Quelle: Archiv MG - EUROPA PORTUGAL - Von der EG-Kolonie


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       Ein Prozeß gegen die Illusionen des 25. April
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       Von der  demokratischen Öffentlichkeit bei den EG-Partnern Portu-
       gals kaum  beachtet, inszeniert die portugiesische Demokratie dem
       Anführer der  Offiziersrevolte gegen  den Faschismus, Major Otelo
       Saraiva de  Carvalho, einen  Schauprozeß mit  allen Ingredienzien
       einer    V e r g a n g e n h e i t s b e w ä l t i g u n g    als
       Rechtsfindung. Diese  sieht entsprechend  aus: Gegen  Otelo,  der
       seit über einem Jahr inhaftiert ist, gibt es ein paar Kronzeugen,
       d.h. sogenannte  "reuige Terroristen", von denen angenommen wird,
       daß es  sich um  Polizeispitzel handelt. Daneben operiert die An-
       klage mit  Papieren und  Aufsätzen des  ehemaligen Anführers  der
       "Bewegung der  Streitkräfte" (  FA), in denen Carvalho seine Vor-
       stellungen über  einen "Prozeß  der sozialistischen Umgestaltung"
       Portugals mittels einer "Revolution der Arbeiter, Bauern und Sol-
       daten" entwickelt. Weil darin auch das Konzept einer "Volksarmee"
       vorkommt,  konstruiert  ihm  die  Staatsanwaltschaft  daraus  das
       "Projekt einer  illegalen bewaffneten Bande zum Sturz der verfas-
       sungsmäßigen Ordnung".  Der bis zu seiner Verhaftung aktive Offi-
       zier des Heeres soll das "Hirn" der "terroristischen Vereinigung"
       FP-25 (Bewaffnete  Volkskräfte des  25. April) sein, die zwischen
       1980 und '84 Bombenanschläge verübt hat, darunter einen spektaku-
       lären Granatenangriff  auf NATO-Kriegsschiffe im Hafen von Lissa-
       bon.
       Die erste  Phase des  Prozesses verlief als Dialog zwischen Otelo
       und der  Staatsanwaltschaft. Der  Angeklagte wollte  das Tribunal
       zur Tribüne  seiner Anschauungen  machen, und die Ankläger ließen
       ihn reden,  um Punkt  für Punkt  den Nachweis zu führen, daß alle
       bekannten und  von Otelo immer noch vertretenen Ideale des MFA im
       modernen, demokratischen Portugal verfassungswidrig, staatsfeind-
       lich und damit strafbar sind.
       Inzwischen haben  die Wahlverteidiger der meisten Angeklagten ihr
       Mandat niedergelegt,  weil die  Justiz während des laufenden Ver-
       fahrens weiter  ermittelt und  fortlaufend  neues  Beweismaterial
       einfübrt bzw. neue Anklagepunkte aufmacht.
       Durch Pflichtverteidiger  wird eine Fortführung des Prozesses si-
       chergestellt, dessen  Ende für  Ende dieses Jahres erwartet wird.
       Die portugiesische Öffentlichkeitspekuliert mit mäßigem Interesse
       darüber, ob Otelo freigesprochen oder nach einer Verurteilung be-
       gnadigt  wird.   Ein   Ergebnis   steht   bereits   fest:   Einen
       P r ä s i d e n t s c h a f t s k a n d i d a t e n   de Carvalho
       gab es  nicht mehr,  und die  Positionen des  linken Flügels  der
       Aprilrevolution von  1974 schlagen sich 1986 mit dem Terrorismus-
       verdacht herum.  Insofern ist der Prozeß gegen FP-25 trotz seiner
       formelle Schwächen,  die noch  nicht ganz  Stammheimer Niveau er-
       reicht haben, ein Indiz für die Stabilität der Demokratie in Por-
       tugal.

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