Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE BIS-1945 - Vom Rechtsvorgänger der BRD
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DER 2. WELTKRIEG - EINE KLARE SACHE
Deutschland war zu klein - schon damals. Es war zwar noch weit
größer als die BRD heute, Aber schon in den 30er Jahren war der
politisch mitdenkende Mensch höchst unzufrieden mit der europäi-
schen Landkarte.
Zwar hätte auch damals niemand zu sagen gewußt, warum eigentlich
Westpreußen und Bayern unbedingt in einem Staat "zusammen-"leben
sollen; oder gar, was ein Schlesier davon hat, wenn er nach den-
selben Gesetzen und von denselben Herren regiert wird wie ein
Rheinländer. Aber schon damals wurde d i e s e Frage gar nicht
gestellt.
Statt dessen gab es eine "offene deutsche Frage". Die lautete:
Gehört Posen nicht eigentlich zu "uns"? Und das Memelland? Und
Elsaß-Lothringen? Und Österreich? Und die DDR - auch, nein, das
kam erst später. Aber jedenfalls: das Sudetenland? Und Südtirol?
Natürlich war das keine Frage, schon gar keine offene. Der deut-
sche Staat erhob den Anspruch, über Leute und Landstriche zu ge-
bieten, die dummerweise seinen Nachbarn gehörten oder gar einen
Extra-Staat darstellten.
Warum dieser Anspruch? Gewiß nicht einfach, weil einige der
schmerzlich vermißten Gebiete noch ein paar Jahrzehnte vorher von
einem deutschen Kaiser mitbefehligt wurden. Solche Liebhaber al-
ter Atlanten sind nicht einmal Staatsmänner - wenn sie einmal am
Erobern sind, halten sie sich ja auch an keine traditionelle
Grenzlinie. Der Hinweis, daß etwas früher einmal so oder so gewe-
sen sei, taugt als "Argument" für die "Wieder-"Herstellung dieses
Zustandes nur, wenn man es ohnehin so haben will.
Für die Staatsmänner des unzufriedenen Deutschland ist die Welt-
lage insgesamt durch einen schreienden Widerspruch gekennzeich-
net, den sie ganz einfach nicht mehr aushalten. Auf der einen
Seite verfügen sie über ein Volk von solcher Größe und über eine
kapitalistische Produktionsweise, die die Masse dieses Volkes so
produktiv verwendet, und noch dazu lassen ihre Massen sich derma-
ßen viel gefallen - selbst die Arbeitslosen kennen nur einen An-
spruch, nämlich, den auf alsbaldige Wiederverwendung! -, daß sie
ihre Staatsmacht nach Reichtum und Gewaltmitteln durchaus mit den
mächtigsten Nationen der Welt vergleichen können. Ihre nationale
Geschäftswelt, die das Volk so vortrefflich ausnutzt, hat auch
höchst produktive Interessen im Rest der Staatenfamilie anzumel-
den; die Staatsgewalt hat also ungemein viel zu überwachen und zu
schützen; sie braucht den Zugriff auf ausländische Souveräne, den
sie sich wenigstens ebensogut leisten kann wie die größten Kon-
kurrenten. Auf der anderen Seite l ä ß t m a n d i e
D e u t s c h e n n i c h t, wie sie wollen und könnten eine
Folge des Siegs im Weltkrieg gegen das Deutsche Kaiserreich, die
der demokratische Nachfolgerstaat auszubaden hat: Böse Nachbarn
setzen dem Wachstum deutscher Machtmittel und eines speziell
deutschen Imperialismus enge Grenzen; sogar die Benutzung des
einheimischen Menschenmaterials leidet unter der Einschränkung
des Wirkungskreises deutschen Reichtums und deutscher Macht - es
gibt Millionen Arbeitslose! -, und die konkurrierenden Mächte
ziehen daraus den Nutzen.
Was ist da zu tun? Man frage die Nachfolgepolitiker der zweiten
deutschen Niederlage, Männer wie Helmut Schmidt oder Helmut Kohl,
Manfred Wörner oder Hans Apel, Heiner Geißier oder Franz-Josef
Strauß. Oder man schaue sich an, wie die ihr - im NATO-Bündnis
anders gelagertes - "offenes deutsches Problem" lösen. Und dümmer
als die war Adolf Hitler auch nicht, geschweige denn verrückter
oder weniger zielstrebig. Er hat eins nach dem andern erledigt,
wie Deutschlands verhinderte Macht und Herrlichkeit es verlangte:
Er hat aufgerüstet und sich einen Dreck um irgendwelche Auflagen
der gegnerischen Mächte gekümmert.
Dann hat er alle "entmilitarisierten" Gebiete seines Reiches wie-
der mit Militär vollgestellt.
Gleichzeitg hat er die nötigen Rüstungsindustrien und strategi-
schen Autobahnen bauen lassen.
Dafür hat er einen Reichsarbeitsdienst eingerichtet und die Ge-
werkschaften abgeschafft - auf deren Opportunismus wollte er sich
doch lieber nicht verlassen.
Außerdem hat er im eigenen Land den Krieg gegen alle diejenigen
geführt, die er im Verdacht hatte, der Fesselung der deutschen
Macht im Lande selbst Vorschub zu leisten. Vor allem gegen die
vaterlandslosen Kommunisten, die damals noch zahlreicher waren
als heute, und gegen undeutsche Elemente im Volkskörper.
So hat er seinem Volk beigebracht, daß die Feinde Deutschlands
nur die "Sprache der Gewalt" verstehen - und daß die keiner so
gut beherrscht wie er. Die Deutschen jedenfalls haben ihren Füh-
rer damals so gut verstanden wie ihre gewählten Führer heute.
Dann hat er in verschiedenen Nachbarstaaten, die ähnliche Pro-
bleme hatten wie die Deutschen, gleichgesinnte Parteien aufgebaut
oder unterstützt. Viele unzufriedene Nationalisten gab es über-
all.
Dann hat er Österreich angegliedert. Das hat alle guten Deutschen
begeistert - und dem Ausland fast so viel Eindruck gemacht wie
später das bundesdeutsche "Wirtschaftswunder". Die Deutschen wa-
ren endlich "wieder wer".
Dann hat er die Sudeten- und, Böhmen-Frage gestellt und beantwor-
tet. Die Leute in Deutschland hatten davon genau zweierlei: mehr
Opfer zu tragen - und einen Führer, der mit wachsenden Erfolgen
immer anspruchsvoller wurde. Letzteres fanden sie immer besser,
je härter die Opfer wurden.
Dann hat er Polen erobert und massenhaft Juden dorthin abgescho-
ben.
Dann hat er aus strategischen Gründen Dänemark und Norwegen be-
setzt.
Dann hat er es gewagt, sich mit dem nächsten imperialistischen
Konkurrenten zu messen, und es ist vom deutschen Standpunkt aus
gutgegangen: Er hat Frankreich erobert, einschließlich einiger
afrikanischer Besitzungen. In Frankreich und auf dem Balkan mußte
er außerdem seinem Bundesgenossen Mussolini helfen.
Die "Schande von Versailles" war damit getilgt. Festlandeuropa
war deutsch wiedervereinigt. Der Weltmacht Großbritannien war
Hitlers Europäische Gemeinschaft ökonomisch und militärisch über-
legen auch wenn der Luftkrieg über England nicht gewonnen wurde.
Dann kam er endlich "zur Sache": Er hat riesige Teile der So-
wjetunion erobert. Die "Systemfrage" war ihm dabei weniger wich-
tig als ein "Europa freier Völker" bis zum Ural - wenigstens -,
das Deutschland endlich endgültig zur Weltmacht machen sollte,
die durch nichts und niemanden mehr zu beschränken und in ihrem
Anrecht auf den Globus zu behindern war.
Dann hat er, irgendwie sehr folgerichtig, dem verbliebenen Kon-
kurrenten um die Weltmacht schlechthin, den um Ostasien kämpfen-
den, Großbritannien unterstützenden USA, den Krieg erklärt.
Dann hat sich herausgestellt, daß die Rote Armee doch noch nicht
am Ende war, und daß das besetzte Rußland noch nicht als Quelle
deutscher Macht funktionierte, sondern die immer weiterkämpfende
Wehrmacht vor beträchtliche Versorgungsprobleme stellte. Die
Schlacht um Stalingrad ging verloren.
Dann zog sich die Schlächterei tief in der Sowjetunion blutig in
die Länge, weil Hitler immerhin im Westen "den Rücken frei" hatte
und nur in Afrika mit angelsächsischen Gegenangriffen zu tun be-
kam. Es blieb Zeit für einen totalen, total erfolgreichen Ver-
nichtungskrieg gegen Millionen von Juden und Millionen von sowje-
tischen Kriegsgefangenen. Dieser Erfolg war den guten Deutschen
auch recht.
Dann eroberten die Westmächte von Süden her Italien.
Dann begann der Bombenterror der westlichen Weltmächte gegen Hit-
lers Untertanen. Letztere hatten nie einen Unterschied zwischen
sich und ihrem krieg-führenden Führer gemacht. Die alliierten
Bomber machten auch keinen. Die guten Deutschen machten daraufhin
erst recht keinen - nur ein paar extra gute Deutsche fingen an,
ihrem Führer seine Niederlagen an der Ostfront und im Luftkrieg
über Deutschland zu verübeln.
Dann rückte die Rote Armee in riesigen Kesselschlachten bis in
ehemals polnische Gebiete vor.
Dann griffen die Westmächte auch in Frankreich an, um die Erobe-
rung des deutschen Reiches nicht den Sowjets zu überlassen.
Dann versuchte Hitler wenigstens noch die alten Reichsgrenzen zu
retten und vor allem die Rote Armee und den Kommunisus zu schwä-
chen. Deswegen trafen sich Ost- und West-Alliierte doch ziemlich
weit östlich, an der Elbe.
Damit war Hitlers Krieg um eine Neuaufteilung der Weltherrschaft
zugunsten Deutschlands zu Ende. Er hatte verloren; den Vorteil
hatten andere.
Sehr ärgerlich - vom Standpunkt des deutschen Nationalismus aus.
Aber: Wie hätten deutsche Staatsmänner denn sonst, o h n e Ge-
walt, den Widerspruch lösen sollen, daß Deutschland viel zu
k l e i n ist für seine wahre imperialistische Größe?!
*
Heute sieht das, gottlob, ganz anders aus. Die "offene deutsche
Frage" stellen mit uns alle wichtigen kapitalistischen Nationen
der Welt. In deren Bündnis spielt die BRD die wichtige zweite
Geige; da braucht nicht allzu viel allzu dringlich ganz neu ge-
ordnet zu werden. Die Feindschaft gegen die Sowjetunion eint als
"Systemfrage" alle Teilhaber der westlichen Weltherrschaft.
Diesmal muß es einfach klappen - das Europa freier Völker bis
nach Afghanistan.
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Das großdeutsche Reich
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