Quelle: Archiv MG - EUROPA SOZIALISTISCHE-INTERNATIONALE - Vom Sozial-Imperialismus
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BRÜDER, ZUR SONNE, ZUR FREIHEIT
"Brüder, zur Sonne, zur Freiheit,
Brüder, zum Lichte empor.
Hell aus dem dunklen Vergangnen
leuchtet die Zukunft hervor!
Seht, wie der Zug von Millionen
endlos aus Nächtigem quillt,
bis euer Sehnsucht Verlangen
Himmel und Nacht überschwillt.
Brüder, in eins nun die Hände,
Brüder, das Sterben verlacht:
Ewig der Sklav'rei ein Ende,
heilig die letzte Schlacht!"
Versuch einer Würdigung
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Wenn diese "Brüder" anfangen zu singen; am Ende ihrer Tagungen,
dann wird ihnen ganz warm ums Herz. Nicht nur, weil sie sich da
die Hände reichen und sich jeweils zu Beginn jeder Strophe als
Brüder gleich zweifach ins Gewissen singen, sondern vor allem we-
gen der gelungenen agitatorischen Leistung, die Sehnsucht der
Massen nach kostenlosen Werten "Sonne" und "Licht" - zu wecken
und im selben Atemzug auch zufriedenzustellen. Der, den die Kon-
kurrenten von der Glaubensfront dafür als Schöpfer verantwortlich
machen, muß vor Neid erblassen vor der wundersamen Leistung, Mil-
lionen sattzumachen; für die hatte e r sich seinerzeit noch der
materialistischen Tour bedienen und sich den Trick mit der Brot-
vermehrung und den Weinschwindel ausdenken müssen. Sonne und
Licht einfach bloß als Wärmespender zu nehmen, hieße allerdings
den Gehalt der dichterischen Aussage verkennen, wenn nicht ins
Gegenteil zu verkehren. Die Sonne mitsamt ihrem Licht steht hier
nicht einfach als naturgegebenes Wasserstoffusionskraftwerk. Dann
genügte es ja, wenn sie den Brüdern aufs Haupt schiene. Der Ge-
nosse Dichter verlangt aber, daß sie sich zu ihr
'e m p o r' arbeiten. Sonne ist nämlich nicht nur ein Wort, son-
dern verkörpert als unfaßliches Ding-Symbol d e n höheren Wert,
den sie als Sonne und Licht pleonastisch umkränzt. Die zart an-
klingende Dialektik - die Brüder da unten, die Freiheit da oben -
findet dann in einem qualitativen Sprung zu sich selbst, indem
gleichzeitig die natürliche um die historische Dimension ergänzt
wird, ohne daß erstere völlig abklingt. Mit der Verknüpfung von
Licht und Zeit - "helle Zukunft" contra "dunkle Vergangenheit" -
ahnt der Dichter nicht nur Einsteins Formel voraus - es gelingt
ihm, den sozialistischen Inbegriff der ewigen Hoffnung ins Bild
zu setzen. Genial, wie er dabei die Kräfte der Finsternis - das
"dunkle Vergangene" - durch die Heere des Guten - "hell... leuch-
tet die Zukunft" - syntaktisch umzingeln läßt u n d die Dreidi-
mensionalität der Zeit beseitigt und bewahrt zugleich, indem er
Vergangenheit und Zukunft durch das präsentische Leuchten in dau-
ernde Gegenwart aufhebt.
In der zweiten Strophe wird der abstrakten Prophetie konkrete Ge-
wißheit verliehen; die Qualität des Versprechens erhält gewisser-
maßen seine quantitative Bestimmtheit, indem der Dichter die Mas-
sen in die Zeilen zitiert. Als "Z u g von Millionen" vermittelt
er ihnen sogar noch einen Hauch organisatorischer Disziplin - ein
etwas riskantes Unterfangen angesichts dessen, daß sie wiederum
unbestimmt ("endlos") "hervorquellen". Vermutlich möchte er damit
ihre Übermächtigkeit betonen, gegenüber "dem Mächtigen" - eine
formell neue und inhaltlich doch schon vertraute Konkretion der
Kräfte der Reaktion, die einem die Assoziation der Mächtigen ge-
radezu aufdrängt. Es ist die Frage, ob im folgenden der Pleonas-
mus ("Sehnsucht Verlangen") das Hendiadyoin ("Himmel und Nacht")
herausfordert oder umgekehrt. Auf jeden Fall ist es nicht der
Reim, sondern die immense Dichte der lyrischen Aussage, die das
Prädikat "überschwellen" kategorisch gebietet.
Das Leitmotiv der Solidarität, in der ersten Strophe lediglich
als kämpferischer Appell an den Beginn gestellt, wird in der
dritten Strophe formal wieder aufgenommen und inhaltlich ver-
tieft. Der praktische Zusammenhalt des Arbeiterchors - man erin-
nere sich des erhebenden Rituals sozialistischer Abschlußveran-
staltungen! - wird hier lyrisch verklärt: "in eins nun die
Hände!" Die schwer zu vermittelnde Botschaft, daß die Arbeiter
als Brüder nichts zu lachen haben, weil Solidarität nicht mit
Geld zu bezahlen ist, bringt das Lied in einer sprachlichen Mei-
sterleistung rüber, indem es "das Sterben verlacht", sich souve-
rän über das Widerspiel von Tod und Sinnenfreude hinwegsetzt und
so die Banalität des Kampfs ums tägliche Brot ins Metaphysische
transponiert. Zudem läßt die metaphorische Verfremdung des Lohn-
arbeitsverhältnisses in ein archaisches Eigentumsverhältnis -
"Sklaverei" - gar nicht erst den abwegigen Gedanken aufkommen,
als ginge es um d e s s e n Beseitigung beim Sterben und Kämp-
fen. In einer furiosen Hyperbel wird dann im Finale der Tod gar
durch eine gewagte Usurpation der Theologie negiert: Durch die
Kanonisation der "letzten Schlacht" wird dieser quasi zum ewigen
Leben verholfen und so das tägliche Ringen um die kleine Reform
mit einer höheren Weihe versehen. Moderne Sozialdemokraten soll-
ten sich deshalb schämen, sich der dritten Strophe zu schämen -
als habe sie den revolutionären Teufel im Leib! - und nach der
zweiten Strophe zur Tagesordnung überzugehen, ohne ihr die musi-
kalische Ehre zu erweisen!
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