Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE AB-1945 - Zeit des Ost-West Gegensatzes
zurück
De Gaulle - ein starkes Stück Frankreich
JEANNE D'ARC, ZWEITE AUFLAGE
Charles de Gaulle, der Kriegsgewinner von Alliierten Gnaden, der
Araberschinder und Dekolonisator Algeriens, der alte 68er, der
vor ein paar Demos auskniff, der Miterfinder einer zwischenvöl-
kischen Weltneuheit ("Erbfreundschaft"), wird dies- und jenseits
des Rheins unbestritten zu den Säulenheiligen der jüngsten
(deutsch-)französischen Geschichte gezählt. Die Leute haben
recht: es gibt über den Mann wirklich nicht viel Gutes zu sagen.
Ein großer Soldat
-----------------
soll er zuvörderst gewesen sein, der General de Gaulle, der nie
eine bedeutende Schlacht geschlagen hat, den Ersten Weltkrieg
teils als unbedeutender Hauptmann, teils in deutscher Kriegsge-
fangenschaft verbrachte, den Zweiten Weltkrieg als militärisches
Anhängsel der Alliierten und den Algerienkrieg mit der Entkolo-
nialisierung des Feindeslandes beendete.
Soldat war der einzige "Beruf", den de Gaulle erlernte, und Be-
rufsoffizier wurde dieser Sohn eines radikal nationalistischen
Schullehrers und einer "fast fanatisch" (so de Gaulle selbst) ka-
tholisch-monarchistischen Mutter wie mancher Jüngling, der hofft,
einmal als Teilhaber der nationalen "Elite" mitmischen zu können,
und nicht schon als Kind einflußreicher Eltern geboren wurde:
Wohl wissend, daß einfacherer Leute Kinder den Marschallstab (und
andere Chefutensilien) eher im Tornister, keinesfalls aber in der
Brotzeittasche mit sich herumtragen, zog er es durch den Eintritt
in die Armee entschieden vor, seine Zeit nicht mit Arbeit zu ver-
geuden, sich vielmehr von den Arbeitenden aushalten zu lassen und
sich zeitlebens lieber mit dem Kommandieren solch nützlichen Fuß-
volks mit und ohne Uniform zu befassen.
Insofern war de Gaulle zunächst kein großer, sondern ein ziemlich
normaler Soldat, "durchschnittlich in allem, bis auf die Körper-
größe..." (ein Ausbilder der Offiziersschule), der seinen Ver-
stand dadurch zu trainieren suchte, wie er später laut einer Bio-
graphie gerne seinen Enkeln erzählte, daß er stundenlang franzö-
sische Sätze rückwärts lernte. Zur Anwendung brachte er seinen
dadurch auch nicht eben heller gewordenen Kopf in berufsnaher Be-
geisterung für den "Genius des Krieges" und die "Gewalt als
Hebamme des Fortschritts": die Gewalt ist "unentbehrlich" als
"Rückhalt des Denkens", der "militärische Geist integraler Teil
des Schatzes der Menschheit".
"Kann man Griechenland ohne Salamis verstehen, Rom ohne seine Le-
gionen, die Christenheit ohne das Schwert..., den Völkerbund ohne
Frankreichs Sieg?" (de Gaulle in seinem Buch "Die Schneide des
Schwertes", 1932 erschienen, nach Vorträgen aus den 20er Jahren)
Einer, der sich von der Geschichte der staatlichen Gewalt die Ge-
walt nicht wegdenken kann und das für einen guten Grund für eben
diese hält, beweist, daß letztere tatsächlich auch "Rückhalt sei-
nes Denkens" geworden ist, daß er also ein fertiger professionel-
ler Dummkopf und "Realist" und damit zum Offizier bestens ge-
eignet ist. (Was nicht heißen soll, daß er mit einem solchen Ar-
gument nicht auch ein brauchbarer Geschichtsprofessor hätte wer-
den können.)
Davon, daß er für eine bedeutende Karriere bestimmt war, war de
Gaulle schon frühzeitig überzeugt, wenn es auch außer ihm lange
niemand bemerken mochte. Daß seine Mitoffiziere ihn lange Zeit
nur als "Double Metre" oder "Cyrano" (eine Art gallischer Zwerg
Nase) bespöttelten oder genervt als "selbstbewußt bis an die
Grenze der Unzurechnungsfähigkeit" bekrittelten, hielt ihn nicht
davon ab, sich frühzeitig und dann sein Leben lang zum "Chef" zu
stilisieren, methodisch und unter Einsatz der ganzen Person:
"...ein solcher Chef hält auf Distanz, denn es gibt weder eine
Autorität ohne Prestige, noch Prestige ohne Distanz. Und vor al-
lem gibt es kein Prestige ohne Geheimnis... Unter ihm raunt man
von seinem Hochmut..., er macht dem Gefallenwollen keine Zuge-
ständnisse..." (Die Schneide des Schwertes)
So trug er denn geheimnisvoll-weiße Handschuhe, sprach und
schrieb in "schönen" Sätzen, lachte nicht, hielt "Distanz" selbst
noch zu Weib und eigner Brut, sprach nie jemanden mit Vornamen an
und von sich selbst in seinen Memoiren nur in der dritten Person,
hielt sich von Freundschaften fern und insgesamt mächtig auf
"Haltung".
Das alles hätte in der Lächerlichkeit einer Offiziersmarotte en-
den können, wenn de Gaulle nicht schon frühzeitig durch Zufall
auf den besten Förderer gestoßen wäre, den man damals für die
Förderung einer französischen Offizierskarriere finden konnte: Er
imponierte seinem ersten Obristen, dem nachmaligen Weltkriegshel-
den und Marschall Petain durch seinen demonstrativen Eifer und
seine militärische Borniertheit so sehr ("...liebt seinen Beruf
über alles", so Petain über de Gaulle) und schmeichelte ihm in
einer öffentlichen Vortragsreihe so überzeugend, daß der alte
Kommißkopf nicht umhin konnte, eine für de Gaulles Laufbahn töd-
liche Note der Kriegsschule kurzerhand zu kassieren und den jun-
gen Karrieristen zum "intelligentesten Offizier Frankreichs" zu
ernennen.
Der zweite Glücksfall, der aus dem bei Kriegsausbruch inzwischen
Brigadegeneral und Unterstaatssekretär gewordenen de Gaulle end-
gültig einen "Großen Soldaten" machte, war der Umstand, daß er
als einziges, wenn auch subalternes Regierungsmitglied auch nach
dem Waffenstillstand von 1940 nicht wie die Vichy-Mannschaft an
den Sieg der Deutschen und eine bedeutende Rolle Frankreichs in
einem faschistischen Europa glaubte, sondern an den der Alliier-
ten, und daß Churchill diesen unbekannten und leicht spinösen Un-
terstaatssekretär-General in London mit Geld und Propagandamit-
teln ausstattete, damit er als "Freies Frankreich" und alterna-
tive Option zu Vichy figuriere.
So wurde der General über BBC einer zunächst mäßig interessier-
ten, besiegten und mehr oder minder kollaborierenden Grande Na-
tion bekannt gemacht. Als er dann aber, nach zahllosen Querelen
und Intrigen als Chef der "Freien Franzosen" sich behauptend, in
Paris einmarschiert war, so als hätten er und die Franzosen und
nicht Amis und Briten die Nazis geschlagen, war sein Übergang zu
ewigem Ruhm nicht mehr rückgängig zu machen: der General war nun
für den französischen Nationalismus von rechts bis zur KPF die
Personifikation Frankreichs als S i e g e r m a c h t, der uni-
formtragende Beweis und Garant dafür, daß das "wirkliche
Frankreich" immer gekämpft und letztlich auch militärisch gesiegt
und "eigentlich" nie kapituliert und kollaboriert hatte, weshalb
die Nation folgerichtig auf der Seite der Anspruchsberechtigten
bei der Neuordnung der Nachkriegswelt zu stehen hatte.
Von diesem Zeitpunkt an konnte sich de Gaulle der Aufmerksamkeit
der Franzosen sicher sein, wenn er in der Uniform des siegreichen
Generals vor ihre Linien trat, um sie für seine Variante des na-
tionalen Wohls strammstehen zu lassen und die "Legitimität der
Macht, (die) aus den Siegen der Waffen geboren ist" (de Gaulle),
agitatorisch für sich nutzen:
So verfuhr er 1958, als er die aufrührerischen algerischen "Pieds
Noirs" und Militärs damit beruhigte, daß er auf ihren Wunsch hin
als neuer Regierungschef und einer der ihren "Algerien befrieden
(werde), und zwar so, daß es für immer mit Leib und Seele franzö-
sisch bleibt" (de Gaulle im Juni 1958). Zugleich überzeugte er
seine Wähler, die den Bürgerkrieg fürchteten, daß nur er als über
den Parteien stehender General und neuer Staatspräsident einer V.
Republik mit den neuen Vollmachten seiner eigenen Verfassung eben
diesen Bürgerkrieg verhindern und den Algerienkrieg beenden
könne.
Nach drei Jahren härtester Kriegsführung in Algerien legte der
Präsidentengeneral wieder die Montur an und verkündete seinem
Volk, daß
"die Dekolonisation in unserem Interesse liegt. Sie ist deshalb
unsere Politik. Warum sollen wir uns an kostspielige, blutige,
ausweglose Herrschaftsverhältnisse klammern, wo unser Land doch
von Grund auf zu erneuern ist?"
Den Putsch der düpierten Algeriengenerate schlug er nieder und
entließ Algerien in die "Unabhängigkeit" der imperialistischen
Franc-Zone.
Da er als General der Franzosen seine "Rolle" darin sah, "dem Ge-
meinwohl die verschiedenen Elemente der Nation zu deren (!) Heil
unterzuordnen", gab er ihnen doch auch immer wieder eine Chance,
obwohl die Franzosen "nichts als Krämer, Friseure und Bauern" wa-
ren.
Deshalb ging er 1968 zum letztenmal in Uniform vor die Kameras,
da einige "Elemente der Nation", Studenten und Arbeiter, demon-
strierend und generalstreikend ihre Aufsässigkeit bewiesen hatten
und neu dem Heil der Nation unterzuordnen waren.
Zuvor hatte er sich schon in die Arme des getreuen Generals Massu
nach Baden-Baden geflüchtet
- "Massu, tout ent foutu!" (Massu, alles ist im Eimer!) -,
verkennend, daß die Studenten eigentlich nur ordentlich studieren
und neben de Gaulle auch noch "die Phantasie an die Macht" brin-
gen wollten und "die zehn Millionen streikenden Arbeiter nicht
die Macht, sondern bessere Lebensbedingungen" (CGT-Chef Seguy)
wollten.
"Massu in seiner offenen Art gelang es endlich unter Hinweis auf
die Treue der Armee, den General umzustimmen." (Schilderung des
damaligen Premierministern Pompidou)
So ermutigt, daß die Armee notfalls die Unbotmäßigen, die von der
Polizei nicht mehr niederzuknüppeln waren, mit ihren Mitteln be-
frieden werde, rief er seinen Anhang öffentlich zur Lynchjustiz
auf-
"...überall muß sich die Bürgeraktion organisieren, um die Regie-
rung zu unterstützen und die Subversion zu bekämpfen..."
(Ansprache vom 30. Juni 68) -
und bot dann dem Land ein Referendum an, um sich zu
"versichern, daß die Franzosen, die sich im Mai 1968 schlecht be-
tragen haben, noch einmal mit de Gaulle eine letzte Anstrengung
unternehmen wollen, den Staat zu reformieren".
So oft de Gaulle in der Parteienkonkurrenz einen entscheidenden
Stich machen wollte, dienten ihm Uniform und Generalsrang als
Ausweis dafür, daß er gerade über den verächtlichen Niederungen
dieser Konkurrenz stehe, daß er gerade als Soldat ein Mann sei,
"der niemandem gehört und für alle da ist", eben ein
Großer Staatsmann,
------------------
dem nicht die Politik, sondern der Staat überhaupt am Herzen
liege.
Die sehr gewöhnliche Politikerphrase, daß der eigene Standpunkt
nichts Parteipolitisches an sich habe, sondern der nationale
schlechthin sei, trug kaum einer so glaubwürdig vor wie de
Gaulle, und vermutlich glaubte auch kaum einer so daran wie er
selbst.
Er sah sich zeitlebens nur in "historischer Mission" unterwegs,
rettete ein ums andere Mal das Vaterland und betrachtete deshalb
"als einzige Instanz, die mich interessiert, die Geschichte".
War das krampfhaft würdevolle Gehabe des soldatischen Befehlsha-
bers, über das er sich so gerne in seinen Traktaten über den
"Charakter des Chefs", "die Selbstinszenierung", die "Natur des
echten Führers" ausbreitete, noch die Vorbereitung eines Karrie-
risten auf erhoffte spätere Größe, so wurde dem Menschen der
Wahn, eine Reinkarnation der Jungfrau von Orleans zu sein, mit
der er sich häufig verglich, nach und nach zur ersten Natur. Er
wollte tatsächlich Staatsmann sein und sonst gar nichts. Dafür
machte er konseguent seine ganze trostlose Persönlichkeit zu-
recht, so daß selbst noch ein sympathisierender Biograph fest-
stellen muß, daß sein Held ein arg beschränkter Trottel ist,
geadelt, allerdings durch den Erfolg als Machthaber:
"Für das Theater, die Musik oder die Oper interessierte er sich
nicht... Die Schlichtheit und Schmucklosigkeit seines persönli-
chen Lebens und seiner Lebensgewohnheiten, der bewußte Verzicht
auf Vergnügungen, Zerstreuungen, Humor und Spaß diente bei de
Gaulle dazu, seine völlige Hingabe an die Kunst der Macht zu er-
möglichen. Was an anderen Menschen Borniertheit wäre, wurde bei
de Gaulle ein Teil seiner Faszination und des Geheimnisses seiner
Macht." (Don Cock, De Gaulle)
So blieb dem Mann nur der Genuß der eigenen messianischen Bedeut-
samkeit und des großartigen jesusmäßigen persönlichen Opfers:
"Ein Ruf aus den Tiefen der Geschichte und dann der Instinkt des
Landes haben mich bewogen, das verlassene Erbe anzutreten, die
französische Souveränität auf mich zu nehmen... Was die menschli-
chen Beziehungen angeht, so ist mein Los also die Einsamkeit..."
Von dieser hohen Warte aus erschien dem General das gewöhnliche
parlamentarische Getriebe der demokratischen Machtkonkurrenz
stets als unzumutbare und unverantwortliche Behinderung seiner
staatsmännischen Vorhaben, weswegen er sich mehrmals beleidigt in
sein Kaff zurückzog:
- als man ihm 1946 seitens der Verfassunggebenden Versammlung zur
IV. Republik die gewünschten präsidialen Vollmachten verweigerte,
- als er 1951/52 mit seinem "Rassemblement du Peuple Francais"
(RPF) bei Wahlen den Durchbruch zur Regierung verfehlte und
- als er bei dem selbst angesetzten Referendum zur Regionalisie-
rung der Verwaltung 1969 keine Mehrheit gewann.
Zwar befand er solche Rückzüge aus den Niederungen der Politik
als seiner Bedeutung angemessen:
"...es ist doch so: die Jungfrau von Orleans kann man sich nicht
verheiratet denken, als Mutter einer Familie und womöglich mit
einem Mann, der sie betrügt." (de Gaulle nach seinem Rücktritt
1946 zu einem Vertrauten)
Noch angemessener hätte er es allerdings gefunden, wenn die Mas-
sen die uniformierte männliche Staatsjungfer im Triumphzug zu-
rückgeholt hätten. Als diese ausblieben, schickte er nach seinem
ersten Rücktritt Späher aus, um erkunden zu lassen, ob sie etwa
durch Straßensperren von ihm ferngehalten würden. Man hatte aber
gar keine Straßensperren errichtet. Die Massen hatten gerade an-
dere Sorgen.
Derlei Enttäuschungen bestärkten den Großen Staatsmann nur in
seiner Verachtung für das "System", das eine ständige
"Atmosphäre von Skandal, Skeptizismus und Ekel erzeugte", für die
Parlamentarier, die "Politichiens" - "alles Taugenichtse! Sie ha-
ben nur ihre Karierre im Kopf." - und die Wahlen, da "...daraus
doch nur Verdruß für das Land und die Nationalversammlung selbst
resultieren... diese Kombinationen, Geschäftigkeiten, Vertrauens-
voten, Investituren, die das Spiel, das Gift, das Entzücken des
Systems sind...",
inklusive Volk:
"La France vacharde!" (Das Frankreich der Rindviecher!)
Trotz all dieser Faschistereien gegen die heiligsten Güter der
Demokratie und obwohl er immer wieder einmal mit der Möglichkeit
der Militärdiktatur kokettierte:
"Die ausschließliche Herrschaft der Parteien ist wieder da. Ich
mißbillige sie. Aber außer der zwangsweisen Errichtung der Dikta-
tur, die ich nicht will und die zweifellos schlecht ausgehen
würde, habe ich keine Mittel, diese Entwicklung zu verhindern."
(de Gaulle 1946),
obwohl er für den Erfolg seines "Rassemblement" den theoretischen
Faschismus der nationalistischen Massen nach Kräften ausnutzte
und anheizte wie jeder rechte Demokrat, verkannte er vom Stand-
punkt des eigenen Staatsfanatismus nicht die Leistungen der demo-
kratischen Tour bei der Abwicklung von Ausbeutung und Gewalt: Den
Fehler des faschistischen Anti-Demokratismus machte er nicht mit,
der ausgerechnet das Durchstreichen von Interessen mittels par-
teimäßiger "politischer Willensbildung" und die Benützung und Be-
friedung des Bürgerwillens per Wahlkreuzchen für eine Schwächung
der politischen Gewalt hält. De Gaulle stritt seiner Lebtag für
eine Variante demokratischer Machttechnik, die - selbstverständ-
lich mit de Gaulle an der Spitze - dafür sorgen sollte, daß nicht
hinter dem "Parteienstreit die höheren Interessen des Landes ver-
schwinden".
Im Präsidentenamt soll
"eine nationale Schiedsinstanz bestehen... über der Tagespoli-
tik,... die in Augenblicken ernster Wirren durch den Appell an
das Land, seinen souveränen Willen (durch Referendum oder Wahlen)
kundzutun", für die "nationale Unabhängigkeit" sorgt.
Dieser Verfassungsentwurf, erstmals in der "Großen Rede von
Bayeux" 1946 vorgestellt, 1958 als Grundgesetz der V. Republik in
Kraft getreten, ist gültig bis heute, wo ihn ein sozialistischer
Nachfahre des Generals genießt. Den Faschismus hielt der franzö-
sische Chefideologe und -praktiker der Souveränität und
"Feind jeder Ideologie" (de Gaulle über sich)
im übrigen für den "Ausdruck einer Zivilisationskrise" mit tiefe-
rem Grund in "der Transformation der Lebensbedingungen durch die
Maschine", in der - so sorgenvoll ausgerechnet dieser berufsmä-
ßige Verächter jedes persönlichen Interesses - das "Individuum
unvermeidlich untergeht."
Der Haupt- und Erzfeind stand für diesen famosen Staatsmann und
Anti-Ideologen selbstverständlich links. Vom Standpunkt des sou-
veränen staatlichen Einsatzes von Land und Leuten für die maxi-
male nationale Schlagkraft war ihm eine Partei, die theoretisch
und praktisch, getrennt von dem der Nation, das Sonderinteresse
einer Klasse aufmachte, zutiefst zuwider:
"Auf unserem Boden, mitten unter uns, haben Menschen einem frem-
den (!) Herrschaftswillen, gelenkt von den Herren einer großen
slawischen Macht, den Treueeid geleistet. Sie haben das Ziel, bei
uns die Diktatur zu errichten, so wie es ihresgleichen andernorts
mit Unterstützung dieser Macht gelungen ist. Für sie... handelt
es sich in Wahrheit darum, unser schönes Land in totalitäre
Knechtschaft zu bringen, wo kein Franzose mehr über seinen Körper
und seine Seele verfügte und Frankreich selbst zum Vasallen eines
kolossalen Hegemonen würde." (de Gaulle 1952)
Der Widerstand solcher "Menschen" gegen die ihnen stets schädli-
che Vereinnahmung durch den i n l ä n d i s c h e n "Herr-
schaftswillen" ist de Gaulle nicht anders erklärlich als durch
die Verpflichtung auf einen fremden ausländischen. Die Mög-
lichkeit, eine ganze Abteilung von Franzosen könnte ihres
e i g e n e n Interesses wegen gegen Typen wie ihn und ihre Vor-
haben Front machen, ist ihm undenkbar, weshalb die Weigerung,
sich auf den nationalen Standpunkt verpflichten zu lassen, für
den französischen Führer nur im Dienste fremder und daher feind-
licher Souveränität erfolgen konnte, als Separation von der Ge-
meinschaft der Franzosen. (Dieselbe Logik machte im übrigen auch
der deutsche Führer den Kommunisten auf, so wie es jeder staats-
tragende Antikommunist bis heute tut.)
Konsequenterweise nannte de Gaulle die Kommunisten öffentlich nie
anders als "die Separatisten", die
"alle Bereiche nationaler Aktivität unterwandern, die Verwirrung
stiften, die Unzufriedenen anstacheln, die Naiven täuschen usw.
usf."
Die "Separatisten" waren um jeden Preis zu bekämpfen, und vor al-
lem vor ihnen mußte de Gaulle das Vaterland immer wieder retten:
Während des Krieges durch die Unterstützung der nichtkommunisti-
schen Resistance, nach der "Befreiung" durch schnelle Entwaffnung
der starken kommunistischen Milizen und ihre kurzzeitige
"Einbindung" in die erste provisorische Regierung (was die KPF,
verantwortungsvoll wie sie war, sich alles gefallen ließ), durch
Putschdrohungen zwischen 1947 und 1952 für den Fall, daß die
starke KPF-Fraktion des Parlamentes mit an die Regierung käme und
durch Bürgerwehr-Aufrufe und die Androhung des Einsatzes "aller
Möglichkeiten ohne Ausnahme" zur Aufrechterhaltung "der nationa-
len und republikanischen Legitimität" und um den "Sieg des tota-
litären Kommunismus" zu verhindern, bei den Mai-Unruhen 1968.
Daß de Gaulle proletarisches Klasseninteresse als strafwürdigen
Separatismus betrachtete, bedeutete aber nicht, daß ihm die Dif-
ferenz zwischen Staat und Bürgern nicht geläufig gewesen wäre. Er
stand "nur" auf dem Standpunkt, daß dies ein Dienstverhältnis zu
sein habe, das der staatliche Dienstherr souverän auszugestalten
habe, eben zu s e i n e m Vorteil:
"Der Zusammenhalt Frankreichs erfordert, daß sie (die Arbeiter)
sich moralisch in die nationale Gemeinschaft re-integrieren, von
der viele dazu neigen... sich zu entfernen. Wenn darüber hinaus
die Arbeiterklasse von sich aus die Quellen ihrer Möglichkeit er-
schließt, was könnte das für die Produktivität und damit für die
französische Macht bedeuten!" (Memoiren)
Großer Staatsmann, der er war, war er eben auch ein
Großer Franzose
---------------
darin, daß er den Franzosen den Gegensatz zwischen ihnen und
Frankreich stets als einen von ihnen zu erfüllenden Anspruch auf-
machte, wenn nötig bis zur letzten Konsequenz -
"Nun, meine Herren, Sie gehen nach Frankreich. Auch wenn Sie
sterben sollten - Frankreich wird leben! Auf Wiedersehen meine
Herren!" (1943 in London zu französischen Widerständlern) -
und ohne unnötigen Gefühlsaufwand, denn
"zwischen der Hand, die den Zug ausführt und dem Stein am Schach-
brett kann es keine Freundschaft geben"
Die Lasten, die Frankreich den Franzosen auferlegt, haben sie im-
mer verdient und eigenem Versagen zuzuschreiben:
"Zu Zeiten, da Mittelmäßigkeit Frankreichs Tun und Lassen kenn-
zeichnet, habe ich das Gefühl einer absurden Anomalie, die auf
das Versagen der Franzosen zurückgehen muß, nicht auf den Genius
des Vaterlandes."
Wenn aber die Franzosen nicht versagen, ihren Dienst tun und brav
ihre Pflichten erfüllen, dann, so teilt ihnen der Größte aus ih-
rer Mitte mit, kommt Frankreich zu seiner wahren Bestimmung (die
nur leider auch die Bestimmung aller anderen Vaterländer auf dem
Globus ist): Ansprüche an die ganze Welt stellen zu können.
"Zeit meines Lebens begleitet mich eine bestimmte Vorstellung vom
Wesen Frankreichs... berufen zu einem großartigen, außergewöhnli-
chen Schicksal... Auch sagt mir mein Verstand (!), daß Frankreich
nicht Frankreich ist, wenn es nicht an der ersten Stelle steht...
Kurz, ich glaube, ohne Größe kann Frankreich nicht Frankreich
sein." (de Gaulle, Memoiren)
Den Bemühungen um die Wiedererrichtung französischer Größe in der
Nachkriegswelt, in der Frankreich sich als eine Unterabteilung
des US-imperialistischen Blocks wiederfand, diente die entschie-
dene Ablehnung der "Europäischen Verteidigungsgemeinschaft"
(EVG),
eines "vaterlandslosen Monstrums", das dem "wiedererrichteten IV.
Reich die militärische Vormacht in Europa wiederbeschafft" (de
Gaulle),
die Sonderrolle in der NATO, die Gegnerschaft gegen Großbritanni-
ens Mitgliedschaft in der EG und nicht zuletzt die Sonderregelung
des EG-internen Verhältnisses mit dem alten und - wie vorausgese-
hen - neuen Hauptkonkurrenten auf dem Kontinent: dem Deutschen
BRD-Reich, dessen Etablierung und Machtentfaltung als antikommu-
nistische NATO-Großmacht Frankreich dulden mußte, unter dem Titel
der "deutsch-französischen Freundschaft".
So war aus dem großen Franzosen de Gaulle am Ende auch noch ein
Großer Europäer
---------------
geworden, gerade weil er Europa nie anders als unter dem Ge-
sichtspunkt französischer Macht betrachtete, ein Standpunkt, von
dem aus Frankreich allein natürlich immer zu klein ist:
"Diese Gemeinschaft, die 150 Millionen Menschen und beträchtliche
Ressourcen umfassen würde, bedeutende intellektuelle, spiritu-
elle, moralische und soziale Werte dazu, in Übersee ergänzt durch
angeschlossene oder assoziierte Territorien, würde die Chance der
Alten Welt wiederherstellen gegen die Hegemonie der Super-
mächte...
Aber... es ist Frankreich, dem dabei die Aufgabe und die Würde
zukommen muß, das Zentrum und der Schlüssel zu sein." (de Gaulle)
Dabei dachte der General übrigens nicht nur an Europa bis zur
DDR-Grenze, sondern sah
"Europa, so wie es ist. Ich sehe es sich erstrecken von Gibraltar
bis zum Ural."
Damit hat der europäische de Gaulle einen Ausblick gegeben, der
bis heute gilt. Die neuen deutschen Erbfreunde sehen Europa ge-
nauso. Nur die Sache mit dem "Zentrum" und dem "Schlüssel" stel-
len sie sich ein bißchen anders vor als der verblichene Gene-
ral.
zurück