Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE AB-1945 - Zeit des Ost-West Gegensatzes
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George F. Kennan, Im Schatten der Atombombe, Köln 1982
DIPLOMATIE DES "KALTEN KRIEGES"
George Frost Kennan, erstmals 1935 als US Diplomat in Moskau,
1939 akkreditiert bei Hitler in Berlin, 1944 und 1952 wieder in
Moskau Botschafter seines Landes. Als Chef eines außenpolitischen
Planungsausschusses im State Department konzipierte er die
"Containment (=Eindämmungs-) Politik" gegenüber der Sowjetunion.
Seit 1954 lehrt er in Princeton (unterbrochen durch eine zweijäh-
rige Botschaftertätigkeit in Belgrad) und tritt in der Endphase
der Eisenhower-Administration mit Vorschlägen zu einem
"Disengagement der Machtblöcke" als früher Advokat der
"Entspannung" auf. 1982 empfängt er den Friedenspreis des Deut-
schen Buchhandels.
Eine Biographie also, die ihn als ausführendes und mitgestalten-
des Organ der US-Außenpolitik an der Hauptfront ausweist. Ein
D i p l o m a t, für den die b e w a f f n e t e M a c h t
seines Staates stets Grundlage für die D u r c h s e t z u n g
d e r P o l i t i k gewesen ist. Weil er heute die Rüstungspo-
litik der Reagan-Administration kritisiert, vom Standpunkt des
Diplomaten aus, der meint, eine a n d e r e R ü s t u n g wäre
den von ihm geteilten p o l i t i s c h e n Z i e l e n seines
Landes förderlicher, feiert er auf seine alten Tage Erfolge als
Friedenskämpfer, was ihn in den USA zu einem Kronzeugen der
Freeze-Bewegung avancieren ließ und ihm in der BRD einen Festakt
in der Paulskirche eintrug.
Ein Maß-voller Diplomat
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Als Diplomat, Historiker und Schriftsteller, als Amerikas vorzüg-
lichster Rußland-Kenner ist dieser "Nachfahre hart arbeitender
Pionierfamilien schottischer und englischer Abstammung" besser
als irgendein Urwalddoktor, der sich mit vergleichsweise kleinli-
chen Dingen abgibt, befähigt, leichenträchtige - pardon, frie-
densschwangere politische Botschaften zu verkörpern.
Er hat die hohe Ehre wie kaum ein anderer verdient. Ließ er doch
zeitlebens nie Zweifel über seinen tiefverwurzelten Antikommunis-
mus aufkommen - seine Pionier- und Holzhackervorfahren sollen ihn
angeblich gegenüber einer marxistischen Proletenideologie immun
gemacht haben - und hat es dennoch geschafft, ein hervorstechen-
der "Friedenssucher" zu werden:
"Im positiven Sinn sollte sich der Umstand bemerkbar machen, daß
nicht einer meiner amerikanischen Vorfahren je seine Arbeitskraft
einem Unternehmer verkauft und sich damit vom Marxismus abhängig
gemacht hat... Sofern Ausbeutung und Ungerechtigkeit ein
e c h t e s Phänomen war, beanspruchte ich für mich das Privi-
leg, sie als das Resultat eines tragischen M i ß v e r-
s t ä n d n i s s e s aus der Frühzeit der modernen Industrie-
gesellschaft anzusehen." (Kennan, Memoiren eines Diplomaten)
Lebensgeschichtlich belegt Kennan die gängige Ideologie, daß, so-
fern der Kapitalismus überhaupt irgendwelche echten Härten gegen
das Proletariat zu verantworten gehabt hat - damals im 19. Jahr-
hundert - und es sich dabei nicht von vornherein um "tragische
Mißverständnisse" gehandelt hat, es eben der Kapitalismus in sei-
ner vollendeten Form gewesen ist, der den Marxismus
ü b e r f l ü s s i g gemacht hat. Als Westdeutscher fühlt man
sich diesem Mann, der nach dem Krieg ein Aktivist der ersten
Stunde bei der Installierung des Ost-West-Gegensatzes gewesen
ist, allein schon deshalb besonders verbunden: Nicht nur, weil er
hier studiert hat, der deutschen Sprache mächtig ist und "Berlin
in der Luft hängen sieht", sondern vor allem weil er tatkräftig
mitgeholfen hat, den deutschen Frontstaat einzurichten und diesen
längst, wäre es nach seinem "Privatszenario" gegangen, um einige
hundert Kilometer nach Osten verschoben hätte.
Was man von ihm lernen soll, das sagt uns der Schriftsteller, von
dem dasselbe immer wieder neu abgedruckt wird, selbst so schön:
"Lernen wir also, das Sowjetproblem als ein ernstes politisches
zu betrachten, das in der Tat militärische Konsequenzen hat,
aber.... Ein Krieg, der als unvermeidlich oder gar wahrscheinlich
betrachtet und deshalb entsprechend vorbereitet wird, hat alle
Chancen, am Ende auch ausgefochten zu werden."
Auch und gerade für Kennan ist die Existenz der Sowjetunion das
Weltproblem Nr. 1. Als Mann "militärischer Mäßigung" wird er
jetzt deshalb gehandelt, weil d e r Krieg, so wie er jetzt von
der NATO konzipiert und vorbereitet wird, für ihn als Diplomaten
zutiefst "problematisch" ist. So entdeckt er auch schon früh, daß
der Westen aus Weltkrieg II nicht das Optimale zur
"Weltproblemlösung" gemacht habe:
Chancen des 2. Weltkriegs leichtfertig versiebt
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"Als im Mai 1945 der Krieg in Europa zu Ende ging, war ich...
schon damals außerordentlich niedergeschlagen und besorgt - be-
sorgt fast bis zur Verzweiflung - über das, was, wie mir schien,
das Ergebnis des Krieges für die Beziehung zwischen der So-
wjetunion und den Westmächten heraufbeschwor. Man hatte der
sowjetischen Führung, praktisch ohne nennenswerten Protest
westlicherseits, erlaubt, die offiziellen Grenzen der Sowjetunion
weit nach Westen, auf eine Linie zwischen Ostsee und Schwarzes
Meer vorzurücken, wodurch ... ein Großteil Polens gewonnen und
das ganze Land auf Kosten Deutschlands um etwa 300 Kilometer nach
Westen verschoben wurde..."
Der "Werber für Rationalität und Vernunft" meint also, die Alli-
ierten des Westens hätten aus den militärischen Resultaten des
Sieges über Deutschland zu wenig für sich herausgeholt. Seine an-
geführte imperialistische Maßlosigkeit bemängelt an der amerika-
nischen Diplomatie nachträglich, daß sie die SU als Mit-Sieger-
macht zu großzügig behandelt habe, was angesichts der Schwächung
des damaligen Verbündeten durch den Krieg nicht notwendig gewesen
wäre.
Nun, nachdem die amerikanische Politik damals nach Kennans Vor-
stellung zu "kopflastig" war und deshalb das Ergebnis des 2.
Weltkriegs für ihn unbefriedigend ausgefallen war, galt es, sich
um ein "Provisorium" zu bemühen, das die Voraussetzung für eine
schleunige Revision der Verhältnisse schaffen sollte.
Mit unter den Pseudonymen "Lange" und "X" verfaßten Artikeln
(letzterer brachte ihm den geheimnisumwitterten Titel "Mr. X"
ein) Washington von seinem naiven Optimismus den Russen gegenüber
geheilt und klargestellt zu haben, wo ab da der Hauptfeind zu su-
chen war, rechnet sich der Kalte Krieger, der heute als Friedens-
taube in der Frankfurter Paulskirche daherfliegt, stolz als poli-
tische Großtat an.
Diplomatische Eingliederungs-Schachzüge
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Kennan hatte die Gelegenheit, dem General Marshall bei seinem
sich "so wirksam" erweisenden Plan zu helfen. Heute hält er die
Resultate dieses Plans, mit dem immerhin die gesamte westeuropäi-
sche Front gegen die SU aufgebaut worden ist, lediglich
"politisch und psychologisch" für bedeutsam. Was für ihn Eindäm-
mung (containment) der SU war, führte immerhin zur Konfrontation
einer vom Krieg zerstörten Sowjetunion samt nicht minder geschä-
digten Ostblock mit dem mächtigsten Militärbündnis aller Zeiten.
Aus dieser P o s i t i o n d e r S t ä r k e heraus sah
Kennan
"wie ich naiv annahm, die Zeit für gekommen, Verhandlungen in An-
griff zu nehmen."
Es sollte jetzt
"im Laufe der Jahre ganz allmählich und ohne die Russen zu ver-
schrecken oder zu provozieren, gelingen, sich nicht nur ein neu-
tralisiertes Deutschland, sondern schließlich auch die russisch
besetzten Länder Ost- und Mitteleuropas, einzugliedern... Nie kam
mir damals der Gedanke, daß irgendeines dieser Probleme durch
Krieg gelöst werden könnte oder müßte."
Nur einer, dem einzig das "Sowjetproblem" auf den Nägeln brennt
und der natürlich weiß, daß das "am Ende ausgefochten wird", der
aber "einen Krieg als nicht unvermeidlich betrachten" will, kann
ernsthaft die These vertreten, solche imperialistischen Kriegs-
ziele wären angesichts "zutiefst kriegsmüder Russen" und einem
durch den 2. Weltkrieg erstarkten Amerika samt seinem militärisch
wie wirtschaftlich aufpolierten Westeuropa mit friedlichen Mit-
teln zu erreichen gewesen. Nur so einer gibt sich heute
"überrascht, bestürzt und verblÜfft..., daß die Regierung der
Vereinigten Staaten in den europäischen Plan eines gegen die So-
wjetunion gerichteten militärischen Bündnisses einwilligte und
die Führung in der Allianz übernahm."
Anstatt die Russen mit einem offenen Aufrüstungsprogramm zu
"verschrecken" und sie damit zur selben Strategie der Stärke zu
zwingen, hätte man ihnen, so Kennan, besser ganz ohne solche
"Provokation" ihre Satellitenstaaten "langsam, allmählich und um-
sichtig" geklaut.
Atomwaffen im D i p l o m a t e n koffer, so sein Traum -
"natürlich besaß unsere Regierung damals das Nuklearmonopol" -,
hätte man per Verhandlungen den Russen ihre für sie eh
"unverdaulichen Satelliten" schnell abknöpfen können, ohne 40
Jahre NATO-Kriegsallianz und Daueraufrüstung. Immerhin besaß da-
mals das westliche Ideal der gegenwärtig laufenden "Rüstungs-
kontrollverhandlungen" seine waffentechnische Basis: Der exklu-
sive Besitz der Atombombe hätte die USA mit dem Mittel für
j e d e politische Erpressung des "Verhandlungspartners" ausge-
stattet.
Erst dem Hauptfeind ein per Dollar und Yankees antikommunistisch
geimpftes Europa mit der Bundesrepublik als Vorhut vor die Nase
zu setzen und dann dasselbe Europa den Russen quasi als Trojani-
sches Pferd, als Angebot, seine Satelliten herauszurücken, zu of-
ferieren, ist schon ein besonderes Meisterstück diplomatischer
Kunst, die sich heute dadurch hervortun möchte, daß sie, damals
schon um vieles schlauer als die offizielle Administration, weit
über deren Ziele hinausgegangen wäre. Kennan bemängelt hier als
Mitarchitekt der Politik des Kalten Kriegs ein Abrücken von deren
Logik: Weichklopfen des Feindes mit politischen Mitteln auf der
Basis militärischer Stärke und nicht gleich den Krieg, harte
D i p l o m a t i e!
Ganz offensichtlich ist mit diesem Herrn, angesichts eines flott
laufenden Containments, der Diplomatengaul durchgegangen. Anders
läßt sich seine Kritik am Pentagon kaum erklären, die entgegen
jeder realpolitischen Erpressungspraxis offen zur Schau gestellte
Waffen samt waffenstarrenden Bündnispartnern für ein einziges
Hindernis diplomatischer Erfolge hält.
Die Atombombe, steril und unpraktisch
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Bedauerlicherweise kam alles ganz anders als er es sich vorge-
stellt hätte. Eine kurzsichtige amerikanische Administration, die
nicht auf einen "hervorragenden Rußland-Kenner" hören wollte,
verpatzte durch eine dumme, prahlerische "öffentliche Position"
zu ihrem Gewaltmonopol alle Chancen, die "höchst gefährliche Tei-
lung des europäischen Kontinents friedlich aufzuheben." Fataler-
weise wurden, so Kennan, die von Haus aus gutmütigen, aber zu
"übertriebenem Argwohn neigenden" Russen dadurch ermuntert, sich
schneller als erwartet - "Wir unterschätzten die Zeit, die sie
brauchen würden, um mit dieser Aufgabe fertig zu werden" - mit
denselben friedensträchtigen Werkzeugen auszustatten. Die Gewähr
dafür, daß der Waffengang mit dem Hauptfeind außerhalb des ameri-
kanischen Territoriums stattfindet, also auch die ökonomische Ba-
sis der Weltmacht unversehrt bleibt, war im Eimer, als "der
Schock über die erste Explosion einer sowjetischen Kernwaffe im
Jahre 1949 das Schwergewicht auf die Nuklearwaffen verschob und
"... hoffnungslose Verwirrung auf dem gesamten Gebiet der militä-
rischen Verteidigung" stiftete:
"Sollten - so der moderne Lehrer einer Politik der Kriegsverhü-
tung - auch die Russen in ihren Besitz gelangen, war sie als
Selbstmordwaffe anzusehen, bar jeder Möglichkeit, in irgendeinem
Krieg vernünftig eingesetzt zu werden..."
Offener kann man kaum für vernünftige (= siegreiche) Kriege ein-
treten. Das Risiko, daß Russenmord eventuell den Selbstmord ein-
schließt, läßt den gelernten Diplomaten allerdings am Nutzen ei-
nes "diplomatischen Sanktionsmittels" Atombombe zweifeln:
"Das Verständnis für dieses entsetzliche Problem beginnt mit der
Erkenntnis, daß die Massenvernichtungswaffe eine sterile (!) und
hoffnungslose (!) Waffe ist, die eine Zeit lang einen provisori-
schen Schutz gegen die letzte Katastrophe bieten mag, aber in
keiner Hinsicht dem Zweck einer konstruktiven und erfolgverspre-
chenden (!) Außenpolitik dient. Der selbstmörderische (!) Charak-
ter dieser Waffe läßt sie weder als diplomatisches Sanktionsmit-
tel (!) noch als Grundlage einer Allianz geeignet erscheinen.
Solch eine Waffe kann einfach nicht dazu dienen, politische An-
liegen durchzusetzen oder seinen Freunden Beistand zu leisten."
Im Gegensatz zu manchem modernen friedensbewegten Menschenfreund,
dem die Grauen eines Atomkriegs einfach Angst machen, mißt dieser
konstruktive "Anwalt eines Nicht-Kriegs" die Atomwaffen aus-
schließlich an dem Szenario einer Erpressungsdiplomatie mit dem
NATO-Waffenarsenal, die so erfolgreich die amerikanische Welt-
herrschaft herstellt.
Vernünftige Kriege machbar machen
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Es ist nur logisch, daß sich so ein "Vordenker westlicher Poli-
tik" wegen seiner "Abscheu" vor den Atomwaffen nicht davon abhal-
ten läßt, dem Pentagon vorzurechnen, was er sich unter einem
brauchbaren Militär vorstellt:
"Wir müssen uns mit den Massenvernichtungswaffen als einer der
großen und traurigen Realitäten unserer Tage abfinden, aber wir
dürfen uns (davon) ... nicht so gefangennehmen lassen, daß wir
die anderen Möglichkeiten vernachlässigen... Aus diesem Grund
würde ich kein Verständnis für irgendeine Politik aufbringen, die
kein Gleichgewicht zwischen konventionellen und Massenvernich-
tungswaffen (!) bewahren würde, deren Einsatz uns im Ernstfall
vielleicht doch zu abenteuerlich erschiene."
Statt dem altmodischen Gedanken an ein Gleichgewicht des Schrec-
kens zwischen Ost und West anzuhängen, entwickelt der moderne
"Friedenssucher" die Idee eines Gleichgewichts zwischen konven-
tionellen und nuklearen Waffen innerhalb des westlichen Ge-
fechtsarsenals, das bedenkenlosen Einsatz der Waffen gestattet
und sie so zu einem Mittel der Politik macht. Wenn es gelänge,
die sowieso vorhandene Überlegenheit des gesamten Kriegsgeräts
auf ein Maß hochzuschrauben, das jede gewünschte flexible Reak-
tion zuläßt, würde man auch großzügig auf eine dann überflüssig
gewordene Drohung mit einem Erstschlag von westlicher Seite ver-
zichten können. Also:
"Je rascher wir lernen, die Massenvernichtungswaffen nur auf ih-
ren Abschreckungswert hin zu entwickeln, desto rascher können wir
von jenem Grundsatz abrücken, den man das Prinzip der Erstanwen-
dung solcher Waffen nennt."
Man kann also auch zuviel drohen - allerdings nur, wenn man die
Nützlichkeit der Erstschlagsdrohung vom Standpunkt des Diplomaten
aus betrachtet und bedauernd feststellt, daß die Waffen, mit
denen sie vorgetragen wird, ein nicht mehr kalkulierbares Risiko
der Selbstvernichtung in sich bergen. Nichts gegen eine "absolute
Abschreckungsdrohung" will Kennan vorgebracht haben, aber man muß
zugleich wissen und in das Rüstungsprogramm mit einbeziehen, daß
solche Waffen dysfunktional sind für die politische Erpressung
des Gegners. Deshalb verbindet Kennan das luxuriöse Angebot, die
Erstschlagsdrohung bleiben zu lassen, mit der Forderung nach kon-
ventioneller Aufrüstung und einer Orientierung im nuklearen Be-
reich auf den reinen "Abschreckungswert", der so "absolut" ausge-
staltet werden soll, daß sich der Feind von vornherein über seine
Null-Chance im klaren ist.
Den NATO-Planern, die die Strategie des "flexible response"
längst zur Vollendung bringen, vorzurechnen, daß es auf einige
atomare Kapazitäten nicht ankommt, wenn man auf allen Waffenebe-
nen absolut abschreckend ist, kann nur eine amerikanische
"Freeze"-Bewegung als Kritik am Pentagon verstehen, die den alten
Herrn, der immer , mit der für Amerikaner als Ausdruck besonders
liberaler Gesinnung geltenden Baskenmütze herumläuft, deshalb als
Symbolfigur verehrt, weil er den NATO-Zweck als mit friedlichen
Mitteln zu erreichen ausgibt. Diese "Alternative" zur Reagan-Ad-
ministration ist eine des I m p e r i a l i s m u s, die sich
mit der gegenwärtigen Mannschaft in Washington darin einig ist,
daß es das Optimale wäre, die Russen würden sich endlich freiwil-
lig ergeben. Während Caspar Weinberger die Agonie des Sowjetsy-
stems mit einem "großen Knall" abkürzen möchte, reicht Kennan der
Abgang mit einem "Winseln" und d a f ü r schlägt er ein Rü-
stungskonzept vor, das für die politisch-diplomatische Sterbe-
hilfe geeigneter sei.
Eine noble Gesinnung...
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Warum hat ein Herr mit einer so "noblen Gesinnung" nur das Große
Verdienstkreuz mit Stern bekommen, jetzt den Friedenspreis des
Deutschen Buchhandels und soll sich im nächsten Jahr auch noch
mit dem Einstein-Friedenspreis schmücken dürfen? - Eben deshalb!
Einem diplomatischen Russenfeind ist halt leicht das weiße Gewand
einer Friedenstaube umzuhängen. Ein Kalter Krieger von ehedem,
der an diesem Konzept zur "Eindämmung" der SU bis zum Eindrücken
aller Dämme festhält, wirkt angesichts der brutalen Offenheit der
aktuellen NATO-Strategie im Vergleich wie ein Softy im Umgang mit
dem Osten. Zumal wenn er die "Bereitschaft, Kernwaffen gegen an-
dere Menschen einzusetzen, als Beschimpfung ungeheuerlichen Aus-
maßes, gerichtet gegen Gott!" empfindet und immer wieder tönt:
"Warum denn nicht Friede? Warum denn nicht Friede?... Ich sehe
keinen politischen Konflikt zwischen dem Osten und dem Westen,
der... eines konventionellen Krieges, geschweige denn eines nu-
klearen Krieges wert wäre."
Bei diesem christlichen Geweihräuchere kommen, so sicher wie das
Amen in der Kirche, links wie rechts die Tränen. Den Preis hat er
dafür allerdings nicht bekommen, Dazu gehört mehr, Gewicht gewin-
nen solche Friedensbotschaften erst, wenn sie aus Mäulern mit
"politischer Erfahrung und historischem Bewußtsein" sprudeln, Es
gehört auch eine Portion staatsmännischen Realismus dazu; die Si-
cherheit muß erkennbar sein, daß sich "Krieg als Erscheinung des
internationalen Lebens nie völlig eliminieren und sich keine an-
dere letzte Sanktion zum Schutz nationaler Interessen denken
läßt." Schon deshalb nicht, weil auch Kennan die "politischen
Konflikte zwischen dem Osten und dem Westen" nicht für belanglos
hält, sondern ihre "Lösung" zu Gunsten des Westens für sehr ent-
scheidend.
Wenn es ein Amerikaner ist, der von vornherein durch seinen Paß
und seinen Beruf jede heimliche Russenliebe ad absurdum führt,
ist es besonders glaubwürdig.
In einem Frontstaat, der "als erstes Schlachtfeld wäre", hört man
es eben besonders gern, wenn ein "Amerikaner, der viele Jahre
lang intensiv mit der Relation zwischen den Kernwaffen, dem Frie-
den und der Freiheit der Mitglieder des Atlantischen Bündnisses
zu tun hatte, die Rolle der Bundesrepublik in den Mittelpunkt
stellt" und einem dabei die Sorge ums Vaterland um den Bauch pin-
selt:
"Amerikaner vergessen allzu leicht, was die Menschen in der Bun-
desrepublik niemals vergessen können: daß sie nämlich in einer
dreifach exponierten Situation leben, die einmalig unter den
großen demokratischen Industriestaaten ist. Sie haben keine Atom-
waffen; sie haben eine lange Grenze gemeinsam mit dem Sowjetimpe-
rium, ihr Land wäre in jedem Konflikt im zentralen Frontabschnitt
das erste Schlachtfeld. Keine dieser Bedingungen läßt sich än-
dern, und zusammen bilden sie eine enorme Belastung."
Klar, daß sich dieser Herr in der Bundesrepublik als Leitfigur
des Friedens besonders anbietet, wenn er den Bündniszweck mit An-
teilnahme an der enormen Schlachtfeld-Belastung garniert und den
"europäischen Flügel der Friedensbewegung" gegen den Verdacht des
"vagen und naiven Neutralismus" in Schutz nimmt.
...die lieber mit Pfeil und Bogen schießen läßt
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Für konservative Friedensfreunde läßt der Friedensengel Kennan
ebenso vertraute Töne erklingen:
"Gewalt ist unabdingbarer Bestandteil der menschlichen Beziehun-
gen und wird es immer sein. Die Alternative zu einer hoffnungslo-
sen Form von Gewalt kann niemals überhaupt keine Gewalt sein."
wie für unverbesserliche Fortschrittsfreunde:
"Man muß die Menschen daran hindern, mit der schlimmsten Sorte
von Spielzeugen zu spielen. Deshalb glaube ich, daß es sehr viel
besser wäre, symbolisch gesprochen, zu Pfeil und Bogen zurückzu-
kehren, die zumindest die Natur nicht zerstören."
Gewöhnliche Leute, die vielleicht noch manchmal an sich und ihre
Kinder denken, aber sich immer noch gern von "erfahrenen Gelehr-
ten" etwas erwarten, seien gewarnt. Es könnte sich dabei leicht
um Argumente handeln, hinter denen sich ein Wolf im Schafspelz
versteckt:
"Mir wäre bei einem Gedanken an meine Kinder sehr viel wohler -
und dies ist abermals eine der überspitzten Formulierungen, die
Sie nicht zu wörtlich nehmen dürfen, da ich auch Argumente gegen
sie finden könnte - wenn wir (!) überhaupt keine Atomwaffen hät-
ten."
Zwar lagert das "Wir" normalerweise keine Atomwaffen im seinem
Keller. Argumente für solche gehen ihm im allgemeinen aber trotz-
dem lässig über die Lippen.
Die Zeichen der Zeit stehen halt auf Frieden. Und Friedensbewegte
treffen sich im Zeitgeist mit einem Grandseigneur des Kalten
Krieges!
***
"Kennan beschönigte nichts an der stabilen Machtbesessenheit der
Sowjetführung, ihrer Immoralität, ihrer perfekten Taktik, verbun-
den mit grotesker Fehleinschätzung der Menschen anderer Mentali-
tät, ihres Doppelspiels von Lüge und im stillen gewußter Wahr-
heit, ihrer im strikten (Marxschen) Sinn ideologischen Rechtfer-
tigung dieses Verhaltens." (Aus der Laudatio von Carl Friedrich
von Weizsäcker)
"von vorneherein mußte ich bestreiten, daß diese Massenvernich-
tungsmittel - die sogenannten Kernwaffen - wirklich Waffen sind,
daß sie diese Bezeichnung verdienen. Eine Waffe ist etwas womit
man versucht, auf Ziele und Vorstellungen eines Gegners einzuwir-
ken. Sie ist nicht etwas, womit man blindlings die ganze Zivili-
sation dieses Gegners (und wahrscheinlich auch die eigene) rest-
los zerstört." ( Aus der Festrede von George F. Kennan)
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