Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE BIS-1945 - Vom Rechtsvorgänger der BRD
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Zeitgeschichte
WAS DEUTSCHEN HISTORIKERN ZUR JUDENVERFOLGUNG EINFÄLLT
Deutsche Historiker können über den Unsegen der "nationalsoziali-
stsichen Gewaltherrschaft" n i e genau und ausreichend
g e n u g w i s s e n. Das hat keinen sachlichen, sondern darin
seinen Grund, daß Historiker den Faschismus mit höchst
eigentümlichen Fragestellungen bedenken, und die sorgen auf ihre
Weise dauerhaft für Forschungsstoff:
"Die Endlösung": "Wahnsinn" - beabsichtigt oder improvisiert?
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"Verbrechen" - einmalig oder vergleichbar?
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Liest man eine Bestandsaufnahme der Forschung zur nationalsozia-
listischen Judenvernichtung, fällt sogleich auf, daß es da in der
schönsten Einmütigkeit um äußerst seltsame Streitpunkte geht. Be-
herrschendes Thema ist die "Rekonstruktion der Entschlußbildung",
und das zentrale "Forschungsproblem" ist die Frage,
"ob der Mord an den Juden auf eine I n i t i a t i v e
H i t l e r s z u r ü c k g i n g oder sich aus den antijüdi-
schen Maßnahmen der Nationalsozialisten in einer A k k u-
m u l a t i o n ergab...
W i e, w a n n und w o, gegebenenfalls von w e m ist der
Entschluß oder sind die Entschlüsse gebildet worden, die europäi-
schen Juden in welcher Reihenfolge und mit welchen Mitteln zu tö-
ten?" (Jäckel III, S. 11)
W e r von den damals für das Gedeihen des deutschen Volkes Ver-
antwortlichen sich auf die physische Ausrottung der Juden ver-
ständigt hat; w a n n dieser Beschluß - 1924 in der Gefängnis-
haft Hitlers in Landsberg oder erst in der ominösen Wannseekonfe-
renz 1942 oder irgendwo dazwischen oder gar nie richtig - gefällt
wurde; dies sind seinem I n h a l t gegenüber sehr fremde Fra-
gestellungen und ein tiefes Ergründen der Modalitäten der Be-
schluß f a s s u n g k a n n daher niemals etwas zur Klärung
der Natur dieses B e s c h l u s s e s beitragen. Die Histo-
rikerzunft sieht dies übereinstimmend ganz anders:
Die einen treten mit der Behauptung auf, daß sich "die Entwick-
lung des Hitlerschen Antisemitismus in einer Stufenfolge nach-
zeichnen läßt" (Hillgruber I, S. 221), gehen davon aus, daß "die
großen Entscheidungen in der Geschichte des Dritten Reiches" von
seinem "doktrinären programmatischen Kern her zu fassen" (ebd.,
S. 220) seien und die Tat mit ihrer Rückführung auf die
A b s i c h t zu ihr in Form einer f i x e n I d e e Hitlers
für grundsätzlich erklärt sei:
"Die Entfernung der Juden war Hitlers ä l t e s t e s Ziel.
Schon in einem Brief vom 16.9.1919, dem ersten politischen
Schriftstück seines Lebens, hatte er geschrieben..." (Jäckel II,
S. 89)
"Man hat daher Anlaß zu der Annahme, daß die Judenfrage Hitler
anfänglich und vielleicht lebenslang mehr u m t r i e b als die
Außenpolitik." (Jäckel I, S. 155)
Die anderen wollen es genau andersherum sehen: Ihnen erscheinen
die Vorgänge eher als mehr oder weniger z u f ä l l i g e A d -
H o c - R e a k t i o n e n auf die diversen Wendungen der Ta-
gespolitik, weshalb sie "als Funktionen gesellschaftlicher Ab-
läufe" interpretiert werden.
"Es war gleichsam Hitlers zweite Natur, Entscheidungen erst dann
zu vollziehen, wenn die Situation dazu überreif erschien.
Der Holocaust beruhte nicht auf einem langfristig entwickelten
Programm. Es handelte sich um eine perfekte I m p r o v i-
s a t a t i o n, die jeweils aus früheren Planungsstufen
hervorging und diese eskalierten." (Mommsen, S. 235 u. S. 277)
Um welche Entscheidung es sich dabei gehandelt hat, ist ziemlich
wurscht; gefragt ist hier weder eine Erklärung der faschistischen
Vorstellungen von Volk, Staat und Rasse, die sog. Volksschädlinge
zwecks Reinheit und politischer Verläßlichkeit des Volkskörpers
aussortiert sehen möchte, noch eine Erklärung dafür, warum dies
so manchem braven, staatsbürgerlich gebildeten Untertanen so un-
heimlich gut eingeleuchtet hat: Das historische Argument heißt
hier schlicht "Funktion" und ist die zuversichtliche Kundgabe,
daß Historiker den Grund einer Sache nicht zu wissen brauchen, um
sie in jedem Falle als begründet ansehen zu können. Diese ab-
strakte Beschwörung der Judenvernichtung als k e i n e s-
f a l l s z u f ä l l i g ist die nicht übermäßig gehaltvolle
wissenschaftliche Anknüpfungstour an die Vorstellung des All-
tagsverstandes, daß es sich um eine perverse Scheußlichkeit
gehandelt haben muß, die mit Gott und der Welt zusammenhängen
mag, nur nicht mit Politik und dem damaligen "Modell Deutsch-
land". Weil er über seinen Gegenstand nichts weiß, sich aber
plausibel machen möchte, daß es ihn hat geben m ü s s e n, ver-
steigt sich dieser "Ansatz" dazu, den Rassismus als nicht weiter
ernst gemeinte "Phraseologie", als für die Praxis nicht vorgese-
henes "nur Weltanschauungs-Instrument" zu v e r h a r m-
l o s e n, der also nicht als Funktion für die damaligen
Staatsgeschäfte, sondern für etwas ganz a n d e r e s (wie z.B.
so etwas Unschuldiges wie "Zukunftsgläubigkeit") gedacht gewesen
sein müsse.
Weil es als ausgemachte Sache gilt, daß der Antisemitismus eine
im Westen u n politische Ideologie ist und die Judenvernichtung
folglich mit Politik und Nation nicht das Geringste zu tun haben
kann, staffieren diese beiden theoretischen Varianten des Zustan-
dekommens des Holocausts die Einheitsideologie aus, wonach im Fa-
schismus eigentlich "Nicht-Politik" doch Politik werden
m u ß t e: Allein dazu werden aus dümmsten Nebensächlichkeiten
wie Z e i t p u n k t, P e r s o n e n und Modalitäten der Be-
schlußfassung zur Lösung des "Judenproblems" alles entscheidende
Angelpunkte der Forschung, weil die ganz extraordinäre histori-
sche Umstände dingfest zu machen erlauben, welche dieser
"irrationalen Ideologie" die Tür in die Politik geöffnet hätten.
Von der antisemitischen Tradition des 19. Jahrhunderts, die sich
in den 20er Jahren zu Hitlers fanatischer Weltanschauung verdich-
teten, um sich später über diese Person in die Politik einzu-
schleichen, bis zu den "Antagonismen des Systems" (Mommsen, S.
262), welche die an sich gar nicht ernstgemeinte "verbale antise-
mitische Rhetorik" zu ihrer Realisierung getrieben haben sollen,
ist dann alles recht zur Plausibilisierung dieser einen Ideolo-
gie, deren Kern auch jeder Nicht-Historiker sehr geläufig ist.
Auch das ist die "Endlösung": Ein Krieg zuviel!
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Das staatsmoralische Apriori dieser Phantastereien, daß der Holo-
caust mit Politik nichts, mit zeitbedingten Verformungen des Po-
litikmachens aber sehr viel zu tun haben müsse, erfährt in den
Abhandlungen regelmäßig eine sehr verräterische "realistische"
Ergänzung. In letzter Instanz lebt dieses Apriori nämlich von dem
Verdacht, die Nazis hätten das Geschäft der staatlichen Gewalt im
Grunde gar nicht beherrscht. Dabei denkt der demokratische Sach-
verstand an das, was i h m als Erfolgsrezept s e i n e r
Herrschaft einleuchtet - ordentlich, d.h. vor allem wirksam -, so
daß der klassische Vorwurf der "faschistischen Barbarei" so men-
schenfreundlich auch wieder nicht ist. Er ist eine einzige Heu-
chelei, insofern das Messen der einschlägigen - "barbarischen" -
Maßnahmen an dem Kriterium ihres Beitrags zum angepeilten natio-
nalen Erfolg mit gebotener Sachlichkeit an dem "Unbegreiflichen"
bloß durchexerziert wird, um d i e s e n Verdacht zu erhärten.
Auch das "Verbrechen" b l a m i e r t sich erst richtig an sei-
nem Beitrag zum Untergang seines Urhebers, des Dritten Reiches.
"Funktionalisten" und "Intentionalisten" sind sich wieder völlig
einig, wenn sie in der "moralischen Katastrophe" das verhängnis-
volle Verlassen einer auf Erfolg berechneten 'Realpolitik' erken-
nen: Der Holocaust fungiert regelrecht als der schlagendste Be-
weis für die "Irrationalität" einer ideologisch besessenen Poli-
tik. Statt "realistisch", d.h. auf Erfolg berechnet und dabei er-
folgversprechend die Chancen zu taxieren, verkannte Hitler dem-
nach die Welt mit seiner "doktrinären Sicht" und konnte nicht
einmal den äußeren vom inneren Feind - der ja wie man heute weiß,
nicht einmal einer war - unterscheiden. Weil beide in seinem Pro-
gramm "untrennbar verknüpft" waren, ist ihm eine unverzeihliche
"Starrheit" in der Durchsetzung des inhaltlich festliegenden
Kernstücks seines rassenideologischen Programms" zu bescheinigen;
"Ostkrieg u n d Endlösung..." (Hillgruber I, S. 225) waren eben
zusammen nicht zu machen. Wenn so der Zusammenhang mit dem
v e r l o r e n e n Krieg gegen die Russen die Judenvergasung
erst richtig zum Skandal macht, präsentiert sich die schlimme
"Gewaltherrschaft" nach zwei Seiten: Stillschweigend ist der
Kriegszweck gegen die Russen die "Realität" geworden, auf die es
aufzupassen galt, und der Krieg gegen die Juden ist die störende
"Konsequenz" einer "ideologischen Scheinwelt":
"Hitler scheute Zeit seines Lebens und aus einer Mischung von In-
stinkt und Eitelkeit davor zurück, die i d e o l o g i s c h e
S c h e i n w e l t, in der er lebte, mit der politischen und
sozialen Realität zu konfrontieren... Die antisemitische
M e t a p h o r i k (!) ersparte es ihm, über die
k o n k r e t e n K o n s e q u e n z e n seiner Prophezeiung
von der 'Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa' nachzudenken,
zumal mit dem Feldzug gegen die Sowjetunion der Rubikon zu einer
S t r a t e g i e des A l l e s o d e r N i c h t s über-
schritten war. Zwischen dem mit militär- und rüstungstechnischen
Details angefüllten konkreten Handlungshorizont Hitlers und dem
w i r k l i c h k e i t s f e r n e n w e l t a n s c h a u-
l i c h e n I d e e n g e b ä u d e, d a s z u r R e a l i-
t ä t k e i n e B e z i e h u n g a u f w i e s, gab es keine
Mitte mehr...
Konfrontiert mit den r e a l e n K o n s e q u e n z e n der
Judenvernichtung, reagierte Hitler nicht anders als seine Unter-
führer - er suchte diese nicht wahrzunehmen oder zu verdrängen...
Kollektive V e r d r ä n g u n g unbequemer Tatsachen und kri-
mineller Handlungen gehört zur Ausstattung jedes
p o l i t i s c h e n I r r a t i o n a l i s m u s." (Mommsen,
S. 261)
Die Sorge, daß die Auftraggeber des Holocausts angesichts seiner
blutigen Unschönheiten erschrecken könnten, sollte man sich bes-
ser nicht machen, geschweige denn die Spekulation, ob die
"Endlösung" angesichts ihrer unappetitlichen Praxis hätte wieder
aufgegeben werden können: Wer als Führer in volkshygienischen Sa-
chen Verantwortung trägt, ist zu - heutigentags 'unpopulär' anmu-
tenden Maßnahmen - b e a u f t r a g t, braucht also auch keine
"unbequemen Tatsachen" zu "verdrängen", weil sie zu seinem pa-
triotischen Kampfauftrag zur Rettung seines Volkes
g e h ö r e n.
Ein feiner Einwand, den die Historiker hier gegen den Faschismus
vorbringen: Wo es im Krieg auf "Alles oder Nichts" ankommt, haben
sich die Nazis mit ihrem "politischen Irrationalismus" den Juden
gegenüber einen erstens überflüssigen und zweitens wehrkraft-
schwächenden Nebenkriegsschauplatz eingehandelt. So differenziert
man die zwei Ziele des faschistischen Kriegsprogramms, Ausschal-
tung des inneren Feindes und Gewinnung von Lebensraum, in eine
ganz normale Abteilung (= Bekämpfung des äußeren Feindes) und in
eine gänzlich absurde (= Bekämpfung des inneren Feindes) und mo-
niert obendrein, daß der ideologisch verblendete Gröfaz nicht
einmal beide Programmpunkte "realistisch", d.h. nach Maßgabe er-
folgversprechender Nützlichkeitskriterien verwalten konnte. Ganz
abgeklärt versteht man sich auf die grundsätzliche und unüber-
brückbare Unterscheidung zwischen einem anerkennenswerten, durch-
aus militanten M a t e r i a l i s m u s s t a a t l i c h e r
G e w a l t, der negative Idelabilder vom 'wirklichen' Feind -
etwa vom Russen - allemal mit einschließt, auf der einen Seite,
und dem I d e a l i s m u s d e r n a t i o n a l-
s o z i a l i s t i s c h e n J u d e n f e i n d s c h a f t
auf der anderen, an dem überhaupt keine materiell staats-
dienliche, als 'verständlich' anmutende Grundlage mehr auszu-
machen sein soll. Weil da lauter "Unschuldige", d.h. für deutsche
Politik an sich gut b r a u c h b a r e - sogar mit Orden
ausgezeichnete Weltkrieg-I-Teilnehmer - zu völlig überflüssigen
Leichenbergen verarbeitet wurden. Anstatt sie auf dem
Schlachtfeld einer offenbar viel plausibleren Verwendung als
Kanonenfutter zuzuführen:
"Hier wurden Menschen ermordet, die - unabhängig davon, ob sie
überhaupt einen politischen Faktor darstellten - als minderwertig
betrachtet wurden... Der Massenmord war die mit unheimlicher Kon-
sequenz in die Praxis umgesetzte nationalsozialistische
T h e o r i e d e s b i o l o g i s c h e n Materialismus."
(Erdmann, S. 110f.)
Erst der verhängnisvolle Zusammenhang der Judenvergasung mit dem
Kampf gegen die Sowjetunion beweist das wirkliche Ausmaß der an-
geblichen Verrücktheit dieser Politik, und der ansonsten gern zur
Schau gestellte moralische Rigorismus gegenüber den ausgiebig be-
bilderten Greueln zieht sich ganz auf einen sich "realistisch"
gerierenden Idealismus des besseren Gelingens des Dritten Reiches
bzw. des Zweiten Weltkriegs zusammen. Daß die "Endlösung" den
Endsieg behindert hat, ist denn auch das schlagendste Argument
gegen sie, das kaum eine 'Analyse', ob "funktionalistisch" oder
"intentionalistisch", vergißt:
"Hitler war u n f ä h i g, in dieser Hinsicht Prioritäten zu
setzen, und diese Unfähigkeit kam in seinen Handlungen immer wie-
der zum Ausdruck," (Jäckel II, S. 91)
"Daß während des Sommerfeldzugs 1942 in Richtung Stalingrad alle
Kräfte und alle Transportmittel für dieses strategisch als ent-
scheidend betrachtete Ziel h ä t t e n e i n g e s e t z t
w e r d e n m ü s s e n, läßt sich wohl nicht bestreiten. Den-
noch rollten aus ganz West- und Mitteleuropa Eisenbahntransporte
mit Juden in die Vernichtungslager in Polen." (Hillgruber I, S.
239)
"Der Tatbestand, daß die Politik der 'Endlösung' erheblich mate-
rielle Kräfte band, darunter den so u n e r l ä ß l i c h e n
T r a n s p o r t r a u m, und das so d r i n g e n d
b e n ö t i g t e A r b e i t s k r ä f t e p o t e n t i a l
so empfindlich begrenzte, hätte es nahegelegt, die Deportations-
und Vernichtungspraxis zu modifizieren. Mit diesem Problem gele-
gentlich konfrontiert, reagiert Hitler meist ausweichend."
(Mommsen, S. 261)
Wenn man einen Krieg gewinnen will, muß man alles dafür tun und
darf sich nicht verzetteln. Wenn man ihn nicht gewonnen hat, hat
man zu wenig für den Sieg getan und sich verzettelt. Sehr schlau,
und kaum zu widerlegen.
Und auch die Marburger Schule, die einmal mit ihrer
"Sündenbocktheorie" gemeint hat, der Antisemitismus sei eine be-
sonders raffinierte Form der NS-Ideologie, die e i g e n t-
l i c h a n t i kapitalistischen Bestrebungen des (guten)
deutschen Volks vom kapitalistischen Staat ab- und in staats-
konforme Bahnen hinzulenken, beteiligt sich phantasiereich an der
Sortierung der faschistischen Herrschaft in begründete und nicht-
begründete Gewalt und kann in der schieren Vernichtung von
Menschen nur noch eine "irrationale Verselbständigung des faschi-
stischen Antisemitismus gegenüber den Hauptzwecken seiner Innen-
und Außenpolitik" (Kühnl, S. 211) feststellen:
"Ich sehe keine Möglichkeit, bei der Erklärung des Massenmords um
die These von einer partiellen Verselbständigung der faschisti-
schen Ideologie und Staatsgewalt sowohl gegenüber den Profitin-
teressen des Monopolkapitals wie auch gegenüber den Herrschafts-
sicherungsinteressen des Systems herumzukommen."
(Kühnl, S. 211)
Auch das ist ziemlich unanfechtbar: Wenn man von den "Haupt-
zwecken" der faschistischen Innen- und Außenpolitik" ihren
faschistischen Gehalt abstrahiert, passen so manche politische
Maßnahmen des Faschismus nicht ins Bild von "Innen- und Außenpo-
litik", wie man sie so kennt, und man sieht partout "keine Mög-
lichkeit" mehr, sie in selbigem unterzubringen. Und schon sind
sie "irrational" und ziemlich "verselbständigt". Allerdings: Je
mehr die historische Theorie den Holocaust zu "Hitlers Weltan-
schauung" oder zur Konsequenz eines wiederum ihm zuzuordnenden
"Systemzwangs" verdreht, desto mehr stellt sich ihr die Frage,
wie so ein Quatsch unter Wissen und Beteiligung eines ganzen Vol-
kes zur verbindlichen nationalen Aufgabe gemacht werden konnte.
Für die Wissenschaft ist dies Gelegenheit, sich zuallererst aus-
führlich über
Das "Unbegreifliche"...
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dieser Geschehnisse zu verbreiten, um mit der demonstrativen Be-
kundung, daß man sich auch beim besten Willen k e i n e n poli-
tischen Grund dafür auch nur vorstellen kann, diese Ideologie
noch einmal abzusichern. So arbeiten sich die diversen
"Erklärungsansätze" zu einem gemeinsamen Urteil durch, der Holo-
caust wäre letztlich "unfaßlich", weil so absolut "sinnlos"
"Unschuldige" "barbarisch" vernichtet wurden:
"Das lähmende Entsetzen und die sittliche Empörung, die wohl je-
der empfunden hat, der die Geschichte dieser abgründigsten aller
Verbrechen ganauer zur Kenntnis nahm..." (Jäckel II, S. 17)
"Für den Historiker, der die Massenvernichtung der Juden zu ver-
stehen sucht, ist der absolut einmalige Charakter dieser Kata-
strophe das schwerwigendste Hindernis. Es ist nicht lediglich
eine Frage der Zeit und der historischen Perspektive. Ich be-
zweifle, daß man in tausend Jahren Hitler, Auschwitz, Madjanek
und Treblinka besser verstehen wird, als wir es heute tun."
(Deutscher, S. 163)
"Was wir n i c h t b e g r e i f e n, ist die fast schlagar-
tige Auflösung der politischen, institutionellen und der Rechts-
strukturen Deutschlands, sowie der Kapitulation der moralischen
Kräfte." (Friedländer, S. 49)
"Unbegreiflich" erscheint die Judenvernichtung einem staatsbür-
gerlich geschulten Verstand darin, daß "Unschuldige" - sprich:
keine ausländischen Feinde -, also brave Deutsche bzw. wehrlose
Frauen und Kinder "sinnlos" ermordet wurden - sprich: ohne daß
dabei ein irgendwie gearteter politischer Vorteil auszumachen
wäre. Das "fassungslose" Insistieren auf einer ungeheuren morali-
schen Besonderheit dieses 'Bürgerkriegs' o h n e politischen
Gegner, geschweige denn bewaffneten Feind, lebt vom tiefen Ver-
ständnis für eine staatliche Gewaltanwendung nach innen wie au-
ßen, sofern nur der Gegner, den sie treffen soll, ins Bild des
Staatsfeindes hineinpaßt. Das gleiche gilt für den bekundeten
Schauder vor der industriemäßig betriebenen Vernichtungsmaschine-
rie, in der man eine einzigartige Grausamkeit erblickt, die man
in der gleichermaßen systematisch angepackten Franzosen- oder
Russenvernichtung nicht bemerken will - weil das war ja Krieg und
ganz offiziell. Das "Unglaubliche" dieser "Grausamkeit" reduziert
sich darauf, daß man zu ihr so schlecht sachgerechte Beweggründe
assoziieren kann, und bloß das macht das vollkommene
"Unverständnis" aus, auf das in dieser Angelegenheit so unendlich
viel Wert gelegt wird - in deutlicher Differenz zu anderen
Großtaten nationalsozialistischer Herrschaft.
...verständlich gemacht...
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Bloß: wie mag es denn nur zu dieser "moralischen Katastrophe", zu
diesem "qualitativen Umschlag der Politik zum eklatanten Verbre-
chen" (Hillgruber I, S. 240) gekommen sein? Einmal das Terrain
aufbereitet und den Faschismus als Abweg vom Pfad staatlicher Tu-
gend bestimmt, wird der historische Sachverstand sicher und macht
sich ziemlich viel begreiflich vom "Unbegreiflichen". Seiner hi-
storischen Erklärungslogik folgend, wonach nichts für sich, weil
immer eines aus dem anderen und der Grund von etwas immer in sei-
nem geschichtlichen Vorher zu begreifen sei, wird er in letzterem
fündig: Rückschließend von den Taten auf historisch passende Rah-
menbedingungen für sie entdeckt er, daß die Z e i t moralisch
nicht so recht sattelfest gewesen sei; Irrungen und Wirrungen la-
gen damals gewissermaßen in der Luft, die haben viel
"ermöglicht":
"Die moralische Katastrophe ... war g e i s t i g v o r b e-
r e i t e t: Die - durch einen Schwund an religiöser und mora-
lischer Substanz e r m ö g l i c h t e - Herauslösung traditio-
neller Werte wie Gehorsam, Pflichterfüllung, Opferbereitschaft
und Treue aus einem größeren Wertzusammenhang erlaubten es dem
Nationalsozialismus, die zum Bruch mit der Tradition bereiten
Kräfte der 'Bewegung' und des politischen Landsknechtstums unmit-
telbar in seinen Dienst zu nehmen." (Hillgruber I, S. 242)
Von den Faschisten wie Demokraten gleichermaßen gern gesehenen,
weil von jeder dieser Herrschaftsformen gleichermaßen gern in An-
spruch genommenen Idealen staatsbürgerlicher Pflichterfüllung von
Gehorsam bis zur Treue wird vom Historiker schon ein wenig viel
verlangt: Ausgerechnet sie, die die absolute Dienstbarkeit des
Untertanen, seine systemunabhängige und universelle Brauchbarkeit
als fraglosen W e r t formulieren, sollen sich selber gegen
"Mißbrauch" feien! Und wo der anfängt und der "sinnvolle" Ge-
brauch aufhört, entscheidet sich ausgerechnet am Vorhandensein
von Gottesfurcht und moralischer Ursubstanz, in welche soldati-
sche Tugenden schon eingebettet sein möchten, will der Historiker
seiner Zeit seinen Segen geben!
In diesem Fall mag er das nicht, so daß s e i n e A u f-
f a s s u n g v o m historischen Kontinuum - vom Vorher zum
Nachher und weil vorher, deswegen nachher - die Form des
U r t e i l s ü b e r den Faschismus annimmt: Ein "Bruch mit
der Tradition" war er, also anders wie vorher...
Kollege Mommsen mag sich auf das angeblich "Unvorstellbare"
letztlich auch nur diesen Reim machen, wobei er gegenüber Hill-
grubers bloßer "Möglichkeit" einen Zahn zulegt und "bedingt"
sagt:
"Die politisch-psychologische Gesamtstruktur, die dies bedingt
hat, ist das eigentliche Problem der historischen Erklärung des
Nationalsozialismus." (Mommsen, S. 250)
Viel gewinnt er damit aber nicht, weil erstens eine Bedingung nur
sagt, was o h n e s i e alles n i c h t m ö g l i c h, mit
ihr aber deswegen nicht auch schon wirklich ist, und der Histo-
riker zweitens mit seinem Gefasel von der "Gesamtstruktur" nur
seine I d e e v o n der Bedingt h e i t des Faschismus Aus-
druck verliehen hat. Deshalb landet auch seine historische Motiv-
suche zielstrebig bei der "manipulative(n) Verformung der öffent-
lichen und privaten Moral" (Mommsen, S. 281), bei der "Zeit" und
dem von ihr abhängigen "Menschen".
...und als notwendig erklärt:
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Der geschichtliche Ort des Holocaust
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ist Hillgrubers Antwort auf dieses "Problem", welches durch die
zufällige "Konstellation des Jahres 1941" e r m ö g l i c h t
worden sein soll. Nimmt man dann noch die B e d i n g u n g ei-
nes fanatisch antisemitischen F ü h r e r s hinzu, werden
"Konstellationen" Ereignis und machen den Holocaust ziemlich
zwangsläufig:
"Sehr vieles weist auf den Höhepunkt der Siegesillusionen Hitlers
im Juli 1941 hin, als eine Situation eingetreten zu sein schien,
die eine e i n m a l i g e r s c h e i n e n d e Chance zur
Realisierung von schon lange gehegten Absichten gab." (Hillgruber
II, S. 94)
Mit der Auflösung des in Großdeutschland maßgeblichen politischen
Willens zur "Endlösung" in eine subjektlose Konstellation von Um-
ständen stellt sich der Staatszweck Völkermord - ein anderes
Subjekt als ein Staat kann so einen anspruchsvollen Zweck gar
nicht verfolgen! - als unpolitischer Privatwahn eines eines Indi-
viduums namens Hitler dar, über dessen "Gesamtverantwortung für
das Geschehen nicht der geringste Zweifel" (Hillgruber II, S. 96)
herrschen kann, während der deutsche Staat mit seinem Gewaltappa-
rat als moralisch saubere Veranstaltung dasteht, der man hin-
sichtlich ihrer politischen Programmatik jedenfalls die
"Endlösung" n i c h t anlasten kann.
"Die Endlösung": Ein einmaliger oder vergleichbarer Schandfleck?
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Allerdings: Der kleine Geburtsfehler der ansonsten glänzenden Re-
publik von heute, über einen moralisch nicht so haltbaren
Rechtsvorgänger, der von deutschem Boden aus deutsche Politik ge-
macht hat, auf die Welt gekommen zu sein, ist damit nicht vom
Tisch. Und das hat deutschen Historikern zu denken gegeben. Nicht
daß sie an ihren Deutungen der "Endlösung der Judenfrage" als
"Frage menschlicher Schuld" und moralischer Verantwortung irre
geworden wären; gesorgt haben sie sich darüber, ob denn ihr ewi-
ges Herumwälzen der "Endlösung" als Schandfleck deutscher Natio-
nalgeschichte das Passende ist, um Nationalisten von heute mit
letzterer in gebührender Weise vertraut zu machen. Und weil sie
Wissenschaftler sind, haben sie die recht einfache Problemstel-
lung, wie deutsche Bürger am besten mit einem schönen deutschen
Nationalismus - nebst einer ebenso schönen historischen Tradition
- zu versorgen seien, zu guter letzt auch noch als Streit um die
r e c h t e D e u t u n g d e r G e s c h i c h t e abge-
wickelt. Die Varianten derselben wurden im berühmten sog.
"Historikerstreit" erstmals ausgebreitet, der sich darum drehte,
welche V o r s c h r i f t e n zur Deutung deutscher Geschichte
als allgemeingültig zu erlassen seien: Soll man zur "Endlösung"
sagen, daß es auch andere Völkermorde gegeben hat - wodurch das
"deutsche Verbrechen" sich ein bißchen weniger schlimm ausnehmen
soll -, oder ist es besser, die Deutschen mit der Einzigartigkeit
dieses nationalen Skandals von den Segnungen ihrer jetzigen poli-
tischen Herrschaft zu überzeugen?
Mit einer Erklärung will das nun endgültig nichts mehr zu tun ha-
ben, es geht - wie gesehen - ausschließlich darum, sich die Ge-
schichte so zurechtzulegen und hinzudrehen, daß das
p a s s e n d e N a t i o n a l b e w u ß t s e i n hinten
rauskommt.
Das ist es, das Verständnis der Geschichtswissenschaft.
Literatur
I. Deutscher, The Non-Jewish Jew and Other Essays
K.D. Erdmann, Der Zweite Weltkrieg
S. Friedländer, Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung (in: Jäc-
kel III)
A. Hillgruber I, Die 'Endlösung' und das deutsche Ostimperium als
Kernstück des rassebiologischen Programms des Nationalsozialismus
A. Hillgruber II, Zweierlei Untergang
E. Jäckel I, Hitlers Weltanschauung
E. Jäckel II, Hitlers Herrschaft
E. Jäckel III, Der Mord an den Juden im 2. Weltkrieg. Die Ent-
schlußbildung als historisches Problem
R. Kühnl, Faschismustheorien
H. Mommsen, Die Realisierung des Utopischen: Die 'Endlösung der
Judenfrage' im 'Dritten Reich'
(Hervorhebungen in den Zitaten von uns)
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