Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE AB-1945 - Zeit des Ost-West Gegensatzes
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 77, 07.06.1983
Projekt: "Wirtschaftspolitik in der Krise" - Prof. Hickel und
Leithäuser erzählen
GESCHICHTEN AUS TRIZONESIEN
Was war eigentlich los in Nachkriegsdeutschland-West zwischen
1945 und 1949? Wenn sich der Ökonom Hickel dieser Zeit unter dem
Titel "Rekonstruktionsperiode der westdeutschen Wirtschaft" an-
nimmt, verweist er zunächst auf eine Tatsache: im Volk herrscht
reichlich Elend. Und das erklärt er so:
"Die Güterversorgung der Bevölkerung wurde laufend schlechter, da
die produzierten Waren angesichts der nicht vorhandenen Kaufkraft
nicht abgesetzt werden konnten und die Unternehmer dazu übergin-
gen, diese Waren zu horten."
Auf der einen Seite werden also die Lebensnotwendigkeiten der
Leute, von ihren Bedürfnissen ganz zu schweigen, nicht befrie-
digt. Das geht aber gar nicht unbedingt auf einen absoluten Man-
gel an Gütern zurück. Nach Hickel gibt es durchaus produzierte
Waren. Nur kommen diese nicht in die Hände der Notleidenden, weil
Unternehmer sie als Waren "horten". Indes will Hickel damit nicht
ein historisches Beispiel dafür geliefert haben, daß kapitalisti-
sches Privateigentum und der Zweck, zu dem Unternehmer W a r e n
produzieren lassen, im Gegensatz zu einer Versorgung der Leute
mit G ü t e r n steht. Er will nicht diesen Gegensatz entdeckt
haben, sondern zwei Seiten eines M a n g e l s. Die notleidende
Bevölkerung und gleichermaßen die Unternehmer, die deshalb nicht
anders "konnten", sollen abhängig gewesen sein von einer Sache,
die ausgerechnet dadurch ihre Wirkung entfaltet haben soll, daß
sie "nicht vorhanden" war: das Geld, "Kaufkraft" genannt. Hickel
ersetzt also das Privateigentum der Unternehmer als Grund für den
Ausschluß der Bevölkerung von Versorgung (wozu im übrigen die al-
liierte Gewalt durch die Garantie des Privateigentums über den
Zusammenbruch des faschistischen Staates hinweg und gegen die Be-
dürftigkeit der Massen das ihre tat) durch einen negativen Grund.
Eine schöne Entschuldigung der Westalliierten und von Leuten, die
gleich nach dem Krieg schon wieder auf neue Geschäfte spekulier-
ten, kommt so auf jeden Fall zustande, und außerdem erscheint nun
die Nachkriegszeit als ein einziger ökonomischer Sachzwang - zur
Währungsreform:
"Es mußte eine funktionierende Geldordnung geschaffen werden,
wollte man aus der zunehmend verschlechterten Versorgungslage der
Bevölkerung herauskommen."
Mit der Frage, ob die Leute ausgerechnet die "Versorgung" mit
neuen Lappen im Werte von DM 40 satt gemacht hat, ist der Ökonom
längst fertig. Für ihn befriedigt das neue Geld sein theoreti-
sches Bedürfnis, das er der Nachkriegszeit als Mangel und so als
historisches Telos angehängt hat: es soll die von ihm eben noch
als G e g e n s a t z dargestellten Zwecke Versorgung und Wa-
renproduktion v e r s ö h n e n. Eine Sache, die logisch nicht
geht, und die Wahrheit über die Währungsreform auch nicht ist.
Als Versöhnung soll man sich das folgende vorstellen: jetzt kön-
nen sich die einen was kaufen, und die anderen ihre Waren abset-
zen. Aber was heißt hier Versöhnung? Die Währungsreform machte
den Zugang der Leute zu Lebensmitteln davon a b h ä n g i g -
von wegen: gab ihn frei! -, daß man über DM verfügte und sich zum
Geldlieferanten von Unternehmern machte. Und die Härte dieser Ab-
hängigkeit erfuhr jeder Trizonesier spätestens, sobald die 40 DM
verbraten waren. Er war nicht nur so arm wie zuvor, sondern ent-
behrte des nunmehr einzig zugelassenen Mittels - jetzt wurde der
Schwarzmarkt mit aller Härte bekämpft -, an Waren zu kommen. 'Wo
darf ich welches verdienen?' - war die ihm aufgezwungene Frage.
So daß Unternehmer nicht nur getrost das spekulative Horten von
Waren zugunsten ihres Versilberns aufgeben konnten, sondern mit
dem eingespielten Geld auch gleich die Voraussetzung vorfanden,
mehr aus ihm zu machen.
Die Verbesserung der "Versorgungslage der Bevölkerung" war nicht
der Zweck der Währungsreform. "Versorgt" wurden kapitalistische
Unternehmer mit dem Maß für ihren Gewinn und mit Lohnarbeitern.
Dazu wurde die Nachkriegsordnung der Leute weder belassen noch
beendet; sie wurde nutzbar gemacht. Lohn hieß sie nunmehr: Für
den Dienst am Kapital gab es genau so viel oder wenig davon, daß
die Leute jeden Tag aufs neue in die Fabriken einrücken. Diese
nützliche Sorte Armut legt sich der als relativen Vorteil zurecht
"Es ist eine Erfahrung, daß die Menschen nach der Währungsreform
mehr hatten als vorher." -,
der sie nicht an der dafür zu erbringenden Leistung und ihrem Er-
gebnis an Kapitalreichtum mißt, sondern eben am Elend von Trüm-
merfrauen und Kriegsheimkehrern.
Übrigens: "Es mußte" so überhaupt nicht kommen, schon gar nicht
wegen des Elends der Leute. Die Währungsreform kam auf
B e s c h l u ß zustande, den nicht "man", sondern die Westalli-
ierten trafen. nachdem sie - von wegen "mußte" - ihren Morgen-
thau-Plan ad acta gelegt hatten. Sie gründeten die BRD als
kapitalistisches Bollwerk gegen den Osten.
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