Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE AB-1945 - Zeit des Ost-West Gegensatzes


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       Bonner Charaktere: Konrad Adenauer
       

KALTER KRIEGS- UND AUFBAUKANZLER

Konrad Adenauer, der erste Kanzler, der Alte, der wortwörtlich die "Adenauer-Ära" bestimmte - dieser Staatsmann der ersten Stunde des bundesrepublikanischen Staatswesens erfährt heute nicht nur all die Würdigungen, die "großen" Politikern zuteil werden, wenn sie gestorben sind. Über Konrad Adenauer ist mehr und nur Gutes zu hören. Die BRD wird zur Zeit von einem stolzen Enkel regiert. Der Opa, der da sehr selbstbewußt ins Spiel gebracht wird, ist lange tot: Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Republik, der "Alte von Rhöndorf", Erfinder der "Adenauer-Ära". Man braucht ihn an seinem selbsternannten Enkel nicht auch noch eine persönliche Mitschuld posthum in die Schuhe zu schieben. Sein Vermächtnis, das bei Helmut Kohl in denkbar angemessenen Händen ist, reicht schon. Denn er hat der jungen Republik das meiste von dem mit auf den Weg gegeben, was ihre Sachwalter 40 Jahre nach Kriegsende so herzlich feiern: das "Christlich" als offizielle Staatsheuchelei; den Führerkult als Lebenselixier der Demokratie; das "Wirtschaftswunder" als Weg zu neuer imperiali- stischer Größe; die Bundeswehr und die NATO-Mitgliedschaft als Unterpfand für eine Wiedervereinigung "in Frieden u n d Frei- heit", wie er immer zu betonen pflegte - will nämlich sagen: 'zu unseren Konditionen'; einen sozialen Frieden, der Unzufriedenheit als Kommunismus verbietet - außer der einen: der konstruktiven Unzufriedenheit mit Abweichlern, "Faulenzern" und anderen Volks- schädlingen. Daß Adenauer wenigstens irgendwie sympathischer gewesen sein muß als sein dummdreister Enkel, ist eine optische Täuschung. Die Um- stände nötigten ihm noch mehr Gerissenheit ab - und die hat sei- ner hemmungslosen Liebe zur Macht ihre Würze gegeben. Sich selbst hat er damit jedenfalls prächtig gefallen; und seine Untertanen waren ihm dankbar dafür. Kühle Kompromisse und bescheidene Rechnungen -------------------------------------------- "Zeiten einer politischen Katastrophe sind besonders geeignet, etwas Neues zu schaffen." (OB Adenauer 1917) Die Voraussetzung für Konrad Adenauer, endgültig die "starke Per- sönlichkeit" zu werden, die er wurde, indem er erfolgreich Ge- schichte machte, war 1945 gleich doppelt gegeben: 1. war er selbst immer schon "ne Politiker" gewesen und hatte klugerweise seine katholische Zentrumsantipathie gegen die Nationalsoziali- sten, die ihn aus allen Ämtern entließen, mit einem "zurückgezogenen Leben" durchgefochten; 2. holten ihn die Alli- ierten, als die deutsche politische Katastrophe total war: Der deutsche Staat hatte aufgehört, ein Staat zu sein und unterstand völlig dem Willen der Siegermächte. In dieser "Stunde Null" hatte Adenauer freilich das Glück, daß die Westalliierten immer mehr zu der Überzeugung gelangten - und von Adenauer darin intensiv be- stärkt wurden -, daß sich Trizonesien als Bollwerk gegen den Ost- block benutzen lasse. Adenauer wurde also nicht Statthalter über einen Kartoffelacker (was dieser politische Mann mit dem richti- gen Gefühl für die Macht natürlich abgelehnt hätte, genauso wie er in der Weimarer Republik die ihm angetragene Reichskanzler- schaft ausschlug), sondern Bundeskanzler über die Gebiete, über die die Westalliierten zunächst weiterhin verfügten, denen sie aber zugestanden, unter ihrer Besatzung eine deutsche Herrschaft einrichten zu dürfen, die demokratisch zu sein hatte. Angesichts dieser Umstände nahm sich der Realpolitiker Adenauer folgendes konkretes Lebenswerk vor: unter der Herrschaft der westlichen Siegermächte einen neuen deutschen Staat aufbauen. Der Witz, der Geschichte bestand nun darin, daß Adenauer für sein Staatsbildungsgeschäft zuallererst die zum Gegner hatte, von de- ren Wohlwollen allein das Werden eines neuen deutschen Staates abhing, die Besatzungsmächte der Westzonen. Der Staat, den er ma- chen wollte, mußte daher "für den Westen akzeptabel" sein, also dessen Kalkül gegen den Osten entsprechen, und sollte so immer mehr er selbst und souverän werden. Mit der ihm geboten erschei- nenden Rücksichtslosigkeit gegen das eigene arbeitslose und hun- gernde Volk legte Adenauer deshalb Bescheidenheit an den Tag, verzichtete auf alle deutschen Ansprüche und unterwarf West- deutschland dem unbedingten Willen der Sieger aus dem Westen: "Wir sind einverstanden damit, daß wir völlig abgerüstet werden, daß unsere reine Kriegsindustrie zerstört wird, daß wir nach bei- den Richtungen einer langen Kontrolle unterworfen werden. Ja, ich will noch weitergehen: Ich glaube, daß die Mehrheit des deutschen Volkes einverstanden wäre, wenn wir wie die Schweiz völkerrecht- lich neutralisiert würden." So sprach der Politiker zu Beginn seines Wiederaufstiegs 1946 (wohl um eine "neutrale" Herrschaft zu sichern, hatte er schon 1945 in NRW die CDU mitbegründet und war 1946 ihr Vorsitzender geworden). 1949, als die Adenauer undeutsch dünkende Neutralität kein Thema mehr war und die Kontrolle aus der anderen Richtung aufgrund der vor allem von den Amerikanern eingeschlagenen Poli- tik des Kalten Krieges gegen den früheren Mitsieger fast bedeu- tungslos geworden war, sprach der erste Kanzler der jungen Re- publik unter dem weiter geltenden Besatzungsstatut zwar schon wieder von "unserer Außenpolitik", seine Methode des 'Wir tun alles, was Ihr wollt, damit wir etwas davon haben, weil Ihr viel davon habt' hatte sich aber keineswegs geändert: "...lassen Sie mich einige Ausführungen über die nach meiner Mei- nung zu beobachtende Methode unserer Außenpolitik machen! Wir "Deutschen auf der einen Seite und die Alliierten auf der anderen Seite sehen naturgemäß den gleichen Tatbestand von zwei verschie- denen Gesichtpunkten aus an. Ich meine: Wir Deutsche sollten nicht vergessen, was sich von 1933 bis 1945 abgespielt hat, wir dürfen auch nicht vergessen, welches Unglück durch die national- sozialistische Regierung über die ganze Welt gekommen ist. Ich meine: Wir dürfen weiter nicht vergessen, daß noch heute alle Völker der Erde schwer unter den Folgen dieses Krieges zu leiden haben. Endlich glaube ich, daß wir uns bei allem, was wir tun, klar darüber sein müssen, daß wir infolge des totalen Zusammen- bruchs ohne Macht sind. Man muß sich deshalb darüber klar sein, daß bei den Verhandlungen, die wir Deutsche mit den Alliierten zu führen haben, um fortschreitend in immer größeren Besitz der staatlichen Macht zu kommen, das psychologische Moment eine sehr große Rolle spielt, daß man aber von vornherein nicht ohne wei- teres volles Vertrauen verlangen und erwarten kann. Wir können und dürfen nicht davon ausgehen, daß nun bei den anderen plötz- lich ein völliger Stimmungsumschwung gegenüber Deutschland einge- treten ist, daß vielmehr das Vertrauen nur langsam, Stück für Stück, wiedergewonnen werden kann. So unwürdig und falsch es sein würde, wenn wir eine Politik sklavischer Unterwürfigkeit verfol- gen würden, eine dumme, unkluge und aussichtslose Politik wäre es, wenn wir auftrumpfen wollten." Die allseits gelobte "List" des großen Taktikers reduziert sich auf die kühle Rechnung, ohne nationale Töne und Ansprüche, mit dem Gestus der Abkehr vom deutschen Nationalismus wieder zu Macht zu kommen, "Stück für Stück". Für diesen Zweck war das Peters- berg-Abkommen - b e g r e n z t e Reparationsleistungen und De- montagen; Aufhebung der im Ruhrstatut festgelegten Produktionsbe- schränkungen und die Einbringung der deutschen Kohle- und Stahl- industrie in eine neu geschaffene e u r o p ä i s c h e Kon- trollbehörde - ein Erfolg, nämlich ein Stück erfolgreich ausge- handelte westdeutsche Staatlichkeit: "Politisch ist dieses Abkommen ein sehr großer Erfolg. Zum er- sten, Mal seit dem Zusammenbruch wird unsere Gleichberechtigung offiziell anerkannt, und zum ersten Mal werden wir wieder in die internationale Sphäre treten." (1949) Die kalkulierte Bescheidenheit, die ihm zu Unrecht von der SPD den Vorwurf "Kanzler der Alliierten" einbrachte, weil er diesen nur deshalb und in dem Maße willfährig war, wie es dazu diente, Bundeskanzler über einen souveränen Staat zu werden, äußerte sich weiterhin darin, ständig den Siegermächten die Notwendigkeit deutscher Teilnahme an der Durchsetzung der westlichen, europäi- schen und atlantischen Interessen vorzustellen und dabei die deutschen Interessen bewußt hintanzustellen: "Wenn man sich nun in Abkehr vom Morgenthau-Plan zu der Anschau- ung durchgerungen hat, daß der Wiederaufbau Europas nur möglich ist unter vollem Einsatz der deutschen Wirtschaftskapazität,... dann ist es doch heller Wahnsinn, daß man die deutsche Wirt- schaftskapazität durch diese Demontagen in der empfindlichsten Weise herabdrückt und schädigt. Dann sollten doch alle diejeni- gen, denen es ernst ist mit der Wiederherstellung Europas, Ein- halt gebieten." Über den Beweis der Unabdingbarkeit deutscher Beteiligung an den politischen und wirtschaftlichen Vorhaben der Westalliierten er- reichte Konrad Adenauer Schritt für Schritt mehr - Souveränität für die Bundesrepublik, und dies unter ständiger Beteuerung, daß die junge Republik weiter nicht viel sei - zumal sie ja nur West- deutschland und ein Provisorium war -, sondern erst wieder Anse- hen in der Welt gewinnen müsse. Noch fast jede Rede des Kanzlers faßte die Machtpolitik seiner Person, dieser rheinisch-katholi- schen Einheit von kleindeutscher Bescheidenheit und Berechnung, in so oder ähnlich lautenden Sätzen zusammen: "Die Laje is ernst, Die Laje ist noch nie so ernst jewesen." Die Ostzone dem Kalten Krieg ---------------------------- "Die Sowjetunion ist ein noch viel größerer und viel mächtigerer und viel totalitärerer Staat, als es das nationalsozialistische Deutschland gewesen ist." (1952) Der zweite Gegner für Adenauers Alterswerk, einen souveränen deutschen Staat wiederherzustellen, stand im Osten, mitten im al- ten Deutschland hinter dem eisernen Vorhang und in der Ostzone. Obwohl genauso zu den Siegermächten gehörig wie die Westalliier- ten, hatte der Bruch des ehemaligen Kriegsbündnisses zwischen den Alliierten diesem Feind und dieser Besatzungsmacht im Osten für Adenauers Politik eine neue Qualität verschafft. Die militärische Awesenheit der Russen mitten im Herzen Europas war sozusagen das Unterpfand dafür, in Anlehnung an den freien Westen diesem die Bündesrepublik Deutschland abzuringen. Man kann dem Staat-Macher Adenauer sicherlich nicht nachsagen, er sei nicht für die deut- sche Wiedervereinigung gewesen. Natürlich wäre es diesem deut- schen Staatsmann lieber gewesen, eine größere Republik unter Ein- beziehung der Ostzone und vielleicht noch mehr zu gründen. Doch daß die "Wiedervereinigung" der Primat seiner Politik gewesen wäre, ist ebenso ein Gerücht wie noch mehr, daß Adenauer in al- lem, was er tat, an die "Brüder und Schwestern in der Ostzone" gedacht und dementsprechend gehandelt habe. Adenauer wollte eine ordentliche Herrschaft auf deutschem Boden installieren, und das ist etwas anderes, als allen Deutschen, zumal denen in der Ost- zone und dahinter, h e l f e n zu wollen. Hätten die von drü- ben, die noch drüben sind, genau hingeschaut, hätten sie die Be- teuerung - "Unsere Menschen in der Ostzone sehen auf uns, und sie warten darauf, daß wir auf unserem Wege so schnell fortschreiten wie ir- gend möglich, weil wir ihre einzige Hoffnung sind." (1952) - in einem etwas anderem Licht gesehen. Das schnelle Fortschreiten auf dem Wege zur Eingemeindung aller Deutschen war nur sehr be- dingt das Ziel des Kanzlers. Mit dem sicheren Gefühl dafür, daß ein neutraler Staat ohne Militärmacht und Bündnispartner kein ge- scheiter Staat ist, unterstützte er die Westalliierten nachdrück- lich darin, jeden Vorschlag des Ostens zur Wiedervereinigung, den dieser seinerseits machte, um sich die Bedrohung aus dem Westen vom Leibe zu halten, direkt oder indirekt (also mit für den Osten unannehmbaren Zusatzforderungen) abzulehnen. Da unbesehen und von vornherein feststand, daß nur die Bundesrepublik diplomatische Verhandlungen führen könne (wohl weil sie, zwar auch unter Besat- zungsstatut, aber aus drei Zonen bestand), die SBZ aber kein Staat, sondern nur ein "Gebilde", ein "von Sowjetrußland besetz- tes deutsches Gebiet" sei, wurden alle Vorstöße Grotewohls von Adenauer und seinem Parlament schon dadurch abgewiesen, daß man jede Zusammenkunft ablehnte. Obwohl der Katholik Adenauer ziem- lich dogmatische Urteile über den Riß durch Deutschland fällte "Die Teilung Deutschlands ist abnorm, sie ist gegen göttliches und menschliches Recht und gegen die Natur." (1955 in Moskau) -, hatte er kein Problem damit, dieses sein Dogma ganz natürlich und machtpolitisch zu interpretieren: "Wir sind ein schwaches und überaus exportarmes Land. Wir können aus eigener Kraft gar nichts vollbringen. Wir können nicht zwi- schen Ost und West ein Niemandsland sein; dann hätten wir nir- gends Freunde und jedenfalls im Osten einen gefährlichen Nach- barn." (1952) Weil also Deutschland s e l b s t wieder etwas vollbringen sollte, war es ihm lieber, daß die 17 Millionen Brüder und Schwe- stern weiter unter kommunistischem Vorzeichen lebten, denn sonst wäre es ja noch schlimmer gekommen: "Die Wiedervereinigung in einem neutralisierten und damit iso- lierten Gesamtdeutschland wäre eine Wiedervereinigung unter kom- munistischem Vorzeichen." (1956) Somit stand für Adenauer fest, daß die "D e u t s c h- l a n d f r a g e" nur als ein "T e i l p r o b l e m d e s O s t - W e s t - K o n f l i k t s" zu behandeln sei, also nur aus der Stärkung des Westens (= der BRD) angegangen werden könne: "Wir glauben, daß ein politisch und militärisch geeinter Westen in der Lage ist, durch eine konzentrierte diplomatische Aktion auf friedlichem Wege den Ost-West-Konflikt zu entspannen und da- mit auch das Problem der Wiedervereinigung Deutschlands und der Oder-Neiße-Linie zu lösen. Weder der Frieden noch unsere Freiheit dürfen dabei in Gefahr geraten." (1953) Doch waren die sowjetisch besetzten Gebiete nicht nur die zunächst einkalkulierten verlorenen Ländereien der ganz Deutsch- land beanspruchenden BRD - für Adenauers Aufbauwerk stellten die unter den "roten Teufeln" geknechteten Deutschen im Osten auch die Chance dar, dem Volk hier auf die Sprünge zu helfen, so frei zu sein, ohne Widerwillen und mit dem ganzen Einsatz von Kopf, Herz und Hand die vergleichsvweise zu drüben große Freiheit wirt- schaftlich und politisch mächtig zu machen. Die Folgerung, die der Realpolitiker Adenauer aus dem geteilten Deutschland zog ent- sprach deshalb der Generallinie seiner Politik: "Es sieht in der Welt sehr ernst aus." Antikommunismus für Westdeutschland ----------------------------------- "Ich möchte ein sehr herzliches Wort des Dankes dafürsagen, daß die deutsche Arbeiterschaft auch in den Tagen der Not eine solche politische Reife gezeigt und eine so klare und entschiedene Ab- lehnung gegenüber allen Verlockungsversuchen des Ostens bewiesen hat." 1956) Der dritte Gegner, mit dem es Adenauer zu tun hatte, war das deutsche Volk diesseits des eisernen Vorhangs, dem eine neue Herrschaft verpaßt werden sollte und mittels dessen Deutschland wieder zu seiner politischen Selbständigkeit finden wollte. Wäh- rend die Politiker drüben als sog. Männer des Volkes die im Elend dahinvegetierenden Ostzonenbewohner mit einer gehörigen Portion Gewalt und der Ideologie des A n t i f a s c h i s m u s dahin brachten, sich für den Aufbau des Realen Sozialismus einzusetzen und sich für die antifaschistische Volksdemokratie zu begeistern - ob sie wollten oder nicht -, nutzte Adenauer die unrühmliche jüngste deutsche Vergangenheit so, daß er sie bewältigte; ohne sie zum ausgesprochenen Thema zu machen. Den Bi-, Trizonesiern und schließlich unter dem Grundgesetz freien Westdeutschen, die ebenso elendig dahinvegetierten wie ihre Brüder und Schwestern in d e r Zone, brachte er den Wiederaufbau einer neuen, ziemlich verkleinerten, aber deutschen Nation mit der gehörigen Portion Gewalt (es ging ja um die Wiederherstellung der Macht) und mit der Ideologie - nicht etwa des Antifaschismus -, sondern des A n t i k o m m u n i s m u s nahe. Das beschmutzte deutsche An- sehen galt es nach Adenauers Vorstellung und Willen national reinzuwaschen durch den bescheidenen und opferbereiten Einsatz gegen den drohenden Kommunismus. So als wäre der Kalte Krieg nicht die Offensive des Westens gegen den Osten gewesen, so als hätten die Russen ohne Rücksicht auf die NATO und Verluste stän- dig auf dem Sprung hinter dem Eisernen Vorhang gestanden, be- schwor Adenauer ständig und mit der seit Adolf vertrauten Meta- phorik die Gefahr, die von Moskau ausgeht. Ob im Namen Europas: "Und nur, wenn wir es (Europa) wieder zusammenfassen, kann es eine Kraft werden. Auch dann nur, wenn wir es zusammenfassen, entgehen wir dem Schicksal, daß dieses Europa ein Anhängsel des asiatischen Rußland wird." (1952), ob zur Rettung der abendländischen Kultur: "Die Aufgabe Deutschlands, die historische Aufgabe Deutschlands in dieser gefahrvollen Periode Europas, ja der Menschheit ist ganz klar. Es muß helfen, diesen Damm zu bauen, es muß alles, was in seinen Kräften steht, tun, damit dieser Damm durch nicht ge- brochen werden kann. Diese seine Aufgabe hat Deutschland erkannt. Es kennt den russischen Kommunismus, es weiß, was es bedeutet, russischer Satellitenstaat zu sein, es weiß, daß es gilt, die abendländische, auf christlicher Grundlage gewachsene Kultur zu retten." (1954), oder ganz einfach für die "Fackel der Freiheit" gegen die "Unfreiheit" - immer wurde dem westdeutschen Volk eingehämmert, daß seine von ihm verlangte opferbereite und billige Arbeit letztlich ein um so teuerer Wert sei, weil mit ihrer wider- spruchslosen Ableistung das Schlimmste, "russisch-asiatische Sklaverei", verhindert werde. So wußte Adenauer unter diesem Ge- sichtspunkt recht brauchbare historische Daten des sich entwic- kelnden Realen Sozialismus gut einzubauen: "Das ungarische Beispiel können wir ebensowenig vergessen wie den 17. Juni 1953 in der Sowjetzone." Vor allem aber gegen den inneren Feind und Schweinehund des Vol- kes war der Antikommunismus die ideologische Waffe Adenauers. Das von ihm gepflegte abschreckende Beispiel Ostzone oder Sowjetunion im Rücken, wurde von ihm jede Gegnerschaft gegen sein Staatsauf- bauprogramm, jedes Geltendmachen von Interessen jener, die für die Wirtschaft arbeiten sollten, in die abscheuliche Kommuni- stenecke gestellt. 1. Adenauer fand es unbeeindruckt von allen sozialistischen Pla- nungs- und sonstigen Verstaatlichungsgedanken quer durch die noch an den Faschismus denkenden Parteien selbstverständlich, daß die Wiedererweckung sich akkumulierenden nationalen Reichtums in die Hände des freien Eigen- und Unternehmertums gelegt werden müsse. Dafür wurden alle Voraussetzungen bereitgestellt: die Währungsre- form, die den Staat von seinen Schulden und die Sparer von ihren Guthaben befreite, kapitalistisches Wirtschaften (kaufen, verkau- fen und so Profite machen) wieder auf die feste Grundlage eines verläßlichen Zirkulationsmittels stellte, zugleich den Banken wieder verleihbares Kapital und den Eigentümern, auf die es an- kam, die notwendigen Kreditmittel verschaffte, den Nichteigentü- mern mit 40 DM den Zwang zur Arbeit sehr deutlich machte und den Unternehmern mit 60 DM für jeden Lohnarbeiter die Chance zur Aus- beutung neuerlich eröffnete; der Lastenausgleich, damit auch ver- triebene Eigentümer wieder als Tümer flügge werde konnten; Abbau der Zwangsbewirtschaftung und die steuerlichen und sonstigen ge- setzlichen Bestimmungen zum Wohle des Unternehmertums - so daß sich das gar nicht wunderliche Wunder ereignete, daß das deutsche Kapital schon zu Beginn der 50er Jahre mit einem kräftigen Boom und ansehnlichem Export aufwarten konnte. Da also für die besit- zende Klasse alles in ihrem Sinne Erdenkliche getan wurde und ihr reichlich billige Arbeit, die die Not von selbst erzwang und von den durch allerlei Sondergesetzen lebensfähig gemachten Flücht- lingen mit großen Reserven ausgestattet war, zur Verfügung stand, die unmittelbaren Produzenten des deutschen, Wirtschaftswunders aber weiter billig und willig bleiben sollten, damit das sog. Wunder sich weiter zugunsten des nationalen Reichtums entwickle, entwickelte Adenauer, ohne groß nachdenken zu müssen, für das deutsche Volk die These des "mäßigen Besitzes" für die, die nichts hatten und froh waren, wenn sie etwas zu beißen hatten: "Mäßiger Besitz ist eine wesentliche Sicherung des demokratischen Staates. Der Erwerb mäßigen Besitzes ist für alle ehrlich Schaf- fenden zu fördern." Adenauer hatte, wie er auch zugibt, natürlich nicht an die Be- sitzlosen gedacht, um sie von der Arbeit zu befreien, sondern an seinen Staat, für den es von Vorteil war (und ist), wenn die kriegsgeschädigten Bürger dachten, daß es von ihm käme, wenn sie jetzt wieder etwas im Bauch hätten. Die Betonung lag auf "mäßig" "Die beste Sozialpolitik ist eine Wirtschaftspolitik, die mög- lichst vielen Arbeit und Brot gibt." Kein Wunder, daß es zwanzig Jahre dauerte, bis das einfache Volk nach den sogenannten Freß-, Bekleidungs- und Einrichtungswellen sich und seinen nötigen Hausrat wieder beisammen hatte. Und da das Brot der frühen Jahre niemandem zu Kopf steigen sollte, war die andere Seite dieser Seite der Adenauerschen Agitationskunst auch kein Wunder, sondern nur die Explikation des mäßigen Besit- zes: Man stelle sich vor, 1951, als es allen über die Maßen dreckig ging, sprach der Alte so: "Die Maßlosigkeit in unseren Ansprüchen ist unbeschreiblich und ist ein schwerer Schaden für das deutsche Volk (?)..." Er hätte auch sagen können: Der Kommunismus geht um im Lande, weil er dasselbe, sooft es ging, sagte: "Zweifellos sind gesunde wirtschaftliche und soziale Verhältnisse ein guter Schutz vor dem Umsichgreifen des Bolschewismus. Für noch wichtiger halte ich es aber, daß die Menschen auch seelisch zur Abwehr des Bolschewismus jederzeit bereit sein müssen." Ausgerechnet nach dem opferfordernden und menschentötenden Fa- schismus setzte er dem arbeitenden und mit Schweinespeck und Kar- toffeln sich arbeitsfähig haltenden Arbeitsvolk Materialismus- Marxismus als Ausgeburt aller Unfreiheit vor, wie der Faschismus bewiesen habe: "Das deutsche Volk krankte seit vielen Jahrzehnten in allen sei- nen Schichten an einer falschen Auffassung vom Staat, von der Stellung der Einzelperson zum Staat... Es hat sich den Staat zum Götzen gemacht, die Würde und den Wert der Einzelperson diesem Götzen geopfert. Die materialistische Weltanschauung hat zu einer weiteren Überhöhung der Macht und damit des Staates, zur Minder- bewertung der ethischen Werte und der Würde des einzelnen Men- schen geführt. Die materialistische Weltanschauung des Marxismus hat zu dieser Entwicklung in sehr großem Umfange beigetragen. Wer die Zentralisierung der politischen und wirtschaftlichen Macht beim Staate oder einer Klasse erstrebt, ist ein Feind der Frei- heit der Einzelperson, er bereitet zwangsläufig den Weg in die Diktatur vor." Die abstruse Behauptung, bei der faschistischen Staatsbegeiste- rung unter Adolf handle es sich um dieselbe unselige Anspruchs- haltung des Volks an den Staat, die der "materialistischen Welt- anschauung" sowieso zueigen sei, appelliert an die praktische Er- fahrung der Leute mit dem Staat, denen der Faschismus suspekt war und denen ein Blick nach drüben genügte, um sich den Antikommu- nismus aus dem Tausendjährigen Reich zu bestätigen. Am Aufruhr vom 17. Juni 53 in der DDR lag für jeden gesund denkenden Deut- schen also weniger die Tatsache auf der Hand, daß die dortigen Proleten die vom Staatskapitalismus verordneten Normerhöhungen nicht mitmachen wollten - eigentlich ging es doch vielmehr darum, daß sich im Sozialismus die Knochenmühle eben wegen der fehlenden Freiheit nicht lohnt. Daß nach 45 kein Mensch mehr große Lust verspürte, sich vom Staat verheizen zu lassen, machte sich Adenauer zunutze, um seinem Volk klarzumachen, daß Ansprüche an den und eine "falsche Auffassung" vom Staat nur dazu führen könne, daß dieser härtere Saiten auf- zieht. Seine Propaganda für die "gottgewollte Ordnung im Kleinen" war die ideologische Überhöhung des Lebens, das dem kleinen Mann praktisch verordnet war und dessen Notwendigkeit Adenauer stets mit der Beschwörung der roten Flut, des Bösen, des Atheismus, Kommunismus, Materialismus etc. schmackhaft machte. 2. Keine Frage, daß, wenn schon in jedem Anspruch der gottlose Kommunismus aufgedeckt wurde, Adenauer die G e w e r k- s c h a f t e n von vornherein sehr schnell als Kommunisten- schweine verdächtigte: "Sie berufen sich auf Ihre Verantwortung für Volk und Wirtschaft. Ich kenne Sie lange genug, um zu wissen, daß Sie es damit nicht ernst meinen." (Adenauer an den DGB-Vorsitzenden Fette) Wo es der Gewerkschaft darum ging, durch "w e i t e r- g e h e n d e" Mitbestimmung als konstruktive gesellschaftliche Kraft anerkannt zu werden und dies per Streik durchzusetzen, bemerkte Adenauer offiziell, daß er "eine organisierte Schädigung der Volkswirtschaft durch Streiks, die nur unternommen werden, um der Parlamentsarbeit den gewerk- schaftlichen Willen aufzuzwingen, als einen Verstoß gegen das GG" (mit dessen Umgang Adenauer nicht "pingelich" war), "als eine ge- fährliche Störung der inneren Ordnung unseres Staatswesens anse- hen muß. Der Wähler allein hat das Recht, durch die Abgabe seiner Stimme bei Wahlen die Zusammensetzung des Parlaments zu bestimmen und damit die parlamentarische Willensbildung zu beeinflussen." Die nicht genehmen Ansprüche, die Adenauers wirtschaftliches und nationales Aufbauprogramm behinderten, wurden von ihm als staats- feindliche und kommunistische Aktionen begutachtet: "Die Ankündigung gewerkschaftlicher Kampfmaßnahmen fällt zeitlich (!) zusammen mit der aus der Sowjetzone kommenden Drohung, das Zustandekommen des Deutschlandvertrags durch Ausrufung eines Ge- neralstreiks in der BRD zu verhindern... Weite Kreise des deut- schen Volkes werden das zeitliche Zusammenfallen unter diesen Um- ständen nicht für einen bloßen Zufall halten." Dementsprechend wurden sie behandelt: Polizeiaktionen gegen den 'linken' Flügel der Gewerkschaft und Hochverratsprozesse dienten genauso der Machtentfaltung der "Adenauer-Ära" wie das Nieder- knüppeln von Streiks, bei welcher Gelegenheit der Arbeiter Phi- lipp Müller 1952 erschossen wurde - Preis der Freiheit, die sich in den Händen Adenauers durchzusetzen vorgenommen hatte. 3. In dem Programm der "N o r m a l i s i e r u n g" der Macht, das auf der einen Seite alle Ansprüche verteufelte, die sich nicht voll und ganz der Freiheit unterwarfen, aufopferungsvolle Arbeit für den Aufbau der Wirtschaft zu leisten, auf der anderen Seite jährlich verkündete, daß es schon wieder etwas b e s s e r geworden sei, also die Normalisierung fortschreite, wobei für alle, die es anging, die Lage weiter ernst zu bleiben hatte, be- kam die verfassungsmäßig vorgeschriebene Opposition ihren ent- sprechenden Platz zugeteilt. Sie wurde zur drohenden totalen Ne- gation dessen hochstilisiert, was Adenauer schon erreicht hatte und noch erreichen wollte. Das lag nicht so sehr an ihr, sondern daran, daß Adenauer nach der hauchdünnen Regierungsmehrheit von 1949 die SPD und ihre politischen Ziele, die keineswegs dem Kom- munismus in die Hände spielen wollten, als den sichersten Weg hinzustellen wußte, der nach Moskau und in die Unfreiheit führt. Verlangte die SPD Verstaatlichung von Schlüsselindustrien, besaß Adenauer die Unverfrorenheit zu erklären, "daß wir unser Volk nicht enteignen wollen", und subsumierte die Sozialdemokraten un- ter das staatliche Monopoleigentum drüben. Setzte sich Kurt Schu- macher für "Berücksichtigung der Massenkaufkraft" ein, um bei seinem Wählervolk einen Stich zu machen, wies Adenauer dasselbe Wählervolk darauf hin, daß nur seine "gesunde Wirtschaft" und der Fleiß der Arbeiter ohne materialistische Unmäßigkeit zuwege brin- gen könne, daß "auch der kleine Mann vom Wiederaufbau profi- tiert". Forderte die Opposition mehr deutsches Selbstbewußtsein gegenüber dem Westen, war dies für Adenauer sofort der sichere Ausverkauf an den Osten. Selbst den offenen N a t i o n a l i s m u s der SPD, die gegen die Wiederaufrü- stung im westlichen Bündnis für ein auch neutrales, aber wieder- vereinigtes Deutschland etwas übrig hatte, prangerte Adenauer als Bolschewismus an. Alles in allem gelang es ihm, die SPD als das glatte Gegenteil einer Alternative zu seiner Macht, als Ausgeburt von "Sozialisierung, Kollektivierung und Vermassung" hinzustel- len, als den inneren Feind, die "roten Teufel", die nur Zustände schaffen würden, wie sie jedem in der Ostzone vorgeführt würden. Dies übrigens das Geheimnis der damals noch "heißen" Auseinander- setzungen im Parlament. Die letzte große Auseinandersetzung mit dem Antichristen im eige- nen Land, die um die Wiederaufrüstung in der NATO, war zugleich die prinzipielle Vollendung der Errichtung des neuen Machtgefü- ges. 1955 beendete der "Deutschlandvertrag" den Besatzungsstatus Westdeutschlands, ein Jahr darauf fand die anerkannte Souveräni- tät der BRD ihre praktische Erfüllung: Einführung der Bundeswehr. Adenauers Staat war fertig. Seine Politik des 'Den Deutschen wie- der Ansehen in der Welt verschaffen!' hatte ohne große nationali- stische Töne, aber mit um so stärkeren antikommunistischen gegen jeden Gegner, der sich seiner Staatsbildung entgegenstellte, eine deutsche Herrschaft errichtet, die wieder über eine eigene Armee verfügte. Auch daraus machte Adenauer keine Feier neu erstarkten Deutschtums, sondern nutzte die Gelegenheit, den letzten offen kommunistischen Gegner kaltzustellen: 1956 Verbot der KPD; nach- dem er 1955 - was kein Widerspruch zum Verbot der KPD war - in Moskau bei den "Herren Bulganin und Chruschtschow" die Freilas- sung von 10.000 Kriegsgefangenen ausgehandelt hatte - um den Preis (!) der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. In Adenauers Worten: "Wir sind wieder ein gutes Stück vorwärts gekommen." Katholische Kanzlerdemokratie ----------------------------- "Natürlich achte ich das Recht; aber auch mit dem Recht darf man nicht so pingelich sein." Bei der Durchsetzung dessen, was Adenauer sich vorgenommen hatte - eine im Innern wie von außen anerkannte Herrschaft -, war er tatsächlich nicht pingelig. Im parlamentarischen Rat nützte er einfach sein hohes Alter und machte sich wie selbstverständlich zum Präsidenten der Väter des Grundgesetzes. Nicht weil er ein Interesse daran gehabt hätte, daß nach dem Faschismus eine mög- lichst demokratische Verfassung zustandekäme, sondern weil er darauf aus war, daß es möglichst schnell wieder eine gab als Vor- aussetzung staatlicher Neubildung: "Das Ganze hängt mir zum Halse raus, besser ein schlechtes Grund- gesetz als gar keines." (1949) Ihm kam es darauf an, die Quintessenz des Grundgesetzes, womit dieses steht und fällt, die staatliche Herrschaft, wieder in- standzusetzen. Weshalb es ihm in erster Linie nützlich war, wenn er es gegen Gegner seiner Politik richten und für sich selbst in Anspruch nehmen konnte, daß er qua Gesetz allein die Macht habe, für staatlichen Machtzuwachs zu sorgen: "Es steht doch im Grundgesetz: die Richtlinien der Politik be- stimme ich. Und auch, was Richtlinien der Politik sind, bestimme ich." Neben der frühen Entdeckung der allzeit modernen Parole "Freiheit oder Sozialismus", deren Sinn Adenauer damals ganz anders radikal als heute anzuwenden wußte, indem er als Volkskanzler die Opposi- tion und sonstige Oppositionelle als Freunde des Bolschewismus und Feinde der Freiheiten des Grundgesetzes behandeln konnte, hielt er den Art. 65 für das wichtigste Grundrecht, was sich seine Minister immer wieder anhören mußten. Nachdem Adenauer, der lange Zeit gleichzeitig sein eigener Außenminister gewesen war, sich dazu entschlossen hatte, seine Richtlinien um einen Außenmi- nister Brentano zu verlängern, durfte der sich nicht wundern, ein Telegramm folgender Art zu bekommen: "Aufgrund des Art. 65 GG ersuche ich Sie, bis auf Weiteres alle Gespräche und jede Verlautbarung, die meinen Ihnen bekannten Richtlinien... widersprechen, zu unterlassen." Adenauer traute (außer Globke) keinem, sondern nur seinem eigenen Verhandlungsgeschick zu, den Westmächten Zugeständnisse abzurin- gen. Wie er mit seinen Regierungsmitgliedern umging, so ließ er sich auch von seinem Parlament nichts dreinreden - "Jeder weiß, wer in Deutschland und Frankreich die Politik macht. Im übrigen müssen selbstverständlich die Parlamentarier einbezo- gen werden." (Adenauer übersetzt de Gaulle) -, was ihm ohne große Schwierigkeiten gelang, weil er das Volk hin- ter sich wußte - "Ich suche allein den Beifall des Volkes". Das deutsche Volk fand er mehrheitlich hinter sich, weil es seine Be- scheidenheit, die im Vergleich zum Faschismus als Wohlstand er- schien, bei Adenauer allein bestens aufgehoben meinte und keinen Anlaß sah, den "democratic Dictator" durch Figuren, die die Macht teilten, zu ersetzen. Der erste Kanzler der Republik war auch der erste Beweis für die Güte der Kanzlerdemokratie: Dieser Bonus seiner Macht sicherte ihm deren Kontinuität. Das Volk wählte je- weils den wieder, der es überzeugt hatte, daß nur er allein fähig und in der Lage sei, seine Macht zu erhalten, also "keine Experi- mente" erlaubte. Konrad Adenauer, der erste politische Führer mittels demokrati- scher Prozeduren und unter demokratischen Verhältnissen, bewäl- tigte den Neuaufbau eines deutschen Staatswesens dadurch, daß er die Macht auf sich zentrierte. Er erhielt sie sich mittels der C- Parteien und indem er an die Stelle des faschistischen Nationa- lismus, des nationalsozialistischen Antikommunismus und der fa- schistischen Volksgemeinschaft die christliche Ideologie setzte. Diese Freiheit des Christenmenschen des katholischen Adenauer war wohl geeignet für den Wiederaufbau nach dem Faschismus: - gegen Materialismus und Kommunismus "Wer ein überzeugter Christ ist, der kann niemals die atheisti- sche Diesseits-Ideologie des Kommunismus gutheißen." - gegen faschistischen Nationalismus "Die stärkste Waffe der Besiegten ist und bleibt die Geduld. Die stärkste Waffe ist ein zuverlässiger ethischer Glaube an die Hei- mat und an das eigene Volk." - für Mittelstand, gegen Vermassung "Im Mittelstand erkenne ich das stärkste Bollwerk gegen den ver- derblichen Geist des Kollektivismus und der Vermassung." - für Persönlichkeiten "Der große Kampf zwischen Christentum und Materialismus wird in der Seele der Jugend ausgetragen. Wenn es uns nicht gelingt, den einzelnen jungen Menschen dahin zu bringen, daß er sich selbst als die christliche Persönlichkeit begreift, die ihr Leben vor Gott zu verantworten hat, dann haben wir umsonst gearbeitet." Der große und mächtige Führer einer aufstrebenden deutschen Repu- blik brach derart mit dem Nationalsozialismus und seiner Ideolo- gie, daß er an ihre Stelle das Ideal christlicher Persönlichkeit setzte, den Staat, auf den es ihm ankam, hinter Gott, die Person vor die Vermassung. Mit dem Ergebnis, daß das ganze Volk unge- teilt und massenhaft dazu beitrug, daß Deutschland wieder wer war. Ohne mit der Macht pingelig zu sein, und mit der Quintessenz der NSDAP, aufgehoben im hohen C, vollbrachte Adenauer sein Le- benswerk. Seinem Volk war dabei folgender Part zugedacht: "Wir haben wieder Freunde in der Welt, und das verdankt das deut- sche Volk (?) dem Umstand, daß es sich (?) nach dem Zusammenbruch aufgerafft und sich bekannt hat zu Ehrlichkeit, Anstand und Ar- beit." Warum Adenauers Abgang diesem nicht in den Kopf wollte, ist leicht zu erklären. Obwohl sein Lebenswerk getan war, wollte er so weitermachen wie bisher. "...ich würde sagen, das Jahr 61 hat zwölf Monate. Das kann nie- mand bestreiten... Was in den zwölf Monaten passieren wird, weiß kein Mensch auf der Welt. Ich meine, und damit möchte ich schlie- ßen, wir wollen Gott danken, daß das Jahr 60 keine Katastrophe gebracht hat. Und wir wollen im Jahre 61 arbeiten, fleißig sein, gewissenhaft sein und treu sein wie bisher. Dann wird auch - das hoffe ich - das Jahr 61 keine Katastrophe für uns bringen.", erklärte er noch 1961, als hätte sich nichts geändert. Vor allem aber wollte er die Macht nicht aus der Hand geben (höchstens Bun- despräsidentenkanzler wäre er geworden). Er war eben nicht nur ein Liebhaber der Macht wie alle Politiker. Er meinte, die Staatsmacht sei nichts mehr, ohne daß er sie hätte. Darin hat er sein eigenes Aufbauwerk unterschätzt. zurück