Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE BIS-1945 - Vom Rechtsvorgänger der BRD

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       Die Weimarer  Republik in der geschichtswissenschaftlichen Retro-
       spektive:
       

GESCHEITERT AUF DER GANZEN LINIE

Glaubt man den Historikern, dann muß die Weimarer Republik eine ziemlich tragische Veranstaltung gewesen sein: ausgerechnet sie, die erste Demokratie, die von deutschem Boden ausging, war näm- lich die Vorläuferin der nationalsozialistischen Herrschaft. Daß die Demokratie den Faschismus hervorgebracht hat, lassen Histori- ker allerdings von vornherein nur als n e g a t i v e n Zusam- menhang gelten: nie und nimmer das politische Programm dieser Re- publik und deren Ansprüche an Land und Leute und den Rest der Staatenwelt, soll der Sumpf gewesen sein, auf dem der Faschismus blühte, sondern ihr V e r s a g e n gilt als der Grund für den Nationalsozialismus. Denn angeblich wohnt der demokratischen Staatsform der Auftrag inne, immerzu Demokratie bleiben zu wol- len, also so etwas wie ihre eigene Außerkraftsetzung in Gestalt einer faschistischen Diktatur zu verhindern. Und gemessen an die- sem Auftrag ist die Weimarer Republik kläglich g e- s c h e i t e r t, weil sie unbezweifelbar im Januar '33 zu Ende war. Der Haken bei dieser unter Historikern üblichen Sichtweise der Weimarer Zustände, die alles, was es zwischen '18 und '33 in Deutschland gab auf seinen Beitrag zum Scheitern der Demokratie hin abklopft, ist bloß, daß die Demokratie mitsamt ihren politi- schen Akteuren diesen Auftrag, die Demokratie zu retten, gar nicht kennt. Schließlich hat noch jede demokratische Verfassung für den Staats-Notstand vorgesorgt, bei dem die Ermächtigung zur Führung der Staatsgeschäfte nicht mehr dem demokratischen Proce- dere überlassen wird; und darum ist einer parlamentarischen Demo- kratie auch nichts fremd von den Methoden, mit denen Hitler auf die angeblich unfeine Tour die Macht "ergriff": Koalitionen mit anderen Parteien, Intrigen gegen unliebsame Rivalen, Hetzparolen, Schlägertrupps, als Krönung ein kleines "Ermächtigungsgesetz" - nichts von alledem galt und gilt, wenn man ehrlich ist, als eh- renrührig für einen Politiker, der an die Macht kommen oder an ihr bleiben will (zumindest solange nicht, wie er damit Erfolg hat, und vielleicht nicht alles rauskommt...). Wenns dem Staat dient, heiligt der Zweck allemal die Mittel - das ist der ganze Grund, warum Hitler mit der offenen Ankündigung, die Parteien- herrschaft zu beenden, um Deutschland zu erretten, als veritable und respektable Alternative im Wahlkampf Punkte für sich machen konnte: er bediente sich der demokratischen Konkurrenztechniken eben auf seine Weise. Und auch die staatspolitischen Inhalte, mit denen er als deutscher Staatsmann antrat, waren so originell nicht: noch jeder bürgerliche deutsche Politiker Weimars trat schließlich für die entschiedene Revision des vorigen Weltkriegs- resultats und die Wiederherstellung von deutscher Größe und Welt- geltung, militärisch wie ökonomisch, ein. Wieso hätte den ange- sichts dieses für alle staatsmännisch denkenden Deutschen anste- henden nationalen Errettungsprogramme jemand auf die Idee kommen sollen, einen wie A. Hitler zu verhindern (es sei denn als Kon- kurrenten um den gleichen Job)?! Historiker von heute wissen es besser. In ihrer Kritik an den Weimarer Verhältnissen bringen sie das Kunststück fertig, einer- seits sämtlichen Programmpunkten der damaligen deutschen Nation gegenüber jedes Verständnis aufzubringen und gleichzeitig den An- schein zu verbreiten, daß eine Demokratie zu dem, was daraus folgt, nie und nimmer in der Lage gewesen wäre. Aus diesen beiden Elementen stricken bundesdeutsche Geschichtsschreiber dann ihre Legenden, woran die Weimarer Republik mehr oder weniger zwangs- läufig "scheitern" mußte. Mit einer Erklärung dessen, was Staat, Parteien und Bürger in jenen Jahren getrieben haben, sind diese Befunde wahrlich nicht zu verwechseln. Dafür werfen die angeführ- ten Argumente ein umso bezeichnenderes Schlaglicht auf die Ur- teilsmaßstäbe moderner "Vergangenheitsbewältigung". Parteien und Parlament - Zuviel Demokratie ------------------------------------------ auf Kosten der Staatsräson -------------------------- Eigentlich, sollte man meinen, müßte doch einem aufrechten Demo- kraten angesichts der Weimarer Republik das Herz höher schlagen vor soviel "gelebter Demokratie": Diverse Parteien konkurrierten um die Gunst des Wählers, von links bis rechts wurde das ganze Spektrum der politischen Willensbildungs-Alternativen verkörpert, im Parlament wurde heftig debattiert, je nach Interessenlage ko- aliert, und die Regierungen konnten sich nie bequem auf ihren Lorbeeren ausruhen, sondern wurden des öfteren einmal zu Fall ge- bracht, wenn sie ihre Politik nicht durch demokratische Mehrhei- ten legitimieren konnten. Doch merkwürdigerweise wird der Weima- rer Demokratie, die doch alle Ideale aus dem Sozialkundelehrbuch zu verkörpern scheint, von Demokraten kein einhelliges Lob zu- teil, im Gegenteil: so, wie sich die Parteien in Weimar aufge- führt haben, weiß der geschulte demokratische Verstand, haben sie zielgerichtet dem zarten Pflänzchen namens Demokratie den Garaus gemacht. Der Vorwurf lautet "mangelnde Konsensfähigkeit" und "Instabilität", und gibt darin schon zu erkennen, daß noch so viel "gelebte Demokratie" für sich gar nichts gilt, wenn sie nicht dazu taugt, daß die Staats-Geschäfte unbehelligt geführt werden können. Die Weimarer Parteien hätten ihre Differenzen Dif- ferenzen sein lassen und begreifen müssen, worin der Konsens der Demokraten besteht - in der periodischen und kontinuierlichen Er- mächtigung einer starken Staatsführung nämlich! Stattdessen haben sie mit ihrem albernen Gerangel um beispielsweise Konfessions- oder Einheitsschulen und einen halben Prozentpunkt Beitragserhö- hung zur Arbeitslosenversicherung die "Krise des Parlamentaris- mus" herbeigeführt. Diese demokratische Kritik an den Weimarer Zuständen hat es in sich. Was ihr zufolge die Weimarer Parteien, Regierende wie Opposition, nicht "geschafft" haben, ist, als De- mokraten all das an staatlicher Wucht und Geschlossenheit aufzu- ziehen, um eine faschistische Diktatur überflüssig zu machen. Die Demokratie hätte sich als Bollwerk gegen den Faschismus behaupten müssen - als eine so unschlagbar effiziente Staatsführung näm- lich, daß der Faschismus sich an ihr blamiert hätte. Stattdessen haben die Weimarer Parteien Hitlers Kritik an der parlamentari- schen "Quasselbude" auch noch Recht gegeben und so zum Scheitern von Weimar beigetragen. Mit einem objektiven Urteil über "die Lage" in Weimar hat dieser Befund allerdings wenig zu tun. Einleuchten lassen kann ihn sich nämlich nur jemand, der ohnehin schon auf dem Standpunkt steht, eine geschlossene und starke Durchsetzung des deutschen Staatsin- teresses sei das Gebot der Stunde gewesen. Wieso d a n n Hitler n i c h t - das wußte damals auch keiner. Zuwenig gelebte Demokratie vergeigt letztlich die Staatsräson ------------------------------------------------------------- Die Willkür geschichtswissenschaftlicher Begutachtung der Weima- rer Verhältnisse kennt keine Grenzen. Dieselben Historiker, die eben noch die mangelnde staatliche Souveränität der Weimarer Re- publik durch die Zerstrittenheit der Parteien beklagt haben, be- mängeln im nächsten Atemzug an Politikern wie Brüning und/oder Hindenburg beispielsweise, daß sie mit dem berühmt-berüchtigten Notverordnungsparagraphen 48 die staatliche Souveränität "am Par- lament vorbei" durchsetzten, so dessen "Kontrollfunktion" mißach- tet und die Parteien zu bloßen "Ja-Sagern" der Regierung "degradiert" hätten. Daß mitten in der Demokratie solche "undemokratischen Tendenzen" einrissen, weil die politischen Ak- teure den "Geist der Demokratie" nicht ernst genug nahmen, soll nun den Grund für die "innere Aushöhlung" der Weimarer Republik abgeben. Daß Politiker wie Brüning genauso wie andere bürgerliche Partei- politiker auch außerhalb der NSDAP beständig unzufrieden mit dem demokratischen Procedere waren, weil es die Durchsetzung der Staatsgeschäfte ganz unzweckmäßig behinderte, statt sie zu beför- dern, ist eine Sache. Als staatsmännisch sachgerechten Umgang mit der demokratischen Herrschaftsform, die ihre eigene Außerkraft- setzung für diesen Fall immer schon vorgesehen hat, will das aber kein Historiker verstanden wissen. Stattdessen sollen immerzu V e r s t ö ß e gegen die Demokratie und f e h l e n d e demo- kratische Grundeinstellungen bei "monarchisch-autoritär" gepräg- ten Führer-Persönlichkeiten am Werke sein, wenn das Kalkulieren der Weimarer Politiker mit den demokratischen Verfahrensweisen zur Sprache kommt. Als wären demokratische Verfahrensweisen bei der Durchsetzung von Staatsanliegen ein Selbstzweck, werden die Politiker Weimars bezichtigt, bei ihren Staats-Händeln nicht im- merzu und zuvorderst das demokratische Procedere im Auge gehabt zu haben. Die Anliegen der politischen Parteien erfahren so eine merkwürdige Verdoppelung: Einerseits stritten sie um die M a c h t im Staat und dabei hätten sie andererseits auch im- merzu darauf achten sollen, daß sie sich auch weiterhin mit den anderen um die Macht s t r e i t e n können dürfen. Zweck und Mittel des demokratischen Staatswesens werden so zielgerichtet auf den Kopf gestellt: die demokratische Verfaßtheit der Weimarer Republik, und das wußten auch die Väter des Weimarer "Grundgesetzes", als sie den Notverordnungsparagraphen 48 in die Verfassung einbauten, soll ja dazu benutzt werden, eine Politik zu machen, die die Nation voranbringt, und nicht, wie Historiker behaupten, umgekehrt, die oberste Maxime sein, dem jede politi- sche Maßnahme zu dienen hätte. Die geschichtswissenschaftliche Behauptung, es käme schwer darauf an, daß der Staat demokratisch gebaut ist, will letztlich noch weismachen, die Rettung der Demokratie hätte der deutschen Nation vieles von dem erspart, was später dann Unheilvolles passierte. Der angebliche eherne Merksatz, letztendlich könne nur eine Demo- kratie die erfolgreiche Durchsetzung der Nation gewährleisten, speist sich allerdings gewiß nicht aus einer bedingungslosen Liebe zu Parlament, Parteien und freier Presse, sondern aus etwas ganz anderem: das "1000-jährige Reich" hat eben doch bloß 12 Jahre gedauert und schon wieder einen "Schmachfrieden" hinterlas- sen, und die territorial gestutzte BRD hat mittlerweile eine Po- sition auf der Welt erreicht, der auch der "GröFaZ" seinen Re- spekt nicht verweigern könnte - "also" ist Demokratie doch der beste Weg zum nationalen Glück. Das lehrt "uns" ein verlorener Krieg und eine in jeder Beziehung wuchtige "Exportnation", deren politische Führer sich auf einen "300-Millionen-Menschen-Markt", über die schlagkräftigste westeuropäische Armee und über ein (Wahl-)Volk freuen dürfen, das auf diesen Laden auch noch stolz ist, ohne täglich "Hurra" zu brüllen. Aber damals? Bei dem zwiespaltigen Verhältnis der Weimarer Poli- tiker zur besten aller Staatsformen? Das mußte ja ins Auge gehen! Politik in Weimar - lauter gute Gründe für Hitler ------------------------------------------------- Glaubt man der geschichtswissenschaftlichen Darstellungsweise, dann hatten die Politiker der Weimarer Republik mit lauter schwerwiegenden Problemen zu kämpfen: so litt die junge deutsche Republik unter dem "Friedensdiktat" von Versailles, wurde beson- ders schwer von der Weltwirtschaftskrise getroffen und der innere Friede von aufrührerischen Elementen schwer erschüttert. Klar - für jemand, dem ein durch einen verlorenen Weltkrieg I kleinge- machtes Deutschland ein Dorn im Auge ist, weil er auf dem Stand- punkt steht, daß die eigene Nation im Konzert der imperialisti- schen Weltmächte eine ihr gebührende Geige zu spielen hat; wem an einer Krise des deutschen Kapitals nur einfällt, daß sich der na- tionale Erfolg beim internationalen Konkurrieren ums Geschäftema- chen gefälligst wiederhergestellt gehört; wem am politischen Treiben in der Republik nur auffällt, daß die Leute sich nicht zuviel herausnehmen dürfen und die Not, die ihnen beschert wird, als Auftrag zum Gehorsam gegenüber den staatlichen und ökonomi- schen Instanzen begreifen, die ihnen das Leben schwer machen - für den, aber auch nur für den, gab es in Weimar politische Pro- bleme noch und nöcher. Historiker beten diese verständnisvoll nach und geben so zu erkennen, daß sie ihr Denken wie selbstver- ständlich darauf verpflichtet haben, all diese von Staats wegen gesetzten Maßstäbe theoretisch zu teilen, indem sie so tun, als seien diese objektive Sachnotwendigkeiten, denen Politik nun ein- mal zu entsprechen hätte. Was sie aber dann wieder gar nicht verstehen wollen, ist, daß die demokratischen Politiker der Weimarer Republik es nicht geschafft haben, diesen Maßstäben erfolgreich zu genügen. Stattdessen boten sie einem A. Hitler lauter "propagandistische Möglichkeiten", um sich als die bessere staatspolitische Alternative ins Spiel zu bringen. So kommen denn alle Maßnahmen der Weimarer Politiker als lauter Fehlleistungen und Mißgriffe ins geschichtswissenschaftliche Vi- sier: Haben die Weimarer Politiker es etwa geschafft, den Sieger- mächten den Erlaß der unerträglichen Reparationslasten entschie- den genug abzutrotzen? Besaßen sie etwa ein geeignetes Krisenbe- wältigungskonzept, um die deutsche Wirtschaft vor der ausländi- schen Konkurrenz erfolgreich zu schützen? Haben sie es etwa ge- schafft, sich die Massenloyalität zu sichern, indem sie den Mas- sen glaubwürdig "vermittelten", daß ihre Opfer für die Stärke der Nation nun einmal unumgänglich sind? Nichts von alledem! Diese "Fehler-Analyse" der Historiker speist sich aus keinem ir- gendwie gearteten polit-ökonomischen Sachverstand. Was auch immer den Politikern Weimars als "Mißgriff" vorgehalten wird - daß Brü- ning etwa mitten in der Krise ausgerechnet Deflationspolitik be- trieb, und daß die staatliche Sparpolitik die Verarmung der klei- nen Leute forcierte -, allesamt sind das ja wohl ansonsten durch- aus anerkannte Sanierungsmaßnahmen auch bei heutigen demokrati- schen Staatenlenkern. Bei Brüning hingegen weiß der Historiker: das konnte ja nicht gut gehen. Daß hinterher Hitler ans Ruder kam, gibt für ihn das Qualitätsmerkmal der begutachteten politi- schen Maßnahmen ab. Sie hatten die Eigenschaft, zum Scheitern verurteilt zu sein. Historiker stört an den Taten eines Brüning eben ganz prinzipiell, daß sie die Überlegenheit der Demokratie gegenüber dem Nationalsozialismus nicht glasklar unter Beweis ge- stellt haben. Kein Zufall also, sondern sehr konsequent, daß sie die Weimarer Republik mit genau jenen Argumenten hinsichtlich wirklich erfolgreicher deutscher Politik in die Pfanne hauen, die Hitler damals gegen die Schlappmänner der bürgerlichen Regierung so überzeugend zu propagieren wußte. Das haben sie vom Führer ge- lernt: Gut ist, was Deutschland nützt - also her mit dem eisernen Besen und ordentlich aufgeräumt! W o r i n die Überlegenheit der Demokratie hätte bestehen müssen - daß sie all das hätte zuwege bringen müssen, womit H i t l e r dann Erfolg hatte - dieser Standpunkt gesteht allerdings ein, daß die eingeforderte Überlegenheit des demokratischen Systems gegen- über dem Faschismus ganz bestimmt nicht aus den so ganz anderen und besseren Staatsanliegen der Demokratie herrührt. Wer an der Demokratie keine andere Kritik kennt als die, daß nicht sie die Erfolge einheimste, die der Faschismus dann für s i c h verbu- chen konnte, der soll auch nicht so tun, als sei es von der Sache her ein Wahnsinnsunterschied, ob ein solcher oder ein solcher Führer in Deutschland das Sagen hatte. zurück