Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE AB-1945 - Zeit des Ost-West Gegensatzes

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       Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
       

DIE LEGENDE VOM UNAUFHALTSAMEN AUFSTIEG

"An manchen Tagen, wenn mancherlei Schwierigkeiten auf mich ein- stürzen, denke ich, wie war das eigentlich für jene, die nach dem Krieg in der Stunde Null unsere Bundesrepublik aufgebaut haben. Die damals die Verantwortung übernahmen, haben nicht versagt. Sie haben die Chance genutzt, nach vorne zu gehen, und das angesichts des Elends in den zerbombten Städten. Sind wir schwächer als die, die damals den Grundstein für die Bundesrepublik Deutschland ge- legt haben?" (Kohl) Deutschland - ein Ammenmärchen ------------------------------ Die BRD verdient sich in vieler Hinsicht historischen Respekt. Nicht nur ist sie "das dauerhafteste deutsche Staatswesen in die- sem Jahrhundert" (40-jährige Republik ist besser als 1000jähriges Reich). Vor allem anderen wird eine Leistung der BRD ins rechte Licht gereckt: Es ist ihr gelungen, das Unmögliche wahr zu machen - "aus dem Nichts einen Staat aufzubauen". "In mancher Hinsicht ähnelt die Lage Deutschlands im Jahr 1945 derjenigen neuer Nationen. Nicht nur war Deutschland mit dem Pro- blem konfrontiert, grundlegend neue politische Finsterungen zu schaffen: Es stand auch der noch drängenderen Aufgabe gegenüber, eine Wirtschaft und eine Nation wieder aufzubauen... und gleich- zeitig eine Position in der Weltgesellschaft zu finden." (nach Becker/Stammen, Vorgeschichte der BRD). Gleichgültig, welche der zahlreichen Veröffentlichungen über die Geschichte der BRD man aufschlagen mag, es wird einem nicht ge- lingen, an ähnlich lautenden Einleitungen vorbeizukommen. Gerade so, als wäre die Güte der Republik allein dadurch schon außer Frage gestellt, wenn man beschreibt, wie schlimm es am Anfang um sie bestellt war, werden die Darstellungen der BRD-Geschichte nicht müde auszumalen, daß ihr all das f e h l t e, was sie heute ausmacht. Von malerischen Beschreibungen des Nachkriegs- elends bis hin zur Klage über die verlorengegangene, die "ausgelöschte Staatlichkeit" (Erdemann), alles dient als Material für das staatsbürgerliche Schreckbild von der "Konkursmasse Deutschlands" (Eschenburg). Dabei scheinen die Historiker wenig Ahnung davon zu haben, w a s Konkursmasse ökonomisch ist - Mittel, um das Geschäft wieder auf die Beine zu bringen. Genau das Gegenteil soll vorgeführt werden: das W u n d e r, daß aus der totalen Niederlage, aus dem "untergegangenen Reich" je wieder ein erfolgreiches Staatswesen werden konnte. Von einer bundesdeutschen Nation, die Weltgeltung besitzt, ausge- stattet mit einem dienstbereiten Volk, mit dessen "politischer Einstellung" die Führer zufrieden sein können, deren Wirtschaft den halben Globus benützt und der deswegen auch eine vordere Pla- zierung in der "Weltgesellschaft" sicher ist - davon war damals nichts zu finden. Und das macht in der historischen Betrachtungs- weise den Glanz der Republik heute aus. In den Resultaten des 2. Weltkriegs entdecken die Historiker einen einzigen nationalen Auftrag. Wo die Alliierten damit beschäftigt waren, die Erfolge des gewonnenen Krieges einzufahren, die deutsche Bevölkerung in dessen Trümmern zu überleben trachtete und einige, die unbedingt wieder "politische Verantwortung" übernehmen wollten, den Siegern ihre Qualifikation dafür antrugen, genau dort finden die Ge- schichtsschreiber den Keim des unaufhaltsamen Aufstiegs der BRD. Auch eine schöne Legende! Das deutsche Volk - aus Erfahrung gut ------------------------------------- Vom "deutschen Volk nach dem Zusammenbruch" kann man Schlimmes erfahren: Es war im "Kampf um das Überleben verzehrt" und drohte in "Apathie" zu versinken. Nun passen Apathie und Lebenskampf nicht eben gut zusammen. Es sei denn, man hat Leute, die gerade mit den Resultaten vergange- ner Politik beschäftigt sind, schon längst für die großen Aufga- ben der künftigen Politik reklamiert. Dann freilich läßt sich daran die Gefahr ausmalen, daß die vordringliche Befassung mit den - unmittelbarsten Lebensnotwendigkeiten der "Bereitschaft zu neuem politischen Engagement", für das die "Männer der ersten Stunde" ihr arg mitgenommenes Volk ausersehen hatten, im Wege hätte stehen können. Nun, daran sollte die junge Republik nicht scheitern; denn daß Not kein Gebot kennt, gibt's auch nur im Sprichwort. Soviel staatsbürgerliche Tugend hatten die Deutschen schon aus dem Faschismus mitgebracht, daß sie das "politische En- gagement" für die neuen Führer durch Opferwillen und Gehorsam er- brachten. So weiß der Historiker auch erfreut zu berichten, "daß die Bewohner Westdeutschland, ebensogehr, wie sie die Fort- setzung des alten Obrigkeitsstaates unter stalinistischen Vorzei- chen ablehnten, sich für die Demokratie in ihrer parlamentari- schen, ihrer westlichen Form entschieden. Und dies ohne Vorbe- halte oder die latente Abneigung einer Mehrheit, an denen die Weimarer Republik zugrunde gegangen war und denen die Nationalso- zialisten ihren Aufstieg zur Herrschaft verdankten. Die Gesell- schaft hatte sich gewandelt, Demokratie wurde nach den Erfahrun- gen der Deutschen die erstrebenswerte und selbstverständliche Form staatlicher Verfaßtheit." (Benz) Selbst wider allen unmittelbaren Augenschein möchten die nach- träglichen Begutachtungen nicht auf den schönen Schein verzich- ten, das neue Gemeinwesen sei aus der freien, historisch klug ge- wordenen Entscheidung des Volkes entsprungen, sozusagen das wahr- gemachte Rousseausche Gesellschaftsvertragsmodell. Denn die wis- senschaftlichen Fans der vorläufig letzten Demokratie auf deut- schem (Teil-)Boden sind grundsätzlich zufrieden: weit entfernt, der Führung Schwierigkeiten zu bereiten, hat das Volk ohne Wenn und Aber m i t g e m a c h t. Allzugroß können die Entschei- dungsschwierigkeiten ja nicht gewesen sein, vor denen die Leute standen, wenn sie weder für den alten "Obrigkeitsstaat" votier- ten, den es ja nicht mehr gab, noch für das "stalinistische Vor- zeichen", das in Westdeutschland nie zur Debatte stand, sondern der Demokratie, der von den Besatzungsmächten in die Wege gelei- teten, neuen und einzig anstehenden Herrschaft, zustimmten. Um die Demokratie verdient gemacht hat sich das deutsche Volk nicht dadurch, daß er einen Volksaufstand für sie zelebrierte, sondern indem es die Tugend des Sich-Einrichtens pflegte, eine im alten Reich ebenso wie bei seinem Nachfolger unverzichtbare kon- struktive Haltung zu allen Anforderungen der Führungsmannschaft. Zur geschichtlichen L e i s t u n g der Deutschen, die reich so positiv von ihrer Rolle im Nationalsozialismus abhebt, wird das darüber, daß sie diesmal den R i c h t i g e n, der e r f o l g r e i c h e n Herrschaft zustimmten. Einer Herr- schaft nämlich, die nicht zuletzt wegen dieser Zustimmung nach ihrer Eingliederung in das westliche Lager zur europäischen Groß- und Weltmacht aufgestiegen ist. Besseres läßt sich auch nicht von der deutschen "Erfahrung" mit dem Faschismus sagen, durch den das deutsche Volk endlich die Notwendigkeit der Demokratie gelernt haben soll (und der so unter der Hand zu einer günstigen Bedingung für Demokratie wird). Ihre Erfahrungen, daß es sich im Faschismus nicht leben läßt, haben die Deutschen wohl hauptsächlich erst dann gemacht, als die Alli- ierten dessen Mißerfolg praktisch besiegelten. Am Ruf seines Vol- kes nach Freiheit ist Hitler bekanntlich nicht gescheitert. Aber der Historiker will mit seinem Lob der Erfahrung ja auch nichts anderes gesagt haben, als daß das deutsche Volk mit seinem Mitma- chen unter demokratischen Führern endlich richtig lag. Gottsei- dank befand man sich 1945 nicht in der "sowjetischen Einfluß- sphäre". Was wäre da bloß rausgekommen und wie sähen da die hi- storischen Würdigungen aus! Genau wie drüben! Nation geteilt - Staat gerettet ------------------------------- Bisher haben deutsche Politiker das richtige getan. Sie haben trotz "nationalem Trümmerfeld" eine "verblüffende Vi- talität" an den Tag gelegt; sie haben die Tugenden ihres leidge- prüften Volkes richtig einschätzend, aus der deutschen Geschichte gelernt und Demokratie gemacht - zumindest in einem Teil Deutschlands. Aber eben nur in einem Teil. Kann ein bundesdeutscher Historiker seine Männer der ersten Stunde dafür loben, daß sie sich mit der Teilung der Nation abgefunden haben? Er kann - auch und gerade als überzeugter Nationalist: "Im Wunsch zur Abgrenzung nach Osten gegen die Einflußsphäre der Sowjetunion und zur Bindung an den Westen waren sich maßgebende Politiker in den drei westdeutschen Besatzungszonen sehr früh ei- nig. ... Die Wiedereinrichtung eines Staates auf einem Teil des deutschen Territoriums wurde bald als das geringere Übel angese- hen, gegenüber andauernder Ohnmacht unter fremder Herrschaft." (Benz) Das Lob, das den BRD-Politikern ex post ausgestellt werden kann, daß sie, an den "Realitäten orientiert", sofort erkannten, daß der "Aufbau endlich in Gang zu bringen" war und ein "fester Block gegen russische Bestrebungen" geschaffen werden mußte, dieses Lob macht sich erst gar nicht die Mühe, ein anderes Argument anzufüh- ren als die angebliche Selbstverständlichkeit, daß der Osten un- ser Feind ist, d e s s e n Bündnispartner zu sein (statt der Alliierten) Fremdherrschaft ist und der SU im Unterschied zu den freiheitsliebenden USA an nichts so sehr gelegen hätte, wie alle Staaten zu unterdrücken und zu entmachten (offenbar das Schlimm- ste, was sich ein Historiker denken kann!). Die Lobredner der BRD-Geschichte operieren allerdings mit einer kleinen Lüge: Ein- gliederung in die westliche Weltwirtschaftsordnung, Aufbau gegen Osten waren zwar die von den Amerikanern gesetzten Bedingungen für ein souveränes westdeutsches Staatswesen - sie werden deshalb aber noch lange nicht zu einer genuin nationalen Leistung der Deutschen. Was sollte deutschen Nachkriegspolitikern eigentlich darin zur Ehre gereichen, daß sie die ihnen gebotene Chance, eine nationale Herrschaft über den verbliebenen Rest ihrer deutschen Untertanen ausüben zu dürfen, begierig ergriffen? Um einer Sache, deren Subjekte eingestandenermaßen die Siegermächte und nicht die deutschen Politiker waren, für letztere ein faustdickes Lob zu zimmern, bedarf es schon einer unerschütterlichen Zufriedenheit mit dem jetzigen Zustand. Weil die BRD sich heute als Bollwerk gegen den Osten und erfolgreicher Staat in der westlichen Staa- tenkonkurrenz bewährt hat, war die Entscheidung zum Mitmachen da- mals ebenso respektabel wie richtig. Wenn jede Alternative bedeu- tet hätte, "unter den Einfluß der Sowjetunion" zu geraten = nicht mehr erfolgreicher NATO-Partner zu sein, dann m u ß die Ent- scheidung damals notwendig gewesen sein. Und den Führern gebührt Dank, daß sie es geschafft haben, "wenigstens einen deutschen Staat aus den Trümmern des Reiches zu retten." Der erste deutsche Staat wäre schon mal gerettet - auf zu den "Trümmern" der DDR! Eine neue historische Mission gen Osten! Große deutsche Nachkriegspolitiker - "auf dem Teppich geblieben" ---------------------------------------------------------------- Bei soviel Respekt vor Nation, Volk und Führung kann auch der Re- spekt vor den herausragendsten deutschen Führerpersönlichkeiten nicht ausbleiben. Als deren Inbegriff ist von Konrad Adenauer viel und nur Gutes zu hören. Weil in dem "schlitzohrigen" Staats- mann, der "Deutschland wieder hochgebracht" hat, sich der "Aufstieg der Nation" und die "Kontinuität der Tradition guter deutscher Politik" so trefflich feiern lassen, treibt hier demo- kratischer Personenkult seine schönsten Blüten. Bei der Übergabe des Besatzungsstatuts: "Die drei Hohen Kommissare erwarteten, daß der Kanzler vor dem Teppich stehen bliebe, auf dem sie standen, um sich die mitge- brachten Kabinettmitglieder vorstellen zu lassen. Adenauer trat indessen rasch selbst auf den Teppich und stellte so die partner- schaftliche Gleichheit her." (Schwarz) Das hätten sie sich so schön gedacht, die Alliierten. Einen deut- schen Kanzler nicht auf den Teppich zu lassen, um damit zu demon- strieren, daß Deutschland in der Welt nichts mehr und noch nichts gilt. Gottlob verfügte die junge Republik mit Adenauer über einen Staatsmann, der "alles andere als eine Verlegenheitslösung war", der "viel natürliches Selbstbewußtsein und lange mit vielen Ent- täuschungen durchsetzte Erfahrung" besaß. Über einen wahrhaft würdigen Kanzler also, der - anstatt wie sein Vorgänger in selbi- gen zu beißen - den Teppich forsch betrat, obwohl er bloß Vor- steller der Verlierernation war. Was damals "niemand ahnte" - die "Ära Adenauer" hatte begonnen. Geradezu begeistert feiern Histo- riker als historische Leistung und weitsichtige Entscheidung das ebenso einfache wie harte Staatsprogramm der neuen westdeutschen Republik seit Adenauer: die Souveränität und weltpolitische Größe der BRD Schritt für Schritt aufzubauen, indem man die Bedingungen der Westalliierten nach Kräften erfüllte und ihnen dabei vor- stellte, wie unabdingbar deutsche Beteiligung an ihren politi- schen und wirtschaftlichen Vorhaben sei. Der Erfolg gibt diesem Programm vor der Geschichte recht. Und so wird - wo die anmaßende nationale Bescheidenheit, die Adenauer gegenüber den Alliierten noch an den Tag legte, um dadurch der Nation wieder zur Macht zu verhelfen, längst einer vergangenen 'Ära' angehört -, in der hi- storischen Betrachtung der erste deutsche Nachkriegskanzler vom Erfüllungsgehilfen zum gleichberechtigten Subjekt jener weltpoli- tischen Bedingungen, an deren Erfolg die BRD h e u t e so sehr beteiligt ist. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - die Heldensaga eines Staates, aus dem sehr notwendigerweise wieder etwas werden mußte. Etwas Besseres kann es für Historiker nicht geben. zurück