Quelle: Archiv MG - EUROPA SPANIEN - Alles klar an der NATO-Südflanke
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Internationale Heimatkunde: Spanien
EINE KÖNIGLICHE DEMOKRATIE
"Ich habe von Kind auf gelernt, daß es kein edleres Wort gibt als
'dienen', und ich muß meinem Land dienen. Mein erster Dienst am
Volk soll es sein, ihm die Freiheit zurückzugeben." (Don Juan
Carlos I. de Borbon y Borbon, Rey de Espana por la Gracia de
Dios)
Nach fast 40 Jahren faschistischer Diktatur gab ein König der
spanischen (Klassen-)Gesellschaft die politischen Freiheiten zu-
rück, die ihr der Franco-Staat vorenthalten hatte. Nicht ein
Staat in Bedrängnis, sondern eine souverän agierende Staatsgewalt
entschloß sich nach dem Tode des Caudillo, den Völkern Spaniens
die Demokratie zu s c h e n k e n. So vollzog sich harmonisch
und weltweit bewundert der 'Übergang' ins Reich von Freiheit und
Gleichheit gleichsam als R e s t a u r a t i o n.
Die Demokratie von oben ersetzt den Franquismus
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Anders als in Deutschland und Italien gab es in Spanien keine
f a s c h i s t i s c h e M a s s e n b e w e g u n g, wie sie
den Führer bzw. den Duce noch demokratisch und rechtsstaatlich an
die Macht gebracht hat. Franco und seine Offizierskollegen insze-
nierten ihren Pronunciamiento von 1936 gegen eine soeben mit
überwältigender Mehrheit gewählte Regierung, die von einer
V o l k s f r o n t aus Sozialdemokraten und Liberalen mit Un-
terstützung der Kommunisten und Tolerierung durch die beim Land-
proletariat einflußreichen Anarchisten gebildet worden war. Zum
B ü r g e r k r i e g kam es durch den Beschluß dieser Regie-
rung, ihre Anhänger gegen die abtrünnig gewordene Armee zu be-
waffnen. Und die Durchsetzung des Franquismus nach dreijährigem
Kampf verdankte sich der I n t e r v e n t i o n der Achsen-
mächte (unsere "Legion Condor" über Guernica z.B.). Nach dem mi-
litärischen Sieg betrieb das Franco-Regime seine politische Kon-
solidierung im Inneren nach dem heute bekannteren "chilenischen
Modell": Der Caudillo sicherte sich seinen Platz in der Ge-
schichte als der größte Henker des spanischen Volkes. Seine
"Errettung des Vaterlandes" vor der "bolschewistisch-jüdischen"
Gefahr kostete über drei Millionen engagierten Republikanern das
Leben - n a c h d e m die nationalen Truppen gesiegt hatten.
Nach der großen S ä u b e r u n g erst bemühte sich Franco um
eine organisierte N a t i o n a l e B e w e g u n g. In dieser
stellten die Faschisten aus der Falange-Partei nur eine der
"Säulen" des "Movimiento Nacional". Die anderen waren die alten
Rechtsparteien, in denen sich die Interessen von Großgrundbesitz
und Kapital organisiert hatten; die Monarchisten, die sich von
Franco die Wiedereinführung der Monarchie versprechen ließen und
fürs erste die Restituierung aller Adelstitel und Privilegien be-
kamen; und schließlich die katholische Kirche (mit Ausnahmen im
Baskenland und in Katalonien). Die franquistische "B e w e-
g u n g" war also eine Koalition der einflußreichen Stände zur
Sicherung der Klassengesellschaft vor der sozialistisch-
kommunistisch-anarchistischen Bedrohung, gegen die der Militär-
aufstand von 1936 gerichtet war.
Mit der physischen Vernichtung aller "unspanischen", sprich: an-
tifeudalen, antikapitalistischen, antiklerikalen, antimonarchi-
stischen Elemente im Volk war der F a s c h i s m u s auch
schon am Ziel und damit an seinem Ende als die Politik bestim-
mende S t a a t s d o k t r i n. 1953 hinderten die gelegentli-
chen Öffentlichen Ausfälle des Caudillo und von Falange-Führern
gegen die "Freimaurer-Demokratie" USA die Regierung des spani-
schen Staates nicht an der Einbeziehung Spaniens ins NATO-Mili-
tärkonzept (Militärabkommen zur Überlassung von Stützpunkten an
die USA). Und bereits 1967 gab es erste Verhandlungen Madrids mit
der EWG über ein Assoziierungsabkommen.
Beim Tode Francos war der einzige verbliebene Vorbehalt spani-
scher Wirtschaftspolitik gegen eine völlige Öffnung des Landes an
die "internationalen Finanzoligopole" (gegen so etwas wetterte
der faschistische Staatsideologe und Märtyrer der Bewegung Jose
Antonio) die Aufrechterhaltung des Staatsmonopols auf Erdölraffi-
nerie und -verkauf.
In den sechziger Jahren gab es im spanischen Staat den Aufschwung
einer d e m o k r a t i s c h e n O p p o s i t i o n gegen
die "autoritäre A l l e i n herrschaft" Francos und seiner
"Hofkamarilla". Diese Opposition rekrutierte sich einerseits aus
Kreisen der 'politischen Klasse', die gerade beim Caudillo in Un-
gnade gefallen waren oder wegen der persönlichen Abneigung des
Diktators gegen Bankiers, Basken, Katalanen, Protestanten, Juden,
Männer unter 40, Frauen überhaupt usw. trotz zweifelsfreier
L o y a l i t ä t und " Kompetenz" keine Chance hatten, mit
Machtfunktionen betraut zu werden. Andererseits entstand Opposi-
tion als demokratisches Missionswerk von außen: Die Friedrich-
Ebert-Stiftung kümmerte sich in Spanien um eine nagelneue Sozia-
listische Partei, die Hanns-Seidel-Stiftung förderte christlich-
demokratische Zirkel, und der CIA hatte einige fähige junge Män-
ner des Movimiento Nacional auf seiner Alimentenliste, die si-
cherstellen sollten, daß der Abgang Francos keine US-Sicher-
heitsinteressen gefährdete. Einer davon hieß übrigens Adolfo Sua-
rez und wurde erster Ministerpräsident der Demokratie.
Die damals übliche Rede in und außerhalb Spaniens lautete: Der
Franquismus habe sich "überlebt". Er sei zu einem A n a-
c h r o n i s m u s geworden, denn erstens sei sein "über-
triebenes" Repressionsrepertoire für die spanische Gesellschaft
u n n ö t i g, andererseits verhindere die Abhängigkeit von der
"Willkür eines alten Mannes" immer wieder die o p t i m a l e n
sachlichen und personellen Entscheidungen. Anfang der siebziger
Jahre gab es im spanischen Staat fix und fertige politische
Parteien nach dem Muster der westlichen Demokratien, die vom
Staat toleriert wurden, aber nicht so agieren durften, wie es
demokratischen Parteien zukommt. Die komplette Poli-
tikermannschaft von aufgeklärten Jüngern des Movimiento bis zu in
der Illegalität groß gewordenen Sozialdemokraten stand gleichsam
in den Startlöchern und wartete darauf, daß der Tod Francos den
Weg frei machte für eine freie und offene K o n k u r r e n z
u m d i e M a c h t.
Am 20. November 1975 starb Franco und es gab im spanischen Staat
außer den Falange-Führern, die bereits seit Jahren nicht mehr in
der Regierung sitzen, keine politische Kraft, die nicht für eine
"Transicion hacia la democracia" (einen Übergang zur Demokratie)
eintrat. Selbst der Caudillo hatte nach dem Tode seines desi-
gnierten Nachfolgers Admiral Carrero Blanco (ein ETA-Kommando
hatte den Reservecaudillo in die Luft gesprengt) die Unwiederhol-
barkeit seiner "historischen Mission" eingesehen und per Dekret
Spanien als M o n a r c h i e restauriert. Den als König vorge-
sehenen Enkel des letzten Monarchen, Juan Carlos, schickte Franco
auch auf Universitäten und Militärakademien, wohl wissend, w a s
der Thronprätendent da lernte, so daß der König sich mit Recht
bis heute nicht als "Verräter" an Francos Erbe fühlt. Mit dem
Tode übertrug Franco dem König alle seine Kompetenzen. Er instal-
lierte ihn als a b s o l u t e n Monarchen. Und der König
machte von dieser Macht, die ihm die Armee und die Guardia Civil
in Treue zu Franco über den Tod hinaus zunächst einmal garantier-
ten, vollen Gebrauch. Allerdings zuerst, um sich aus der Abhän-
gigkeit seiner Macht von der Loyalität der Armee und der Guardia
zu emanzipieren und die Monarchie als Institution zu
l e g i t i m i e r e n. Der König wollte nicht nur von "Gottes
Gnaden" über Spanien stehen, sondern sich für Spanien auf das
ganze Volk stützen. Im Interesse von Stabilität und Kontinuität
einer Monarchie im modernen spanischen Staatswesen setzte er auf
D e m o k r a t i e. Mit der von Franco übernommenen Gesetzesho-
heit, den "Leyes Fundamentales", verordnete der König dem Staat
eine demokratische Verfassung; gestützt auf die Kompetenzen, die
die faschistische Ordnung dem "Jefe de estado" einräumte, feuerte
Juan Carlos die alten Franco-Minister aus der Regierung und be-
treute mit den Regierungsgeschäften Figuren, die mit seinen Plä-
nen in Sachen "Modernisierung Spaniens" übereinstimmten. So wurde
Spanien demokratisch und unter seinen Bürgern der Monarchismus
populär.
Die Politisierung der Spanier zu demokratischen Untertanen
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Der demokratische Aufbau vollzog sich mit Staatsbürgern, die vor-
sichtig zum politischen Leben erweckt wurden. Sie stimmten einer
neuen Verfassung zu - nur die störrischen Basken verwarfen sie -
und wählten die neue Regierung. Das Volk, das unter dem Faschis-
mus mit einigem Erfolg zum Respekt gegenüber jeglicher Staatsau-
torität erzogen worden war, erwies dieser nun seine Dankbarkeit.
Es war ja gewürdigt worden, indem um seine Zustimmung nachgesucht
worden war.
Die Konkurrenz um die politische Macht wurde zunehmend lebendi-
ger. Sie war von höchster Stelle freigegeben worden, und im Zuge
des Aufbaus und der Besetzung der neugeschaffenen demokratischen
Institutionen winkten viele lukrative Posten. Von einer Sorge
wurden die politischen Manager aber doch geplagt, nämlich, ob die
Konkurrenz nicht von höchster Stelle außer Kraft gesetzt werden
könnte. Diese Sorge gaben sie an das Volk weiter und empfahlen
ihm, Ruhe zu bewahren. Eine Klärung in dieser Hinsicht brachte
der Putschversuch vom 23. Februar 1981. Da rebellierte eine
Gruppe von Offizieren im Namen der Monarchie gegen die parlamen-
tarische Regierung. Der König und die Armee machten nicht mit,
und der Putsch scheiterte: Jetzt war klar, daß die Krone und die
Armee es mit der Demokratie ernst meinten. Die demokratischen Po-
litiker konnten jetzt sehr sicher vor das Volk treten, mit der
Sicherheit nämlich, als gewählte Vertreter regieren zu dürfen.
Nach dem Putsch war die Demokratie nicht mehr auf die Krücken der
Krone und ihres politischen Führungspersonals angewiesen. Staats-
tragende Partei Nummer Eins wurden die Sozialisten. Die PSOE
(Partido Socialista Obrero Espanol) hatte sich einige Vorteile
gegenüber der politischen Konkurrenz von links und rechts erwor-
ben. Mit der brüderlichen Hilfe der nordeuropäischen Sozialdemo-
kraten war sie neu gegründet worden, gesäubert von alten antifa-
schistischen Elementen und nicht des Widerstands gegen Franco
verdächtig. Nationalismus und Antikommunismus der Parteiführung
waren echt.
Das Programm, das die Sozialisten dem Volk mit Überzeugungskraft
präsentierten, hieß, in einem Satz zusammengefaßt: Solange wir
regieren, sind die Bedingungen für einen Staatsstreich nicht ge-
geben. Sozialistische Politiker, die beim Putschversuch wenige
Monate vorher schon die Koffer gepackt und politisches Asyl in
der BRD ins Auge gefaßt hatten, waren nun wild entschlossen, den
spanischen Faschismus ein für allemal überflüssig zu machen. Das
leuchtete dem Wähler ein. Die kommunistische Konkurrenz bekam
keine Chance.
Und die Rechten? Als Erben des Faschismus operierten sie mit dem-
selben Stabilitätsargument wie die Sozialistem, nur klang es bei
ihnen so: Solange wir nicht w i e d e r regieren, gibt es viele
Bedingungen für einen Staatsstreich. Beim Volk kam dieses Argu-
ment immer weniger an. Die Sozialisten entschieden den Wahlkampf
für sich und wurden Regierungspartei. Dieses Resultat war gut für
die Festigung der spanischen Demokratie. Die demokratische Linke
war stark und regierungsfähig, die Rechte sammelte sich und mau-
serte sich zur demokratischen Opposition, und der kämpferische
Antifaschismus war politisch bedeutungslos.
Ein "Staat der Autonomien" für die
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demokratische Einheit der Nation
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Damit war der demokratische Staatsaufbau i n S p a n i e n
nicht vollkommen. Dort gibt es nämlich Bürger, die sich volks-
tumsmäßig nicht als Spanier begreifen, sondern zuerst und vor al-
lem stolz darauf sind, Basken oder Katalanen zu sein. Sie sind
auch N a t i o n a l i s t e n, aber i h r s e p a r a t e r
Nationalismus wurde unter Franco diskriminiert und blutig unter-
drückt, so daß sie sich von der Demokratie, vor allem dessen
Rehabilitierung und Anerkennung versprachen. Die Katalanen und
die Basken forderten von links bis rechts von der Demokratie vor
allem k a t a l a n i s c h e u n d b a s k i s c h e Frei-
heiten als ihr gutes Recht. Die Demokratie gewährte sie ihnen,
auf daß auch sie gute s p a n i s c h e B ü r g e r würden.
Der Staat teilte - im Sinne seiner neuen Verfassung, in deren
Präambel sich "die Völker Spaniens" als "Staat der Autonomien"
konstituieren - sein Hoheitsgebiet neu auf in "Comunidades Auto-
nomas" (Autonome Gemeinschaften). Er kleidete sein Angebot an die
baskischen und katalanischen Nationalisten, sich an der Macht zu
beteiligen, in die Form einer Gebietsreform. Ganz Spanien wurde
"autonom"; auch Regionen, wo niemand das Bedürfnis nach "eigener"
Verwaltung oder Regierung angemeldet hatte, wurden in die Autono-
mie entlassen. Für Basken und Katalanen sollte eben keine Extra-
wurst gebraten werden.
Die Autonomiereform machte keinen Bundesstaat aus Spanien. Die
Kompetenzen der autonomen Regierungen waren nicht gesetzlich ver-
ankert, sondern mußten erst in Verhandlungen mit der Zentralre-
gierung für jede Region definiert werden. Die Kompetenzen von Ju-
stiz und Polizei waren von den Verhandlungen völlig ausgeklam-
mert, dagegen waren die ökonomischen Kompetenzen wie Steuern, In-
vestitionen und Subventionen Gegenstand eines munteren Handelns.
Das war alles gut und schön, aber für Basken und Katalanen war es
nicht genug. Im Baskenland forderten die "Abertzalen" - so heißen
diejenigen Basken, die ihren Wunsch nach (teil-)staatlicher Unab-
hängigkeit über ihre Bereitschaft zu ordentlichem Mitmachen stel-
len und diese Reihenfolge "Sozialismus" nennen - mit allen Mit-
teln vom spanischen Staat V e r h a n d l u n g e n über den
Abzug von Guardia Civil und Polizei. Dabei ignorierten sie das
Autonomieangebot und boykottierten die neugeschaffenen Institu-
tionen. Die bürgerliche baskische Formation, die PNV (Partido
Nacionalista Vasco), ging auf dieses Angebot ein und regierte
(siehe Artikel "Die Basken").
Diese Partei als Sachwalter von Kapitalinteressen verwaltete die
Autonomie ordentlich und "erkämpfte" die meisten ökonomischen
Kompetenzen von Spanien. Als Regierungspartei stellte sie die
Frage nach Verhandlungen über den Abzug der spanischen Ordnungs-
kräfte anders als die Abertzalen: als Sorge um die öffentliche
Ruhe und Ordnung im Lande, die durch ihre Regierung nur gewähr-
leistet wäre, wenn sie einen eigenständigen b a s k i s c h e n
Gewaltapparat hätte.
In Katalonien lag die Sache anders. Die katalanischen Nationali-
sten verfolgten ihr Ziel ohne jede Störung von links. Ihnen ging
es vor allem darum, ihren politischen Einfluß in Katalonien zu
erweitern, da die spanischen Parteien im eingewanderten Gastpro-
letariat aus Andalusien über eine respektable Basis verfügten. In
der Frage der Autonomie-Kompetenzen taktierten sie vorsichtiger
als die Basken und betonten immer wieder, daß die Verwaltung Ka-
taloniens von der spanischen Zentralregierung erschwert würde.
Der Zentralregierung ihrerseits war jede Gelegenheit recht, der
katalanischen Regierung zu zeigen, wie sehr diese auf sie ange-
wiesen sei, um in Katalonien überhaupt regieren zu können. Die
beste Gelegenheit dafür war die Pleite der größten katalanischen
Bank "Banca Catalana". Diese Bank, gegründet vom Chef der katala-
nischen Nationalisten, war als Finanzmacht des Landes konzipiert
und operierte nach politischen Kriterien. Anfang der 80er Jahre
kam sie in große Schwierigkeiten; "spanische Zungen" behaupteten,
daß die Bank an insolvente Unternehmen Kredite vergab, versehen
mit der Bemerkung "P.C." - Por Catalunya. Die spanische Zentral-
bank ließ dann in aller Ruhe die größte Pleite der spanischen Ge-
schichte vor sich gehen. Die spanische Zentralregierung drohte
sofort mit einem Prozeß gegen den Bankchef, inzwischen Regierung-
schef von Katalonien. Die Justiz ließ sich Zeit, und so wird die
P r o z e ß d r o h u n g noch heute gegen ihn aufrechterhalten.
Das verpflichtet ihn natürlich, gewisse Rücksichten zu nehmen.
Das Hin und Her zwischen Zentral- und Autonomregierung nannte
sich "Autonomieprozeß". Selbstverständlich kam dabei auch die
Heimatliebe auf ihre Kosten. Euskera und Katalanisch waren nicht
mehr verboten, sogar die besseren Kreise bedienten sich ihrer,
und beim autonomen Fernsehen staunte man, wie gut Sue Ellen bas-
kisch sprach.
Die spanische Arbeiterklasse wird
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zum demokratischen Sozialpartner
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Der Franquismus hatte in faschistischer Tradition jeglichen Klas-
sengegensatz als "Erfindung der Marxisten" und als Verrat am
Prinzip "Espana una, grande, libre!" geleugnet und gewerkschaft-
liche Betätigung, vor allem Streiks, verboten. Die faschistische
"v e r t i k a l e Gewerkschaft" vereinte im Sindicato
N a c i o n a l die Kapitalisten und die Arbeitervertreter einer
Branche. So sorgten die Beauftragten des Movimiento für das "Wohl
der Betriebsfamilie" und dekretierten Lohnhöhe und Arbeitsbedin-
gungen gemäß den Richtlinien des Arbeitsministeriums. D a g e-
g e n entstanden bereits Anfang der sechziger Jahre unter
Führung der illegalen Kommunistischen Partei sogenannte Ar-
beiterkommissionen auf Betriebsebene, die sich national zur Un-
tergrundgewerkschaft der Comisiones Obreras (CCOO) zusammen-
schlossen. In der Endphase des Franquismus kontrahierten viele
große Industrieunternehmen des Landes mit Vertretern der CCOO,
Streiks wurden je nach politischer Beschlußlage einmal toleriert,
ein andermal zusammengeschlagen. Für die CCOO waren alle Arbei-
ter, die gegen das Regime eingestellt waren, gleichgültig gegen
ihre politischen Unterschiede als Sozialdemokraten, Kommunisten,
parteipolitisch Nichtengagierte oder als baskische bzw. katalani-
sche Nationalisten. Die CCOO kämpften für mehr Lohn, Arbeiter-
rechte und deshalb unter dem Franco-Regime immer auch für eine
a n d e r e S t a a t s f o r m, in der dieser Kampf legal,
d.h. ohne Polizeirepression möglich sein sollte.
Mit der Legalisierung gewerkschaftlicher Betätigung fiel das ei-
nigende Moment der Solidarität gegen Faschismus und für Demokra-
tie weg, und die Sozialdemokraten entdeckten, daß die "größte Ge-
werkschaft des Landes kommunistisch" "dirigiert" wurde. Sie for-
derten ihre Anhänger zum Austritt auf und gründeten gegen die
CCOO eine sozialdemokratisch dirigierte Gewerkschaft, die UGT.
Beide Gewerkschaften verhielten sich dem neuen demokratischen
Staat gegenüber loyal. Sie verdankten ihm ihre l e g a l e Exi-
stenz. Der Staat stellte diese Loyalität auf die Probe, indem er
ihnen prompt einen polit-ökonomischen Auftrag erteilte: Sie soll-
ten während des Übergangs zur Demokratie einen Sozialpakt mit der
Regierung und den Unternehmern schließen, der den sozialen Frie-
den gewährleistete. Diese Aufgabe erfüllten sie. Als der demokra-
tische Übergang vollzogen war, bekamen sie nichts, was sie den
Arbeitern als materiellen Erfolg hätten verkaufen können; ein Um-
stand, der die UGT etwas verbitterte, weil sie glaubte, es handle
sich um i h r e Regierung. Das wirtschaftspolitische Vorhaben
der neuen Regierung erforderte weiterhin eine gewisse gewerk-
schaftliche Mitarbeit: bei der Ausarbeitung und Durchsetzung von
S o z i a l p l ä n e n. Auf der Suche nach europafähigen Be-
trieben musterte der Staat seine Wirtschaft durch und ordnete
eine weitgehende Rationalisierung an. Die Massenentlassungen
sollten dann möglichst schnell, ruhig und billig über die Bühne
gehen. Für die Gewerkschaften gingen sie zu schnell und zu unso-
zial vor sich, für den Staat zu langsam und zu teuer, aber sie
kamen einander entgegen, und so gelang das Unternehmen. Die Ver-
elendung der Arbeiterklasse wurde von den Gewerkschaften unter-
schiedlich kommentiert. Für die CCOO war sie das Resultat einer
falschen Wirtschaftspolitik des Staates und auch das Produkt von
Kapital und Computer, lauter Faktoren, die ihnen ihrer Meinung
nach ihre Basis raubten. Sie demonstrierten und protestierten,
ohne viel zu stören, da ihnen ohnehin die "Perspektive" fehlte
und das "Kräfteverhältnis" ungünstig vorkam. Die Zukunft der Ge-
werkschaft als "sozio-politische Bewegung" sahen die Führer der
CCOO noch dazu durch die politische Krise der Partido Comunista
(in drei Fraktionen gespalten) gefährdet, und sie versuchten, un-
abhängiger von der Partei zu werden.
Für die UGT warf die Verelendung der Arbeiter folgendes Problem
auf: Sie schadete der Attraktivität der Gewerkschaft und war doch
zugleich das Werk der eigenen Partei. Die Gewerkschaftsführer der
UGT saßen selber als sozialistische Abgeordnete im Parlament. Als
solche begutachteten sie das Wachstum der Arbeitslosigkeit, zähl-
ten die Arbeitslosen und kontrollierten die Unterhaltskosten für
das Arbeitslosenheer. Dabei betonten sie immer wie der, wie
schwierig die finanzielle Aufgabe des Sozialstaats geworden sei,
einer solchen Masse das Überleben zu ermöglichen.
Als die Regierung die Renten drastisch kürzte und die CCOO mit
einem Generalstreik Protest dagegen einlegten, entdeckten die so-
zialistischen Gewerkschaftsführer in sich einen furchtbaren Zwie-
spalt zwischen ihren Pflichten als Politiker und ihren Neigungen
als Gewerkschaftler. Sie protestierten als Gewerkschaftler gegen
die Kürzungen, die sie als Politiker beschlossen hatten. Beim
letzten Gewerkschaftskongreß ist dem Führer der UGT eingefallen,
daß die Gewerkschaftsgelder der Basis keinen Nutzen bringen. Sie
als Kapital zu investieren, würde dagegen einiges in Bewegung
bringen. Im Gespräch waren Ferienhotels, eine Lebensversicherung
und - nach DGB-Muster - eine Gewerkschaftsbank. Man hätte dann
den Mitgliedern etwas anderes zu verkaufen als Gewerkschaftspoli-
tik.
Es gab auch Arbeitskämpfe um die Sozialpläne. Sie wurden dort am
härtesten geführt, wo die Sorge um die spanische Demokratie am
geringsten war, nämlich im Baskenland. Dort genoß die Parole
"Arbeiter gefeuert - Chef gehenkt" eine gewisse Popularität, was
sich in der Höhe der Abfindungen bemerkbar machte. Wo diese
Kampfbereitschaft fehlte, wurden die früher ausgehandelten Sozi-
alpläne nicht einmal eingehalten und revidiert. So bereitete die
Demokratie in Spanien ihre Arbeiterklasse auf die Jahrhundertauf-
gabe vor, die sie ihrer Nationalökonomie gestellt hatte.
Der Anschluß Spaniens an die EG
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Die "Nationale Erhebung" von 1936 hatte der Verteidigung von öko-
nomischen Privilegien des Adels, der Besitzer großer Latifundien
und der anderen besitzenden Klassen, worunter auch Männer der
Kirche zählten, gedient; gegen den von der demokratischen Repu-
blik freigesetzten Klassenkampf. Dennoch ließ der Franquismus an
der Macht die von ihm vorgefundene, weitgehend landwirtschaftlich
bestimmte Volkswirtschaft nicht unverändert. Dazu trieb ihn er-
stens sein nationales Sendungsbewußtsein, das Spanien einen Platz
im Kreise der starken europäischen Nationen zurückerobern wollte.
Zweitens zwang die Wirtschaftsblockade der Westalliierten gegen
den Hitler-Freund Franco den spanischen Staat zu weitgehender
Selbstversorgung, wollte er nicht in völlige ökonomische Abhän-
gigkeit von den Achsenmächten geraten, aus deren Krieg er sich
herauszuhalten gedachte.
So setzte sich im nationalen Lager die Einsicht durch, daß Geld
und Privateigentum sich auch als I n d u s t r i e k a p i t a l
lohnen und für Spanien taugen. Der faschistische Staat wurde zum
größten Unternehmer des Landes. Er gründete Industrien in allen
wichtigen Branchen (Stahl, Metall, Chemie, Energiewirtschaft und
Transportwesen) und beauftragte eine Behörde, das Instituto
Nacional de Industrias (INI), mit der Planung und Finanzierung.
Das Bank- und Kreditgeschäft ließ der Staat in p r i v a t e n
und patriotischen Händen. Er sicherte den Banken das innere Kre-
ditmonopol zu, indem er die Niederlassungen ausländischer Kredit-
institute verbot (erst 1978 wurden sie wieder zugelassen). Er
verpflichtete sie, mindestens 40% ihrer Guthaben in Schuldpapie-
ren des Staates oder in Obligationen des INI anzulegen. Die
Staatsschuld wurde so zu einer zinstragenden Geldanlage der vor-
nehmsten Stände der Nation. Aus dem Reichtum von Großgrundbesit-
zern und Pfaffen bildete der faschistische Staat Kapital für sein
industrielles Aufbauprogramm. Die Banken wußten ihrerseits auch
mit den Staatsschulden eigene Geschäfte zu machen. Die Erfolge
sind an den prächtigen Bankgebäuden in den spanischen Städten zu
bewundern.
Mit dem nationalen Aufbau stellte sich eine respektable Inflation
ein. Die interne und externe Kaufkraft der Peseta litt darunter.
Sie wurde mehrmals entwertet. Es gab aber auch positive Posten in
der Zahlungsbilanz:
- Die USA waren Waffenbrüder geworden, pachteten spanischen Boden
für strategische Zwecke und zahlten mit Dollars, Getreide und
Waffen.
- Diese Hilfe war für den Staat der Anlaß, das kostspielige Pro-
gramm zur Aufrechterhaltung einer Landwirtschaft für die
Volks(unter)ernährung einzustellen. Die Grundlage für zahllose
Familien- und Subsistenzbetriebe in Nord- und Zentralspanien war
endgültig dahin, Kastilien und Extremadura wurden immer menschen-
leerer und dienten hauptsächlich als Jagdreviere. Die freigesetz-
ten Arbeitskräfte wanderten in die spanischen und europäischen
Industriezentren ab. Das paßte sehr gut zu den Industrialisie-
rungsvorhaben des spanischen Staates und zum deutschen Wirt-
schaftswunder. Diejenigen, die fern der Heimat schufteten, waren
sehr sparsam und schickten einen Teil des Lohns nach Hause, also
Devisen.
- Gleichzeitig förderte der Staat bereits unter dem Franco-Regime
durch ein gigantisches Bewässerungsprogramm den Aufbau einer ex-
portorientierten Agrarindustrie für Obst und Gemüse.
- Mit der spanischen Küstenlandschaft und der Sonne wußten die
Bank- und Staatsmanager Grandioses anzufangen. Das Tourismusge-
schäft wurde staatlich gefördert, und die Grundeigentümer kamen
bei dem Bauboom voll auf ihre Kosten. Auch die Touristen brachten
Devisen nach Spanien.
Der Staat tat alles, um seinen Beschluß, ein "modernes Spanien"
hinzustellen, ohne A u s l a n d s v e r s c h u l d u n g zu
verwirklichen. Das hieß keineswegs, daß die spanischen Manager
auf a u s l ä n d i s c h e s K a p i t a l verzichten mußten.
Dieses war willkommen in Form von Beteiligungen am nationalen In-
dustrieaufbauprogramm. Ein lebhaftes Geschäft mit Lizenzen ent-
wickelte sich. Partnerschaftliche Kooperationsabkommen wurden
zwischen staatlichen und ausländischen Firmen in der Autoindu-
strie, der Stahlbranche, in der Elektronik- und in der Rüstungs-
industrie abgeschlossen. Selbständige ausländische Investitionen
wurden sehr begrüßt, nur gab es gewisse Produktionsquoten und Ex-
portpflichten für das Kapital, die mit Zollschutz und Steuerbe-
freiung belohnt wurden.
Die Grenzen, an die das ökonomische Werk des Franquismus stieß,
waren diejenigen des neuen europäischen Wirtschaftsblocks EWG.
Die staatlichen Industrien Spaniens waren für den nationalen
Markt geschaffen worden. Exporterfolge waren gering und wurden
für den Staat, der sie gegen die ausländische Konkurrenz subven-
tionierte, immer teurer. Gegenüber der Europäischen Gemeinschaft
verschlechterte sich die Handelsbilanz, weil die spanischen Kapi-
talisten immer mehr als Käufer auftraten und wenig zu verkaufen
hatten, was gegen die Industrieprodukte aus der BRD, Frankreich
und Italien bestehen konnte. Der Agrarexport wurde durch EWG-Au-
ßenzölle, vor allem gegen Wein und Oliven, behindert. Bereits un-
ter Franco fiel die Entscheidung, die Flucht nach vorne anzutre-
ten. Die eigene Ökonomie sollte in der EG m i t m a c h e n.
D u r c h g e s e t z t hat diesen Beschluß dann die Demokratie.
Das Ziel erreicht zu haben, durfte die sozialdemokratische Regie-
rung Gonzalez als ihren größten Sieg feiern. Die drei großen
"Umwandlungen" (Reconversaciones) des postfranquistischen Spanien
sind die schönsten Früchte der Demokratie - das haben vor allem
die arbeitenden Klassen zu spüren bekommen.
- Mit der S t e u e r r e f o r m der Regierung Suarez ver-
schaffte sich der Staat erst einmal Geld von a l l e n seinen
Bürgern und insgesamt erheblich m e h r als bislang. Während
die Steuerleistung von Großgrundbesitz und Kapitalisten im Fran-
quismus eher symbolischen Charakter hatte, ließ sich Madrid nun
seine Leistungen für die besitzenden Klassen auch von diesen mit-
finanzieren. Das Volk kam in den Genuß von zahlreichen
i n d i r e k t e n S t e u e r n, die demokratisch-gleichheit-
lich j e d e n treffen, der sich irgendeine Ware kauft. Krönen-
der Abschluß dieser Reform: die Einführung der Mehrwertsteuer am
1. Januar dieses Jahres als erste konkrete und umfassende Errun-
genschaft des vollzogenen EG-Beitritts.
- Mit den staatlichen Mehreinnahmen finanzierte die Regierung
Gonzälez eine R e c o n v e r s a c i o n I n d u s t r i a l.
Der Staat beschloß, sich von einem Teil der von ihm mehrheitlich
kontrollierten Stahl-, Schwer- und Werftindustrie zu trennen und
den Rest auf "Weltmarktniveau" hochzumodernisieren, was durch
eine umfassende R a t i o n a l i s i e r u n g in Angriff ge-
nommen wurde. Über ein Drittel aller Beschäftigten in der Metall-
industrie und knapp die Hälfte aller Werftarbeiter sind inzwi-
schen "abgebaut" worden. Was die Gefeuerten dabei besonders er-
bitterte, war der Umstand, daß die geschlossenen Werke größten-
teils noch Aufträge bis zum Ende des Jahrzehnts hatten. Sie wur-
den zugemacht, weil sie "Z u s c h u ß b e t r i e b e" waren,
die ihr Besitzer, der Staat, sich nicht mehr l e i s t e n
wollte. Eine Lektion in Sachen "wirtschaftlicher Vernunft". Damit
die Arbeiter als Klasse diese Lektion ü b e r l e b e n können,
bastelt Madrid seit dem Abgang Francos an
- einem spanischen "s o z i a l e n N e t z", das dem Proleta-
riat allein schon aus dem Grund als Staatsgeschenk vorkommen
soll, weil es so etwas unter Franco nicht gab. Daß es jetzt eine
s t a a t l i c h e S o z i a l v e r s i c h e r u n g gibt,
Arbeitslose, sofern sie legal beschäftigt worden sind, Arbeitslo-
sengeld kriegen, das sind die großen Schlager der Regierung, mit
denen sie dem grassierenden Stammtischspruch "Unter Franco konnte
man sich mehr zum Leben leisten!" begegnet. Auch in Spanien, wo
jetzt die Sozialbeiträge von den Löhnen abgezogen werden, gras-
siert inzwischen die öffentlich verkündete Lüge vom
"Generationenvertrag", der die Renten finanzieren muß, und die
über den Schwarzarbeiter, der die "Solidargemeinschaft betrügt".
Mit der Aufnahme in die EG als Vollmitglied kann das demokrati-
sche Spanien jetzt die Früchte seiner ökonomischen Anstrengungen
ernten. Und da tut es nichts zur Sache, daß die Früchte seiner
Landwirtschaft für sechs Jahre weitgehend aus dem gemeinsamen
Agrarmarkt ausgeschlossen bleiben. Wegen seiner Bauern und Land-
arbeiter ist der Industriestaat Spanien nicht eingetreten. Das
Land bringt eine sanierte, modernisierte "Unternehmensstruktur"
in die Gemeinschaft ein und bietet seine Staatsunternehmen lei-
stungsfähigen EG-Kapitalen zum An- bzw. Einkauf an. Von diesem
Angebot wird auch Gebrauch gemacht. VW z.B. ersteigerte gegen ja-
panische Konkurrenz die Automobilfirma SEAT, die den innerspani-
schen Markt beherrscht. Jetzt, wo die Zollmauer gegen Spanien ge-
fallen ist und wo die Wolfsburger ihr "know-how" mit der billi-
gen, aber qualifizierten spanischen Arbeitskraft kombinieren und
die Kapitaldecke ihrer spanischen Tochter erhöhen, dürften bald
schon die schnuckeligen "Rondas" aus Barcelona das Bild westdeut-
scher Straßen bereichern.
Mit dem EG-Beitritt hat eine umfassende Hausse an den spanischen
Börsen neue Rekordmarken gesetzt. Spitzenreiter sind dabei die
Papiere von Staatsunternehmen, in die nicht nur spanische, son-
dern europäische und auch amerikanische Geldanleger großes Ver-
trauen setzen. Auch die "Ölscheichs" gehen nicht mehr nur zum Ba-
den an die Costa del Sol, sondern mit Milliarden "Petrodollars"
in die Pesete.
Die Kosten, mit denen der spanische Staat seine Industrie
"gesundgeschrumpft" hat, haben sich also gelohnt. Das beweist
sein erfolgreicher K a p i t a l i m p o r t.
Für die spanische Wirtschaft ist der EG-Markt offen; gegenüber
zahlreichen Staaten der "Dritten Welt" eröffnen sich jetzt für
Madrid alle S o n d e r k o n d i t i o n e n, die die EG für
ihr Kapital ausgehandelt hat (z.B. der AKP-Vertrag). Die langwie-
rige Feilscherei in Brüssel um Fischereirechte, Olivenöl, Wein
und Stahlquoten ging um die Konditionen eines Geschäfts, das
b e i d e S e i t e n machen wollen - m i t e i n a n d e r.
Für die EG eröffnet sich ein Markt mit 30 Mio. Leuten, denen man
allerhand verkaufen kann und der über hervorragende "Connections"
zu einer Region verfügt, in der die EG gegen die bisherige US-Do-
minanz verstärkt ins Geschäft kommen möchte: Lateinamerika.
Daß die Arbeiter im spanischen Staat ihren Abschluß an Europa mit
einer Angleichung des N i v e a u s d e r A u s b e u t u n g
erschuften müssen; daß in ihre "Lohnfindung" jetzt immer der Kon-
kurrenzvorteil "europäisches Billiglohnland" eingehen muß, wenn
sie ihren "Arbeitsplatz" erhalten wollen; daß alles, was man zum
Leben braucht, teurer wird und daß die bekannten Köstlichkeiten
der iberischen "tapa"-Kultur von den Bartresen verschwinden, weil
Gambas und Langusten "Exportschlager" auf einem "expandierenden
Markt" sind; daß der schwere vino tinto immer wässriger wird,
weil er nur als "leichter Landwein" über EG-Grenzen kommt - alles
das stimmt zwar auch: Aber die demokratischen Regierungen Spani-
ens sind schließlich für S p a n i e n in die EG gegangen und
nicht wegen der Gemütlichkeit ihrer Proleten.
Die Integration Spaniens in die NATO
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"Die spanische Nation ist ziemlich kriegstüchtig, aber unordent-
lich, so daß nur jemand, der sie zu einigen und in Ordnung zu
halten vermag, mit ihr große Taten vollbringen kann." (Ferdinand,
König von Spanien, vertrieb 1492 die Mauren und die Juden und
einte die Nation.)
Ins westliche Bündnis war das Territorium Spaniens schon seit
1953 einbezogen: Im andalusischen Rota unterhalten die USA ihren
größten und wichtigsten Marinestützpunkt am Mittelmeer; in Torre-
jon bei Madrid einen Luftwaffenstützpunkt und an der Ostküste
weitere Air-Force-Basen, Radarstationen und Luftüberwachungssy-
steme. Ein Beitritt zur NATO ist auch nicht an den Vorbehalten
der westlichen Demokratien gegen den Franco-Faschismus geschei-
tert, vielmehr war es Francos Furcht vor einem Verlust an natio-
naler Souveränität Spaniens, die einen NATO-Beitritt zu seinen
Lebzeiten undenkbar machte. Sofort nach Beginn der "Transicion"
trugen die USA in Madrid ihr Interesse an einer NATO-Mit-
gliedschaft Spaniens vor. Der König und seine Regierung hatten
die Integration ins westliche Militärbündnis als V o l l -
M i t g l i e d fest in ihr Demokratisierungsprojekt eingebaut.
Die spanischen Streitkräfte sahen dieses Vorhaben durchweg posi-
tiv und ohne die ansonsten bei ihnen vorherrschende Skepsis gegen
die Demokratisierung. Sie wollten endlich ohne Restriktionen an
modernste Waffensysteme herankommen und im westlichen Bündnis ge-
gen den g e m e i n s a m e n F e i n d antreten. Insofern war
das innenpolitische Argument für einen NATO-Beitritt, wie es die
Regierung Calvo Sotelo vertrat, eine an der Sache vorbeigehende
P r o p a g a n d a: Eine Integratrion der spanischen Streit-
kräfte in das Bündnis würde die Putschgelüste in der Armee unter
Kontrolle bringen. Daran stimmte nur eines: S o u v e r ä n e
Alleingänge des Militärs in der Politik würden erschwert und
Putsch a b e n t e u e r von den Verbündeten nicht gern gesehen
werden. Sollte aber die innenpolitische Lage Spaniens - in Über-
einstimmung mit NATO-Ermessen - eine Intervention der Streit-
kräfte notwendig machen, dann wäre das eine Wahrnehmung westli-
cher Sicherheitsinteressen, ein richtiger Putsch also und kein
"Abenteuer". Siehe Griechenland, siehe Türkei und vergleiche auch
das Telegramm des damaligen US-Außenministers Haig in der Nacht
des 23. Februar 1981, in dem ausdrücklich zwischen US-Sicher-
heitsinteressen und der Sicherheit der spanischen Demokratie un-
terschieden wurde.
Zum Zeitpunkt des NATO-Eintritts Spaniens waren die Regierungen
der "Transicion" allerdings alles andere als stabil; sie stützten
sich nur auf die UCD, ein Sammelsurium von Figuren aus der
Franco-Ära und frisch gebackenen Demokraten aus der Umgebung des
Königs. Sie waren nur bedingt handlungsfähig. Weil aber der US-
Freund drängte und sie selber unter dem frischen Eindruck des ge-
scheiterten Putsches standen, glaubten sie, gegen den Willen der
Öffentlichkeit und von Teilen der eigenen Partei handeln zu müs-
sen. Sie setzten den NATO-Beitritt in einer Nacht-und-Nebel-Ak-
tion durch und verschwanden von der politischen Bühne. So trat
Spanien der NATO bei, das Volk aber war noch nicht ganz reif da-
für. Ihm wollte es nicht in den Kopf, daß der Süden etwas davon
hat, wenn er den Westen gegen den Osten unterstützt. Gute Demo-
kraten haben sich auch darüber gewundert, daß der Beschützer
i h r e r politischen Freiheiten derselbe sein sollte wie der
Beschützer des Faschismus, nämlich die USA. Die Sozialisten, zur
Zeit in der Opposition, hatten Verständnis für die Meinung des
Volkes. Is der NATO-Beitritt stattfand, sagten sie: "So nicht",
kritisierten Stil und Bedingungen des Beitritts und versprachen
für den Fall der Regierungsübernahme, einen konsultativen Volks-
entscheid zu veranstalten.
Die Sozialisten wollten das Volk mit der Realität vertraut ma-
chen, daß, so unglaublich es klingen mochte, die USA doch der Be-
schützer der spanischen Demokratie seien und ausgerechnet die So-
wjetunion, der einzige Verbündete der R e p u b l i k, ihr
Hauptfeind. Diese politische Erziehungsaufgabe lag ihrer Meinung
nach im Interesse Spaniens und konnte nur durch sie erfüllt wer-
den.
Einmal an der Regierung, taten sich die Sozialisten aber schwer
mit dem Versprechen, ein Referendum zu machen, gerade weil die
Öffentlichkeit mit Nachdruck auf seiner Erfüllung bestand. Ande-
rerseits waren die Alliierten nicht gerade glücklich über die
Tatsache, daß die NATO in einem Mitgliedsland politisch in Frage
gestellt wurde. Sie empfahlen der spanischen Regierung, das ganze
Referendum abzublasen. Das jedoch konnte Felipe Gonzalez nicht
tun, da er gerade seine Meinung über den NATO-Beitritt geändert
hätte: Er war jetzt dafür, seine Wähler aber (noch) nicht. Aus
dem "S o nicht!" machte die sozialistische Regierung ein "So
j a!" Sie stellte die Mitgliedschaft der Nation in der NATO nicht
mehr Frage, sondern wies auf die s p a n i s c h e n Bedingun-
gen dieser Mitgliedschaft hin. Die Frage, die dem ehrenwerten
Volk gestellt wurde, lautete:
"Sind Sie unter der Bedingung, daß in Spanien keine Atomwaffen
eingeführt, gelagert und stationiert werden, daß die amerikani-
sche militärisch Präsenz auf spanischem Territorium reduziert
wird und daß die spanischen Streitkräfte nicht in die Militär-
struktur des Bündnisses integriert werden, bereit, einem Verbleib
Spaniens in der Atlantischen Allianz zuzustimmen?"
Als Beweis für die Treue und Zuverlässigkeit eines Verbündeten
war die Frage sicher nicht gedacht, sondern als Angebot an das
Volk Außenpolitik mit seiner ausdrücklichen Zustimmung zu betrei-
ben. Für den Fall, daß das Volk dem Angebot nicht zustimmen
würde, sagte die Regierung voraus, daß Spanien in eine sehr
heikle Lage geraten würde, weil sich niemand finden würde, der
den Austritt aus der NATO abwickelte. Alle, die für das Regieren
in Frage kamen, waren ja f ü r die INATO, die NATO-Gegner waren
nur Regierte. Da mußten alle Regierten, wenn sie weiterhin re-
giert werden wollten, dem Beispiel Felipe Gonzalez' folgen und
ihre Meinung ändern. Soweit sie gehorsame spanische Bürger waren,
erwiesen sie der Demokratie ihre Treue und änderten tatsächlich
ihre Meinung. Sie stimmten zu.
Die Neinsager blieben in der Minderheit: die Basken, die Katala-
nen, die Neutralisten, die Pazifisten. Und die Faschisten, weil
sie ihre Hoffnungen auf eine Destabilisierung ihrer Demokratie
schwinden sehen. Das hat den NATO-Sozialisten Auftrieb gegeben.
Sie organisieren gleich für Juni, statt erst für Oktober, ihre
Wiederwahl.
Die NATO-Alliierten freuten sich gleichfalls über das Resultat,
weil die Russen geschlagen waren, auch wenn dieser rein innenpo-
litische Sieg am weltweiten Kräfteverhältnis nichts änderte. We-
gen der Bedingungen des Verbleibs dürften sie doch auch eine ganz
kleine Enttäuschung empfunden haben: Spanien will in der NATO ein
militärisch w e i c h e r Verbündeter bleiben. Oder doch nicht?
Volk und Führer sind zu Meinungsänderungen fähig. Das haben sie
ausdrücklich bewiesen.
Die Demokratie in Spanien
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ist konsolidiert und stabil. Wie in jedem demokratischen Staats-
wesen gibt es auch hier ein reges demokratisches öffentliches Le-
ben, in dem gerade die kritischen Töne für die Gesundheit des
Staatswesens bürgen. Auch in Spanien wenden sich die von den Lei-
stungen demokratischen Regierens Enttäuschten nicht gegen die
staatlichen Zwecke, die durchgesetzt werden, also gegen die
K o s t e n d e r F r e i h e i t, sondern sie räsonnieren
über die Spesen der Politiker, über die moralische Verkommenheit
von Amtsträgern, die dem Volk auf der Nase herumtanzen. Den mora-
lischen Kritikern gab eine sozialistische Dame Wasser auf ihre
Mühlen, indem sie bei einem Diner mit arabischen Scheichs und
Waffenhändlern in Marbella öffentlich kundtat: "Wir Sozialisten
haben das Recht, gut zu essen, uns gut zu kleiden und ein ange-
nehmes Leben zu führen." Die Demokratie bereitete ihren Liebha-
bern schlechte Gefühle. "G e g e n Franco ging es uns besser",
wurde zum Lieblingsspruch von den Leuten, die jetzt durchaus
d a f ü r sein wollten.
So gibt das demokratische Spanien, jedem das Seine und geht auf
die verschiedensten Bedürfnisse seiner Bürger ein. Die spanische
Öffentlichkeit macht mit dem Pluralismus ernst, und im Vergleich
zur spanischen Presse wirken die Zeitungen anderer westlicher
Länder wie zensiert.
Der Staat bemüht sich um einen Ausgleich zwischen den diversen
Fraktionen der herrschenden Klasse und tut dies entsprechend dem
Prinzip der nationalen Einheit, die es jetzt mit demokratischen
Mitteln zu festigen galt. Den Gehorsam gegenüber seiner Gewalt
betrachtet der Staat als eine demokratische Selbstverständlich-
keit, wo dieser sich nicht einstellt, wird das als Terrorismus
bekämpft - weil er die politische Betätigung der Untertanen er-
laubt hat.
Das ist der politische Rahmen, den die Staatsgewalt unter der
Mitarbeit seines Volkes für den Erfolg von Staat und Bürger ge-
schaffen hat. Dieser Erfolg, der heute Wachstum heißt und sich in
Geld mißt, ist ganz auf die spanische Ökonomie angewiesen, die
wegen ihrer e i g e n e n Besonderheiten die europäischen
"Sachzwänge" als ihre eigenen feiert.
Im spanischen Geld jedenfalls drückt sich der demokratische Über-
gang sprichwörtlich aus. Auf den Münzen, die der Caudillo prägen
ließ, war sein Porträt zu sehen und das Motto: "Führer Spaniens,
von Gottes Gnaden." Auf den heutigen 5.000-Peseten-Scheinen sieht
man ein Porträt des Königs und seinen Spruch: "Für die Krone und
alle Staatsorgane sind alle Bedürfnisse legitim, und jeder muß
sich im Interesse der Allgemeinheit einschränken." An diesen
Spruch sollten sich die Spanier gerade jetzt erinnern, da sie
beim Geldausgeben jede Peseta dreimal umdrehen müssen.
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