern am sinnreichsten und daher schönsten
darzustellen sei. Da wälzen die Kunst- und Kulturexperten des
Ostblocks in ernster Eigenverantwortung das Problem des
"Formalismus", eine
Sinnfrage
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an die Adresse der Kunst, wie sie sich der Gestaltung des
"sozialistischen Lebens" anzunehmen gedenke. Seitdem wird in pro-
blembewußter Weise - versteht sich - adaptiert und weiterentwic-
kelt, was die Künste nur hergeben. Mit den Augen westlicher Ge-
hässigkeit stellt sich das etwa im Gebiet der Malerei der DDR wie
folgt dar:
"Und die Kulturideologen sind flexibel genug, die expressive Häß-
lichkeit, die der Künstler wahrnimmt, gemäß den Erkenntnissen der
marxistischen Dialektik als fruchtbar zu bejahen und auch Stilan-
leihen etwa bei Otto Dix, Max Beckmann und George Grosz als
'Aneignung unseres kulturellen Erbes' aufzuwerten." (Stern)
In der Tat ist bei unseren östlichen Nachbarn nicht nur prinzipi-
ell alles an Kunstabteilungen, -themen, -richtungen usw. erlaubt,
es existiert auch bis in den letzten Winkel ihrer Provinzen. Das
kleinste Dorf hat seine Bühne, seine Theatergruppe. Im fernsten
Sibirien weiß man von Goethe und Schiller, hat sie gelesen und
versteht sie wie die eigenen Klassiker zu rezitieren - mit Vor-
liebe in öffentlichen Parks vor den Statuen der so Verehrten. Re-
ligiöse Malerei und Musik haben ihren Platz im sozialistischen
Volksbildungsprogramm. Moderne Stilentwicklungen der Kunst finden
Berücksichtigung und ihre Liebhaber - alles in allem existiert
eine
Gebildetheit der Massen,
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von der Humanisten des 19. Jahrhunderts nur geträumt haben; und
von der auch ein Heinrich Böll nur angetan sein könnte, ange-
sichts eines Leserkreises, der drüben größer ist als hier, wenn
ihm seine Hetze gegen das "sowjetische System", das das immerhin
fördert, nicht sein wichtigstes Anliegen wäre: Er meint nur
"Polen! Polen!" rufen zu müssen, wo doch gerade dort unter den
Augen des großen Bruders Sowjetunion die "westlichsten" Filme
produziert werden - mit staatlichen Mitteln - und ein kafkaesk
die "Anonymität" aller "Beziehungen", "Strukturen" "Institutio-
nen" usw. beschwörendes literarisches Gewerbe sein Wesen treibt.
Es braucht schon eine bornierte, parteiliche "Systemkritik", um
aus diesem Tummelfeld realsozialistischer Freiheit eines von
Zwängen zu konstruieren, die den lieben Mitmenschen (Ost) das Le-
ben schwer machen. Ausgerechnet dort, wo es um die Entfaltung und
Betätigung von Fähigkeiten des Genusses geht, die einem Arbeiter
in der Bundesrepublik vom Kapital systematisch mit jedem Tag
(oder Nichttag) Lohnarbeit z e r s t ö r t werden, glauben
Westler mit Kategorien der "Ausbeutung" hausieren gehen zu müs-
sen, die sie zwar nicht von Marx haben, von denen sie jedoch ori-
ginellerweise annehmen, es mache sich gut, sie seinen Frühschrif-
ten abzulauschen. Den Unterschied, als westdeutscher Werktätiger
dem Kapital zu gehören und sich dessen Anspruch auf Vernützung
von Geist und Physis zur Verfügung zu stellen oder als Ostdeut-
scher dem "Arbeiter- und Bauernstaat" zu Diensten zu stehen, -
undenkbar allein, daß ein freies, westliches Unternehmen in der
Arbeitszeit zur Begrüßung irgendeines ausländischen Gastes seine
Belegschaft abkommandieren würde, von den zahllosen innerbetrieb-
lichen Festivitäten und deren aktiver Ausgestaltung durch die
Werksangehörigen nicht weiter zu reden nimmt der aufgeklärte Ar-
beiterfreund im Westen genüßlich für den frechen Deuter her:
Seht,
"organisierte Freizeit"!
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Beklagt man hier, daß an den Schulen zu wenig Musikunterricht be-
trieben werde, der den Kindern die Entwicklung ihrer "affektiven"
Fähigkeiten zum gelungenen Volksgenossen beibiegt, so gilt das
DDR-Lehrplanwerk, das ein mehrfaches an Singen, Musizieren und
Musiktheorie vorsieht, als das Aufmachen einer insgeheim beneide-
ten "Sing-Pflicht". Hier ein ewiges Gejammer über den Mangel an
Sportplätzen, Turnhallen, Eisbahnen usw. für den jungen Staats-
bürger; wo im Ostblock eine effektive Förderung des Breitensports
existiert, entdeckt man "paramilitärische Formen" der sportlichen
Ertüchtigung, die "bei uns" natürlich nur wünschenswert wären.
Olympiade: Hier stehen die Darbietungskünste von Schäfflern und
Goaßlschnalzern für die "heiteren Münchner Spiele"; Moskaus
Schäffler und Schnalzer? Eine einzige "Spartakiade", die auch mal
den Vergleich mit Berlin 1936 fällig sein läßt - nach außen mag
man diese Gemeinheit nicht auslassen, die einem zu Westdeutsch-
lands Ruf an "die Jugend der Welt" natürlich nicht einzufallen
beliebt. Überhaupt die Heimatpflege im Osten, die Trachten, der
Volkstanz und der dazu gehörige Gesang: "Wie beim Hitler",
"Verführung der Massen", "Brot und Spiele" usw. Und das, wo hier
der offene Revanchismus seine festen Tage eingeräumt bekommen
hat, Tage der Heimatvertriebenen, an denen diese über alle Medien
ihre Wimpel und Bänder zeigen, und bayerische Schulkinder das
Lied der Schlesier lernen müssen. Aber das gilt als
"zurückhaltend" und "bescheiden", was allerdings wieder einiges
über den staatstreuen Maßstab solcher Art kultureller Artikula-
tion verrät.
Unbeirrt gegenüber einem Kulturprogramm, das für die Jungen
"rollende Diskos" vorsieht -
"In allen größeren Städten der DDR gibt es heute Diskotheken, und
die kleineren Orte werden regelmäßig mit rollenden Diskos ver-
sorgt, das heißt, für einen oder zwei Tage werden Kreiskulturhäu-
ser oder FDJ-Klubs zu Jugendtanzgaststätten. Die technische Aus-
stattung liefern umherreisende Diskomoderatoren und deren Mitar-
beiter." (FAZ) -
und sie mit den Erfindern des Deutsch Rock, der Gruppe "Karat",
beglückt hat, ungeachtetet dessen, daß dieses Kulturprogramm für
die schon etwas Älteren darüberhinaus einen Haufen religiöser
Kunst bereithält, anstatt sie für staatsfeindlich zu erklären und
unter Kuratel zu stellen, halten West-Intellektuelle daran fest,
daß der
"Alltag im Sozialismus - grau"
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ist. Was auch das feindliche System auf die Beine stellt, in der
Bundesrepublik wird es zur Kenntnis genommen - n e g a t i v.
Eine Ikonen-Ausstellung nach der anderen: "Religiöse Kunst wird
unterdrückt". Werden rauf und runter die Kuppeln russischer Kir-
chen vergoldet, einige Hektar von Mosaiken an russischen Moscheen
restauriert, ostdeutsche Dome und die Wartburg runderneuert, um
nachzuweisen, daß der Reformator Luther einer der geistigen Ahn-
herrn des Sozialismus ist, dann ist all das Indiz dafür, daß die
Kirche im "atheistischen" Osten einen schweren Stand hat, obwohl
polnische Restaurier-Kolonnen seit Jahr und Tag als willkommene
Meister ihres Fachs begrüßt werden und die Konkurrenz um Martin
Luther als Ahnherrn der Bundesrepublik Deutschland nicht ohne Er-
bitterung geführt wird.
Was würde der Hinweis einer Zeitung bringen, die Ateliers hiesi-
ger Künstler befänden sich in unmittelbarer Nähe von US-Kasernen?
Gegenüber der DDR ist das jedoch ein Argument. Da heißt es näm-
lich über einen der Maler der DDR:
"Werner Tübke... Dieser kühle Könner, der in einer Alt-Leipziger
Nobel-Villa, ganz in der Nähe sind russische Soldaten einquar-
tiert, residiert..." (Abendzeitung)
Steht da auch hinter jedem der über eine Million Besucher der
letzten großen Kunstausstellung der DDR ein Wachsoldat? Das wäre
immerhin ein ungemein friedlicher Auftrag der Rotarmisten. Daß
DDR-Menschen jedoch ungefähr sechs- bis siebenmal so zahlreich zu
diesem nationalen Ereignis strömen wie hier (verglichen mit der
Staufer-Ausstellung in Stuttgart oder der Tutanchamun-Feier in
München) erklärt sich ein Kulturmensch (West) nie und nimmer mit
dem Interesse der Leute, die ein Angebot ihres Staatswesens wahr-
nehmen, sondern mit der "Ventilfunktion", die ein solches Unter-
nehmen darstelle: ein beredtes Urteil über die Kriterien der
e i g e n e n Kunstfertigkeit, die Massen für blöd zu verkaufen.
"M a n i p u l a t i o n" ist eben ein so gängiges wie willkom-
menes Argument im Bereich westlicher Kulturpflege.
Ein überaus beliebtes Kapitel westlichen Kulturvergleichs ist das
der sogenannten
Dissidenten:
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Na klar, auch dort überwerfen sich Leute mit ihrem Staat. Doch
w a r u m sie das tun, ist diesseits der Zonengrenze von gerin-
gem Interesse. Vielmehr: Man glaubt zu wissen, was dort abläuft -
"Systemkritik, Systemkritik"! Dabei ist das alles viel weniger im
erklärten Westsinn als gewünscht. Da überwerfen sich ein paar
Kulturbeauftragte des Ostens mit ihrem Auftraggeber darüber, wor-
über und wie die künstlerische Darstellung russischen, pol-
nischen, ostdeutschen etc. Lebens am saubersten zu erfolgen habe.
Um den unbändigen Wunsch nach westlicher Freiheit handelt es sich
dabei aber sicher nicht, auch wenn sich die von der außerordent-
lichen Bedeutung ihres Auftrags Besessenen den Westen als das ab-
solute Kunstpublikum vorstellen mögen. Der Streit geht normaler-
weise um die Ideale s o z i a l i s t i s c h e n Lebens, ge-
rade auch dann, wenn einige kunstbeflissene Ostler meinen, sie
müßten um der Betonung der eigenen U n a b h ä n g i g k e i t
willen jetzt ihre Kunstwerke unbedingt auf einem nahegelegenen
Moskowiter Acker zur Vorführung bringen. Wenn das der zuständige
Staat gar nicht leiden mag, dann gewiß nicht deswegen, weil er
etwas gegen die z.T. religiösen Inhalte solcher Kunst oder gegen
die z.T. abstrakten Formen der künsterischen Bearbeitung hätte,
sondern einzig aus dem Grund, daß er die m e t h o d i s c h e
Diskussion darüber, was als Sowjetkunst zu gelten habe,
e i n v e r n e h m l i c h mit seinen Experten zu regeln
wünscht - l o y a l e Kritik ist dort wie hier erwünscht. Wenn
sich diesem Gebot ein paar Ostkünstler entziehen zu können glau-
ben, wird ihnen - dort wie hier - die gelbe oder auch die rote
Karte gezeigt, was nur darauf verweist, wie ambitioniert der
"Dialogpartner" Staat die angestrengte Debatte zu führen beab-
sichtigt; Zerwürfnisse können dabei natürlich nicht ausbleiben,
wenn sie auch zurecht weniger Publizität genießen, als ihnen
hierzulande zubemessen wird. Was interessiert einen Sowjet-
menschen die Frage, ob kirchliche Motive z.B. in öffentlichen
Räumen oder auf freiem Feld ausgehängt werden, wo er gewohnt ist,
sie auf jeden Fall vorgeführt zu bekommen? Die Einschränkung des
Wirkungskreises gepäppelter Vertreter des sozialistischen Kultur-
programms wird ihm vielleicht zur Kenntnis gelangen, doch wird er
sie aller Voraussicht nach als das nehmen, was sie ist, nämlich
die Unterlegenheit einer methodisch engagiert vorgetragenen Posi-
tion, die es - "leider" (hierzulande heißt das nicht anders) -
nicht geschafft hat, sich erfolgreicher zur Geltung zu bringen.
Daß drüben solch "problematische" Kunstwerke bisweilen unter die
Grasnarbe gepflügt werden - was belegt dies erst einmal anderes
als die Ernsthaftigkeit drüben laufender Kunstdebatten, die das
Niveau hierzulande mühsam provozierter "Aktionen" und
"Happenings" dort durchaus lässig vorlegen. Die Klage östlicher
Dissidenten, sie seien nicht gebührend gewürdigt worden, entlarvt
sich jedenfalls als eine ziemlich infame Lüge: Selten haben die
Schwachheiten irgendeines Malers Klecksel größere Beachtung in
der öffentlichen Diskussion gefunden als im Osten - wofür mit
reichlicher Charakterlosigkeit, aber umso mehr innerer messiani-
scher Freiheitsbotschaft die Kunst- und Kulturfanatiker der west-
lichen Hemisphäre gesorgt haben.
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