Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE BIS-1945 - Vom Rechtsvorgänger der BRD

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       Ein Dauerproblem bürgerlicher Faschismusforschung:
       

DER FÜHRER: DIKTATOR ODER MARIONETTE DES SYSTEMS

Daß es auf den Führer ankommt, wußten die Nazis am allerbesten. Diesen Fanatikern der Vorstellung, daß der Inhalt der Politik als verpflichtende Notwendigkeit eines h i s t o r i s c h e n A u f t r a g s zu denken sei und seine Ausführung als die p e r s ö n l i c h e K u n s t eines überragenden Politikers, war immer schon klar, daß die Macht des Staates durch die unbe- schränkte Befehlsgewalt eines Führers am besten zur Entfaltung kommt. Gemäß diesem Programm sollte der mit umfassender Macht- vollkommenheit auszustattende Führer der Beste der Elite seines Volkes sein; kraft seiner hervorragenden Charaktereigenschaften hatte er seiner nationalen Aufgabe ebenbürtig zu sein. In der Hinsicht war man mit Hitler bis etwa 1943/44 sehr zufrieden, und selbst danach erschien diese zur persönlichen Inkarnation des Na- tionalinteresses gewordene Figur den meisten als der einzig ver- läßliche Garant guter deutscher Politik. Von dieser Sorte politischen Personenkults hat sich weder der bundesrepublikanische Nachfolgestaat des Dritten Reiches noch die bürgerliche Wissenschaft je distanziert. Im Gegenteil: Während noch in jedem demokratischen Wahlkampf der Slogan "Auf den Kanz- ler kommt es an" mit einer ganz besonderen Eignung des Kandidaten für die Macht um Zustimmung wirbt, bestreitet die Wissenschaft mit der Logik des Personenkults einen Gutteil der Erklärung des Faschismus. So fällt der Wissenschaft zu Hitler nichts anderes ein, als ihn ausgerechnet an der von Hitler selbst propagierten Vorstellung von Volk und Führung zu blamieren: Das, wofür er sich selbst gehalten hat, nämlich für den "größten Führer aller Zei- ten", soll er eben nicht gewesen sein, sondern eher schon der mieseste; für die Aufgabe, die Nation nach dem verlorenen Welt- krieg 'aus dem Dreck zu ziehen', erwies er sich als die reinste Fehlbesetzung des Führerpostens. Dieser Standpunkt kommt in der Faschismusforschung als wissen- schaftlicher Streit um das "Gewicht" der Rolle Adolf Hitlers für die deutsche Geschicke daher, ein Streit, in dem der Kenner zu Recht die alte (philosophische) Auseinandersetzung um die "historische Größe" geschichtlicher Persönlichkeit - nur eben mit negativem Vorzeichen - entdeckt. "Zwei einander entgegengesetzte und doch aufeinander angewiesene I n t e r p r e t a t i o n s- m o d e l l e (Hildebrand, 132) haben sich da ganz auf die Klärung der Frage eingeschossen, inwieweit die "deutsche Katastrophe" dieser Person oder einer zeit- und situations- bedingten Tendenz anzulasten ist, und wie die Kategorien Zufall und Notwendigkeit auf diese beiden Faktoren zu verteilen sind. In der Klärung dieses Problems scheiden sich dann die Geister in zwei große Lager von Hitlergelehrten und Faschismusforschern. Während die sogenannten 'traditionellen Hitlerzentriker' das Ge- wicht dieses deutschen Staatsmannes für besonders schwer halten und alles andere als günstige oder auch notwendige Bedingung sei- nes Aufstiegs darstellen, haben die diversen 'Strukturwissen- schaftler', die sogenannten 'Revisionisten', nachgewogen und das Gewicht Hitlers angesichts der von ihnen "entdeckten" übermächtigen Verhältnisse der "Zwischenkriegszeit" für ziemlich leicht befunden. Sie sehen im Gröfaz allenfalls einen "Ausdruck der Zeit" oder einen "Katalysator" des ansonsten "strukturbe- dingten" Faschismus. Großer Dämon oder kleiner Wicht - das ist die alternative Rollenbesetzung, die die Wissenschaft für Hitler bereithält; zwei unversöhnliche Positionen und ein schier unlösbares Forschungsproblem - wie es scheint. Hitler und seine Zeit --------------------- Natürlich sind es die zahlreichen Hitlerbiographien, die sich in- nerhalb dieses Problems ganz auf die angeblich alles entschei- dende Bedeutung Hitlers werfen. Mit der blöden Frage, ob die Ge- schichte des Dritten Reiches ohne Hitler g e n a u s o verlau- fen wäre wie mit ihm, erschwindeln sie sich die "Erkenntnis", daß die Erklärung des 1000jährigen Reiches auch im wesentlichen über ihn zu laufen hat. O h n e Hitler hätte es - so die Logik - den Faschismus nicht s o gegeben, wie e r ihn gemacht hat, folg- lich haben mindestens 95% der Erklärung dieser P o l i t i k über diese P e r s o n zu laufen. Das Dritte Reich - eine ein- zige Hitlerei! "Die Konzeption der Nazi-Partei, die Propaganda, mit der sie sich an das deutsche Volk wenden mußte, und die Taktiken, mit denen sie an die Macht kam - dies alles war ohne Frage das Werk Hit- lers. Nach 1934 gab es für ihn keinen Rivalen mehr, und 1938 hatte er die letzten Hindernisse seiner Handlungsfreiheit besei- tigt. Danach übte er eine so weitgehende Willkürherrschaft aus, wie sie in einem modernen Industriestaat kaum ihresgleichen hat." (Bullock, 793) Als ob das nationalsozialistische Programm, weil von Hitler ge- schrieben, auch schon seinen Begriff in seiner Autorenschaft hätte, wird hier Hitler nicht als P o l i t i k e r in Amt und Würden angesprochen, dessen Politik zu erklären ist, sondern als I n d i v i d u u m, genauer als T ä t e r eines nationalen Verbrechens, welches "weitgehend" seiner individuellen "Willkür" zuzuschreiben ist. Die Biographien leben von der, auch im staats- bürgerlichen Alltagsverstand beliebten Vorstellung, daß 'Große Männer' Politik nach ihren Vorlieben machen. Dabei deuten sie den Umstand, daß ein Mensch an den Schalthebeln der Macht sich so ra- dikal dem Staatszweck verschreibt, bis er schließlich als Charak- termaske dieses Staatszwecks dasteht, genau verkehrt herum: ihnen beweist das, daß jemand einfach "als Mensch" eine solche p o l i t i s c h e Wirkung gehabt hätte. Was Hitler als deut- scher Staatsmann getan hat, soll folglich mit seiner Funktion als Häuptling des Deutschen Reiches herzlich wenig zu tun haben; das allerunpersönlichste, nämlich nationale Anliegen, welches er im übrigen mit den klassischen Mitteln der Politik von der innenpo- litischen Formierung des Volkes bis zur militärischen Mehrung des Allgemeinwohls verfochten hat, wird damit einerseits ungeniert als sein individueller Spleen genommen, als dessen Inhalt dann doch wieder lauter Zerrbilder einer anständigen n a t i o n a l e n Politik genannt werden. Auf diese Weise ist die Politik des Faschismus jeder Allgemein- heit beraubt und als Politik schon nicht mehr erklärlich, weshalb die "Erklärung" grundsätzlich mit s e i n e r (individuellen) Tat identisch gesetzt wird. Der geschichtswissenschaftliche Ge- meinplatz, die Größe starker Führerpersönlichkeiten in der beson- ders genial gelungenen Vertretung nationaler Anliegen festzuma- chen, wird hier für das vergangenheitsbewältigende Anliegen pro- duktiv gemacht, die Politik Hitlers, dieses "Monsters" und "grauenhaftesten menschlichen Phänomen unseres Jahrhunderts" (Golo Mann) von jedem Verdacht freizusprechen, etwas mit dem deutschen Nationalinteresse gemein zu haben. Genau dieses Beweisziel verfolgt auch der jüngste Hitler-Bio- graph, auch wenn er die These von der Willkürtat namens Drittes Reich strukturgeschichtlich absichert, indem er ihm - in Anleh- nung an Jakob Burkhardts Begriff der historischen Größe - "eine geheimnisvolle Koinzidenz zwischen dem Egoismus des bedeutenden Einzelnen und dem Gesamtwillen" (Fest, 19) attestiert. "Da der Faschismus in so hohem Maße Reaktion und verzweifelter Abwehrreflex (auf das Krisengefühl der Epoche) ist, liegt es in der Natur seines Wesens, daß die Voraussetzungen, auf die er gründet, nur Voraussetzungen sind; d.h. faschistische Bewegungen bedürfen, stärker als andere politische Gruppierungen, des über- ragenden Führers. ... Es zählt gerade zu den bemerkenswerten Lei- stungen Hitlers, welche weiten Perspektiven er einer Nervenkrise abzugewinnen vermochte." (Fest, 102) Auch hier figuriert der Faschismus überhaupt nicht als Politik, sondern als individueller Reflex auf eine konfuse psychologische Situation, welche dank ihrer krisenhaft-psychologischen Außerge- wöhnlichkeit so etwas wie den Posten eines absoluten Führers - ein Krisengefühl erzeugt in dieser verständnisheischenden Logik von sich aus das Bedürfnis nach Führung! - bereithielt und so der dazu passenden Individualität Hitlers mit ihren "trüben, in- stinktgebundenen Zügen" (Fest, 20) freie Entfaltungsmöglichkeit bot. Diese "Logik", daß eine besondere Zeit einen besonderen Staatsmann braucht, wird allerdings auch dadurch nicht plau- sibler, daß Hitler seinerzeit schon mit ihr agitiert hat. Nur weil er schließlich die Befehlsgewalt über das Deutsche Reich anvertraut bekommen hat, heißt es dann, er hätte Geschichte ge- macht bzw. vergeigt: "In seiner Person hat ein einzelner noch einmal seine stupende Gewalt über den Geschichtsprozeß demonstriert." (Fest, 22) Im Begriff der "Willkürherrschaft" kündigt sich schon an, daß die Herrschaft, die ihren G r u n d im wesentlichen in der Person ihres Führers hat, ihren Z w e c k ebenso darin hat. Auch hier völlige Übereinstimmung der Biographen, wie man überhaupt sich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß man dank der zwingenden (Un)Logik der biographischen Interpretation bruchlos von einem Kapitel eines solchen Werkes ins nächste eines anderen weiterle- sen könnte. Das Dritte Reich war demnach ein System, "das nur von einem einzigen Punkt her Sinn und Konsequenz er- hielt: dem monströsen Macht- und Einsatzwillens Hitlers". (Fest, 593) "Seine zwölfjährige Diktatur war bar jeder Idee, außer der einen - seine eigene und die Macht der Nation, mit der er sich identi- fizierte, immer weiter auszudehnen." (Bullock, 794) "Das hat den Eindruck mitgetragen, der Nationalsozialismus sei keine die ganze Epoche überspannende Erscheinung gewesen, sondern dem Machthunger eines Einzelnen sowie dem Ressentiment eines un- ruhigen, eroberungssüchtigen Volkes entsprungen." (Fest) Mit dem Gestus, daß es einer Nation um viel Höheres zu gehen habe als nur um die Macht (um was denn?!), wird da eine "Idee" postu- liert, die sogleich bei Hitler vermißt wird, um nochmals das Ur- teil abzusichern, daß die Verwaltung des Nationalinteresses da- mals einer individuellen Spinnerei Hitlers gefolgt sei, der es verstanden habe, der ganzen Epoche den Stempel seiner eigenen Verrücktheit aufzudrücken. Da drängt sich dann die Frage "Warum gerade er?" ebenso auf, wie die Antwort darauf: E r muß eben aus ganz besonderem Holz ge- schnitzt gewesen sein. Es ist ein sehr folgerichtiges Bedürfnis dieser Sichtweise, Hitlers "Führungsqualitäten" weit über dem an- zusiedeln, was als die ganz normalen Erfordernisse eines solchen Amtes - von der gebotenen Rücksichtslosigkeit bis zur gekonnten Heuchelei - jedermann geläufig ist. Die ganz exzeptionellen Fähigkeiten des Führers ----------------------- werden ungefähr ebenso übermenschlich dargestellt, wie dies sei- nerzeit sein eigener Propagandaapparat gemacht hat, nur daß man ihnen heute auch außergewöhnlich schlechte Eigenschaften beige- sellt. Der einzig nennenswerte Unterschied von Hitler zu ähnlich gesonnenen nationalen Führerfiguren, daß er nämlich die Macht hatte, wird dazu verdreht, daß n u r e r sie damals erringen konnte. Als Ausstaffierung seiner ganz exzeptionellen Charakteri- deologie gelangen dann die sattsam bekannten Exkurse in Hitlers ganz und gar unpolitische Lebensbereiche von der Braunauer Kind- heit über seine mißglückten Künstlerambitionen, sein bohemienhaf- tes Betragen bis zu seinen dubiosen Beziehungen zur Eva in den Rang von erklärenden Bausteinen seiner als individuelle Manie be- triebenen Politik. Alles, was mit der Politik garantiert nichts zu tun hat, wird als irgendwie auch bedeutsamer Beitrag zur Lö- sung des "Rätsels Hitler" goutiert. So schließt man mit der ge- läufigen Untertanenlogik, daß Machthaber immer mit ganz besonde- ren Führungseigenschaften auf die Welt gekommen sein müssen, von den als s e i n e Leistung reflektierten politischen Gescheh- nissen auf seine entsprechend dimensionierten F ä h i g k e i- t e n zurück und würdigt mit einer Mischung aus Bewunderung und Beleidigung die "diabolische Größe" des Gröfaz (Erdmann, 32): In ihrem unerschütterlichen Respekt vor der Macht scheint es fast so, als würde sich die halbe Zunft regelrecht von der Hitlerschen Ausgestaltung seiner Person zur Charaktermaske seines Amtes bluffen lassen; bereitwillig entdeckt man in ihm einen wahren Geschichtstitanen, von dem man sich nur noch durch ein negatives Vorzeichen distanzieren kann. "Um zu vollbringen, was er vollbracht hat, brauchte Hitler unge- wöhnliche Gaben, die in ihrer Gesamtheit ein politisches Genie ergaben, mochten ihre Früchte auch noch so böse sein." (Bullock, 794) "Die Darstellung wird zeigen, zu welcher Virulenz und Mächtigkeit die vielen sich durchkreuzenden Stimmungen der Zeit gebracht wer- den können, wenn demagogisches Genie, eine überlegen taktisch-po- litische Gabe und das Vermögen zu jener 'magischen Koinzidenz' in einem Einzelnen zusammentreffen." (Fest, 22) Ist der Faschismus erst einmal dem ebenso außergewöhnlichen wie verbrecherischen "Phänomen Hitler" zugeschrieben, bleibt noch die Frage offen, wie diese in Amt und Würden, welche für so jemand ja nicht vorgesehen sein sollen, kommen konnte. Auf der offiziellen Seite muß da auch etwas nicht in Ordnung gewesen sein. So landet der "biographische Ansatz" notwendig bei der Frage, aufgrund wel- cher besonderen historischen Bedingungen für den Verbrecher ------------------------------ dieser eine solche Wirkung entfalten konnte. Weil Politik Normal- fall hehren Prinzipien und höheren Notwendigkeiten in Sachen Fortschritt, Menschheitsbeglückung etc. folgen soll, wogegen der Faschismus gerade als historisch einmaliger Ausnahmefall abzuhe- ben ist, sucht man jetzt ganz exzeptionelle Umstände in Politik und Gesellschaft, welche diese Wirkung e r m ö g l i c h t ha- ben sollen, und setzt so den biographischen Fehler fort, indem man in der Objektivität ein - notwendig wieder p s y c h o l o g i s c h ausfallendes - Entsprechungsverhältnis zur hochstilisierten Subjektivität konstruiert. Damit alles so teuflisch zusammenpaßte, daß so etwas Schreckliches wie das Dritte Reich herauskam, muß die andere Seite des "wechselseitigen Bedingungsverhältnisses noch der "diabolischen Größe" ihres Füh- rers auf den Leib geschneidert werden, und da eignet sich die psychologisierende Interpretation des Zeitgeists ganz hervorra- gend, weil sie Anlagen und Dispositionen konstruiert, welche für sich genommen zwar nichts Faschistisches an sich haben sollen, aber irgendwie und ganz abstrakt sich nach einer starken Füh- rungsgestalt sehnten, was eben durch den "prinzipienlosen Oppor- tunisten" (Bullock, 794) ausgenutzt werden konnte. Unter der Hand gerinnt so der ganz normale, allerorts gelobte und gepflegte Na- tionalismus, der nach einem verlorenen Krieg notwendig unbefrie- digt und aggressiv ist, zu einem historischen Krankheitssyndrom. Staat und Nation, Demokratie und Volk müssen, so die Logik - sel- ber in einer Art pathologischem Zustand gewesen sein, damit sie überhaupt für den Wahnsinnigen eine brauchbare Bedingung abgeben konnten. Es wird eine Koinzidenz an V e r r ü c k t h e i t von Zeit und Person konstruiert, wobei das eine das "Spiegelbild" des anderen ist. "In der Tat, Hitler war nicht weniger ein europäisches als ein deutsches Phänomen. Die Umstände und die Mentalität, die er aus- beutete, die Malaise deren Symptom er war, beschränken sich nicht nur auf ein einziges Land." (Bullock, 796) "Erst im Kontakt mit der Epoche gewinnt die Person Spannung und Faszination. ... Hitler entfaltete sich vor einem dichten Muster objektiver Faktoren, die ihn prägten, förderten, vorantrieben und mitunter auch aufhielten." "Hitlers Rolle und Bedeutung im Verhältnis zu den ihn umgebenden Kräften: Es war ein riesiges, ungeordnetes Potential an Aggressi- vität, Angst, Hingabewillen und Egoismus, das bereitlag, aber doch erst des Weckrufs, der Bündelung und Inanspruchnahme durch eine gebieterische Erscheinung bedurfte, ihr verdankte es Stoß- kraft und Legitimität, mit ihr feierte es seine vehementen Siege, mit ihr ging es aber auch zugrunde." (Fest, 21 und 1028) Der Zirkel vollendet somit seine 360 Grad Schleife: Der wahnsin- nige Hitler bestimmt die Geschichte, diese hat ihn aber vorher geprägt; sie wirkt sozusagen über den Umweg eines passenden hi- storischen Mediums, welches eben deshalb als geschichtliches Pro- dukt zu begreifen ist, auf sich selber. Und je nachdem an welcher Stelle des Zirkels man sich gerade gedanklich aufhält, figuriert Hitler als R e p r ä s e n t a n t eines psychologisch verstan- denen Gesamtwillens der Epoche. Die Ideologie der wechselseitigen "Prägung", die von einem politischen Grund vom Ansatz her schon nichts wissen will, ist letzten Endes der einzige Gedanke in dem ständigen widersprüchlichen Hin und Her zwischen dem Gerede von Strukturen etc. und Individualität des "biographischen Ansatzes" und reduziert sich auf die Plattheit: Geschichte prägt Ge- schichte. Kurz und gut. Warum Faschismus? Weil verrückte Zeit mit verrücktem Politiker ungemein gut zusammenpassen: "Nicht stark genug kann man betonen, daß Hitlers Aufstieg erst möglich wurde, durch das einzigartige Zusammentreffen individuel- ler und allgemeiner Voraussetzungen, durch die schwer entschlüs- selbare Korrespondenz, die der Mann mit dieser Zeit und die Zeit mit diesem Mann eingingen. ... Er war weit weniger der große Wi- derspruch der Zeit als deren Spiegelbild." (Fest, 22) Die Zeit und ihr Hitler ----------------------- Akkurat auf diesen Schluß kommen die mit den Biographen so innig verfeindeten Strukturforscher, die der Person Hitler eine unter- geordnete Rolle zumessen. Auch für sie ist der Nationalsozialis- mus das Resultat eines besonderen historischen Verhältnisses von mieser Politikerpersönlichkeit und ominösen Zeitumständen. Nur zäumen sie das wirre Pferd von der anderen Seite her auf und le- gen kollosal viel Wert darauf, daß man es genau so machen müsse. Das historische "Gewicht" des Diktators fällt bei 'strukturgeschichtlich' eingestellten Wissenschaftlern natürlich weit geringer aus als bei den Biographen. Die "Ortsbestimmung Hitlers im Gefüge des politischen und sozialen Systems der NS- Herrschaft" läßt sich hier "von der Frage leiten, inwieweit Hitler ... Exponent von in sich antagonistischen Kräften und Tendenzen gewesen ist, die auf den von ihm verkörperten fanatischen Ausweg drängten" (Broszat, II. 402), und gewinnt so natürlich die anvisierten Antworten: Die Indivi- tualität Hitlers, die im "biografischen Ansatz" zu einem Wunder- werk von allerdings verbrecherischen Fähigkeiten und Eigenschaf- ten hochstilisiert wird, wird hier im Handumdrehen auf das ge- wünschte mickrige Format zusammengestutzt. Die Freiheit der "Interpretation" kennt offenbar keine Grenzen, wenn sie den Gröfaz für die Strukturtheorie zu einem "entscheidungsunwilligen, häufig unsicheren, ausschließlich auf Wahrung seines Prestiges und seiner persönlichen Autorität be- dachten, aufs stärkste von der jeweiligen Umgebung beeinflußten, in mancher Hinsicht schwachen Diktator" (Mommsen, 702) ausstaffiert. Mit dergestalt umfriesierten Charakterzügen betritt er dann, gerade wegen seiner aparten Mischung aus Waschlappenhaf- tigkeit und Willensstärke zum passenden W e r k z e u g über- mächtiger "Verhältnisse" und "Tendenzen" prädestiniert, die Bühne des strukturgeschichtlich orientierten Faktorenarrangements: "Sein spätes Führertum hatte zwei eng zusammenhängende Grundla- gen: Er war das überzeugende Sprachrohr der völkisch-nationalso- zialistischen Gefühle und Wünsche, zugleich aber die herausra- gende politische Willenspotenz. ... Solcherart mitreißendes Füh- rer-Rednertum war gerade nicht von einer in sich ruhenden, reifen Individualität und Persönlichkeit zu leisten, sondern bedurfte einer psychisch-geistigen Verfassung, die in extremer Weise selbst so tief von der Krisen und Panikstimmung ihrer Zeit und Gesellschaftsschicht gezeichnet war, daß sie ihren Ton instinktiv traf, einer Person wie Hitler. ... Die ungewöhnliche Leiden- schaft, mit der Hitler der allgemeinen Pathologie verfiel, und die Unbedingtheit, mit der er sich darauf konzentrierte, sie zum Ausdruck zu bringen und in Aktion umzusetzen, ließen ihn zum 'Führer' werden. Auf dem Hintergrund der allgemeinen Exaltation vermochte er die eigene Neurose als allgemeine Wahrheit zu erle- ben und die kollektive Neurose zum Resonanzboden der eigenen Be- sessenheit zu machen." (Broszat, II. 402) In dem Widerspruch, den Führer als eine Persönlichkeit zu zeich- nen, die von "der Zeit" gemacht und gebraucht wurde, bewegt sich in dieser Argumentation etwa dreimal hin und her: Ausgehend von einer Beschreibung, was e r für ein besonderer Mensch war, wird sogleich angemerkt, daß er ohne eine Harmonie mit der Z e i t eigentlich nichts ist, um dann sofort wieder s e i n e "ungewöhnliche Leidenschaft" hervorzukehren, mit der er wiederum der allgemeinen Pathologie verfallen" sein soll, um sie - von der er wohlgemerkt bereits "gezeichnet" sein soll - dann erst "zum Ausdruck" zu bringen. Je nachdem, was gerade in die Optik genommen wird, sogleich wird es a l s Faktor für die jeweilige andere Seite betrachtet, so daß ein Resultat dieses begriffslosen Hin-und-Her-Torkelns zwischen den "Interdependenzen" sogleich wieder der Auftakt ist, es andersherum zu betrachten. Anders: Weil die Klärung der "Faktoren" durch ihren Zusammenbau geschehen soll, wird überhaupt nichts geklärt. Die besagte 360 Grad Schleife der biografischen Darstellung setzt hier exakt an der entgegengesetzten Kurve ein: eine pathologische Zeitströmung schafft sich ihr ebenso nervlich derangiertes Werk- zeug und greift so selber erst richtig Platz. Zwei "Ansätze" - eine Ideologie ------------------------------- In diesem Kern ist sich der "biographische Ansatz" mit dem "strukturgeschichtlichen" also restlos einig: Das eine Mal wird der Nationalsozialismus mit der Person Hitler identisch gesetzt, das andere Mal diese als einmalige Inkarnation der Zeiterschei- nung Faschismus; kurz: Hitler und seine Zeit passen in ihrer z e i t b e d i n g t e n Verformung zusammen. Die beliebte Dia- lektik von Vordergrund und Hintergrund reduziert sich auf die Al- bernheit von Henne und Ei, so daß man nicht zufällig bei allen Forschungseinrichtungen dem Sinn nach absolut gleichlautende Zen- tralstellen findet: "Selten in der Geschichte ist so deutlich eine enge Wechselbezie- hung von allgemeinen, strukturellen und personalen Faktoren zu beobachten." (Bracher, 89) "Die nationalpsychologisch vorgeformte Bereitschaft für einen charismatischen Volksführer und Erneuerer lieferte die Rolle, die Hitler nur aufzunehmen brauchte." (Bracher, 401) Hitler war "eine nahezu exemplarische Verbindung aller Ängste, Protestgefühle und Hoffnungen der Zeit", und hat "Geist und Ten- denz der Epoche verkörpert." (Fest, 1 und 19) "Die Auffassung, daß Hitler allenfalls als Katalysator sozialer Stimmungen von Bedeutung gewesen sei, die in der nationalsoziali- stischen 'Bewegung' ihren Ausdruck fanden, deren Dynamik ihn ge- tragen habe, die daher nicht einseitig von ihm, sondern von der auch er seinerseits mindestens ebenso stark, wenn nicht stärker abhängig gewesen sei, findet immer mehr Zustimmung." (Hillgruber, 601) "Insofern kommt auch diese Studie zum Ergebnis des 'Hitlerismus', aber auf einem Weg, der gerade nicht von der Person, sondern von der ihr vorgegebenen und auf sie projizierten Erwartungen der Ge- sellschaft ausgeht. Von solcher Perspektive her kann deutlich werden, daß unter wirkungsgeschichtlichem Aspekt Hitler nicht als eine Person, sondern letzten Endes selbst als eine Art 'Struktur' verstanden werden muß." (Broszat, I. 14) Wenn als "das wirkliche historische" Problem allerseits die Frage anerkannt ist, wie das "formative Zusammentreffen von persönli- chen und politischen Bedingungen zustande kam" (Bracher a.a.O.), ist mit dieser Festlegung des Problems seine Lösung immer schon gegeben. Dieses "Zusammentreffen individueller mit allgemeinen Voraussetzungen, die schwer entschlüsselbare Korrespondenz, die der Mann mit die- ser Zeit und die Zeit mit diesem Mann eingingen" (Fest, 22) ist denn auch die sehr einförmige Erklärung: D a ß die Erklä- rung des Faschismus die Summe seiner psychologisch deformierten Bedingungen i s t, gefaßt als schicksalhafte "Wechselbeziehung von allgemeinen, strukturellen und personalen Faktoren" (Bracher, 89), ist der stillschweigende Ausgangs- und Endpunkt aller noch so streitenden Forschungseinrichtungen, und nur auf dieser ge- meinsamen Grundlage kann das ziemlich unwissenschaftliche "Problem" der richtig gewichteten Zusammenfassung seiner Elemente überhaupt geben. Erst wenn der Nationalsozialismus methodisch ge- faßt ist als die Summe aller möglicher individueller sowie struk- tureller, jedenfalls aber zeitbedingter Elemente und Faktoren, kann die Erklärung im gewichteten Zusammenbau der Einzelteile be- trieben werden. Wenn also "das Pendel der Wissenschaft recht hef- tig ausschlägt zwischen den Polen von 'Hitlerzentrik' und Fa- schismustheorie (Hildebrand, 145) so verbirgt sich hinter diesem "Forschungsproblem" diese e i n e Ideologie und es bleibt der historischen Phantasie überlassen, am wirklichen Geschehen zu sortieren, was davon auf das Konto 'pathologische Person' oder auf das Konto 'pathologische Struktur' zu buchen ist. Der Witz dieses Erklärungsmusters liegt durchaus darin, was der Faschismus damit n i c h t sein soll: eine politische Alternative in Sa- chen Nation. Beide "Schulen" sind Propagandisten der Lüge, daß sich unter "Krisenumständen" n i c h t der nackte Kern der al- lerorten gepflegten Staatsbürgergesinnung äußert, sondern etwas ganz anderes. So hebt sich das Spiel mit Objekt und Subjekt, Zufall und Notwen- digkeit letztlich auf in die abstrakte Notwendigkeit des s c h i c k s a l h a f t e n Zusammentreffens aller Ingreden- zien des Faschismus. Die ebenso leere wie dumme Vorstellung einer notwendigen Zusammengehörigkeit von Ungeist und Unperson damals ist allein dafür geeignet, den modernen Deutschen mit seiner noch so (heuchlerisch) verdammten Vergangenheit zu versöhnen: "Eine gewisse historische Rechtfertigung Hitlers" (Fest, 7) kann man ihm letzten Endes nicht versagen! Literatur: K. D. Bracher, Zeitgeschichtliche Kontroversen M. Broszat I, Probleme der Hitler-Forschung, in I. Kershaw, Der Hitler-Mythos M. Broszat II, Soziale Motivation und Führerbindung des National- sozialismus A. Bullock, Hitler - Eine Studie über Tyrannei K. D. Erdmann, Deutschland unter der Herrschaft des Nationalso- zialismus J. Fest, Hitler - Eine Biographie K. Hildebrand, Das Dritte Reich A. Hillgruber, Tendenzen, Ergebnisse und Perspektiven der gegen- wärtigen Hitler-Forschung H. Mommsen, Nationalsozialismus zurück