Quelle: Archiv MG - EUROPA PORTUGAL - Von der EG-Kolonie


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       Portugal
       

DIE DEMOKRATIE KOMMT GUT VORAN

"Was passiert, wenn Militärs die Demokratie von oben in einem Land wie Portugal durchsetzen wollen? Sie setzen den Klassenkampf frei, zerstören den Staat, den sie retten wollen, vollends, füh- ren das Land an den Rand des Bürgerkriegs und bahnen denen den Weg, die eine zeitgemäßere Unterwerfung Portugals unter den Kapi- talismus als einzig vernünfige Lösung anbieten." (MSZ Nr. 8/1975) Der Ausgang der Wahlen vom 5. Oktober, in denen die Alianca De- mocratica unter Sa Carneiro ihren Vorsprung ausbauen konnte, der Frente Republicano Socialista unter Soares und die Kommunisten Stimmen verloren, bestätigte nur, was sich in den Monaten zuvor in den Argumenten, mit denen der Wahlkampf bestritten worden war, gezeigt hatte: Die Demokratie hat in Portugal festen Tritt gefaßt. Politische Reife beim Volk... ----------------------------- Machten die nach der Aprilrevolution von 1974 entstandenen Par- teien zunächst noch unterschiedliche Versprechungen, mit ihrer Politik die Erwartungen bestimmter Teile des Volkes an die neue Demokratie zu befriedigen, und versuchten sie damals, mit konkur- rierenden Vorstellungen über den Auf- und Ausbau des Staates Stimmen zu gewinnen, so herrscht heute Einigkeit darüber, daß es nur um Portugal zu gehen hat: "So ist Portugal auf dem Weg in die politische Mitte, wie es in allen modernen Demokratien der Fall ist, Das portugiesische Volk beweist seine Einsicht und Reife, indem es sich entscheidet zwi- schen einer liberalen Sozialdemokratie und einer Sozialdemokratie mit marxistischen Einflüssen... Portugal hat eine achthundertjäh- rige Geschichte. Das Volk wird am 5. Oktober so zu wählen wissen, daß diese Geschichte weitergeht." ("Tempo") Genau dies und nicht mehr die Erfüllung der Interessen bestimmter Teile des Volkes versprechen die Wahlprogramme der beiden großen Wahlbündnisse. Beide erklären, daß sie das bessere Portugal schaffen werden, weil sie die wahren Sachwalter der Demokratie sind. Freitas do Amaral, Außenminister, auf einer Wahlversammlung der AD in Porto: "Geben Sie uns Ihre Unterstützung, Ihr Vertrauen, und Sie werden sehen, was in vier Jahren in Portugal alles möglich ist... ein freieres Vaterland, eine demokratische Verfassung, ein besser or- ganisierter Staat, eine effektivere Verwaltung, ein besseres Un- terrichtswesen, eine gerechtere Wirtschaft, endlich ein glückli- cheres Volk..." Worauf der FRS beteuert, nur ihr ginge es um die "Wahrung der individuellen, sozialen, wirtschaftlichen und kul- turellen Rechte, Freiheiten und Garantien, die durch die Verfas- sung festgelegt sind." (beide Zitate: "Diario de Noticias") "Salazaristen" und "linke Revolutionäre", die sich gegenseitig vor dem Wähler verunglimpfen, sind sich seit 1977 einig, welchen Weg Portugal zu gehen hat: "Den Rahmen für alles, was ein portugiesisches Kabinett in den nächsten Jahren beschließt, steckte nämlich ein Übereinkommen ab, das Portugal noch unter Mario Soares - mit dem Internationalen Währungsfonds zur Sanierung seiner Wirtschaft traf." ("Börsenzeitung") ...und bei den Politikern ------------------------- Diese lapidare Feststellung entspricht der Wahrheit und faßt die Entwicklung Portugals seit der "Revolution von ganz oben" durch das MFA zusammen: Die Freisetzung eines politisch geduldeten und vertretenen Kampfs der Interessen bei gleichzeitigem Gebot, sie darüber zu einem staatstragenden Ausgleich zu führen, hat das Land an den Rand des Bankrotts geführt - eine Entwicklung, der die kapitalistischen Staaten zunächst aufgeregt, dann immer ent- spannter zusahen, und die sie nun (nachdem sie kräftig nachgehol- fen haben) zu ihren Konditionen abzuschließen gedenken. Die Be- dingungen, die der Internationale Währungsfonds für die Kreditie- rung des portugiesischen Staates stellt und die eine Rückkehr zu den "normalen" Verkehrsformen kapitalistischer Ausbeutung zwin- gend vorschreiben - allerdings nun bei demokratischer Zustimmung der Massen! -, treffen andererseits auf vollste Zustimmung der zuständigen portugiesischen Staatsmänner, die untereinander einen Streit darüber austragen, wer sie am besten zu erfüllen imstande sei. Portugal bietet sich als offen für eine neue Funktionalität im internationalen Staats- und Kapitalverkehr an, und die demo- kratisieiten Massen haben anscheinend einen "Erziehungsprozeß" durchgemacht, der sie im Wahlkampf die Parteien unter diesem Ge- sichtspunkt betrachten läßt. Soweit ist man gekommen, daß man auf Rettung von außen hofft. Da diese Rettung vorläufig an gewissen Errungenschaften der Revolution scheitert bzw. nachdrücklich auf deren historische Überholtheit hinweist, steht als erstes eine R e v i s i o n d e r V e r f a s s u n g an. Beide großen Parteienbündnisse sind bemüht, die lästigen "sozialistischen" Pa- ragraphen wieder loszuwerden; beide sind sich darin einig, daß die nach der bestehenden Verfassung nicht vorgesehenen privaten Banken und Versicherungen wieder zugelassen werden sollen und daß der Revolutionsrat mit seinem Vetorecht gegen alle Beschlüsse des Parlaments zu verschwinden hat. Der Streit bezieht seine ganze Schärfe daraus, daß die AD diese Änderungen sofort und ohne Be- teiligung der Sozialisten qua Referendum durchgeführt haben will - offenbar läßt sich heutzutage auf den Willen einer Staatsbür- germehrheit spekulieren, durch mehr ordentliche Staatsgewalt bes- ser zu fahren -, während die Sozialisten darauf beharren, an der Reform beteiligt zu sein, was nur geht, wenn die Reform mit der in der Verfassung vorgesehenen 2/3-Mehrheit erfolgt. In Erinne- rung daran, daß der FRS mit zu den Wegbereitern des heutigen Zu- stands zählt und dies ganz unverfroren als Verdienst angerechnet haben will, wirft er der AD "radikale Änderung" an statt Revision gemäß den Grundsätzen der Verfassung selbst vor. Ein Vorwurf, der die AD nicht trifft und auch die Wähler kalt ließ. Freiheit statt Elendssozialismus -------------------------------- Die AD baute auf die Vorarbeiten auf, die die Sozialisten schon für die Erfüllung der IWF-Auflagen geleistet haben: Enteignete Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe wurden an die früheren Be- sitzer zurückgegeben, private Investitionen gefördert und Kre- ditrestriktionen verfügt, die sich gegen die staatlichen und von Arbeitern selbst verwalteten Betriebe richteten. Diese Grundle- gung für die "Sanierung der Wirtschaft" betrieb und betreibt den Klassenkampf von staatlicher Seite sehr radikal: - Senkung des Reallohns um 25% unter das Niveau der Aprilrevolu- tion; - Senkung des Mindestlohnes auf das berühmte "Zum Sterben zu viel..." - Durchlöcherung des Kündigungsschutzes, indem die Betriebe ganz legal allerlei "Gesetzeslücken" entdecken und ausnutzen dürfen, um ihre Proleten durch Entlassungen unter Druck zu setzen. Das alles unter dem schönen Titel "Freiheit", die Soares ("Nie werde ich die Freiheit dem Sozialismus opfern") sehr mutig und sehr konkret zur Vermeidung eines "Elendssozialismus" in seinem Land durchzusetzen begann und die er den Massen als ihr künftiges Elend, nun aber in einem demokratisch geförderten Kapitalismus, offerierte: "Die Restriktionspolitik war unumgänglich. Wie die Deutschen nur zu gut wissen, gibt es keinen Wirtschaftsaufschwung ohne Opfer." ("Spiegel") Die Massen brauchten die "Börsenzeitung" nicht zu lesen, um zu merken, was das für sie bedeutete - "Die Gesundungsmaßnahmen können nur unpopulär sein... wenn die Wirtschaft Zutrauen zur Regierungsinstitution fassen soll" -, woraus sie freilich nicht den Schluß zogen, auf diese "Freiheit" lieber zu verzichten. Vielmehr faßten sie die von staatswegen sehr absichtsvoll ins Werk gesetzte "confusao" dergestalt auf, daß diese Staatsvariante zur Lösung der von ihr selbst geschaffe- nen Probleme nicht tauge - weswegen die Rechte Soares in zwei Wahlen die Massen mit dem Argument abspenstig machte, daß alle seine Maßnahmen "nicht rasch genug erfolgten". Andererseits nimmt es das portugiesische Volk auch nicht sonderlich übel, wenn er das von ihm mitzuverantwortende Elend in eine Tragik seiner Per- son verwandelt: "Völker sind nicht dankbar (!) und sollen es auch nicht sein." Die Revision der chaotischen Jahre ---------------------------------- Die stabilen politischen Verhältnisse haben dem mittels "gelenkter Kreditpolitik" in Gang gesetzten "Selektionsprozeß" nur gut getan. Die portugiesische Industrie besteht aus einer Vielzahl kleiner und kleinster Gewerbebetriebe, die in erster Li- nie für den inländischen Markt produzieren und durch Zollmauern oder mangels Interesse vor ausländischer Konkurrenz geschützt sind. Kapitalakkumulation, Rationalisierung, Erweiterung spielen sich in sehr engem Rahmen ab. Während sich nun die vom demokrati- schen Staat geschützten und geförderten privaten und reprivati- sierten Betriebe daran machen, erstens die alten Ausbeutungsver- hältnisse ohne "sozialistische Paragraphen" wieder einzusetzen, und zweitens den Anschluß ans westeuropäische Kapital durch die praktische Demonstration der Bereitschaft, die brachliegenden Po- tenzen der portugiesischen Arbeitskraft in ganz neuem Umfange dienstbar zu machen, herstellen wollen, brauchen die kleinen selbstverwalteten Betriebe mehr und mehr Kredite, um Löhne und Arbeitsplätze zu sichern. Hier hat die Regierung ein ihr wie selbstverständlich zugewachsenes Erpressungsmittel, das durch die Drohung abgerundet wird, die nie legalisierten Enteignungen per Polizei rückgängig machen zu können. Freilich weiß auch die AD die faux frais solcher Maßnahmen zu kalkulieren - wohin mit den vielen, plötzlich freigesetzten Ar- beitern, welche Maßnahmen zur "sozialen Befriedung" sind erfor- derlich? -, was sich in der heiklen Frage der Landreform beweist: "Entschlossen, lieber Arbeitslosenunterstützung zu zahlen, als unrentablen Betrieben durch zu viele mitgeschleppte Arbeiter jede Aussicht auf einen Neuanfang zu nehmen, griff schon die Regierung Nobre da Costa das heißeste Eisen portugiesischer Wirtschaftspo- litlk der Gegenwart an: Die Revision der in dem chaotischen Jahr 1975 von KP-Chef Alvaro Cunhal eingeleiteten Landreform." ("Börsenzeitung") Nach der Aprilrevolution hatten die Tagelöhner des Alentejo-Ge- biets - über die Absichten des MFA, der nur Teilenteignung und Entschädigungszahlungen an die früheren Besitzer vorsah, weit hinausgehend - große Teile des bebaubaren Bodens besetzt und die Urbarmachung brachliegender Besitzungen in Angriff genommen. Der MFA hatte dagegen nichts unternommen, weil er die Hoffnung hegte, daß die jetzt am Ertrag interessierten Bauern durch freiwillige Anstrengungen für mehr Rentabilität und Zufriedenheit sorgen wür- den als das früher dort weit verbreitete unwirtschaftliche Pacht- system. Was die Bauern jedoch interessierte und von ihnen erst einmal durchgesetzt wurde, kontinuierliche Sicherheit ihres Le- bensunterhalts statt Tagelöhnerdasein, steht im Widerspruch zu einer rentablen Landwirtschaft im Interesse des Staates. Rentabi- lität hat in Portugal darin zu bestehen, daß exportfähige Pro- dukte (Kork, Wein, Tomatenmark) billig mit Tagelöhnern herge- stellt werden. Beschäftigung und Bezahlung während des ganzen Jahres vermindern natürlich die Rentabilität, ein "Mißstand", der noch unter Soares durch das "Barreto"-Gesetz energisch bekämpft wird. Die ehemaligen Besitzer dürfen sich zunächst 400 ha ihres enteigneten Bodens aussuchen, der geräumt werden muß. Jedem Fami- lienmitglied stehen weitere 400 ha zu, so daß schließlich so ziemlich alles brauchbare Land an die ehemaligen Besitzer zurück- geht. Das Landwirtschaftsministerium entscheidet dann, ob die NUP (Neue Produktionseinheit) auf dem verbliebenen Rest weitermachen kann oder gleich aufzulösen ist. Wegen "mangelnder Rentabilität" kriegen sie im ersteren Fall auf jeden Fall keine Kredite mehr, im zweiten Fall bekommen die entlassenen Mitglieder für eine kurze Übergangszeit Arbeitslosengeld und müssen sich dann den Grundbesitzern wieder als Tagelöhner zur Verfügung stellen. Die Durchführung des Gesetzes hatte anfangs zu blutigen Kämpfen ge- führt. Mittlerweile hat der Widerstand der Genossenschaftler er- heblich nachgelassen. Die verfügten Kreditrestriktionen, Strei- chung aller Subventionen, rigorose Einforderung aller Steuern und Entschädigungszahlungen haben, es auch den noch nicht von der Re- privatisierung betroffenen NUPs schwer gemacht, sich die notwen- digen Betriebsmittel zu verschaffen; die Produktionsgewinne gin- gen drastisch zurück und mit ihnen die Löhne. Zugleich machte die AD-Regierung im Alentejo Stimmung für sich, indem sie kleine Landstücke neben den restaurierten Latifundien an Tagelöhner ver- teilen ließ, die dadurch zu Besitzern von Parzellen wurden, deren geringe Erträge sie zur zusätzlichen Arbeit für die Großgrundbe- sitzer zwangen. Vertrauensbildende Vorleistungen -------------------------------- Diese Übereinstimmung zwischen dem Handeln des portugiesischen Staats und den Auflagen des IWF, in denen die westeuropäischen Staaten kundtun, zu welchen Bedingungen sie das dortige Staatswe- sen zu stützen bereit sind, hat zwar zu einer Verbesserung des landwirtschaftlichen Exports und der Staatsfinanzen geführt, hat den Abzug gewisser staatlicher Vergünstigungen im Dienste einer Wettbewerbsorientierung auf den internationalen Markt bewirkt, hat die verstaatlichte Großindustrie - über die der Revolutions- rat noch schützend seine Hand hält - an den Rand des Ruins ge- bracht und den ehemaligen Besitzern den Kaufpreis für die Kon- kursmasse in Form von Staatsbankkrediten und Steuerbefreiung schon zukommen lassen, - aber die vorbehaltlose Begrüßung und der erwartete Zufluß von Kapital von seiten der EG-Staaten haben sich deswegen noch lange nicht eingestellt. Zwar wird die Stabilisie- rung der Herrschaft anerkennend vermerkt, Portugal hat wieder seinen Platz im Verteidigungsbündnis und darf sich Hoffnungen auf die EG-Zulassung machen; doch was das Wirtschaftliche angeht, hat der portugiesische Staat, der so sehr auf die ausländische "Hilfe" setzt und sich davon nationale Konsolidierung und wirt- schaftlichen Aufschwung verspricht, noch einige zusätzliche Lei- stungen zu erbringen. Das heißt, er hat sich gerade um seiner ei- genen Herrschaft willen ein paar Einmischungen mehr ins Geschäft des Aufbaus gefallen zu lassen. Die ehemalige Regierungschefin Pintassilgo durfte das erfahren: "Während meiner Amtszeit habe ich über zwei Projekte verhandelt: eine Fabrik von Ford bei Lissabon und den Aufkauf portugiesischer Firmen durch ITT. Die beiden amerikanischen Firmen verlangten drei Bedingungen: einen Kredit der Staatsbank zu Zinsen, die weit unter denen für portugiesische Firmen lagen, einen 1O-Jahres-Auf- schub für die Bezahlung der Sozialversicherung; das Recht, jeder- zeit Arbeiter entlassen zu dürfen." ('"Le Monde diplomatique") Während Frau Pintassilgo noch die Verhandlungen scheitern ließ, ist die AD den Realitäten mittlerweile nachgekommen und hat die Bedingungen 1 und 2 erfüllt. Nr. 3 sieht sich zwar noch dem Wi- derstand des Revolutionsrates gegenüber, ist aber de facto schon gewährt, da die Regierung und die Rechtsprechung nichts gegen die Verletzung der Sozialgesetzgebung unternehmen. An dem Beispiel wird deutlich, welche Opfer die Portugiesen - und da sind jetzt Staat und Leute gemeint - bringen müssen, wenn der Wunsch von einem blitzsauberen Kapitalismus seiner vermeintlichen Realisierung näherrücken soll. Kriegen werden sie ihn nicht, fehlt ihnen doch die erste Voraussetzung: ein kapitalistisches Land zu sein. Nur mit billiger und williger Arbeitskraft hausie- ren zu gehen, genügt eben nicht, Einen akzeptablen Binnenmarkt haben sie nicht und die Rohstoffe sind ihnen mit den Kolonien verlorengegangen. Man wird sehen, was sich da noch herausholen läßt. Eine demokratische Machtergreifung ---------------------------------- Bei den Präsidentschaftswahlen präsentiert AD in der Gestalt des Generals Soares Carneiro einen ehemaligen Angolakämpfer, der die Ideale des gestürzten faschistischen Regimes zur Abstimmung stellt (und dabei komischerweise in seinem Paß die Namen der bei- den rivalisierenden Champione der Demokratie trägt). AD schickt ihn mit der Parole "Ein Volk, eine Regierung, ein Präsident" ge- gen Eanes ins Rennen, der bis zur Stunde nur noch über die Unter- stützung des FRS verfügt. Ein Sieg dieses Kandidaten wird die Re- gierung mit der gleichen uneingeschränkten Macht ausstatten,. wie sie einst Salazar besaß - nur diesmal geht sie vom Volke aus. Bleibt die Frage, wieso die Portugiesen 1974 die sozialrevolutio- nären Offiziere mit Nelken schmückten, 1976 auf den Demokrati- schen Sozialismus des Dr. Soares mehrheitlich setzten und jetzt mit der größten Wahlbeteiligung in der Geschichte des Landes die ehemaligen Günstlinge des Faschismus auf die Parlaments- und Re- gierungsposten hievten? Soares und die KP Cunhals erweisen sich als gelehrige Schüler der demokratischen Verkehrsformen, wenn sie nach der Niederlage die Wähler beschimpfen: Sie hätten sich von den Medien manipulieren lassen und wären auf die "Wahlgeschenke" der AD hereingefallen. Näher kommt dem Sachverhalt schon Sa Carneiro, der zumindest das Faktum, wenn auch keine Gründe benennt: "Der Ministerpräsident vertrat die Ansicht, daß seine Partei jetzt die nationale Meinung repräsentiert." ("O Seculo") Das "Jetzt" des Siegers markiert die Bewältigung der Vergangen- heit jener sogenannten Portugiesischen Revolution, die nie eine war, sondern der gewaltsame Übergang Portugals von einer Koloni- almacht zum Entwicklungsland in Europa. Die vom MFA entfesselten politischen Aktivitäten und Ansprüche der Massen sind mehr oder weniger gewaltsam auf die für eine parlamentarische Demokratie nützliche Funktion zurechtgestutzt worden. Die Schwierigkeiten einer vom Imperialismus abhängigen Ökonomie wurden als Argument gegen die Ansprüche geltend gemacht, die das verarmte Volk an eine Demokratie stellte, und durch die entsprechenden Gesetze wurde dafür gesorgt, daß die Arbeiter und Bauern sich nach und nach all die Gründe aus dem Kopf schlugen, derentwegen sie sich für die Demokratie stark gemacht haben. So wurde die Demokratie in Portugal der Erfolg, den Sa Carneiro jetzt feiert. Die Ermäch- tigung, die die Mehrheit des Volkes der AD für die Fortsetzung der "Konsolidierung" der Wirtschaft durch die "umfassende Akti- vierung unternehmerische Initiative" gegeben hat, verdankt sich dem Mißverständnis, bei dem Rückfall der Existenzbedingungen un- ters Niveau des Faschismus handle es sich um ein Resultat der "Mißwirtschaft" der Soares-Regierungen, die durch die "starke Hand" beseitigt würde. Weil das Elend jetzt straff verwaltet wird und in der AD ein Parteienbündnis sich gebildet hat, das, statt sich untereinander zu befehden, die Mehrzahl der Repräsentanten des Volkes gegen dessen "kurzsichtige Ansprüche" zusammen- schließt, erhoffen sich die Wähler der Regierung "langfristig" eine Sicherung zumindest des Existenzminimums, verbunden mit der Hoffnung auf einen EG-Beitritt, der ihnen nichts anderes einbrin- gen wird, als im besten Fall die ausgiebigere Benutzung ihrer Existenz durch ausländisches Kapital nach d e s s e n Ge- schmack. zurück