Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE BIS-1914 - Vor Weltkrieg 1. Immer dasselbe?


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       Vor dem 1. Weltkrieg
       

IMMER DASSELBE?

Sicher war damals vieles anders als heute. Doch gewisse Prinzi- pien, die vor Kriegen einreißen, galten damals genauso. Ein paar Auszüge aus einem Geschichtsbuch (Ploetz, Auszug aus der Ge- schichte) belegen das. "1887 Der im Zeichen der Heeresvorlage neugewählte Reichstag stimmt dem Septennat zu (Heeresvermehrung auf sieben Jahre) Nach der Veröffentlichung des Zweibundvertrages (zwischen Rußland und Frankreich) am 3. Febr. 1888 neue Heeresverstärkung und be- rühmte Friedensrede Bismarcks im Reichstag am 6. Febr. mit den Schlußworten: 'Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt.' 1893 Nach Auflösung des Reichstags neue Militärvorlage: weitere Ver- stärkung des Heeres. 1898 Erstes Flottengesetz vom Reichstag angenommen (seit 1897 Staats- sekretär des Reichsmarineamts Alfied v. Tirpitz). Deutscher Flot- tenverein gegründet. 1900 Zweites deutsches Flottengesetz. Die Verstärkung der Flotte steht unter dem "Risikogedanken", d.h. der Erwartung, daß eine starke deutsche Schlachtflotte jedem Gegner einen Angriff riskant machen muß. Teilnahme am Boxerkrieg. 1909 In der Annexionskrise verursacht eine deutsche diplomatische In- tervention in St. Petersburg zugunsten Österreich-Ungarns die Ausdehnung der russischen Verstimmung auf Deutschland. 1911 Zweite Marokkokrise: Gegen das französische Vorgehen in Marokko protestiert Deutschland durch Entsendung des Kanorienboots "Panther" nach Agadir. 1912 Neue Flottenvorlage (Gesetz im März: Bauprogramm bis 1920) 1913 Heeresverstärkung (2 neue Armeekorps) 1914 Julikrise nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers 31. Juli Am Morgen wird die russische Mobilmachung in Berlin bekannt. ... Nachmittags die Kriegserklärung des Deutschen Reichs an Rußland. 3. August Nachmittags Kriegserklärung des Deutschen Reiches an Frankreich als Antwort auf die unbefriedigende französische Note zum deut- schen Ultimatum und auf die französische Mobilmachung, begründet durch französische Grenzverletzungen und angebliche, größtenteils auf Falschmeldungen beruhende Kriegshandlungen. 4. August Die Kriegskredite werden von allen Parteien einschließlich der Sozialdemokraten bewilligt. Der innerpolitische 'Burgfriede' - wird gelobt.. Ursachen: Der Krieg wird von den Staatsmännern Europas zumeist nicht gewollt. Trotzdem rechnet man überall mit dem zwangsläufig drohenden großen Krieg, in den man Anfang August 1914 'hineinschlitterte'..." Immer dasselbe? Nun, einiges war schon ziemlich anders: Es gab kein festes Kriegsbündnis gegen einen gemeinsamen Hauptfeind; die Atomwaffe war noch nicht erfunden; die Staatenkonkurrenz damals hatte noch nicht die Eigenart der NATO-Zeiten, wo das Wort "Freiheit" schon das Gütesiegel dafür ist, daß ihr böses Gegen- teil mit allen Mitteln militärischer Kunst aus der Welt geschafft gehört; der Antikommunismus war noch nicht das absolute und un- hinterfragbare Feindbild. Aber sonst? Fleißig aufgerüstet wurde, je näher desto schneller. Die diploma- tischen Frechheiten nahmen offensichtlich zu. Auch "Abschreckung" gab es schon in dem wirklichen Sinne, daß nämlich mit genügender Aufrüstung das Risiko, im Krieg zu verlieren, sinkt. Kriege wur- den auch geführt vor dem großen. Der Anlaß für diesen wurde selbstverständlich gefunden, weil der dann nur eine Entschei- dungsfrage der Gegner ist. Und eine Friedensbewegung gab es vor dem 1. Weltkrieg zum ersten Mal in der Weltgeschichte in ganz Eu- ropa. So war das Zustandekommen des 1. Weltkriegs kein Wunder mehr. Seltsam, daß schon über damals das Urteil gefällt wird - in einem Geschichtsbuch -, es hätte i h n niemand recht eigentlich gewollt, aber jeder doch sehr cool mit ihm gerechnet. Das sollte man sich merken: Niemand will ihn, alle kalkulieren mit ihm, weil sie eben ihre Gründe kennen, weshalb sie sich Flotten und Pers- hings anschaffen. Schon damals haben die Staaten gewußt, daß ihre Handlungsfreiheit mit und in der Welt eine Gewaltfrage ist. Also haben die Verantwortlichen aufgerüstet, dann mobil gemacht. Was noch auffällt ist die Dieselbigkeit der Sozialdemokratie: Damals zogen sie mit dem "Burgfrieden" in den Krieg; heute lehnen sie die Nachrüstung i m P a r l a m e n t ab. Wo ist da der Unter- schied? zurück