Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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MSZ-Astroshow
DAS ABSOLUT TODSICHERE HOROSKOP FÜR 1983
Horoskopisch gesehen ist 1983 ein gutes Jahr. Da mittlerweile je-
der dahergelaufene Politiker, Pfaffe, Journalist, Gewerkschafts-
führer, Fußballprofi; Student, Sterndeuter, Professor und Haus-
haltsvorstand von "schweren Zeiten" labert, ohne die Schuldigen
anzupflaumen, die sie in die Welt setzen, den fehlenden "Sinn"
beschwört, als gäbe es nicht schon genug von dieser Unterwer-
fungsmoral, sowie in jeder Ecke eine "Krise" entdeckt, ohne den
Tätern in den Arsch treten zu wollen, können sich Voraussagungen
der Trefferquote von hundert Prozent annähern. Wenn alles aus den
Fugen geraten sein soll, kann nichts mehr schief gehen, zumal im
Venusjahr die Verwerfungen der Gestirne noch eindeutiger als ge-
stern ihre Bahn ziehen.
Wenn die Sterne nicht ganz verrückt spielen, wird 1983 das dritte
Jahr n a c h A f g h a n i s t a n sein. Junge und alte Afgha-
nen werden, ohne je Väter des Grundgesetzes gehabt zu haben, für
die Freiheit kämpfen und mit Vorderladern aus der Rüstungsproduk-
tion der USA den Russen beträchtliche Verluste beibringen. Das
paßt dann genau zu der Frist, die Reagan der Sowjetunion mit 1983
gesetzt hat. Tote Russen (und Afghanen) werden schöne Zeichen der
Freiheit sein.
D i e J u g e n d wird, wenn das so weitergeht kaum mehr zu
retten sein vor lauter Verdrossenheit: Sie wird Arbeit haben oder
zum großen Teil keine, auf der Straße rumlungern oder zu Hause;
sie, wird blöd, bescheuert, neckisch oder geil sein, weil sie
nichts anderes gelernt hat, wahrscheinlich nicht einmal frech ge-
genüber einem Politiker, weil sie doch so gern diskutiert und Ge-
spräche über deren Verhalten so dufte findet. Im März und Juni
sollte sie besonders darauf achten, daß sie auch ihre Meinung
hat, aber Extreme vermeiden, damit sie sich wohler fühlt, wenn
ihr Kohl unter die Arme greift oder Carstens eine Erbsensuppe mit
ihr löffelt und mit ihnen durch Deutschland wandert.
Die erste Dekade des Wassermanns wird eindeutig durch Jupiterein-
flüsse bestimmt sein. Am 30. Januar, dem 5 0. J a h r e s t a g
d e r N S - M a c h t e r g r e i f u n g werden die Feiern des
guten deutschen demokratischen, nationalen Gewissens wahrschein-
lich keine Eintrübung erfahren, sondern wegen des unschuldigen
Personals harmonisch ablaufen. Der heimliche Widerständskämpfer
Carstens, der aufrechte Demokrat Kohl, der nur deshalb nicht
schon damals die Wende durchsetzen und für die Weiße Rose Flug-
blätter verteilen konnte, weil er noch zu jung war, der Leutnant
Schmidt, der nach anfänglicher Begeisterung über Hitlers Blitz-
kriege weitere Kriegserfolge der Nazis konsequent verhindert hat,
der Anführer der organisierten Liberalismus, der auch aus Al-
tersgründen dem Führer noch nicht sein "Deutschland muß liberal
bleiben!" mutig und offen entgegenschleudern konnte, und Strauß,
der wegen seines "Wir bringen Deutschland wieder in Ordnung!"
fast ins KZ gekommen wäre - so holte er sich in Rußland nur er-
frorene Füße. Alle diese von Geburt an zum Freiheitskampf be-
stimmten Menschen, werden mutig das erfolglose Dritte Reich ver-
dammen und die erfolgreiche Demokratie, die ihnen ihre Ämter gab;
loben. Daran werden auch atmosphärische Verstimmungen zwischen
ihnen nichts ändern.
A m 6. M ä r z sollten Sie wichtige Entscheidungen gut überle-
gen und keine voreiligen Schritte unternehmen. An diesem Tag wird
zwischen Wende und Katastrophe entschieden, mit Sicherheit also
darüber, ob 4 Parteien, drei Parteien oder 2 Parteien die Ge-
schicke des Landes weiterführen. Da die Zeiten der Frühlings-
stürme dynamische Perspektiven erwarten lassen, wird entweder
Kohl oder Vogel vom Volk ermächtigt werden, die notwendigen Opfer
frohen Muts an den Mann zu bringen. Eine Ähnlichkeit mit der Ge-
schichte vor 50 Jahren (- siehe Wassermann) ist wegen der unter-
schiedlichen Jupiter-Venus-Konstellation rein zufällig.
1983 wird irgendwann e i n e F r a u von der Nordseite her zu
Fuß den Ärmelkanal durchwandern, weil sie den Messner unten über-
holen will, Symbole der Männlichkeit nicht mehr sehen kann und
sich in der weiblichen See wiederfinden will.
Der A u f s c h w u n g in Arbeitslosigkeit und Armut der Leute
durchzieht alle Stern-Figurationen des gesamten Jahres. Die Ar-
beitslosenquote wird dann ihre geringste Steigerungsrate aufwei-
sen, wenn der kalte Winter vorbei, der heiße Sommer noch nicht
angefangen, der geburtenstarke Jahrgang einen Monatsknick auf-
weist und die Kurzarbeit schwer zunimmt. Der Grad der Verarmung
wird immer zwischen den Sparbeschlüssen gleichmäßig steigen, nach
jedem Inkraftreten eines neuen Gesetzes also wieder gleichmäßig.
Es ist eben so, wie es die beiden Widder, Kohl und Genscher,
durch höhere Bestimmung wissen: Nichts wird einem in den Schoß
gelegt, auf alles muß man warten.
Ein P l a s t i k - H e r z wird 1983 die Welt der Gefühle, des
Glaubens und so nicht unerheblich durcheinanderbringen. Männer
und Frauen, die auf die pochende Stelle unter dem Hemd großen na-
türlichen Wert legen und in die Ecke 'Sinn mit Herz' viel inve-
stiert haben für sich oder die armen Negerkinder, sollten aber
nicht vorschnell verzweifeln. Etwa im Wonnemonat Mai werden ein
katholischer Bischof und ein evangelischer Fernsehkommentator
fast gleichzeitig die Theorie entdecken, daß man vom Herzen herz-
lich gern auch als von einem Herzen an sich sprechen könne, weil
das liebe Jesulein oder ein kleiner Afghane - was ja dasselbe -
immer in unserem Herzen wohnen werden.
1983 wird das seltene Jahr sein, in dem sich zwei seltene Zahlen
in außergewöhnlicher Disposition treffen, was sich nur alle tau-
send Jahre wiederholt. Das deutsche Jahr feiert den 500. Geburts-
tag Martin Luthers und es feiert den 100. Todestag von Karl Marx,
die Geburt eines Reformators, den Tod eines Revolutionärs. Somit
werden sich die spezifisch deutschen Gestirne durchsetzen, aber
es bleibt eine Ungewißheit. Wird sich Luther von dem gottlosen
Realen Sozialismus der DDR gewinnen lassen oder von der im
Schutze Gottes krisengeschüttelten BRD? Und für welches der bei-
den Systeme wird sich Karl Marx als Traditionsspender entschlie-
ßen, wo er doch in beiden Deutschlands nicht mehr gelesen wird?
Auf jeden Fall wird Martin Luther mehr Straßennamen erhalten als
Karl Marx, obwohl es Gründe für eine Reformation überhaupt keine,
für eine Revolution aber massenhaft gibt.
Der H S V wird deutscher Meister, wenn nicht Hrubesch aus Ver-
sehen seinen Kopf unangespitzt in den Boden rammt, weil er den
Ball zu tief vermutet. Wenn die Bayern Meister werden, wird der
HSV Vizemeister.
In A f r i k a werden 4 Millionen Neger an Hunger sterben, weil
sie aus stolzer Unreife oder aus borniertem Unvermögen die "Hilfe
zur Selbsthilfe" ablehnen, die ihnen die imperialistischen Staa-
ten schenken wollen. In Afghanistan werden kaum Menschen an Hun-
ger sterben, weil ihnen der Freiheitskampf genügend Arbeitsplätze
verschafft.
In Deutschland wird während des Sommerlochs in der zweiten Dekade
der Jungfrau e i n g r o ß e r M a n n s t e r b e n, weil
er sich bei der mutigen Annahme der politischen Herausforderungen
der Zeit übernommen hat und unter der Last der Verantwortung für
unser aller Opfer und unsere Sicherheit zusammenbricht. Noch im
Hinscheiden wird er vorbildhaft sein, weil er damit einem Jugend-
lichen einen Arbeitsplatz freimacht und seinen Geist mit den Wor-
ten aufgibt: Wo nichts mehr zu verteilen ist, hat der K-Wert sei-
nen Sinn verloren.
H e i n r i c h B ö l l wird 66 Jahre alt werden und großen
poetischen Ruhm erlangen, weil auf seine kunstvolle Weise, mit
gesetzten Worten am "Brot der frühen Jahre" zu knabbern, auch in
Vorkriegszeiten nicht verzichtet werden kann. Böll sollte aber
einmal in Ruhe mit seinem Partner oder seinem Dackel über das
Problem reden.
Im Zeichen der Zwillinge, 3. Dekade, wird sich zum 30. Male der
1 7. J u n i jähren. Bedeutende westdeutsche Männer und Frauen
werden die deutsche Landkarte aufrollen und den Menschen hier
geopolitische Bildung, denen drüben menschliche Erleichterung da-
durch verschaffen, daß sie erschüttert feststellen, was uns und
denen drüben alles fehlt. Jemand wird den Vorschlag machen, mit
Trompeten - wie bei Jericho - anzutreten, aber wegen des Ver-
dachts, der Friedensbewegung nahezustehen, kein Gehör finden.
Z i m m e r m a n n wird die satirische Fernsehsendung "Dalli-
Dalli" aus dem Programm streichen, weil nach einer Wahl Wahl-
kämpfe verboten sind und der Verdacht auf Nötigung von Staatsor-
ganen im Kampf gegen Arbeitslosigkeit besteht.
D e r F r i e d e n wird 1983 fast total sicher werden. Reagan
wird die Tripel-Null-Lösung (in Worten: 0, 0, 0) erfinden und die
Sowjets werden auf dieses Angebot mit der Doppel-Null-Lösung rea-
gieren. Insgesamt 5 Nullen also werden die Abrüstung so in Bewe-
gung bringen, daß die Abschreckung nicht an Auszehrung leidet.
Im Venusjahr wird dem d e u t s c h e n K i n d wieder der ihm
gebührende Platz in der Gesellschaft eingeräumt. Wegen der Perso-
nalmängel in der Bundeswehr mehren sich die Eltern, die - aus
Liebe und nicht mit sexuellen Hintergedanken, natürlich - sich
wieder mehr Kinder wünschen. 1983 wird das Jahr der "Keimzelle
unserer staatlichen Ordnung", wie es Geißler vorausgesagt hat,
also auch das Jahr der kleinen Keimlinge. Das deutsche Kind wird
wegen der schweren Zeiten nicht mehr so verwöhnt aufwachsen, darf
wieder mit Opa und Oma spielen, die aus den teuren Altersheimen
rausgeholt werden, und deutsche Mütter glücklich machen. Väter
und Mütter sollten aber ihre Fehltritte auf keinem Fall am Frei-
tag begehen!
Der oberste weltliche Chef des lieben Gottes, dessen Chancen in
dieser Vorkriegszeit erkenntlich steigen, d e r P a p s t,
wird, wenn er nach Polen fährt, um den Kommunisten einzuheizen,
auf die Begleitung durch die Schweizer Garde verzichten und so
ein Zeichen ernsten Abrüstungswillens setzen. Der Vater im Himmel
wird seine Freude daran haben, wie sein Statthalter auf Erden den
Imperialismus des Hl. Geistes in der NATO zum Einsatz bringt,
ohne Mitglied zu sein.
Wenn im Herbst sich die Planeten ziemlich verhalten, werden dem
Exkanzler H e l m u t S c h m i d t überall in Europa Denkmä-
ler seiner genialen Friedensidee gebaut sein. Betonbasen werden
davon künden, wie recht Schmidt damit hatte, eine Nachrüstung
durchzusetzen, die entfällt, wenn der Gegner seinerseits abrüstet
auf Null. Sollte aber der unwahrscheinliche Fall eintreten, daß
doch nachgerüstet wird, werden auf den Denkmälern für Helmut
Schmidt sogar noch Raketen stehen, um deren Einsatzfähigkeit man
sich dann ernste Sorgen machen darf.
D e n F r i e d e n s n o b e l p r e i s wird 1983 entweder
Reagan bekommen, weil er MX-Raketen in unbewohntem Gebiet mit ge-
ringem Bodenverlust aufstellt, oder der israelische Verteidi-
gungsminister Sharon, weil er ein noch größeres Blutbad im Palä-
stinenserlager verhindert hat, oder Wörner, weil er den tapferen
deutschen Landser wieder zu verdienten Ehren kommen läßt, oder
ein unbekannter Soldat, der auf den Falklandinseln ins Gras ge-
bissen hat. Die Verleihung des Preises an eine von diesen Perso-
nen wird notwendig ungerecht sein, weil ihn alle verdient hätten.
Der Vorschlag, einen Arbeitslosen mit diesem Preis zu bedenken,
wird abgelehnt werden mit dem Argument, daß sich ein Arbeitsloser
sowieso friedlich zu verhalten hat.
Obwohl einige Kometen Unheil künden, wird 1983 die Welt nicht un-
tergehen, weil ja sonst Politik und Gewalt sinnlos würden. Das
werden die Verantwortlichen nicht zulassen!
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