Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE BIS-1945 - Vom Rechtsvorgänger der BRD

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       Ein Betriebsunfall moderner Herrschaftsentwicklung
       

DIE FALSCHEN HERREN BEERBEN DAS ZARENREICH

"War die Oktoberrevolution nötig?" Wer so fragt, will das, was damals gelaufen ist, ganz offensichtlich nicht erklären, sondern fragt gleich nach der Vermeidbarkeit des Ereignisses - und ist so unüberhörbar parteilich, und zwar gegen die Revolutionäre. Das merkt man auch daran, daß diese Fragestellung mit deren Gründen für die Revolution todsicher nichts zu tun hat. Solchen Leuten pflegt es nämlich herzlich gleichgültig zu sein, ob "die Zeit" oder sonst wer ihren Umsturz für "nötig" erachtet - sie machen ihn einfach; und ganz bestimmt sind sie auch nicht der Auffas- sung, ihre Revolution wäre überflüssig, wenn die Verwalter der alten Verhältnisse es nur nicht versäumt hätten, diese zu "modernisieren" - sie wollen diese vielmehr kippen, eben weil sie gerade nicht der Meinung sind, daß ihre Herrschaft ein paar Feh- ler macht, sondern ganz im Gegenteil selber einer ist! Genau auf die tautologische Behauptung aber - die russische Revo- lution habe nur deswegen stattgefunden, weil die alten Machthaber den unverzeihlichen Fehler begingen, so etwas überhaupt zuzulas- sen - läuft die Erklärung hiesiger Geschichtsbücher hinaus. Die einschlägigen Abhandlungen machen gar keinen Hehl daraus, daß das Interesse, welches sie denkerisch bewegt, allein der Frage gilt, wie sich die Revolution möglicherweise hätte vermeiden lassen. Die sonst übliche Parteinahme für das erfolgreich Entstandene weicht im Fall dieses historischen Großereignisses, das immerhin eine ganze fortwirkende Tradition begründet hat, einem deutlich bekundeten Mißfallen, das zur methodischen Leitlinie der Behand- lung wird. Der revolutionären Beseitigung des Zarenreiches samt seinen ökonomischen Grundlagen ergeht es da genauso wie den ge- waltsamen Händeln zwischen den zivilisierten Nationen, den Krie- gen. Beidesmal wollen Historiker in der Sache keinen Grund ent- decken und zählen sie zu den verhängnisvollen Entwicklungen - beidesmal, weil sie auf ihr Dogma, westliche Demokratie sei das Endziel der Geschichte und Frieden ihr wahrer Zweck, nichts kom- men lassen wollen. Deswegen erledigen sie auch die Oktoberrevolu- tion mit der Frage, die ihr zwar nicht die Faktizität, aber das historische Recht abspricht, welches für historische Betrachter im bloßen Gewordensein liegt: I. Wie konnte es dazu kommen? ----------------------------- 1. Die Vorgeschichte: Unmögliche Tendenzen und unterlassene ----------------------------------------------------------- Notwendigkeiten im reich des Zaren ---------------------------------- Die historische Erklärung der russischen Revolution hebt an mit einem Rückgriff auf das Zarenreich. Gesucht wird nach Tendenzen, welche die Zarenherrschaft dafür reif gemacht haben, in ihrem Be- stand bedroht zu sein. Ihren Zugang zur russischen Revolution gewinnen die Historiker, indem sie sich mit der Unfähigkeit des Zarenreiches beschäftigen, sich zu erhalten. Ein eigentümlicher Blickwinkel. Die Revolution wird nämlich damit als ein bloßer Wechsel der Herrschaft, der Un- tergang einer alten Herrschaft und das Aufkommen neuer Machthaber aufgefaßt, das seinen Grund im Verschwinden der alten hat. Er- stens haben die Geschichtsschreiber damit von vornherein Abschied genommen, in den Leistungen der Zarenherrschaft, in den - ja durchaus bekannten und in allen Geschichtsbüchern geschilderten Zuständen könnte jemand gute Gründe entdeckt haben, sich gegen diese Herrschaft zu stellen und sie für allemal zu beseitigen. Aus höherer historischer warte sieht das umgekehrt so aus, daß die Revolutionäre das Zarenreich beerbt und übernommen haben - und zwar wegen dessen Fehlern. Damit wird der alten Herrschaft zweitens der seltsame Zweck angedichtet, die kommende Revolution zu verhindern oder überflüssig zu machen. Was die Zarenherrschaft alles zustandegebracht, was sie ausgezeichnet hat, wird damit un- ter den Zweck Restauration subsumiert und begründet einen völlig leeren, geradezu metaphysischen Inhalt von Herrschaft: "Die Geschichte des alten, des vorrevolutionären Rußland ist reich an Versuchen, die Grundlagen des Staates und der sozialen Ordnung zu erneuern und sie fähig zu machen, im Strom der Zeit standfest zu bleiben." (I,14) Der Urgrund der russischen Revolution ist so unhistorisch, unso- zial, und unpolitisch wie sonst was und liegt nicht darin, was die Revolutionäre sich vorgenommen und mit einigem Glück auch durchgesetzt haben, die Abschaffung des zaristischen Staatswe- sens. Er liegt in einer absurden Eigentümlichkeit des alten Ruß- land. Wie wenn es geahnt hätte, es könnte einmal kaputtgehen, hat es sich immerzu erneuern wollen, und dies nur zu dem Zweck, sich nicht verändern zu müssen. Diese Absurdität scheint den Hi- storikern deswegen nichts auszumachen, weil sie den Staat ge- schichtsphilosophisch als das Beleibende in der stetigen Verände- rung auffassen. In dieser Idealisierung des Staatszweck steckt eine politische Lehre zum Thema Revolution, die sehr vertraut ist: Politische Herrschaften sind allzeit reformbereit, oder müß- ten es sein, um damit eine Revolution zu vermeiden. Diese Lehre aus dem Schatzkästlein der demokratischen Staatsbürgerkunde hat Mütterchen Rußland offensichtlich nicht beherzigt, wie dem bösen Ende zu entnehmen ist, das es darum fand. Deshalb entdecken Hi- storiker die von ihnen erfundene antirevolutionäre Erneuerungswut des alten Rußland in der Wirklichkeit nur als einen vergeblichen, fehlerhaften Versuch, sich zu erneuern - so kann man es auch aus- drücken, daß die Zaren knochentrocken und herrschaftsbewußt ihr Reich zusammengehalten und sich in die internationalen Händel eingemischt haben. Andererseits stellen sie genau dieses Programm in idealistischer Manier als Notwendigkeit vor, die eigentlich diesen Staat auszeichnet: "Man darf wohl sagen, daß es zum Schicksal des Zarenreiches ge- hörte, zur Modernisierung, zur Anpassung gezwungen zu sein; das war die Quintessenz, die sich aus der Zugehörigkeit des Russi- schen Imperiums zu Europa ergab, aus seiner Machtstellung in Eu- ropa und in der Welt, und dies seit dem 18. Jahrhundert: Zwang zur Reform in politischer und sozialer Beziehung, Anpassung und Modernisierung als kategorischer Imperativ, als Staatsnotwendig- keit." (I,14) Auch wenn der gute Mann die Absichten, Berechnungen und staats- förderlichen Unternehmungen der Herrschaften mit dem Ehrentitel "staatliche Notwendigkeit" schmückt, die über jede Kritik erhaben seien, ja ein Sittengesetz darstellen soll, nach dem sich die je- weiligen Staatsverwalter vom besserwisserischen Historiker rich- ten lassen müssen: Daß ausgerechnet für das Interesse, eine euro- päische Großmacht zu spielen und für eigene Gebiets- und kolo- niale Herrschaftsansprüche Kriege zu führen, (das hatten die Za- ren ja wirklich!) innere Reformfreude, demokratische, sozial- staatliche oder sonstige 'Fortschritts'anwandlungen genau das passende Mittel gewesen sein sollen, glauben die Begutachter sel- ber wohl nicht so recht. Aber Kapitalismus, Kolonialismus und An- sätze demokratischer Regierungsprozeduren halten sie offenbar für den Maßstab, an dem sich die Vergehen der Zaren klarstellen las- sen: Sie haben sich das unausweichliche Staatsprogramm mit Namen "Modernisierung" nicht richtig zu eigen gemacht. Mit diesem in- haltsleeren historischen Erfolg ist die historische Blamage leicht zu begründen: Nix Erfolg, also nix Fortschritt - und umge- kehrt. Wenn eins für das andere steht, dann steht auch fest, woran es die Herren im Innern ihres Riesenreiches haben fehlen lassen und wer der Leidtragende davon war: in beiden Fällen ihre Macht näm- lich, die um ihres Erfolgs willen hätte modernisiert werden sol- len. Am Vorabend der Revolution: Führungslose Macht ---------------------------------------------- und machtlose Führung --------------------- Diesen unglaublichen Zustand, der die Revolution von einer bloßen Tendenz zu etwas Unvermeidlichem gemacht haben soll, bebildern Historiker mit Schilderungen, die belegen sollen, daß die Zaren die Macht aus der Hand gegeben haben, weil sie sie nur noch für ihre subjektiven Leidenschaften benutzen wollten, statt ihren Staatsapparat ordentlich und schlagkräftig zusammenzuhalten. Wenn es in den letzten Tagen der Zarenherrschaft "an Zeichen pathologischen Verfalls nicht gefehlt hat: beispiel- lose Mißstände in der Verwaltung, die sich in erbitterter Rivali- tät mit der militärischen Führung verfing; Anmaßungen des unkon- trollierten Polizeiapparates; fortgesetzte Demütigungen aller wohlmeinender Kräfte der Gesellschaft; dazu der Skandal um den Kriegsminister Suchomlinov" etc., (I,60) dann weiß der Historiker, daß an Revolutionsvermeidung nicht mehr zu denken ist. Eine Herrschaft ohne Autorität, ohne geschlossene Führung, politische Einsatzbefehle für die Polizei - bei einem solchen Verfall der Staatsgewalt kann es sich bloß um krankhafte Verirrungen der obersten Leiter handeln - als ob am Zarenhof je anders als mit Adelskabalen, Beraterintrigen, Militär- und Kir- chenmachenschaften Staat gemacht worden wäre. Aber beim Streit der Herrschenden - so denken sich das Historiker - bekommen revo- lutionäre Umtriebe natürlich Auftrieb. Dieser Auffassung nach ha- ben die ihren Grund nie in den unterdrückten geschädigten Inter- essen, gewinnen ihren Anhang also nicht aus den Opfern, welche die politische Gewalt schafft. Vielmehr soll das Regime in seiner Saft- und Kraftlosigkeit die traditionellen Stützen seiner Herr- schaft schleifen und orientierungslos gelassen haben. - "All diese Verhältnisse bewirkten eine tiefgreifende Vertrau- enskrise, die Eskalation oppositionellen Widerstands" - und vor allem selber keinen praktischen Willen zur Macht gezeigt haben: "... eine immer vollkommenere Isolierung des Monarchen von seiner Umgebung und von den Hebeln der Macht!" (I,61) Mit Vorliebe führen die Anti-Revolutionsexperten von der histori- schen Schreibfront den Vorwurf, der Zar habe durch eigene Fehler und Schwächen fahrlässig die Opposition stark gemacht, an seinem Umgang mit der politischen Opposition vor, der durch bedingungs- losen Terror der Polizei und des Staatsapparates gekennzeichnet ist. Alexander II mit seiner gesetzlichen Abschaffung der Leibei- genschaft kommt noch gut weg - das war ein Weg, der Opposition jedes Argument aus der Hand zu nehmen, weil das Volk zufrieden sein kann, unter einem neuen rechtlichen Status als Bauern zu rackern und zu darben. Statt dessen hat die Opposition aber den Zaren umgebracht, und damit - so die Lehre - ihrem eigenen oppositionellen Fortschrittsanliegen geschadet. An den Nachfolgern, insbesondere dem letzten Zaren, demonstrieren Historiker dagegen den Niedergang der Herrschaftskunst. Dabei geht es dem historischen Verstand charakteristischerweise nicht darum, zu zeigen, was in einer monarchischen Herrschaft steckt, wenn sie sich angegriffen sieht, sondern, daß man sich - natür- lich nur in der nachträglichen Theorie, am strafbewehrten Vermum- mungsverbot einer fortschrittlichen Demokratie soll nicht gerüt- telt werden! - weit bessere Methoden denken kann, um eine politi- sche Opposition kleinzumachen. Umgekehrt meint er, die Revolution hätte gar keine Gründe für sich gehabt, d.h. keinen Zulauf bekom- men, wären sie nicht so übermäßig verfolgt worden: "Hätte die Regierung den Dingen ihren Lauf gelassen, so wäre die Bewegung vielleicht ein totgeborenes Kind gewesen. Aber polizei- liche Verfolgung und Massengerichtsverfahren gegen Agitatoren er- hielten sie lebendig." (II,318) Ungeschicklichkeit in den Unterdrückungsmethoden - -------------------------------------------------- ein unverzeihlicher Fehler -------------------------- Zumal wenn der unfähige Zar auch noch die zweite Todsünde begeht, die Historiker kennen: sich auf kriegerische Waffengänge einzu- lassen, ohne sie zu gewinnen: "Die Kriegssituation verschärfte die bestehenden Gegensätze ins Unerträgliche. Unfähigkeit der Regierenden setzte sich ja nun so- fort in nationale Mißerfolge um, und die Opposition protestierte mehr aus Patriotismus als aus Liberalismus." (III, 670f) Das muß ja die Opposition fördern - jedenfalls in den Augen der wissenschaftlichen Nachwelt, der jede Kritik vom Standpunkt eines enttäuschten Nationalismus geläufig ist und die sich einen Auf- stand immer nur mit dem Ziel einer erfolgreichen nationalen Re- gierung verständlich machen kann und will - einer Regierung, die im Interesse einer größeren Herrschaftsstabilität auch die "soziale Frage" irgendeiner Lösung zuführt, damit die Massen friedlich ihren nützlichen Untertanendienst versehen und sich nicht mit materiellen Anliegen störend bemerkbar machen. Hätten die russischen Kriegsherren Erfolge vorzuweisen gehabt, der Hi- storiker und mit ihm die Opposition, hätte keinerlei Gründe zur Kritik mehr gehabt, sondern den nationalen Stolz gepflegt, der noch jedes Opfer adelt. Mit ihren Niederlagen aber hat die Obrig- keit das größte vaterländische Verbrechen begangen: Sie hat es nach Historikerauffassung zugelassen, daß die Opposition den Pa- triotismus hat pachten und für ihre Vorhaben hat ausschlachten können. Damit haben die Nikoläuser endgültig ihr historisches Recht ver- spielt, so sehr die Historiker auch mit ihnen mitgelitten haben und die Frage wälzen, ob die Zarenherrschaft nicht doch hätte einen evolutionären Weg nehmen können. Nun steht dieses Recht, Rußland zu regieren und damit "modernisieren" zu wollen, den De- mokraten - und nur ihnen - zu. Deshalb steht die entscheidende Phase der Revolution zunächst einmal unter dem negativen Motto: 2. Das Versagen der Demokraten: Historisch berechtigt, ------------------------------------------------------ aber ohne Basis und Machtinstinkt --------------------------------- Schon wieder, und jetzt noch entschiedener, werfen die Ge- schichtsdarsteller an der provisorischen Regierungsphase die Frage auf, warum sie die Bolschewisten, statt sie verhindert zu haben, hat zum Zuge kommen lassen. Wegen ihrer vor der Geschichte erwiesenen Unfähigkeit, den Umsturz in die richtigen herrschaft- lichen Bahnen zu lenken, d.h. rechtzeitig wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen, gelten die demokratischen Revolutionäre Ruß- lands eher als Unpersonen in den Ahnentafeln der modernen Demo- kratie. Die Guten haben versagt, ihr Anliegen aber bleibt als noch offene historische Frage in Rußland verankert; die Bösen ha- ben gesiegt, aber nur faktisch - so verteilt der Historiker seine Gerechtigkeit. Und entsprechend seitenverkehrt interpretiert er die Geschehnisse von 1917. Die Februarrevolution figuriert als der eigentliche Höhepunkt der neueren Geschichte Rußlands, während die für das heutige Rußland entscheidende Oktoberrevolution, die Beseitigung der alten Herr- schaft und ihrer demokratischen Fortsetzung, als ein tragischer Niedergang und Verrat an verständlichen und überfälligen Erneue- rungsbestrebungen der Staatsmacht interpretiert wird. Nach dem Motto: Während man leider bei der Februarrevolution die Durchset- zungsfähigkeit vermißt, stellt sich bei der Oktoberrevolution die Frage, ob es sich da um eine echte Revolution oder nicht bloß um eine Machtergreifung gehandelt hat. In soziologischem Kauderwelsch treten die Betrachter die Umkeh- rung ihrer teleologischen Kritik am Zarenreich breit: Wie das ei- gentlich fällig für Reformen war, so ist jetzt nicht Rußland reif für die Demokratie, weil sie nicht zustandegekommen ist: "Die politische Gesellschaft der Zarenzeit wurde unvermittelt ge- zwungen, demokratische Politik zu praktizieren, deren Maßstäbe und Begriffe nicht die eigenen waren. (sehr logisch!) Die soziale Basis war zu schmal, um den gewaltigen Emanzipationsprozeß frei- gesetzter Bevölkerung politisch zu integrieren und ihn an Insti- tutionen zu binden (kaum denkt er an Emanzipation, schon denkt er an Ordnung!), die erst noch geschaffen werden mußten. (Erst mal gehorchen, dann findet sich die Obrigkeit schon!) Die Revolution, derer es bedurfte, um mit dem Aufbau demokratisch-parlamentari- scher Einrichtungen beginnen zu können, besaß eine Dynamik, die sich jeglicher Konsolidierung entzog." (I,108) Ziemlich viel ordnungsliebender Unsinn auf einmal - und eine ein- zige Ablenkung von der Tatsache, daß den Kerenskijs der dauer- hafte Erfolg mit ihrer Propaganda verwehrt geblieben ist, ihre demokratische Herrschaft über das Volk sei der wahre Antifeuda- lismus, die Heimat unterdrückter Bauern, die Erfüllung aller Friedenswünsche und die Heimstatt ausgebeuteter Arbeiter. Daß die Verfechter der Sozialdemokratie für Rußland daran gescheitert sind, alle Gründe für eine Revolution mit einem neuen Herr- schaftsprogramm als Erbe des Zarismus abzuwürgen, paßt nicht ins historische Weltbild. Peinlich bemüht, das Eingeständnis zu vermeiden, daß es - bis heute nachwirkend - Massen gegeben hat, die nicht den Illusionen und Frechheiten demokratischer Regierungsschefs und Agitatoren gehorcht und deswegen auf die Bolschewisten gesetzt haben, ba- stelt der historische Sachverstand der Demokratiefans deshalb am Schein einer Sachgesetzlichkeit, derzufolge alle Umstände gegen die Demokraten sprachen. "Die Gesellschaft" hätte sie halt unter- stützen müssen, damit sie ihre "soziale Basis", das Volk, zwar nicht mit Brot und Ausstieg aus dem Krieg, aber mit neuer Herr- schaft hätten versorgen können. Das Ideal demokratischer revolu- tion, gelungene Unterwerfung, tritt gleich doppelt auf: als her- renlos gewordener revolutionärer Prozeß und als Aufgabe der demo- kraten, ihn machtvoll in die Hände zu nehmen. Und da kommt zu den 'Umständen' nach bewährtem Muster das 'Versagen' hinzu. Der Zwi- schenregierung wird nämlich nachträglich als raffinierte Befrie- digungstaktik empfohlen, was sie gerade unbedingt aus nationalen Gründen verhindern wollte - 'Friede' und 'Reform': "Sie scheiterten, weil sie (erstens) trotz kaum noch vorhandener Gewinnchancen den Krieg fortsetzten, anstatt dem restlos kriegs- müden Volk den Frieden zu bringen..." Sie unterschätzten "die vornehmlich von den Sozialrevolutionären getragene agrarische Revolution in ihrer Dynamik und (konnten) sich zu keinen durchgreifenden Sofortmaßnahmen im Sinne der land- hungrigen bäuerlichen Bevölkerung entschließen..." (IV,29) Merke: Auf den Schein, die Massen zufriedenstellen zu wollen, kommt es an, wenn man sie in unruhigen Zeiten befrieden will, um die eigene Macht zu sichern. Außerdem muß man sich der staatli- chen Machtmittel versichern - so interpretieren heutige Fans par- lamentarischer Demokratie umstandslos die damaligen Soldaten- und anderen Räte. Dann hätten sie dieses Instrument nicht den Politi- kern der Straße überlassen, sondern den Pöbel wieder zu einem normalen "Militär-, Bauern-, Arbeiter- und Untertanenvolk machen können: Sie gerieten "in einen verhängnisvollen Gegensatz zur demokra- tisch-sozialistischen Institution der Sowjets ... und (waren) für die keineswegs von Anfang an wahrscheinliche, geschweige denn un- umgänglich notwendige Zunahme des radikalen und undemokratischen, bolschewistischen Elements in diesem so überaus wichtigen zweiten Machtträger in der ... Republik Rußland entscheidend mitverant- wortlich..." (IV,29) Wenn man schon nicht erfährt, was gegen radikale, undemokratische bolschewistische Elemente sprechen soll, dann wird es wohl das sein, daß sie mit und in den Sowjets ein abweichendes Programm durchgesetzt haben und das politisierte Volk daran beteiligt ha- ben, statt es, wie es sich einfach gehört, zum Wählen und Gehor- chen gegenüber Parlament und Regierung anzuhalten. Daran merken Kenner und Liebhaber bürgerlicher Herrschaft, daß sich in der russischen Revolution etwas anderes durchgesetzt hat, und das reicht ihnen auch schon - in jedem Sinne. Da hat es am Durchgrei- fen von oben gefehlt, damit die Volksumtriebe aufhören: "Letztlich wohl ausschlaggebend" war jedoch: Sie besaßen "trotz Bildung und Erfahrung kein klares Verhältnis zu Wesen und Exeku- tive der Macht... (das ist doch mal ein klares Wort, wozu Abitur gut ist!), weil sie zwar die Verwaltung kannten, nicht aber mit der Machtausübung vertraut waren" (IV,29) Das sitzt, der Vorwurf der Feigheit vor dem Feind, mangelnder Skrupellosigkeit im Umgang mit der Macht. Und das ausgerechnet gegenüber einer Mannschaft, die den Krieg mit allen Mitteln fort- setzen und die Massen mit Patriotismus aufstacheln wollte und die Bolschewisten nach Kräften verhaftet, verfolgt und bekämpft hat. Immerhin eine eindeutige Lehre: Wo sich die Demokratie nicht durchsetzt, da fehlt es nicht an demokratischen Ideen, politi- schen Wohltaten oder sonst was, sondern an Volksbetörung, Unter- drückung oppositioneller Regungen, ordentlichen Kriegsunterneh- mungen und - Willen zur Macht. Da ist sie nämlich Verantwortung vor der Geschichte. II. Das mußte ja kommen! ------------------------ 1. Die Oktoberrevolution: Wie in einem entscheidenden Moment ------------------------------------------------------------ Rußland an die neuen Zaren verlorenging --------------------------------------- Mit dem Oktober 1917 wechselt die historische Perspektive. An die Stelle konstruktiver Kritik am Scheitern des eigentlich Guten tritt die verständnislose Begutachtung des wirklich Passierten. Sich durchgesetzt zu haben, gilt auch schon als das Verbrechen, das die Bolschewisten an der Geschichte begangen haben. Als Zweck kennen die wissenschaftlichen Kommentatoren daher nur das eine - bis heute gültige - Feindbild: Die Kommunisten haben eine in- haltslose und deswegen so schreckliche Diktatur über die Russen ohne Unterschied errichtet und ausgebaut. So rollt das Schauspiel eines Wechsels der Staatsführung noch einmal spiegelbildlich ab - als Usurpation um ihrer selbst willen. Kann man sich Juli 1917 noch über "das klägliche Scheitern des bolschewistischen Putschversuches" freuen, so lief bereits drei Monate später für die Roten alles "nach Plan", weil Lenin leider die Zeichen der Zeit erkannt hat. Mitten in den revolutionären Umtrieben wirkte nämlich des Historikers Regel von der Kontinui- tät der Macht, die den adelt, dem sie nach seiner Meinung zu- steht, und den diskreditiert, der damit nicht ordentlich regiert: Die Revolutionäre haben nicht den alten Staat abgeschafft, son- dern sich zum neuen Herren über die Macht aufgeschwungen, die auf einen wartete: "Lenin sah die Stunde zum endgültigen Handeln gekommen. Aus sei- nem finnischen Versteck beschwor er das Zentralkomitee (ZK) als das damalige Führungskremium der bolschewistischen Partei immer dringender und leidenschaftlicher, in einem sofortigen gewaltsa- men Umsturz die herrenlos gewordene Macht an sich zu reißen. Schließlich eilte er selbst herbei und erzwang in der denkwürdi- gen Sitzung des ZK vom 10./23. Oktober den entscheidenden Be- schluß zum Losschlagen. Der Erfolg gab ihm recht. Der bewußt auf den Tag des Zusammentritts des II. Allrussischen Sowjetkonkresses festgesetzte Staatsstreich in Petrograd war nicht nur recht un- blutig (auf bolschewistischer Seite zählte man lediglich 6 Tote), der Wechsel in der Macht ging auch unheimlich reibungslos und un- auffällig vonstatten (Straßenbahnen und Theaterbetrieb liefen einfach weiter)." (V,2) Mit den geringen Menschenopfern beim "Machtwechsel" beschwören die Historiker natürlich keinen humanen Zug der Roten, die schließlich wegen ihres umstürzlerischen Terrors bekannt sind, sondern eine Mahnung: Kommunisten kommen nur an die Macht, wenn Demokraten sie ihnen schenken; die Massen können sie nämlich nie und nimmer auf ihre Seite bringen, sondern sich nur als ehemalige Sektierer ins Winterpalais schleichen. Da denken die Kommunisten ganz volkstümlich, nämlich vom Standpunkt einer ordentlichen Re- gierung aus, die dem Volk seinen Willen aufzwingt. Wenn anklagend von den vielen "weißen Flecken" in der offiziellen Geschichtsschreibung der KPdSU die Rede ist, so gilt für die bür- gerliche Historie also eines ganz sicher: Sie will überhaupt nur "weiße Flecken" darstellen. Wer von ihr Aufklärung über Absich- ten, Erfolge und Fehler der Bolschewiken beim Umsturz und beim Aufbau ihres sozialistischen Staatswesens erwartet, ist an der falschen Adresse. Denn das Bestreben der westlichen Geschichtsbü- cher geht dahin, die Revolution und die anschließende Politik in der Sowjetunion ihrer Besonderheit zu entkleiden, ihr überhaupt jeden umstürzlerischen Charakter, außer in den obersten Regie- rungsetagen, zu bestreiten - um dann die von jedem Inhalt gesäu- berte, unkenntlich gemachte bolschewistische Revolution als deren ureigenstes Wesen vorzuführen. Aus Lenin wird so mit allen Mitteln der Übertreibung und Denun- ziation das Zerrbild eines Regierungschefs und einer großen hi- storischen Persönlichkeit, ein gemeiner Bandenführer, dem alle ehrenvollen Insignien der Verantwortung fehlen, welche der Besitz der Staatsgewalt sonst verleiht: "Niemand war so gut und gründlich in der Handhabung der Macht ge- schult wie die bolschewistischen Berufsrevolutionäre und niemand war von einem so unbändigen und skrupellosen Willen beseelt, Macht zu erlangen und auszuüben, wie ihr Führer Lenin." (V,3) Dem Zaren fehlenden Reformwillen zu attestieren, dem Bolschewi- sten aber einzig den, zu herrschen, - das ist schon eine Spitzen- leistung historischer Gerechtigkeit. Dabei ist der Inhalt der Kritik denkbar simpel: Lenin hat den Fehler begangen, in der Kon- kurrenz um die Abstraktion "Staatsmacht" den leider fehlenden In- stinkt seiner demokratischen Feinde ausgenutzt zu haben. Kein Wunder, daß bei dieser Betrachtungsweise Hitler, der radikale bürgerliche Staatsfanatiker, nur als eine Neuauflage des radika- len kapitalistischen Herrschaftskritikers Lenin erscheint. So versteigen sich Historiker gern zu der Lächerlichkeit, bei den Gründen für den Erfolg der Marxisten in Rußland eines ganz ent- schieden abzustreiten: Ihr Marxismus ist es nie und nimmer gewe- sen, wie die bürgerlichen Marxkenner und - Liebhaber beim eifri- gen Studium der Parteidokumente herausgefunden haben wollen: Ihnen war "wenig Marxismus, etwas mehr Tradition der russischen revolutionären Bewegung, am meisten aber..." - na was wohl: "ein unbeugsamer und unfehlbarer Wille zur Macht." (III,643) Mit der Konstruktion "Ideen machen Geschichte" ist es also in diesem Fall nicht weit her - darauf haben die Bolschewiken ein- fach kein Anrecht. Nein, die Massen haben damals nur deshalb auf Leute gehört, weil er "so polemisch geschickt vor"ging (II,414) oder auch mit "primitiven demagogischen Parolen wie 'Raubt das Geraubte'" (IV,20) (statt mit so kultivierten Empfehlungen wie 'Achtet das Privateigentum, mehret den Nationalreichtum und seid Eurer Obrigkeit untertan') die Russen hinter sich gebracht hat. Auf jeden Fall: Statt ordentlicher Führung Ver-Führung. Das ist ein Standardargument demokratischer Historiker für den Erfolg der Revolution. Nicht eine Seele außer ihrer eigenen verkommenen wollten die Leninisten davon überzeugen, daß sich das Volk für bessere Verhältnisse auf die Hinterbeine stellen sollte - und daß ein sozialistischer Staat, der sich das ins Programm schreibt, hermüßte: Dieses Programm stellen Historiker weder in eine 'gute' Tradition radikaler Sozialreformen, was ihnen ja auch mal einfal- len könnte und noch nicht einmal so falsch wäre; noch kritisieren sie die Fehler des Programms eines wirklich fortschrittlichen und für das Volk tauglichen Arbeiter- und Bauernstaates. Sie nehmen es überhaupt nur als hinterhältige Propagandamasche zur Kenntnis. So wenig ist Demokratiepropagandisten geläufig, daß man es mit den materiellen Interessen des Volkes auch einmal ernst meinen könnte oder gar sollte - und sei es nur ernster als in sozialde- mokratischen und christlichen Reform- und Sozialphrasen. Hätte Lenin den Fehler gemacht, dem russischen Volk offen über sein Ziel Auskunft zu geben, es hätte ihn zum Teufel gejagt. Aber das Volk mit einem "attraktiven Bild des zukünftigen Rußlands" zu betören, das ist ein Betrug, der umso schwerer aufzudecken ist, als Lenin - Spitze der Abgefeimtheit - seine Propaganda erst ein- mal in die Tat umgesetzt hat: "Solange die Sowjetregierung der Bolschewisten für die überwälti- gende Mehrheit des russischen Volkes nichts anderes bedeutete als Friede und Land, hatten antibolschewistische oder gar gegenrevo- lutionäre Bestrebungen wenig Chancen." "Weder der Arbeiter noch der Bauer war auch unmittelbar betroffen (eine schöne Ausdrucksweise für die Abschaffung des Privateigen- tums an Produktionsmitten und die Einrichtung einer Staatsökono- mie!), wenn die Behörden ihren Namen (!) änderten und die 'Expropriation der Expropriateure' mehr und mehr in Gang kam." (III,655) Das, was sie der bürgerlichen Februarregierung als taktisches Konzept für die Massenbefriedigung ans Herz gelegt haben, das kreiden die Begutachter den Bolschewisten, die wirklich nicht an Krieg, sondern an einer Neugestaltung der gesellschaftlichen Ver- hältnisse interessiert waren und deshalb aus dem Krieg aus - und in die Organisation einer volksdienlichen Produktion und Vertei- lung eingestiegen sind - egal, was sie dabei an falschen Schrit- ten unternommen, was erreicht und was nicht zustandegebracht ha- ben - als bloß taktisches Manöver zur Herrschaftssicherung über das Volk an. Vom revolutionären Arbeiter, der die Enteignung der Fabrikbesitzer begrüßte, über den fortschrittlich gesonnenen Sol- daten, der nun im neuen Volksheer gegen Konterrevolution und In- vasionstruppen gekämpft hat, bis zum reaktionärsten Bauern, der sich wirklich nichts als ein Stück privater Scholle versprochen hat - für den historischen Betrachter gehören sie alle zum Volk, das zu diesem Zeitpunkt bloß noch nicht wissen konnte, daß die Bolschewisten seine Versklavung schon vorgesehen hatten, während seine heutigen Anwälte, die das Volk gerade eben noch von der Straße weg zum Arbeiten und Gehorchen gebracht sehen wollten, ihm natürlich nichts sehnlicher als seine Freiheit und seinen Segen wünschen. Als es dann aber nicht nur für die heutigen demokrati- schen Kenner, sondern eigentlich für jedermann in der Sowjetunion offenbar wurde, daß die kommunistische Parteiherrschaft mit ihrer Umgestaltung von Staat und Gesellschaft eigentlich nur ihren Trieb betätigt hat, die russische Gesellschaft mit ihrer Macht zu durchdringen, da war es im Grunde bereits zu spät. Die Kapitali- sten, die beim friedlichen Aufbau einer menschenfreundlichen Pro- duktion und Versorgung ja bekanntlich mit ihrem Profit immer an erster Stelle sind, waren abgeschafft, Not und Elend daher keine Erbschaft der Kriegs- und Privatwirtschaft sowie der halbfeudalen ländlichen Verhältnisse, sondern in Wirklichkeit das Werk der neuen, mit ihren volksfreundlichen Experimenten zum Wirtschaften überhaupt unfähigen Herren: Es traf "jeden einzelnen, wenn die seit langem drohende wirt- schaftliche Katastrophe nicht aufgehalten werden konnte. Eine verzweifelte wirtschaftliche Lage hatte die Sowjetregierung schon von der Provisorischen Regierung geerbt, aber wo die Improvisati- onsaufgabe des interessierten Privatunternehmens vielleicht noch Auswege gefunden hätte, da mußte die staatliche und noch mehr die wilde Sozialisierung die bereits bestehenden Schwierigkeiten zur Unlösbarkeit steigern." (III,655) Aber der Historiker weiß noch mehr. Genau das war den Leninisten nur recht. Die Notlage der von außen bekämpften Revolutionäre, die zu all den schwierigen Bedingungen für einen flotten Fort- schritt im Innern noch hinzukam, den Krieg, den die hochgelobten Demokratien gegen das revolutionäre Rußland unterhalten haben, verwandeln die eifrigen Quellenforscher kurzerhand in die geheime eigentliche Absicht der Bolschewisten: Man "kann behaupten, daß der Krieg vorhandene Tendenzen ver- stärkte und zusätzlich rechtfertigte, vor allem die alles beherr- schende spezifisch leninistische Tendenz in Richtung des Zentra- lismus. d.h. einer totalen Konzentration der Macht. In jedem po- litischen System erzwingt die Kriegführung eine Zusammenfassung und zentral gesteuerte Verwendung der vorhandenen Kräfte. (Das ist klar, daß es in solchen Zeiten weniger denn je soziale Expe- rimente, sondern Gehorsam, Arbeits- und Waffendienst braucht. Wer das gerade nicht will, bei dem steht fest:) Genau dies entsprach jedoch vollkommen Lenins Vorstellung von der Methode, mit der man das Ziel der klassenlosen Gesellschaft in Gestalt eines märchen- haft produktiven modernen Industriestaates anstreben müsse." (III,678f.) In dieser Betrachtungsweise ist wirklich alles dasselbe: Kriegs- wirtschaft ist Vergesellschaftung, Zentralismus ist klassenlose Gesellschaft und moderner Industriestaat ist Leninismus. Egal - was bleibt, ist die denunziatorische Logik, Lenin habe gar nichts anderes gewollt, als das, was die Historiker hier einmal für das Schlimmste erklären wollen: Starke Regierungsgewalt. Oder anders ausgedrückt - und damit ist die historische Beweisführung kom- plett: Gerade indem der Bolschewismus den Zarismus endgültig be- seitigt und sämtliche Wirtschafts- und Herrschaftsgrundsätze über den Haufen geworfen hat, hat er sich als dasselbe erwiesen: der "alte Absolutismus" wurde bloß unter "entgegengesetzten Vorzei- chen (also doch nicht der alte!) fortgesetzt und perfektioniert" (ach so, das ist das Neue!) So leicht ist das, wenn man von vorn- herein weiß, wem allein das absolute Regierungsrecht in der Ge- schichte zusteht. 2. Das historische Resultat: Der ewige Russe -------------------------------------------- Wenn das Volk sich um seinen eigentlichen Willen betrügen läßt, von der richtigen Obrigkeit regiert zu werden, dann spricht das zuguterletzt freilich auch gegen das Volk selber. Der Wider- spruch, was die Russen eigentlich für ein widerwärtiges Volk sein müssen, wenn die Staatsmacht nie total genug sein kann, um es mit sozialen Experimenten zu bändigen, kommt nicht auf. Statt dessen schließt sich der Kreis der Geschichtsdeutung mit einer umgekehr- ten Betrachtung: Das muß am nationalen Volkscharakter liegen, daß die Russen seit 70 Jahren einfach in einem sozialistischen Staat leben, und das sogar noch friedlich, obwohl in diesem System nach allen Grundsätzen bürgerlicher Geschichtsteleologie nicht zu le- ben ist. Die Russen - ein allerletztes und generelles Mal schlachten die Historiker dieses Argument aus - haben keine Gründe, zu diesem Staat zu stehen, gute oder wenigstens ver- gleichbare wie demokratische Untertanen, sondern: Sie sind so. Und dafür gibt es schon wieder eine uralte Tradition, mindestens seit dem 12. Jahrhundert bis zu den heutigen Kremlzaren: "Der Staat (überwachte) seine Untertanen, und diese überwachten einander. Welche Folgen diese gegenseitige Kontrolle der Bürger auf die Kollektivpsyche der russischen Gesellschaft hatte, kann man sich unschwer vorstellen... Eine Art Polizeimentalität prägte sich dem Staatsapparat und der Bevölkerung so tief ein, daß spä- tere Versuche aufgeklärter Herrscher, wie Katharina II, (wo kam eine aufgeklärte Zarin bloß her, wenn schon der aufgeklärte Lenin nichts als ein finsterer Zar ist!) sie auszumerzen, ohne Erfolg bleiben." (VII,118) Immerhin auch diese Weigerung, zwischen "dem Bolschewik" und "dem Iwan" einen Unterschied zu machen, hat gute bürgerliche Tradition im demokratischen 20. Jahrhundert. Was einmal Untermensch hieß, heißt jetzt halt ungefähr so: Der Anschluß Rußlands an das zivi- lisierte Europa steht wohl immer noch aus. Oder? Literatur: I. D. Geyer: Die russische Revolution, Göttingen 1980 II G. A. Craig: Geschichte Europas 1810-1980, München 1983 III. J. Stöckel: Russische Geschichte, Stuttgart 1983 IV. K.-H. Ruffmann: Sowjetrußland 1917 - 1977, dtv Weltge- schichte, München 1977 V. K.-H.Ruffmann: Die Sowjetunion 1917 - 1977, Informationen zur politischen Bildung 113/115, Bonn 1977 VI. O. Auweiler: Lenins Machteroberung 1917 VII. R. Pipes: Rußland vor der Revolution, München 1984 zurück