Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE BIS-1945 - Vom Rechtsvorgänger der BRD
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Was man im Unterricht lernt
Russische Revolution:
DIE ZEUGUNG DER SOWJETUNION
- EINE SCHWACHE STUNDE DER GESCHICHTE
Daß die Russen vorhaben, "uns" zu vernichten, darin bestenfalls
durch die sprichwörtliche Kinderliebe ihrer dicken Mamutschkas zu
bremsen sind - diese gängige Palette von Urteilen ist jedem west-
lichen Schüler spätestens aus obigen, beliebig ausgewählten Bon-
mots der Film- und Schlagerszene zur Genüge vertraut.
Im U n t e r r i c h t allerdings ist mit Sprüchen dieses Kali-
bers, die ja nichts als die feststehende V e r u r t e i l u n g
des seit seiner Existenz zum Feind erklärten bolschewistischen
Systems ins Bild setzen, kaum ein Blumentopf zu gewinnen. In den
Schulen des freiheitlichen Lagers wird bei der Behandlung des
Gegners - anders als im Osten - keine Gesinnung abgefragt, kein
Feindbild gelehrt und kein Vorurteil gepredigt, heißt es.
Stimmt das?
An hierzulande einschlägigen Geschichtsbüchern zur russischen Re-
volution soll diese Frage geprüft werden.
'Wie konnte es zur Gründung einer kommunistischen Republik kom-
men?!' - diese leicht stirnrunzelnde Fragestellung beantworten
unsere Geschichtsschreiber in aller Regel zuerst damit, daß die
alte zaristische Herrschaft ein Koloß auf tönernen Füßen war,
oder sowas; auf jeden Fall wollen sie sagen:
Es liegt was in der Luft: Ein Umsturz!
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Das Zarenreich, so hört man, paßte schlechterdings nicht mehr in
die Zeit. Es war einfach am Ende - nicht weil Revolutionäre sei-
nem Regime ein Ende s e t z e n w o l l t e n und dabei Erfolg
hatten, sondern weil es v o n s i c h a u s des weiteren
Überlebens nicht mehr f ä h i g gewesen sein soll. Als hinge
der Erfolg einer politischen Herrschaft neben den Gewaltmitteln,
über die sie verfügt, noch von einer höheren, objektiveren In-
stanz ab - "der Geschichte" selbst -, deren Richtersprüchen sich
die weltlichen Machthaber letztendlich zu beugen haben, gerät die
"Beschreibung" der Zustände des Zarenreiches den modernen Histo-
rikern regelmäßig zu einem einzigen
U n t e r g a n g s g e m ä l d e. Das beginnt so:
"Die Geburt der russischen Revolutionen dieses Jahrhunderts ist
durch die politische, wirtschaftliche und soziale Frage des kai-
serlichen Rußland zu erklären. Trotz zahlreicher Reformversuche
hielt auch der letzte Zar, Nikolaus II., am Selbstregiment fest".
("Zeiten + Menschen", Oberstufe)
Obwohl er eigentlich längst fällig war, beging dieser Nikolaus
demnach den unter Herrscherfiguren offenbar unüblichen, auf jeden
Fall aber unverzeihlichen Fehler, einfach nicht abtreten zu wol-
len. Damit provozierte er eine unvermeidliche Verschärfung "der
Lage":
"Die Starrheit der russischen Autokratie verschuldete, daß im
land eine revolutionäre Situation entstand." (Z + M)
Das hatte er nun von seiner Sturköpfigkeit: l e i c h t f e r-
t i g eine Revolution "verschuldet"! Von Gründen für die
Revolution - in dem normalen Sinne, daß die Russen die Urheber
ihrer Situation (Armut, Staatsterror, Krieg) in ihren
politischen, Führern ausfindig machten und davonjagten - will das
Geschichtsbuch also gar nichts wissen; stattdessen soll sich des
Zaren einziges Verbrechen in dem höchst zirkulären Befund zusam-
menfassen, zu wenig wandlungsfähig gewesen zu sein und dadurch
S c h l i m m e r e s, "eine revolutionäre Situation" (was Re-
genten doch eigentlich vermeiden sollten), h e r a u f b e-
s c h w o r e n zu haben. Eine solche Betrachtungsweise histo-
rischer Ereignisse, in der sämtliche Subjekte, Herrscher wie
Unterdrückte, als reine (funktionierende oder versagende)
Erfüllungsgehilfen eines ominösen, geschichtlichen Willens
auftreten, läßt sich deshalb auch leicht w i e e i n
N a t u r g e s e t z formulieren:
"Der innere Allgemeinzustand des späten Zarenreiches ließ ange-
sichts vielfältiger unaufhebbarer Spannungen" (100.000 Volt?)
"und Konflikte eine baldige revolutionäre Entladung" (britzel-
britzel) erwarten, ja (!) unausweichlich (!!) erscheinen" -
(Informationen zur politischen Bildung)
- mit dem unschätzbaren Vorteil, die P r o g n o s e bereits in
Kenntnis des E r g e b n i s s e s treffen zu können, was die
Revolution mit fast 100%iger Sicherheit erwarten, ja vorhersagen
"ließ". Von dieser überlegenen Warte aus verwandelt sich dann je-
des Merkmal zaristischer Herrschaft wie von selbst in ein Indiz
des nahenden Untergangs - sodaß es fast rätselhaft erscheint, wie
dieser lebende Widerspruch jemals wirklich existieren konnte:
"Ein des despotisches Herrschertum; ein Volk, das kein politisch
tragfähiges Bürgertum hervorgebracht hatte; eine Wirtschaft, die
auf adligem Großgrundbesitz und unfreiem Bauerntum beruhte; ein
Land, das keine aufklärerische Revolution durchgemacht hatte;" -
all das war in Rußland seit anno dazumal so, ohne deswegen in
eine "revolutionäre Entladung" umzuschlagen, aber jetzt kommt's:
"Dieses Land wurde hineingerissen in das Zeitalter der Industrie
und der Eisenbahn, der Zeitung und des Dynamits" (peng!), "in
eine Welt konstitutioneller Staaten und freiheitlicher, das Indi-
viduum aufwühlender Ideen", usw. (Inf. z. Pol. Bild.)
Dieses Potpourri von Faktoren, das die R ü c k s t ä n-
d i g k e i t Rußlands gerade angesichts des drumherum notorisch
fortschreitenden Fortschritts vorführen will, ist ganz offen-
sichtlich zu dem Zwecke zusmmengewürfelt worden, die "unaufheb-
baren Spannungen" auch noch so richtig einfühlsam ins Bild zu
setzen: Ob es nun die enttäuschte Hoffnung des Chronisten auf ein
"tragfähiges Bürgertum" ist, die Unwilligkeit des Adels, eine
transsibirische Eisenbahn zu bauen, oder die unwiderlegbare
Tatsache, daß die Zarenattentäter ohne Dynamit ziemlich
aufgeschmissen gewesen wären - zu Belegen für die unvermeidliche
Überholtheit der zaristischen Ordnung werden all diese aufeinan-
dergetürmten Fakten alleine dadurch, w e i l die Betrachtung
der russischen Geschichte die a priori feststehende und ebenso
inhaltslose Botschaft rüberbringen soll, daß e i n Umsturz auf
jeden Fall auf der Tagesordnung stand;
Fragt sich nur, welcher?
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Eine einigermaßen bescheuerte Frage, die sich allerdings sehr
folgerichtig aus einer Sorte Revolutionsberichterstattung ergibt,
die das W o g e g e n, den Inhalt der Unzufriedenheit der Auf-
ständischen, konsequent ausspart bzw. bis zum Erbrechen dem glei-
chen Gesichtspunkt subsumiert, zu wessen Gunsten das Pendel der
Macht denn nun ausschlägt. Da "Matrosenmeutereien, Generalstreik
und Bauernunruhen" zwischen 1905 und 1917 also wieder einmal "die
Brüchigkeit des Selbstregiments enthüllten" ("Zeiten + Men-
schen"), die russische Defensive im 1. Weltkrieg "die Schwäche
dieses Riesenreiches überdeutlich in Erscheinung treten ließ",
und der Zar sich immer mehr "im Teufelskreis zwischen Reform und
Reaktion verstrickte", stellt sich nun die spannende Frage, wer
das Rennen um "die herrenlos gewordenen Macht" ("Informa-
tionen...") macht.
2 Kandidaten standen zur Auswahl: die demokratisch-liberalen
Kräfte, die nach der Februarrevolution die Provisorische Regie-
rung bildeten, und die Arbeiter- und Soldatenräte (Sowjets) unter
der Führung der Bolschewisten. Die herzlich dürftigen Hinweise
auf die p o l i t i s c h e n A n l i e g e n beider dienen
dabei alleine dazu, den Fiktiven Vergleich anzustrengen, welche
Seite die größeren E r f o l g s q u a l i t ä t e n aufzubie-
ten gehabt habe, und siehe da: es waren diejenigen, die gewonnen
haben (und das waren leider die Verkehrten)!
Nach diesem Strickmuster schreibt sich die Geschichte der russi-
schen Revolution nun wie von selbst:
"Die Provisorische Regierung hatte zwar eine gemäßigte Bodenre-
form versprochen, verschob diese aber immer wieder. Die allge-
meine Friedensehnsucht der Bevölkerung ignorierte sie und setzte
den Krieg gegen die Mittelmächte fort. Seit Mai 1917 waren Ver-
treter der Sozialisten unter Kerenskij in die Regierung eingetre-
ten und hatten diese unpopuläre Politik nun mit zu verantworten."
(Z + M)
Diesen dürren Fakten ein paar Auskünfte darüber zu entnehmen, daß
diese Regierung die Politik des Zaren offensichtlich fortsetzen,
weiterhin den Krieg für Russlands Stärke führen und das Privatei-
gentum an Grund und Boden; von dem die Bauern ausgeschlossen wa-
ren, aufrechterhalten w o l l t e; und damit weiterhin die In-
teressen der Arbeiter und Bauern s c h ä d i g t e - nichts
liegt dieser Darstellung ferner. Der Befund "unpopuläre Maßnah-
men" geht nämlich genau andersherum: mit Bedauern wurde festge-
stellt, daß diese Politik bei der russischen Bevölkerung
n i c h t a n g e k o m m e n ist - ergo haben "die demokrati-
schen Kräfte bürgerlich-liberaler und sozialistischer - Herkunft"
keine Politik g e g e n die Leute getrieben, sondern vor ihrer
Berufung v e r s a g t, die Zügel fest in die Hand zu nehmen!
So muß die Geschichtsschreibung die Diagnose stellen:
"Trotz ihrer Bildung und Erfahrung hatten sie - mit Verwaltung
zwar, aber nicht mit Machtausübung vertraut - kein klares Ver-
hältnis zur Macht". (Inf. für Pol. Bild.)
Und damit war der Weg endgültig frei für diejenigen ungehobelten
Burschen, die zwar eigentlich gar nicht vorgesehen waren, durch
die Schwäche der an sich berufenen demokratischen Machthaber aber
ihre unverdiente Chance erhielten, auf die ihr ganzes Trachten
freilich auch schoß immer gerichtet gewesen sein soll:
"Niemand war so gut und gründlich für die Handhabung der Macht
vorgeschult wie die bolschewistischen Berufsrevolutionäre" (ein
bürgerlicher Freiheitspolitiker kriegt das im russischen Parla-
ment oder im Generalstab einfach nicht so gut mit wie ein echter
Berufs-Lenin, im Schweizer Straßencafe, dieser Vorschule der Re-
volution!) "und niemand war von einem so unbändigen und skrupel-
losen Willen beseelt, Macht zu erlangen und auszuüben wie ihr
Führer Lenin." (Informationen...)
Daß dieser außerordentlich machtgeile Politiker - nebenbei: wieso
wollte er dann eigentlich nicht beim Zaren oder Kerenskij Kar-
riere machen? (Kleiner Tip: vielleicht, weil er Kommunist war!) -
mit seinem ach so "unbändigen W i l l e n zur Macht" in Ehren
ergraut wäre und sonst gar nichts, wenn sich hinter seinen Zielen
nicht genügend Leute versammelt hätten, die genug Gründe hatten,
die Provisorische Regierung wegzuputzen, ist da natürlich ein un-
passeader Hinweis. Dieser Umstand belegt vielmehr umgekehrt, daß
der Revolutionsführer Lenin in Wahrheit ein riesengroßer
V e r f ü h r e r war; geschickt, also hintertückisch, verstand
er es, seine poltischen Absichten durchzusetzen, indem er sie
v e r h e i m l i c h t e:
"Die Bolschewisten machten sich erfolgreich die Hauptwünsche und
-forderungen der revolutionären Masse zu eigen (!), sofort und um
jeden Preis Frieden zu schließen" (darum ging es ihnen also
nicht) "und das Laad der Gutsbesitzer zur individuellen Nutzung
unter die Bauern aufzuteilen, wobei sie geschickt zu verschleiern
wußten, was 'Nationalisierung des Bodens' in ihrer Zielsetzung in
letzter Konsequenz zu bedeuten hatte.' (Sicherlich nicht die Er-
richtung einer bäuerlichen Parzellenwirtschaft!) (Informa-
tionen...)
Den Krieg beenden zu wollen, weil er die Arbeiter, und Bauern für
die außenpolitischen Zwecke der imperialistischen Nation verheizt
(gegen die Lenin bekanntlich eine geharnischte Streitschrift ver-
faßt hat) - das kann natürlich nie und nimmer ihr echter Wille
gewesen sein, sondern ein ganz gemeiner Trick:
"Lenin war offensichtlich mehr an der inneren Konsolidierung sei-
ner Macht als an der Behauptung historischen (!) russischen Ter-
ritoriums interessiert." ("Zeiten und Menschen").
Ungeheuerlich: Verschleudert dieser heimatlose Herumtreiber und
elende Pazifist doch einfach r u s s i s c h e s Gebiet für den
Aufbau s e i n e r S o w j e t r e p u b l i k! Schon lustig,
dieses Verfahren: da wird ein R e v o l u t i o n ä r, der ei-
niges der alten Scheiße abschaffen will, ausgerechnet daran ge-
messen, inwiefern er die Gepflogenheiten der alten Staatslenker
f o r t z u s e t z e n gedenke - und ist automatisch blamiert.
Resultat: T e u f l i s c h d u r c h t r i e b e n, die Kom-
munisten! In Wirklichkeit geht's ihnen nur um die Macht und dafür
beuten sie skrupellos die Wünsche einer "revolutionären Masse"
aus, ja inszenieren dafür glatt sogar noch 'ne Revolution, die
"unheimlich (!) reibungslos und unauffällig verlief". Das frei-
lich bringt den eben noch gebauchpinselten Massen den umgekehrten
Vorwurf ein: Muß es nicht an der Dusseligkeit des russischen
'Massenmenschen' gelegen haben, der selbst als Revolutionär noch
nicht weiß, wogegen er eigentlich ist, daß dahergelaufene Bol-
schewiki ihnen rein kommunistisches Gedankengut als Erfüllung
ganz anderer Bestrebungen andrehen konnten?
So gelangt die Geschichtsschreibung der "freien Welt" letztend-
lich zu dem Ergebnis, daß die r u s s i s c h e Revolution vor
allen Dingen e i n e n Webfehler hat: daß sie eine richtige
R e v o l u t i o n war! Wo also diejenigen, die doch stets nur
als das verfügbare M e n s c h e n m a t e r i a l der staatli-
chen Zwecke herumzulaufen haben, das getan haben, wofür sie gar
nicht vorgesehen sind - sich in die Politik e i n m i s c h e n,
um deren Herrschaft a b z u s c h a f f e n -, da hat jeden auf-
rechten Demokraten eben das kalte Grausen zu überkommen:
"Seit den Februarereignissen aber dominierte die Revolution, das
schlechthin Anormale. Was dieser Entwicklung zugrundelag, war die
massive Intervention breitester Bevölkerungsschichten in die Po-
litik. Diese Einmischung hat viele Konzepte zunichte gemacht".
(Stundenblätter für Lehrer)
Und vor allem: Diese schwache Stunde der Geschichte ist bis heute
nicht zunichte gemacht. Da gibt es noch einiges zu tun.
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