Quelle: Archiv MG - GESCHICHTE AB-1945 - Zeit des Ost-West Gegensatzes
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Bonner Charaktere: Konrad Adenauer
KALTER KRIEGS- UND AUFBAUKANZLER
Konrad Adenauer, der erste Kanzler, der Alte, der wortwörtlich
die "Adenauer-Ära" bestimmte - dieser Staatsmann der ersten
Stunde des bundesrepublikanischen Staatswesens erfährt heute
nicht nur all die Würdigungen, die "großen" Politikern zuteil
werden, wenn sie gestorben sind. Über Konrad Adenauer ist mehr
und nur Gutes zu hören.
Die BRD wird zur Zeit von einem stolzen Enkel regiert. Der Opa,
der da sehr selbstbewußt ins Spiel gebracht wird, ist lange tot:
Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Republik, der "Alte von
Rhöndorf", Erfinder der "Adenauer-Ära".
Man braucht ihn an seinem selbsternannten Enkel nicht auch noch
eine persönliche Mitschuld posthum in die Schuhe zu schieben.
Sein Vermächtnis, das bei Helmut Kohl in denkbar angemessenen
Händen ist, reicht schon. Denn er hat der jungen Republik das
meiste von dem mit auf den Weg gegeben, was ihre Sachwalter 40
Jahre nach Kriegsende so herzlich feiern: das "Christlich" als
offizielle Staatsheuchelei; den Führerkult als Lebenselixier der
Demokratie; das "Wirtschaftswunder" als Weg zu neuer imperiali-
stischer Größe; die Bundeswehr und die NATO-Mitgliedschaft als
Unterpfand für eine Wiedervereinigung "in Frieden u n d Frei-
heit", wie er immer zu betonen pflegte - will nämlich sagen: 'zu
unseren Konditionen'; einen sozialen Frieden, der Unzufriedenheit
als Kommunismus verbietet - außer der einen: der konstruktiven
Unzufriedenheit mit Abweichlern, "Faulenzern" und anderen Volks-
schädlingen.
Daß Adenauer wenigstens irgendwie sympathischer gewesen sein muß
als sein dummdreister Enkel, ist eine optische Täuschung. Die Um-
stände nötigten ihm noch mehr Gerissenheit ab - und die hat sei-
ner hemmungslosen Liebe zur Macht ihre Würze gegeben. Sich selbst
hat er damit jedenfalls prächtig gefallen; und seine Untertanen
waren ihm dankbar dafür.
Kühle Kompromisse und bescheidene Rechnungen
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"Zeiten einer politischen Katastrophe sind besonders geeignet,
etwas Neues zu schaffen." (OB Adenauer 1917)
Die Voraussetzung für Konrad Adenauer, endgültig die "starke Per-
sönlichkeit" zu werden, die er wurde, indem er erfolgreich Ge-
schichte machte, war 1945 gleich doppelt gegeben: 1. war er
selbst immer schon "ne Politiker" gewesen und hatte klugerweise
seine katholische Zentrumsantipathie gegen die Nationalsoziali-
sten, die ihn aus allen Ämtern entließen, mit einem
"zurückgezogenen Leben" durchgefochten; 2. holten ihn die Alli-
ierten, als die deutsche politische Katastrophe total war: Der
deutsche Staat hatte aufgehört, ein Staat zu sein und unterstand
völlig dem Willen der Siegermächte. In dieser "Stunde Null" hatte
Adenauer freilich das Glück, daß die Westalliierten immer mehr zu
der Überzeugung gelangten - und von Adenauer darin intensiv be-
stärkt wurden -, daß sich Trizonesien als Bollwerk gegen den Ost-
block benutzen lasse. Adenauer wurde also nicht Statthalter über
einen Kartoffelacker (was dieser politische Mann mit dem richti-
gen Gefühl für die Macht natürlich abgelehnt hätte, genauso wie
er in der Weimarer Republik die ihm angetragene Reichskanzler-
schaft ausschlug), sondern Bundeskanzler über die Gebiete, über
die die Westalliierten zunächst weiterhin verfügten, denen sie
aber zugestanden, unter ihrer Besatzung eine deutsche Herrschaft
einrichten zu dürfen, die demokratisch zu sein hatte. Angesichts
dieser Umstände nahm sich der Realpolitiker Adenauer folgendes
konkretes Lebenswerk vor: unter der Herrschaft der westlichen
Siegermächte einen neuen deutschen Staat aufbauen.
Der Witz, der Geschichte bestand nun darin, daß Adenauer für sein
Staatsbildungsgeschäft zuallererst die zum Gegner hatte, von de-
ren Wohlwollen allein das Werden eines neuen deutschen Staates
abhing, die Besatzungsmächte der Westzonen. Der Staat, den er ma-
chen wollte, mußte daher "für den Westen akzeptabel" sein, also
dessen Kalkül gegen den Osten entsprechen, und sollte so immer
mehr er selbst und souverän werden. Mit der ihm geboten erschei-
nenden Rücksichtslosigkeit gegen das eigene arbeitslose und hun-
gernde Volk legte Adenauer deshalb Bescheidenheit an den Tag,
verzichtete auf alle deutschen Ansprüche und unterwarf West-
deutschland dem unbedingten Willen der Sieger aus dem Westen:
"Wir sind einverstanden damit, daß wir völlig abgerüstet werden,
daß unsere reine Kriegsindustrie zerstört wird, daß wir nach bei-
den Richtungen einer langen Kontrolle unterworfen werden. Ja, ich
will noch weitergehen: Ich glaube, daß die Mehrheit des deutschen
Volkes einverstanden wäre, wenn wir wie die Schweiz völkerrecht-
lich neutralisiert würden."
So sprach der Politiker zu Beginn seines Wiederaufstiegs 1946
(wohl um eine "neutrale" Herrschaft zu sichern, hatte er schon
1945 in NRW die CDU mitbegründet und war 1946 ihr Vorsitzender
geworden). 1949, als die Adenauer undeutsch dünkende Neutralität
kein Thema mehr war und die Kontrolle aus der anderen Richtung
aufgrund der vor allem von den Amerikanern eingeschlagenen Poli-
tik des Kalten Krieges gegen den früheren Mitsieger fast bedeu-
tungslos geworden war, sprach der erste Kanzler der jungen Re-
publik unter dem weiter geltenden Besatzungsstatut zwar schon
wieder von "unserer Außenpolitik", seine Methode des 'Wir tun
alles, was Ihr wollt, damit wir etwas davon haben, weil Ihr viel
davon habt' hatte sich aber keineswegs geändert:
"...lassen Sie mich einige Ausführungen über die nach meiner Mei-
nung zu beobachtende Methode unserer Außenpolitik machen! Wir
"Deutschen auf der einen Seite und die Alliierten auf der anderen
Seite sehen naturgemäß den gleichen Tatbestand von zwei verschie-
denen Gesichtpunkten aus an. Ich meine: Wir Deutsche sollten
nicht vergessen, was sich von 1933 bis 1945 abgespielt hat, wir
dürfen auch nicht vergessen, welches Unglück durch die national-
sozialistische Regierung über die ganze Welt gekommen ist. Ich
meine: Wir dürfen weiter nicht vergessen, daß noch heute alle
Völker der Erde schwer unter den Folgen dieses Krieges zu leiden
haben. Endlich glaube ich, daß wir uns bei allem, was wir tun,
klar darüber sein müssen, daß wir infolge des totalen Zusammen-
bruchs ohne Macht sind. Man muß sich deshalb darüber klar sein,
daß bei den Verhandlungen, die wir Deutsche mit den Alliierten zu
führen haben, um fortschreitend in immer größeren Besitz der
staatlichen Macht zu kommen, das psychologische Moment eine sehr
große Rolle spielt, daß man aber von vornherein nicht ohne wei-
teres volles Vertrauen verlangen und erwarten kann. Wir können
und dürfen nicht davon ausgehen, daß nun bei den anderen plötz-
lich ein völliger Stimmungsumschwung gegenüber Deutschland einge-
treten ist, daß vielmehr das Vertrauen nur langsam, Stück für
Stück, wiedergewonnen werden kann. So unwürdig und falsch es sein
würde, wenn wir eine Politik sklavischer Unterwürfigkeit verfol-
gen würden, eine dumme, unkluge und aussichtslose Politik wäre
es, wenn wir auftrumpfen wollten."
Die allseits gelobte "List" des großen Taktikers reduziert sich
auf die kühle Rechnung, ohne nationale Töne und Ansprüche, mit
dem Gestus der Abkehr vom deutschen Nationalismus wieder zu Macht
zu kommen, "Stück für Stück". Für diesen Zweck war das Peters-
berg-Abkommen - b e g r e n z t e Reparationsleistungen und De-
montagen; Aufhebung der im Ruhrstatut festgelegten Produktionsbe-
schränkungen und die Einbringung der deutschen Kohle- und Stahl-
industrie in eine neu geschaffene e u r o p ä i s c h e Kon-
trollbehörde - ein Erfolg, nämlich ein Stück erfolgreich ausge-
handelte westdeutsche Staatlichkeit:
"Politisch ist dieses Abkommen ein sehr großer Erfolg. Zum er-
sten, Mal seit dem Zusammenbruch wird unsere Gleichberechtigung
offiziell anerkannt, und zum ersten Mal werden wir wieder in die
internationale Sphäre treten." (1949)
Die kalkulierte Bescheidenheit, die ihm zu Unrecht von der SPD
den Vorwurf "Kanzler der Alliierten" einbrachte, weil er diesen
nur deshalb und in dem Maße willfährig war, wie es dazu diente,
Bundeskanzler über einen souveränen Staat zu werden, äußerte sich
weiterhin darin, ständig den Siegermächten die Notwendigkeit
deutscher Teilnahme an der Durchsetzung der westlichen, europäi-
schen und atlantischen Interessen vorzustellen und dabei die
deutschen Interessen bewußt hintanzustellen:
"Wenn man sich nun in Abkehr vom Morgenthau-Plan zu der Anschau-
ung durchgerungen hat, daß der Wiederaufbau Europas nur möglich
ist unter vollem Einsatz der deutschen Wirtschaftskapazität,...
dann ist es doch heller Wahnsinn, daß man die deutsche Wirt-
schaftskapazität durch diese Demontagen in der empfindlichsten
Weise herabdrückt und schädigt. Dann sollten doch alle diejeni-
gen, denen es ernst ist mit der Wiederherstellung Europas, Ein-
halt gebieten."
Über den Beweis der Unabdingbarkeit deutscher Beteiligung an den
politischen und wirtschaftlichen Vorhaben der Westalliierten er-
reichte Konrad Adenauer Schritt für Schritt mehr - Souveränität
für die Bundesrepublik, und dies unter ständiger Beteuerung, daß
die junge Republik weiter nicht viel sei - zumal sie ja nur West-
deutschland und ein Provisorium war -, sondern erst wieder Anse-
hen in der Welt gewinnen müsse. Noch fast jede Rede des Kanzlers
faßte die Machtpolitik seiner Person, dieser rheinisch-katholi-
schen Einheit von kleindeutscher Bescheidenheit und Berechnung,
in so oder ähnlich lautenden Sätzen zusammen:
"Die Laje is ernst, Die Laje ist noch nie so ernst jewesen."
Die Ostzone dem Kalten Krieg
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"Die Sowjetunion ist ein noch viel größerer und viel mächtigerer
und viel totalitärerer Staat, als es das nationalsozialistische
Deutschland gewesen ist." (1952)
Der zweite Gegner für Adenauers Alterswerk, einen souveränen
deutschen Staat wiederherzustellen, stand im Osten, mitten im al-
ten Deutschland hinter dem eisernen Vorhang und in der Ostzone.
Obwohl genauso zu den Siegermächten gehörig wie die Westalliier-
ten, hatte der Bruch des ehemaligen Kriegsbündnisses zwischen den
Alliierten diesem Feind und dieser Besatzungsmacht im Osten für
Adenauers Politik eine neue Qualität verschafft. Die militärische
Awesenheit der Russen mitten im Herzen Europas war sozusagen das
Unterpfand dafür, in Anlehnung an den freien Westen diesem die
Bündesrepublik Deutschland abzuringen. Man kann dem Staat-Macher
Adenauer sicherlich nicht nachsagen, er sei nicht für die deut-
sche Wiedervereinigung gewesen. Natürlich wäre es diesem deut-
schen Staatsmann lieber gewesen, eine größere Republik unter Ein-
beziehung der Ostzone und vielleicht noch mehr zu gründen. Doch
daß die "Wiedervereinigung" der Primat seiner Politik gewesen
wäre, ist ebenso ein Gerücht wie noch mehr, daß Adenauer in al-
lem, was er tat, an die "Brüder und Schwestern in der Ostzone"
gedacht und dementsprechend gehandelt habe. Adenauer wollte eine
ordentliche Herrschaft auf deutschem Boden installieren, und das
ist etwas anderes, als allen Deutschen, zumal denen in der Ost-
zone und dahinter, h e l f e n zu wollen. Hätten die von drü-
ben, die noch drüben sind, genau hingeschaut, hätten sie die Be-
teuerung -
"Unsere Menschen in der Ostzone sehen auf uns, und sie warten
darauf, daß wir auf unserem Wege so schnell fortschreiten wie ir-
gend möglich, weil wir ihre einzige Hoffnung sind." (1952) -
in einem etwas anderem Licht gesehen. Das schnelle Fortschreiten
auf dem Wege zur Eingemeindung aller Deutschen war nur sehr be-
dingt das Ziel des Kanzlers. Mit dem sicheren Gefühl dafür, daß
ein neutraler Staat ohne Militärmacht und Bündnispartner kein ge-
scheiter Staat ist, unterstützte er die Westalliierten nachdrück-
lich darin, jeden Vorschlag des Ostens zur Wiedervereinigung, den
dieser seinerseits machte, um sich die Bedrohung aus dem Westen
vom Leibe zu halten, direkt oder indirekt (also mit für den Osten
unannehmbaren Zusatzforderungen) abzulehnen. Da unbesehen und von
vornherein feststand, daß nur die Bundesrepublik diplomatische
Verhandlungen führen könne (wohl weil sie, zwar auch unter Besat-
zungsstatut, aber aus drei Zonen bestand), die SBZ aber kein
Staat, sondern nur ein "Gebilde", ein "von Sowjetrußland besetz-
tes deutsches Gebiet" sei, wurden alle Vorstöße Grotewohls von
Adenauer und seinem Parlament schon dadurch abgewiesen, daß man
jede Zusammenkunft ablehnte. Obwohl der Katholik Adenauer ziem-
lich dogmatische Urteile über den Riß durch Deutschland fällte
"Die Teilung Deutschlands ist abnorm, sie ist gegen göttliches
und menschliches Recht und gegen die Natur." (1955 in Moskau) -,
hatte er kein Problem damit, dieses sein Dogma ganz natürlich und
machtpolitisch zu interpretieren:
"Wir sind ein schwaches und überaus exportarmes Land. Wir können
aus eigener Kraft gar nichts vollbringen. Wir können nicht zwi-
schen Ost und West ein Niemandsland sein; dann hätten wir nir-
gends Freunde und jedenfalls im Osten einen gefährlichen Nach-
barn." (1952)
Weil also Deutschland s e l b s t wieder etwas vollbringen
sollte, war es ihm lieber, daß die 17 Millionen Brüder und Schwe-
stern weiter unter kommunistischem Vorzeichen lebten, denn sonst
wäre es ja noch schlimmer gekommen:
"Die Wiedervereinigung in einem neutralisierten und damit iso-
lierten Gesamtdeutschland wäre eine Wiedervereinigung unter kom-
munistischem Vorzeichen." (1956)
Somit stand für Adenauer fest, daß die "D e u t s c h-
l a n d f r a g e" nur als ein "T e i l p r o b l e m d e s
O s t - W e s t - K o n f l i k t s" zu behandeln sei, also nur
aus der Stärkung des Westens (= der BRD) angegangen werden könne:
"Wir glauben, daß ein politisch und militärisch geeinter Westen
in der Lage ist, durch eine konzentrierte diplomatische Aktion
auf friedlichem Wege den Ost-West-Konflikt zu entspannen und da-
mit auch das Problem der Wiedervereinigung Deutschlands und der
Oder-Neiße-Linie zu lösen. Weder der Frieden noch unsere Freiheit
dürfen dabei in Gefahr geraten." (1953)
Doch waren die sowjetisch besetzten Gebiete nicht nur die
zunächst einkalkulierten verlorenen Ländereien der ganz Deutsch-
land beanspruchenden BRD - für Adenauers Aufbauwerk stellten die
unter den "roten Teufeln" geknechteten Deutschen im Osten auch
die Chance dar, dem Volk hier auf die Sprünge zu helfen, so frei
zu sein, ohne Widerwillen und mit dem ganzen Einsatz von Kopf,
Herz und Hand die vergleichsvweise zu drüben große Freiheit wirt-
schaftlich und politisch mächtig zu machen. Die Folgerung, die
der Realpolitiker Adenauer aus dem geteilten Deutschland zog ent-
sprach deshalb der Generallinie seiner Politik:
"Es sieht in der Welt sehr ernst aus."
Antikommunismus für Westdeutschland
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"Ich möchte ein sehr herzliches Wort des Dankes dafürsagen, daß
die deutsche Arbeiterschaft auch in den Tagen der Not eine solche
politische Reife gezeigt und eine so klare und entschiedene Ab-
lehnung gegenüber allen Verlockungsversuchen des Ostens bewiesen
hat." 1956)
Der dritte Gegner, mit dem es Adenauer zu tun hatte, war das
deutsche Volk diesseits des eisernen Vorhangs, dem eine neue
Herrschaft verpaßt werden sollte und mittels dessen Deutschland
wieder zu seiner politischen Selbständigkeit finden wollte. Wäh-
rend die Politiker drüben als sog. Männer des Volkes die im Elend
dahinvegetierenden Ostzonenbewohner mit einer gehörigen Portion
Gewalt und der Ideologie des A n t i f a s c h i s m u s dahin
brachten, sich für den Aufbau des Realen Sozialismus einzusetzen
und sich für die antifaschistische Volksdemokratie zu begeistern
- ob sie wollten oder nicht -, nutzte Adenauer die unrühmliche
jüngste deutsche Vergangenheit so, daß er sie bewältigte; ohne
sie zum ausgesprochenen Thema zu machen. Den Bi-, Trizonesiern
und schließlich unter dem Grundgesetz freien Westdeutschen, die
ebenso elendig dahinvegetierten wie ihre Brüder und Schwestern in
d e r Zone, brachte er den Wiederaufbau einer neuen, ziemlich
verkleinerten, aber deutschen Nation mit der gehörigen Portion
Gewalt (es ging ja um die Wiederherstellung der Macht) und mit
der Ideologie - nicht etwa des Antifaschismus -, sondern des
A n t i k o m m u n i s m u s nahe. Das beschmutzte deutsche An-
sehen galt es nach Adenauers Vorstellung und Willen national
reinzuwaschen durch den bescheidenen und opferbereiten Einsatz
gegen den drohenden Kommunismus. So als wäre der Kalte Krieg
nicht die Offensive des Westens gegen den Osten gewesen, so als
hätten die Russen ohne Rücksicht auf die NATO und Verluste stän-
dig auf dem Sprung hinter dem Eisernen Vorhang gestanden, be-
schwor Adenauer ständig und mit der seit Adolf vertrauten Meta-
phorik die Gefahr, die von Moskau ausgeht. Ob im Namen Europas:
"Und nur, wenn wir es (Europa) wieder zusammenfassen, kann es
eine Kraft werden. Auch dann nur, wenn wir es zusammenfassen,
entgehen wir dem Schicksal, daß dieses Europa ein Anhängsel des
asiatischen Rußland wird." (1952),
ob zur Rettung der abendländischen Kultur:
"Die Aufgabe Deutschlands, die historische Aufgabe Deutschlands
in dieser gefahrvollen Periode Europas, ja der Menschheit ist
ganz klar. Es muß helfen, diesen Damm zu bauen, es muß alles, was
in seinen Kräften steht, tun, damit dieser Damm durch nicht ge-
brochen werden kann. Diese seine Aufgabe hat Deutschland erkannt.
Es kennt den russischen Kommunismus, es weiß, was es bedeutet,
russischer Satellitenstaat zu sein, es weiß, daß es gilt, die
abendländische, auf christlicher Grundlage gewachsene Kultur zu
retten." (1954),
oder ganz einfach für die "Fackel der Freiheit" gegen die
"Unfreiheit" - immer wurde dem westdeutschen Volk eingehämmert,
daß seine von ihm verlangte opferbereite und billige Arbeit
letztlich ein um so teuerer Wert sei, weil mit ihrer wider-
spruchslosen Ableistung das Schlimmste, "russisch-asiatische
Sklaverei", verhindert werde. So wußte Adenauer unter diesem Ge-
sichtspunkt recht brauchbare historische Daten des sich entwic-
kelnden Realen Sozialismus gut einzubauen:
"Das ungarische Beispiel können wir ebensowenig vergessen wie den
17. Juni 1953 in der Sowjetzone."
Vor allem aber gegen den inneren Feind und Schweinehund des Vol-
kes war der Antikommunismus die ideologische Waffe Adenauers. Das
von ihm gepflegte abschreckende Beispiel Ostzone oder Sowjetunion
im Rücken, wurde von ihm jede Gegnerschaft gegen sein Staatsauf-
bauprogramm, jedes Geltendmachen von Interessen jener, die für
die Wirtschaft arbeiten sollten, in die abscheuliche Kommuni-
stenecke gestellt.
1. Adenauer fand es unbeeindruckt von allen sozialistischen Pla-
nungs- und sonstigen Verstaatlichungsgedanken quer durch die noch
an den Faschismus denkenden Parteien selbstverständlich, daß die
Wiedererweckung sich akkumulierenden nationalen Reichtums in die
Hände des freien Eigen- und Unternehmertums gelegt werden müsse.
Dafür wurden alle Voraussetzungen bereitgestellt: die Währungsre-
form, die den Staat von seinen Schulden und die Sparer von ihren
Guthaben befreite, kapitalistisches Wirtschaften (kaufen, verkau-
fen und so Profite machen) wieder auf die feste Grundlage eines
verläßlichen Zirkulationsmittels stellte, zugleich den Banken
wieder verleihbares Kapital und den Eigentümern, auf die es an-
kam, die notwendigen Kreditmittel verschaffte, den Nichteigentü-
mern mit 40 DM den Zwang zur Arbeit sehr deutlich machte und den
Unternehmern mit 60 DM für jeden Lohnarbeiter die Chance zur Aus-
beutung neuerlich eröffnete; der Lastenausgleich, damit auch ver-
triebene Eigentümer wieder als Tümer flügge werde konnten; Abbau
der Zwangsbewirtschaftung und die steuerlichen und sonstigen ge-
setzlichen Bestimmungen zum Wohle des Unternehmertums - so daß
sich das gar nicht wunderliche Wunder ereignete, daß das deutsche
Kapital schon zu Beginn der 50er Jahre mit einem kräftigen Boom
und ansehnlichem Export aufwarten konnte. Da also für die besit-
zende Klasse alles in ihrem Sinne Erdenkliche getan wurde und ihr
reichlich billige Arbeit, die die Not von selbst erzwang und von
den durch allerlei Sondergesetzen lebensfähig gemachten Flücht-
lingen mit großen Reserven ausgestattet war, zur Verfügung stand,
die unmittelbaren Produzenten des deutschen, Wirtschaftswunders
aber weiter billig und willig bleiben sollten, damit das sog.
Wunder sich weiter zugunsten des nationalen Reichtums entwickle,
entwickelte Adenauer, ohne groß nachdenken zu müssen, für das
deutsche Volk die These des "mäßigen Besitzes" für die, die
nichts hatten und froh waren, wenn sie etwas zu beißen hatten:
"Mäßiger Besitz ist eine wesentliche Sicherung des demokratischen
Staates. Der Erwerb mäßigen Besitzes ist für alle ehrlich Schaf-
fenden zu fördern."
Adenauer hatte, wie er auch zugibt, natürlich nicht an die Be-
sitzlosen gedacht, um sie von der Arbeit zu befreien, sondern an
seinen Staat, für den es von Vorteil war (und ist), wenn die
kriegsgeschädigten Bürger dachten, daß es von ihm käme, wenn sie
jetzt wieder etwas im Bauch hätten. Die Betonung lag auf "mäßig"
"Die beste Sozialpolitik ist eine Wirtschaftspolitik, die mög-
lichst vielen Arbeit und Brot gibt."
Kein Wunder, daß es zwanzig Jahre dauerte, bis das einfache Volk
nach den sogenannten Freß-, Bekleidungs- und Einrichtungswellen
sich und seinen nötigen Hausrat wieder beisammen hatte. Und da
das Brot der frühen Jahre niemandem zu Kopf steigen sollte, war
die andere Seite dieser Seite der Adenauerschen Agitationskunst
auch kein Wunder, sondern nur die Explikation des mäßigen Besit-
zes: Man stelle sich vor, 1951, als es allen über die Maßen
dreckig ging, sprach der Alte so:
"Die Maßlosigkeit in unseren Ansprüchen ist unbeschreiblich und
ist ein schwerer Schaden für das deutsche Volk (?)..."
Er hätte auch sagen können: Der Kommunismus geht um im Lande,
weil er dasselbe, sooft es ging, sagte:
"Zweifellos sind gesunde wirtschaftliche und soziale Verhältnisse
ein guter Schutz vor dem Umsichgreifen des Bolschewismus. Für
noch wichtiger halte ich es aber, daß die Menschen auch seelisch
zur Abwehr des Bolschewismus jederzeit bereit sein müssen."
Ausgerechnet nach dem opferfordernden und menschentötenden Fa-
schismus setzte er dem arbeitenden und mit Schweinespeck und Kar-
toffeln sich arbeitsfähig haltenden Arbeitsvolk Materialismus-
Marxismus als Ausgeburt aller Unfreiheit vor, wie der Faschismus
bewiesen habe:
"Das deutsche Volk krankte seit vielen Jahrzehnten in allen sei-
nen Schichten an einer falschen Auffassung vom Staat, von der
Stellung der Einzelperson zum Staat... Es hat sich den Staat zum
Götzen gemacht, die Würde und den Wert der Einzelperson diesem
Götzen geopfert. Die materialistische Weltanschauung hat zu einer
weiteren Überhöhung der Macht und damit des Staates, zur Minder-
bewertung der ethischen Werte und der Würde des einzelnen Men-
schen geführt. Die materialistische Weltanschauung des Marxismus
hat zu dieser Entwicklung in sehr großem Umfange beigetragen. Wer
die Zentralisierung der politischen und wirtschaftlichen Macht
beim Staate oder einer Klasse erstrebt, ist ein Feind der Frei-
heit der Einzelperson, er bereitet zwangsläufig den Weg in die
Diktatur vor."
Die abstruse Behauptung, bei der faschistischen Staatsbegeiste-
rung unter Adolf handle es sich um dieselbe unselige Anspruchs-
haltung des Volks an den Staat, die der "materialistischen Welt-
anschauung" sowieso zueigen sei, appelliert an die praktische Er-
fahrung der Leute mit dem Staat, denen der Faschismus suspekt war
und denen ein Blick nach drüben genügte, um sich den Antikommu-
nismus aus dem Tausendjährigen Reich zu bestätigen. Am Aufruhr
vom 17. Juni 53 in der DDR lag für jeden gesund denkenden Deut-
schen also weniger die Tatsache auf der Hand, daß die dortigen
Proleten die vom Staatskapitalismus verordneten Normerhöhungen
nicht mitmachen wollten - eigentlich ging es doch vielmehr darum,
daß sich im Sozialismus die Knochenmühle eben wegen der fehlenden
Freiheit nicht lohnt.
Daß nach 45 kein Mensch mehr große Lust verspürte, sich vom Staat
verheizen zu lassen, machte sich Adenauer zunutze, um seinem Volk
klarzumachen, daß Ansprüche an den und eine "falsche Auffassung"
vom Staat nur dazu führen könne, daß dieser härtere Saiten auf-
zieht. Seine Propaganda für die "gottgewollte Ordnung im Kleinen"
war die ideologische Überhöhung des Lebens, das dem kleinen Mann
praktisch verordnet war und dessen Notwendigkeit Adenauer stets
mit der Beschwörung der roten Flut, des Bösen, des Atheismus,
Kommunismus, Materialismus etc. schmackhaft machte.
2. Keine Frage, daß, wenn schon in jedem Anspruch der gottlose
Kommunismus aufgedeckt wurde, Adenauer die G e w e r k-
s c h a f t e n von vornherein sehr schnell als Kommunisten-
schweine verdächtigte:
"Sie berufen sich auf Ihre Verantwortung für Volk und Wirtschaft.
Ich kenne Sie lange genug, um zu wissen, daß Sie es damit nicht
ernst meinen." (Adenauer an den DGB-Vorsitzenden Fette)
Wo es der Gewerkschaft darum ging, durch "w e i t e r-
g e h e n d e" Mitbestimmung als konstruktive gesellschaftliche
Kraft anerkannt zu werden und dies per Streik durchzusetzen,
bemerkte Adenauer offiziell, daß er
"eine organisierte Schädigung der Volkswirtschaft durch Streiks,
die nur unternommen werden, um der Parlamentsarbeit den gewerk-
schaftlichen Willen aufzuzwingen, als einen Verstoß gegen das GG"
(mit dessen Umgang Adenauer nicht "pingelich" war), "als eine ge-
fährliche Störung der inneren Ordnung unseres Staatswesens anse-
hen muß. Der Wähler allein hat das Recht, durch die Abgabe seiner
Stimme bei Wahlen die Zusammensetzung des Parlaments zu bestimmen
und damit die parlamentarische Willensbildung zu beeinflussen."
Die nicht genehmen Ansprüche, die Adenauers wirtschaftliches und
nationales Aufbauprogramm behinderten, wurden von ihm als staats-
feindliche und kommunistische Aktionen begutachtet:
"Die Ankündigung gewerkschaftlicher Kampfmaßnahmen fällt zeitlich
(!) zusammen mit der aus der Sowjetzone kommenden Drohung, das
Zustandekommen des Deutschlandvertrags durch Ausrufung eines Ge-
neralstreiks in der BRD zu verhindern... Weite Kreise des deut-
schen Volkes werden das zeitliche Zusammenfallen unter diesen Um-
ständen nicht für einen bloßen Zufall halten."
Dementsprechend wurden sie behandelt: Polizeiaktionen gegen den
'linken' Flügel der Gewerkschaft und Hochverratsprozesse dienten
genauso der Machtentfaltung der "Adenauer-Ära" wie das Nieder-
knüppeln von Streiks, bei welcher Gelegenheit der Arbeiter Phi-
lipp Müller 1952 erschossen wurde - Preis der Freiheit, die sich
in den Händen Adenauers durchzusetzen vorgenommen hatte.
3. In dem Programm der "N o r m a l i s i e r u n g" der Macht,
das auf der einen Seite alle Ansprüche verteufelte, die sich
nicht voll und ganz der Freiheit unterwarfen, aufopferungsvolle
Arbeit für den Aufbau der Wirtschaft zu leisten, auf der anderen
Seite jährlich verkündete, daß es schon wieder etwas b e s s e r
geworden sei, also die Normalisierung fortschreite, wobei für
alle, die es anging, die Lage weiter ernst zu bleiben hatte, be-
kam die verfassungsmäßig vorgeschriebene Opposition ihren ent-
sprechenden Platz zugeteilt. Sie wurde zur drohenden totalen Ne-
gation dessen hochstilisiert, was Adenauer schon erreicht hatte
und noch erreichen wollte. Das lag nicht so sehr an ihr, sondern
daran, daß Adenauer nach der hauchdünnen Regierungsmehrheit von
1949 die SPD und ihre politischen Ziele, die keineswegs dem Kom-
munismus in die Hände spielen wollten, als den sichersten Weg
hinzustellen wußte, der nach Moskau und in die Unfreiheit führt.
Verlangte die SPD Verstaatlichung von Schlüsselindustrien, besaß
Adenauer die Unverfrorenheit zu erklären, "daß wir unser Volk
nicht enteignen wollen", und subsumierte die Sozialdemokraten un-
ter das staatliche Monopoleigentum drüben. Setzte sich Kurt Schu-
macher für "Berücksichtigung der Massenkaufkraft" ein, um bei
seinem Wählervolk einen Stich zu machen, wies Adenauer dasselbe
Wählervolk darauf hin, daß nur seine "gesunde Wirtschaft" und der
Fleiß der Arbeiter ohne materialistische Unmäßigkeit zuwege brin-
gen könne, daß "auch der kleine Mann vom Wiederaufbau profi-
tiert". Forderte die Opposition mehr deutsches Selbstbewußtsein
gegenüber dem Westen, war dies für Adenauer sofort der sichere
Ausverkauf an den Osten. Selbst den offenen
N a t i o n a l i s m u s der SPD, die gegen die Wiederaufrü-
stung im westlichen Bündnis für ein auch neutrales, aber wieder-
vereinigtes Deutschland etwas übrig hatte, prangerte Adenauer als
Bolschewismus an. Alles in allem gelang es ihm, die SPD als das
glatte Gegenteil einer Alternative zu seiner Macht, als Ausgeburt
von "Sozialisierung, Kollektivierung und Vermassung" hinzustel-
len, als den inneren Feind, die "roten Teufel", die nur Zustände
schaffen würden, wie sie jedem in der Ostzone vorgeführt würden.
Dies übrigens das Geheimnis der damals noch "heißen" Auseinander-
setzungen im Parlament.
Die letzte große Auseinandersetzung mit dem Antichristen im eige-
nen Land, die um die Wiederaufrüstung in der NATO, war zugleich
die prinzipielle Vollendung der Errichtung des neuen Machtgefü-
ges. 1955 beendete der "Deutschlandvertrag" den Besatzungsstatus
Westdeutschlands, ein Jahr darauf fand die anerkannte Souveräni-
tät der BRD ihre praktische Erfüllung: Einführung der Bundeswehr.
Adenauers Staat war fertig. Seine Politik des 'Den Deutschen wie-
der Ansehen in der Welt verschaffen!' hatte ohne große nationali-
stische Töne, aber mit um so stärkeren antikommunistischen gegen
jeden Gegner, der sich seiner Staatsbildung entgegenstellte, eine
deutsche Herrschaft errichtet, die wieder über eine eigene Armee
verfügte. Auch daraus machte Adenauer keine Feier neu erstarkten
Deutschtums, sondern nutzte die Gelegenheit, den letzten offen
kommunistischen Gegner kaltzustellen: 1956 Verbot der KPD; nach-
dem er 1955 - was kein Widerspruch zum Verbot der KPD war - in
Moskau bei den "Herren Bulganin und Chruschtschow" die Freilas-
sung von 10.000 Kriegsgefangenen ausgehandelt hatte - um den
Preis (!) der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. In Adenauers
Worten:
"Wir sind wieder ein gutes Stück vorwärts gekommen."
Katholische Kanzlerdemokratie
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"Natürlich achte ich das Recht; aber auch mit dem Recht darf man
nicht so pingelich sein."
Bei der Durchsetzung dessen, was Adenauer sich vorgenommen hatte
- eine im Innern wie von außen anerkannte Herrschaft -, war er
tatsächlich nicht pingelig. Im parlamentarischen Rat nützte er
einfach sein hohes Alter und machte sich wie selbstverständlich
zum Präsidenten der Väter des Grundgesetzes. Nicht weil er ein
Interesse daran gehabt hätte, daß nach dem Faschismus eine mög-
lichst demokratische Verfassung zustandekäme, sondern weil er
darauf aus war, daß es möglichst schnell wieder eine gab als Vor-
aussetzung staatlicher Neubildung:
"Das Ganze hängt mir zum Halse raus, besser ein schlechtes Grund-
gesetz als gar keines." (1949)
Ihm kam es darauf an, die Quintessenz des Grundgesetzes, womit
dieses steht und fällt, die staatliche Herrschaft, wieder in-
standzusetzen. Weshalb es ihm in erster Linie nützlich war, wenn
er es gegen Gegner seiner Politik richten und für sich selbst in
Anspruch nehmen konnte, daß er qua Gesetz allein die Macht habe,
für staatlichen Machtzuwachs zu sorgen:
"Es steht doch im Grundgesetz: die Richtlinien der Politik be-
stimme ich. Und auch, was Richtlinien der Politik sind, bestimme
ich."
Neben der frühen Entdeckung der allzeit modernen Parole "Freiheit
oder Sozialismus", deren Sinn Adenauer damals ganz anders radikal
als heute anzuwenden wußte, indem er als Volkskanzler die Opposi-
tion und sonstige Oppositionelle als Freunde des Bolschewismus
und Feinde der Freiheiten des Grundgesetzes behandeln konnte,
hielt er den Art. 65 für das wichtigste Grundrecht, was sich
seine Minister immer wieder anhören mußten. Nachdem Adenauer, der
lange Zeit gleichzeitig sein eigener Außenminister gewesen war,
sich dazu entschlossen hatte, seine Richtlinien um einen Außenmi-
nister Brentano zu verlängern, durfte der sich nicht wundern, ein
Telegramm folgender Art zu bekommen:
"Aufgrund des Art. 65 GG ersuche ich Sie, bis auf Weiteres alle
Gespräche und jede Verlautbarung, die meinen Ihnen bekannten
Richtlinien... widersprechen, zu unterlassen."
Adenauer traute (außer Globke) keinem, sondern nur seinem eigenen
Verhandlungsgeschick zu, den Westmächten Zugeständnisse abzurin-
gen. Wie er mit seinen Regierungsmitgliedern umging, so ließ er
sich auch von seinem Parlament nichts dreinreden -
"Jeder weiß, wer in Deutschland und Frankreich die Politik macht.
Im übrigen müssen selbstverständlich die Parlamentarier einbezo-
gen werden." (Adenauer übersetzt de Gaulle) -,
was ihm ohne große Schwierigkeiten gelang, weil er das Volk hin-
ter sich wußte - "Ich suche allein den Beifall des Volkes". Das
deutsche Volk fand er mehrheitlich hinter sich, weil es seine Be-
scheidenheit, die im Vergleich zum Faschismus als Wohlstand er-
schien, bei Adenauer allein bestens aufgehoben meinte und keinen
Anlaß sah, den "democratic Dictator" durch Figuren, die die Macht
teilten, zu ersetzen. Der erste Kanzler der Republik war auch der
erste Beweis für die Güte der Kanzlerdemokratie: Dieser Bonus
seiner Macht sicherte ihm deren Kontinuität. Das Volk wählte je-
weils den wieder, der es überzeugt hatte, daß nur er allein fähig
und in der Lage sei, seine Macht zu erhalten, also "keine Experi-
mente" erlaubte.
Konrad Adenauer, der erste politische Führer mittels demokrati-
scher Prozeduren und unter demokratischen Verhältnissen, bewäl-
tigte den Neuaufbau eines deutschen Staatswesens dadurch, daß er
die Macht auf sich zentrierte. Er erhielt sie sich mittels der C-
Parteien und indem er an die Stelle des faschistischen Nationa-
lismus, des nationalsozialistischen Antikommunismus und der fa-
schistischen Volksgemeinschaft die christliche Ideologie setzte.
Diese Freiheit des Christenmenschen des katholischen Adenauer war
wohl geeignet für den Wiederaufbau nach dem Faschismus:
- gegen Materialismus und Kommunismus
"Wer ein überzeugter Christ ist, der kann niemals die atheisti-
sche Diesseits-Ideologie des Kommunismus gutheißen."
- gegen faschistischen Nationalismus
"Die stärkste Waffe der Besiegten ist und bleibt die Geduld. Die
stärkste Waffe ist ein zuverlässiger ethischer Glaube an die Hei-
mat und an das eigene Volk."
- für Mittelstand, gegen Vermassung
"Im Mittelstand erkenne ich das stärkste Bollwerk gegen den ver-
derblichen Geist des Kollektivismus und der Vermassung."
- für Persönlichkeiten
"Der große Kampf zwischen Christentum und Materialismus wird in
der Seele der Jugend ausgetragen. Wenn es uns nicht gelingt, den
einzelnen jungen Menschen dahin zu bringen, daß er sich selbst
als die christliche Persönlichkeit begreift, die ihr Leben vor
Gott zu verantworten hat, dann haben wir umsonst gearbeitet."
Der große und mächtige Führer einer aufstrebenden deutschen Repu-
blik brach derart mit dem Nationalsozialismus und seiner Ideolo-
gie, daß er an ihre Stelle das Ideal christlicher Persönlichkeit
setzte, den Staat, auf den es ihm ankam, hinter Gott, die Person
vor die Vermassung. Mit dem Ergebnis, daß das ganze Volk unge-
teilt und massenhaft dazu beitrug, daß Deutschland wieder wer
war. Ohne mit der Macht pingelig zu sein, und mit der Quintessenz
der NSDAP, aufgehoben im hohen C, vollbrachte Adenauer sein Le-
benswerk. Seinem Volk war dabei folgender Part zugedacht:
"Wir haben wieder Freunde in der Welt, und das verdankt das deut-
sche Volk (?) dem Umstand, daß es sich (?) nach dem Zusammenbruch
aufgerafft und sich bekannt hat zu Ehrlichkeit, Anstand und Ar-
beit."
Warum Adenauers Abgang diesem nicht in den Kopf wollte, ist
leicht zu erklären. Obwohl sein Lebenswerk getan war, wollte er
so weitermachen wie bisher.
"...ich würde sagen, das Jahr 61 hat zwölf Monate. Das kann nie-
mand bestreiten... Was in den zwölf Monaten passieren wird, weiß
kein Mensch auf der Welt. Ich meine, und damit möchte ich schlie-
ßen, wir wollen Gott danken, daß das Jahr 60 keine Katastrophe
gebracht hat. Und wir wollen im Jahre 61 arbeiten, fleißig sein,
gewissenhaft sein und treu sein wie bisher. Dann wird auch - das
hoffe ich - das Jahr 61 keine Katastrophe für uns bringen.",
erklärte er noch 1961, als hätte sich nichts geändert. Vor allem
aber wollte er die Macht nicht aus der Hand geben (höchstens Bun-
despräsidentenkanzler wäre er geworden). Er war eben nicht nur
ein Liebhaber der Macht wie alle Politiker. Er meinte, die
Staatsmacht sei nichts mehr, ohne daß er sie hätte. Darin hat er
sein eigenes Aufbauwerk unterschätzt.
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