Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE AB-1945 - Zeit des Ost-West Gegensatzes
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Historisches zum Ost-West Gegensatz
DIE GENESIS DES HAUPTFEINDES
Die Geschichte der internationalen "Beziehungen" der Sowjetunion
ist das glatte Gegenteil dessen, was sie beweisen soll. Bis herab
zum arbeitslosen Jugendlichen mit Sonderschulabschluß weiß in
Westdeutschland jedermann, die "Sünden" der "Russen" herzusagen,
auch wenn er bis auf Polen keinen einzigen Ländernamen richtig
buchstabieren könnte.
Im Bereich der höheren Bildung versteht man es, den Schandtaten
der UdSSR auch noch die der Zaren hinzuzufügen, indem man in
lustvollen Vergleichen im "ewig russischen Drang ans Meer" das
naturgegebene Staatsinteresse oder den russischen Volkscharakter
am Wirken sieht und in der sowjetischen Osteuropapolitik den
"Panslawismus" auferstehen läßt. Ihren Vorsprung an Bildung be-
ziehen solche Dummheiten gegenüber den oben erwähnten daraus, daß
sie nicht einfach von "den Russen" sprechen, sondern gerade über
die "Differenzierung" von damals und heute zu einer viel
"fundierteren" Denunziation "sowjetischer Aggressivität" gelan-
gen. Einer weit vornehmeren Gedächtnispflege erfreuen sich die
Gewalttätigkeiten kapitalistischer Staaten - soweit sie ins vor-
demokratische Zeitalter fallen, werden sie als "Zeitalter des Im-
perialismus bis 1918" gegeilßelt. Um nicht alle von den Staaten
der "Freien Welt" (die faschistischen Großtaten gar nicht einge-
rechnet) inszenierten Massaker, Putsche, Drohungen usw. aufführen
zu müssen, soll an vier wesentlichen Daten gezeigt werden, wie
mit dem historischen Ärgernis umgesprungen wurde, ehe seine Be-
seitigung zu d e m einheitlichen und einmütig beschlossenen Ge-
genstand der gesamten Weltpolitik erklärt wurde.
1918: Intervention
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"Für uns gibt es zur Zeit keine Alternative, als die Truppen, die
wir haben, einzusetzen, so gut es geht, und dort, wo wir keine
Truppen haben, Waffen und Geld zu liefern." (Lord Balfour, Briti-
scher Außenminister)
Das erste demokratische Wort an die Sowjetmacht war der Einmarsch
englischer, amerikanischer, japanischer und französischer Truppen
in Rußland, nachdem diese der unerhörten Aggression gegen die En-
tentemächte für schuldig befunden worden war, den Krieg gegen das
Deutsche Reich einfach zu beenden. Sechs Tage nach dem Annexions-
frieden von Brest-Litowsk hatte es die revolutionäre Macht an-
stelle der deutschen mit alliierten Truppen zu tun, weil die En-
tentemächte den Bündnispartner mit Gewalt zur Einhaltung seiner
Bündnispflichten anhalten, auf jeden Fall die Vernachlässigung
der Ostfront nicht ungestraft hinnehmen wollten. Daß es dabei je-
doch von Anfang an weniger gegen das "Dekret über den Frieden",
also um den erwünschten Beitrag Rußlands im Krieg gegen Deutsch-
land ging, sondern um die bolschewistische Mißachtung des gehei-
ligten Eigentums, also gegen das "Dekret über die Aufteilung des
Bodens", zeigt nicht nur die Tatsache, daß die Entente nun einen
Krieg an zwei Fronten - gegen die Mittelmächte einsetzte. Das
zeigt vielmehr auch die umstandslose Verpflichtung des geschlage-
nen Feindes auf den Kampf gegen den Bolschewismus, indem nach Ar-
tikel 12 des Waffenstillstandsvertrags mit Deutschland, die Trup-
pen erst dann aus den besetzten Gebieten (Baltikum, Ukraine usw.)
zurückgeführt werden durften, als "die Allierten, unter Berück-
sichtigung der inneren Lage dieser Gebiete, den Augenblick für
gekommen erachten". Daß hier ein Staat sich einrichten wollte,
der die ewige Ordnung des Privateigentums außer Kraft setzte, war
eine Unerhörtheit, die die siegreiche Entente nicht dulden
wollte!
"Die Ententemächte erklären..., daß sie entschlossen sind, keine
Störungen in ihrer Tätigkeit für die Wiederherstellung der Ord-
nung in Rußland und für die Reorganisation des Landes zu dulden,
der Tätigkeit, die von den russischen Patrioten mit energischer
Unterstützung der Alliierten begonnen worden ist. Die Wiederher-
stellung Rußlands als einer Macht, die zum siegreichen Block der
demokratischen Ententeländer gehört, wird entsprechend den Wün-
schen aller Patrioten und überhaupt all der Elemente vor sich ge-
hen, die für Ordnung in Rußland sind. Was die südrussischen Ge-
biete anbetrifft, sowohl die von den Deutschen besetzten, wie die
nicht besetzten, aber von den Bolschewiki bedrohten, so erklären
die Ententemächte ihren unbeugsamen Willen, auch dort für Ordnung
zu sorgen. Diesem unerschütterlichen Beschluß werden in kürzester
Zeit Truppen folgen in einer Stärke, wie sie die Umstände erfor-
dern. Außerdem erklären sie, daß sie von nun an alle Partei- und
Organisationsführer, ganz unabhängig von ihrer politischen Fär-
bung, die Verwirrung oder Anarchie ins Volk tragen, verantwort-
lich machen werden." (Erklärung der Vier)
Diese Entschlossenheit setzte den Bolschewiki so zu, daß Lenin
trotz des Wissens um die erpresserische Seite einer "Hilfe durch
Handel" mit Kapitalisten seine Feinde eben darum ersuchte und
weitgehende Zugeständnisse anbot, um Land und Leute nicht noch
mehr durch den Krieg zu ruinieren. Daß das kapitalistische Lager
aber nicht nur am Handel, sondern vor allem an seinen so schönen
politischen Folgen interessiert war, zeigt die Zurückweisung
durch die amerikanische Regierung ebenso wie die Befürwortung
durch die Opposition: Die US-Regierung ließ das sowjetische Ange-
bot, alle russischen Auslandsschulden anzuerkennen, Kapitalisten
russische Rohstoffe ausbeuten zu lassen und enteignetes ausländi-
sches Eigentum zu entschädigen, deswegen scheitern, weil Lenin
auf einer Mitsprache bei der Regelung bestand. Die Befürworter
des Handels spekulierten gleich ganz offen auf die Hungerwaffe:
"Wenn die Blockade aufgehoben wird und die Sowjetmacht sich mit
allem Notwendigen versorgen kann, so wird man dem russischen Volk
die Hände mit der Furcht vor einer Einstellung der Hilfesendungen
weitaus besser binden als mit der Blockade." (Bullitt)
Daß die Entschlossenheit der alliierten Regierungen nicht den an-
gestrebten Erfolg zeitigte (obwohl am Ende auch noch Polen zu ei-
nem Eroberungskrieg ermuntert worden war) und durch erneute bri-
tisch-französisch-amerikanische Intervention mit einer Annexion
russischen Gebiets belohnt wurde, daß also der Geschichtsfehler
nicht gleich korrigiert wurde, lag in erster Linie daran, daß da-
mals der gemeinsame Zweck der kapitalistischen Staaten, überall
auf dem Globus ihrem Kapital dem Privateigentum angemessene und
darum eindeutig einseitig geordnete Verhältnisse zu schaffen,
eben nicht in einem praktischen Willen existierte, der sich und
den anderen diesen Zweck als Hauptaufgabe auferlegt. Die Gemein-
samkeit der kapitalistischen Staaten in der Feindschaft gegen die
Sowjetunion fand ihre Grenze an der Konkurrenz um die Vorherr-
schaft bei der imperialistischen Nutzung des Erdballs.
Ebenso wie für den Sieg gegen Deutschland hätten die Entente-
mächte für ihr Vorhaben der Hilfe der USA bedurft, die an der
Ausdehnung der Intervention zu einem regelrechten neuen Weltkrieg
nicht interessiert waren. Vielmehr setzten sie auf die zerstöre-
rischen Wirkugen der Intervention, die den friedlichen Vorstel-
lungen von Handel und Wandel seitens der Opposition erst die re-
alistische und vielversprechende Basis verschaffen sollten:
"Ich glaube, man sollte sie (die Russen) ihre eigene Rettung aus-
arbeiten lassen, auch wenn sie sich dabei eine Weile im Chaos
wälzen. Ich stelle mir das so vor: Das ist ein Haufen unmöglicher
Leute, die sich untereinander bekämpfen. Mit denen kann man keine
Geschäfte machen. Drum sperrt man sie alle in einen Raum,
schließt die Tür und sagt ihnen: Wenn ihr euch beruhigt habt,
sperren wir wieder auf und machen Geschäfte."
In der Rolle des strengen Aufsehers einer Kinderbewahranstalt,
der kräftig am Schaden seiner Lieblinge arbeitet, um ihre Klug-
heit zu befördern, offenbart der amerikanische Präsident Wilson
(Der "Vater des Völkerbundes"), daß der Maßstab der "Vernunft" in
der Weltpolitik noch allemal einer der imperialistischen Ordnung
ist und daß auch die bloße Zerstörung von Land und Leuten nicht
ohne "Sinn", sondern geradezu der Schaden anderer Nationen zu
Nutz und Frommen der eigenen gereichen kann.
Auch wenn der Traum von der Öffnung der Weiten Rußlands sich bis
heute nicht so recht erfüllt hat, erfolglos war die Intervention
nicht: Sie war eine brutale Demonstration, um welchen Preis die
Verabschiedung aus der Welt des Privateigentums nur zu haben ist
und daß das Lösegeld, wie sich das für Erpressungen gehört, dem
Opfer noch lange keine Ruhe beschert. Deshalb waren auch die
Worte des Britenpremiers Lloyd George kein Eingeständnis von
Schwäche, sondern kündigten die Fortsetzung des Krieges mit ande-
ren Mitteln an:
"Der Gedanke, den Bolschewismus mit Waffengewalt vernichten zu
können, ist glatter Unsinn."
1922: Isolation
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"Es ist uns nicht gelungen, Rußland mit Gewalt wiederherzustel-
len. Aber ich bin überzeugt, daß wir mit Hilfe des Handels dies
tun und so Rußland retten können." (Lloyd George, Britischer Pre-
mierminister, 1920)
Die "Rettung" und "Wiederherstellung Rußlands" bleibt also west-
liches Programm. Logisch, daß die Einstellung der militärischen
(Ordnungs-)Hilfe nicht das Ende der Ruinierung des Sowjetstaates
bedeuten konnte, schließlich sollte mit "Hilfe des Handels" der
gleiche Zweck weiterverfolgt werden. Und das geschieht dadurch,
daß man zuerst einmal die Früchte der Zerstörung einzufahren ge-
denkt und den Handel so einsetzt, daß man ihn n i c h t ge-
währt, bzw. das Angebot von Warenlieferungen nicht von ihrer
B e z a h l u n g, sondern von Bedingungen abhängig macht, die
auf einer Selbstaufgabe des sozialistischen Staates beharren. Die
Aufhebung der Goldblockade - bis 1920 war es den Banken verboten,
russisches Gold anzunehmen - bedeutete noch lange nicht, daß der
Sozialismus aus dem Interesse der kapitalistischen Staaten an der
Aufstockung ihrer Goldreserven einen Nutzen hätte ziehen können.
So wurde alles daran gesetzt, das Handelsmonopol des Staates zu
brechen, indem zwar die Blockade eingestellt, den eigenen Kapita-
listen aber zur Auflage gemacht wurde, nur mit den Genossenschaf-
ten, also nicht mit dem Staat in Verbindung zu treten. Die eng-
lisch-französischen Auflagen für die Herstellung diplomatischer
Beziehungen zur Verbesserung des Handels dokumentieren den Willen
der demokratischen Staaten, die "Freiheit" in Rußland wieder zu
installieren.
Neben der Anerkennung der Auslandsschulden verlangten sie die
"Wiederherstellung des ausländischen Eigentums" und den Ausschluß
westlicher Kapitalisten von der sozialistischen Gesetzgebung, ein
Anspruch, den sich kein kapitalistischer Staat von einem anderen
aufmachen läßt:
"Unternehmen, die Ausländern gehören oder sich in deren Verwal-
tung befinden, sollen unter den Bedingungen völliger Freiheit be-
trieben werden können."
Die Klage über den "Rückzug Rußlands aus dem Welthandel", über
die "Verschlossenheit seiner Märkte" erweist sich angesichts des-
sen, daß die Sowjets nur einen Bruchteil dessen bekamen, was sie
gewollt und mit Gold oder Rohstoffen bezahlt hätten, als die
Ideologie des Kapitals, das offen bekundet, daß sein Handel nicht
mit dem einfachen Austausch von Gütern zu verwechseln ist, son-
dern auf Bedingungen pocht, die sein segensreiches Wirken profi-
tabel machen - wie z.B. der Ungültigkeit des sowjetischen Ar-
beitsrechts für ausländische Ausbeuter.
Aus Einsicht in den erpresserischen Charakter dieser Geschäftsan-
gebote vernichtete die Sowjetunion auf die dringend benötigten
Lieferungen; der Handel mit den kapitalistischen Staaten hielt
sich in engen Grenzen. Zum Haupthandelspartner wurde der Verlie-
rer des Weltkrieges. Grundlage war der Vertrag der "Parias der
Staatenwelt", der Rapallo-Vertrag. Nicht daß im deutschen Reich
die russische Seele, noch dazu in bolschewistischer Gestalt, be-
sondere Sympathien genossen hätte - immerhin drohten deutsche Po-
litiker den Siegermächten immer mal wieder, wenn man Deutschland
weiter so schlecht behandele, werde es dem Bolschewismus erliegen
- und dann gnade ihnen Gott! Die Anbiederung der Deutschen als
antibolschewistisches Bollwerk wurde bei den Siegermächten zwar
nicht ungern vernommen, aber dafür den eben erst besiegten Kon-
kurrenten um die Hegemonie in Europa zu stärken, lag weder im In-
teresse der beiden europäischen Großmächte, noch hatten sie die
Mittel dazu. Und die USA hatten zwar den Weltkrieg entschieden,
aber eben z u g u n s t e n der Großmächte England und
Frankreich, die jetzt sogar mehr Territorium beherrschten als
vorher. Mit dem von ihnen geförderten und eingerichteten Cordon
sanitaire (Staaten zwischen UdSSR und Deutschland) wollten etwa
die Franzosen zwei Gegner schlagen: den Erbfeind und den sich ab-
zeichnenden Hauptfeind.
Aus dem praktischen Gegensatz der Großmächte, der noch nicht dem
e i n e n Gegensatz untergeordnet war, resultiert also, daß
Deutschland auch als Verlierer behandelt und nicht gleich als
Brückenkopf aufgebaut und gefördert wurde wie später die BRD. Mit
Mangel an "Weitsicht" (= Haupfeind nicht gesehen, deshalb nicht
sofort vernichtet) hat das nur bei Historikern zu tun, die bei
atomarer Überlegenheit, Marschallplan und NATO ins Schwärmen ge-
raten und nach 1945 eine höhere Vernunft der Geschichte Werke se-
hen als nach 1918, obwohl auch dann eigentlich noch viel zu spät.
Der Versailler Vertrag war eben nicht der "gescheiterte Versuch
einer europäischen Friedensordnung", sondern das diktierte Inter-
esse der Siegermächte.
Von deutscher Seite aus war Rapallo erstens ein diplomatisches
Druckmittel an die Adresse der Sieger, Versailles zu revidieren,
und zweitens ein Mittel, seine Bestimmungen zu unterlaufen. Schon
der gleichberechtigte Handel war da ein Vorteil angesichts der
Bestimmung, daß Deutschland allen Siegermächten Meistbegünstigung
zu gewähren hatte, ohne sie selbst zu erhalten. Außerdem ver-
zichteten die Sowjets auf Reparationen, die die Sieger ihrem
"wiederhergestellten Rußland" freundlicherweise mit in den Ver-
trag geschrieben hatten. Und schließlich erlaubte der geheime Zu-
satz die Umgehung der militärischen Beschränkungen (Waffenbau und
Ausbildung der Reichswehrkader in der RSFR).
Dafür verzichtete Deutschland auf Ansprüche auf enteignete deut-
sche Kapitalien und Guthaben, jedoch nicht ohne sich die Zu-
kunftsoption zu bewahren:
"Vorausgesetzt, daß die Weigerung der Russischen Föderativen So-
wjetrepublik auch ähnliche Ansprüche dritter Staaten nicht be-
friedigt." (Art. 1 des Rapallo-Vertrages)
Die Gegensätze im imperialistischen Lager waren also die Grund-
lage dafür, daß der damalige Handel tatsächlich n u r zum
"gegenseitigen Vorteil" geriet und nicht zum Hebel der Wiederher-
stellung Rußlands durch die Ruinierung der SU wurde. Das Inter-
esse der europäischen Siegermächte hatte Deutschland in einen Zu-
stand versetzt, in dem es jenseits aller prinzipiellen Gegner-
schaft darauf angewiesen war, sich ein paar Selbstverständlich-
keiten eines souveränen Staates heimlich zu genehmigen, anstatt
die Bedingungen zu diktieren.
1939: Hitler-Stalin-Pakt
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"Wollte man in Europa Grund und Boden, dann konnte dies im großen
und ganzen nur auf Kosten Rußlands geschehen, dann mußte sich das
neue Reich wieder auf der Straße der einstigen Ordensritter in
Marsch setzen, um mit dem deutschen Schwert dem deutschen Pflug
die Scholle, der Nation das tägliche Brot zu geben." (Hitler,
Mein Kampf, 1924)
"Sollte der Krieg beginnen, so werden wir nicht untätig zusehen
können - wir werden auftreten müssen, aber wir werden als letzte
auftreten. Und wir werden auftreten, um das entscheidende Gewicht
in die Waagschale zu werfen." (Stalin, 1925)
Ausgerechnet dieses Stalinzitat dient ganzen Historikergeneratio-
nen als Beleg für den sowjetischen Willen zu Aggression und Ex-
pansion. Dabei dokumentiert es nichts als den Fehler der Stalini-
tischen Außenpolitik. Während Lenin der Auffassung war, daß
"Gegensätze und Widersprüche zwischen zwei kapitalistischen Mäch-
ten" den Druck auf die Sowjetunion vorübergehend abmildern könn-
ten, beginnt mit Stalin der Eintritt der Sowjetunion in die Welt-
politik mit der gefährlichen Illusion, sie könne als Schiedsrich-
ter und Nutznießer innerimperialistischer Händel gewinnen. D a ß
die Sowjets den Sozialismus in einem Lande aufbauen mußten, kann
ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden, daß sie daraus aber ein
politisches Programm verfertigten, ist ein Fehler, der den Oppor-
tunismus Stalins gegenüber den kapitalistischen Ländern ebenso
begründet wie das taktische Verhältnis gegen die Kommunisten in
aller Welt, die er für eben diese außenpolitischen Zwecke funk-
tionalisierte. Mit dieser Entscheidung war an die Stelle der
Festlegung der KPR (B) auf die Weltrevolution ("die Außenpolitik
der RFSR ist das Programm der Kommunistischen Internationale")
die Außenpolitik eines sozialistischen Staates getreten, der die
Prinzipien des Umgangs zwischen Staaten zur Richtschnur seiner
Außenpolitik gemacht hatte und die antikapitalistische Opposition
immer dann anordnete und wieder unterband, wenn es ihm in seine
Bündniserwartungen paßte. Daß die Rechnung zumindest insofern
aufgegangen ist, daß die SU nach dem 2. Weltkrieg ihren
Machtbereich erweitern konnte, ist keineswegs die Rechtfertigung
dieser Hoffnung.
Einen Nicht-Angriffs-Pakt mit dem erklärten und vielfach bewähr-
ten Feind des Kommunismus zu schließen, ist schon ein Fehler. Er
war sicher kein Mittel, sich Hitler noch für eine Zeit vom Hals
zu halten. Auf eine Unterstützung der Westmächte brauchte er
nicht zu rechnen. Die hatten ihn an der "Verteidigung" Polens ge-
gen Hitler beteiligen wollen, ohne die SU in Polen Krieg führen
zu lassen (Verweigerung der Durchmarschrechte durch Polen). Des-
wegen sich in dem Vertrag auch noch über die beidseitigen Anne-
xionen zu einigen, hat mit dem Ziel der Sicherung der UdSSR
nichts zu tun. Eher dagegen mit einer Taktik "Friedlicher Koexi-
stenz" bis zur letzten Konsequenz.
Ebensowenig wie die Lüge vom machthungrigen Aggressor trifft also
die sowjetische Legende vom gelungenen Zeitgewinn für die Vorbe-
reitung des "Großen Vaterländischen Kriegs" den Kern des Pakts.
Tatsächlich hat die SU an diesen Pakt g e g l a u b t und ge-
hofft, die imperialistischen Mächte möchten sich selbst zerflei-
schen. Darum drängte Stalin auf die Einhaltung der Termine für
Lieferungen von Rohstoffen und Getreide an die Deutschen noch im
Monat vor dem deutschen Überfall, während diese mit ihren Maschi-
nenlieferungen immer mehr in Verzug gerieten. Über Nacht wurde
die antifaschistische Propaganda in der Sowjetunion eingestellt
und es wurde der Versuch unternommen, die französischen Kommuni-
sten zur Neudefinierung ihrer Hauptkampflinie zu bewegen.
Die Vorbereitung der Sowjetunion gegen einen Überfall bestand
jetzt auch darin, Territorien zu annektieren (Bessarabien, Balti-
kum und das finnische Karelien). Man hielt sich an die mit den
Deutschen vereinbarte Grenze der Interessensphären, an die jene
sich - zumindest auf dem Balkan - schon nicht mehr hielten.
1941: Krieg gegen die UdSSR
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"Wenn wir sehen, daß Deutschland den Krieg gewinnt, sollten wir
Rußland helfen, und wenn Rußland gewinnt, sollten wir Deutschland
helfen. Auf diese Weise sollen sie sich so viel wie möglich ge-
genseitig umbringen." (Truman nach dem deutschen Überfall auf die
Sowjetunion)
Derselbe Truman soll dann 1945 als frischgebackener US-Präsident
aus lauter Unerfahrenheit die frühzeitige Realisierung d e s
Ziels der amerikanischen Nachkriegspolitik vergeigt haben, an-
statt auf den Rat des erfahrenen Churchill zu hören, nicht das
"falsche Schwein" zu "schlachten"! Tatsache ist es, daß die USA
eben nach obigem Motto schon unter Roosevelt gehandelt haben: Die
Sowjetunion ist als Mittel im Kampf gegen Hitler einzusetzen, wo-
bei sie gerade soweit zu unterstützen ist, daß sie Deutschland
einen Schaden zufügt, der den des Westens in Grenzen hält.
Erstens wurde dementsprechend die Lieferung von Material regu-
liert. Unterbrechungen ergaben ach "zwangsläufig" aus der
"Gefährdung der Transporte durch deutsche U-Boote". Die sowjeti-
schen Proteste gegen die Verschleppung versprochener Lieferungen
legen davon Zeugnis ab. Die Unterstützung der SU war gebunden an
diese ihre Dienstleistung. Die Teilhabe daran sollte sie sich
erst verdienen: Auf ein Ersuchen der Sowjets um 6 Mrd. Dollar
Nachkriegskredite erklärte US-Botschafter Harriman noch mitten im
Krieg:
"Den Russen muß klar gemacht werden, daß unsere Bereitschaft zur
ehrlichen Zusammenarbeit bezüglich ihrer schwierigen Probleme
beim Wiederaufbau abhängig ist, von ihrem Verhalten in interna-
tionalen Fragen." (Januar 1945)
Der Yankee dachte dabei an Segnungen der Freiheit, wie die Mitar-
beit im Gatt, also die Anerkennung amerikanischer Handelsbedin-
gungen, und an einen hervorragenden US-Einfluß in Osteuropa. Die
sofort nach Kriegsschluß erfolgte Kündigung des Lendlease-Pro-
gramms seitens der Amerikaner ließ an diesbezüglicher Klarheit
nichts zu wünschen übrig. Zweitens aber sorgen die erfolgten Ma-
teriallieferungen durchaus dafür, daß der Krieg in Rußland wei-
tergeht, während die von Stalin dringend verlangte, für 1942 ver-
sprochene "Zweite Front" im Westen erst 1944 mit der Landung in
der Normandie verwirklicht wird, als die Entscheidung im Osten
schon gefallen ist, die deutschen Truppen sich auf dem Rückzug
befinden.
Die Bindung der deutschen Truppen durch die Russen erlaubt drit-
tens den Krieg der Westmächte im Atlantik, Pazifik, Nordafrika -
angeblich zwecks "Sicherung der Lieferungen für die Sowjetunion".
Die USA errichten systematisch ihr weltweites Netz von Stützpunk-
ten durch Eroberung oder auch dadurch, daß sie sich die Material-
lieferungen an die Briten durch deren Verpachtung entgelten las-
sen. Die Briten erkennen schon früh die Bedeutung der Südflanke
der NATO und intervenieren in Griechenland, aber weder gegen die
Deutschen - die befinden sich gezwungenermaßen auf dem Rückzug -
noch gegen eine sowjetische Bedrohung - Churchill verweist dar-
auf, daß Stalin sich an die Abmachungen bezüglich der Aufteilung
des Balkans gehalten und sich nicht in Griechenland eingemischt
hat. Die Briten intervenieren gegen die griechische Befreiungs-
front, die zwar nicht sowjetfreundlich war, aber für die strate-
gische Bedeutung Griechenlands nicht das nötige Maß an Zuverläs-
sigkeit bot. Im Fernen Osten wurde sogleich der Wert eines ge-
schlagenen Gegners erkannt: Gefangene Japaner wurden in Korea und
Indochina in amerikanische Uniformen gesteckt und beim Kampf ge-
gen nationalistische und Hungeraufstände eingesetzt: Am 8. Mai
1945 ist die Sowjetunion bis an die Elbe vorgedrungen und - von
allen Seiten eingekreist! Von einem Partner, der die Ernsthaftig-
keit seines Werbens um freundschaftliche Beziehungen mit einer
eindrucksvollen Demonstration unterstrichen hat: Z w e i Bomben
und H u n d e r t t a u s e n d e von Toten.
In der bürgerlichen Geschichtsschreibung wird die Propagierung
des "Großen Vaterländischen Krieges" (verbunden mit der Einfüh-
rung zaristischer Uniformien, Orden und heldenhafter Vorbilder:
Im Film treibt Peter der Große seine leibeigenen Soldaten in den
Kampf gegen die Schweden mit dem Ruf: "Vorwärts, Genossen!") als
trickreicher Einfall des "teuflischen Georgiers" behandelt, der
damit das hehre Ideal des Nationalismus für das Ziel der kommuni-
stischen Weltrevolution mißbraucht habe. Tatsächlich vollendete
er damit den mit der Theorie vom "Sozialismus in einem Land" be-
gonnenen Abschied von der Absicht, die Welt zu revolutionieren,
und etablierte die Sowjetunion als Vaterland, das mit den anderen
Vaterländern um Macht und Einfluß in der Welt konkurriert. Deren
Zufriedenheit, sich als Nummer 2 etabliert zu haben und deshalb
allenthalben ihre "Friedensliebe " herauszukehren, ist konfron-
tiert mit der weltweiten Bedrohung durch die Nummer 1 und ihre
Bündnispartner, die Tag für Tag in vielen Sprachen ihre Unzufrie-
denheit mit der gegenwärtigen Weltordnung proklamieren und den
Umsturz der bestehenden Verhältnisse tatkräftig vorantreiben.
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