Quelle: Archiv MG - EUROPA JUGOSLAWIEN - Chaos im europäischen Hinterhaus


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 14, 06.05.1980
       

TITO IST TOT JUGOSLAWIEN BLEIBT?

Der Tod eines Staatsmannes löst im Unterschied zu dem Ableben ge- wöhnlich Verblichener ein öffentliches Echo aus. Diesmal weltweit und umso stärker, als es sich bei Marshall Tito um den Chef des blockfreien Jugoslawien handelt, an dessen Konzilianz und Brauch- barkeit für den freien Westen man hierzulande ebenso interessiert ist, wie man drüben an seiner kommunistischen Loyalität öffentli- che Zweifel hegt. Die offiziöse Würdigung des Verstorbenen wird also bei uns weniger mit der Parole bestritten werden, daß nur tote Kommunisten gute Kommunisten sind. Wie bereits die minutöse Berichterstattung über das Koma des Jugoslawen, wird auch sein Tod mit der Auflistung seiner Verdienste begleitet, die der einen Sorge Ausdruck geben: "Die Welt hat Tito und ein unabhängiges Ju- goslawien notwendiger denn je", hatte unser Bundespräsident die Versorgung seines Amtskollegen mit Herz-, Lungen-, Nieren- und anderen Maschinen kommentiert. Pietätlos war das keinesfalls, weil hier von höchster Stelle in verantwortlicher Weise d i e Frage des freien Westens präsentiert wird, ob nämlich Jugoslawien mit einem toten Tito genauso brauchbar für den Westen bleibt, wie mit einem lebenden. So will und wird es natürlich auch in Zukunft niemand sagen, aber der Leichnam wird die ewig aktuelle Beschwö- rung der "Balance in Europa" bleiben, weil die Übersetzung, "Jugoslawien dem Westen" bei der jetzigen Weltlage mit dem Kriegsgrund auch leicht den Anlaß liefern könnte, zu einem Zeit- punkt, da man ihn (noch) nicht geben möchte. Abgesteckt sind die Fronten für diesen Fall freilich auch auf diesem Teil des Balkans: die Kondolenzen der westlichen Staats- oberhäupter werden mit dem überschwänglichen Lob für den block- freien Nationalismus von Titos Jugoslawien ihrer Wertschätzung Ausdruck geben, daß dieser Flecken Erde jedenfalls n i c h t zum Hauptfeind Nr. 1 gehört. Gleichgültig, wie gründlich US-Waf- fenunterhändler Nimitz bei seiner geheimen offiziellen Mission mit den Jugoslawen ins Geschäft gekommen ist, die jugoslawische Blockfreiheit wird ihre Dienste tun, mit und ohne Tito, dessen sind sich wohl die Beileidstelegramme westlicher Größen des Staatslebens sicher. Sollten sie Gegenteiliges durchblicken las- sen, so ist dieser Satz damit zwar nicht widerlegt, aber den ak- tuellen Umgangsformen und -tönen mit dem Kriegsgegner Nr. 1 ge- nüge getan: Jugoslawien ist und hat tabu zu bleiben für den großen sozialistischen Bruder. P.S. Eine ausführliche Würdigung der sozialistischen Errungen- schaften Jugoslawiens, die auch Einblick in das westliche Inter- essen am blockfreien Sozialismus gewährt, und diesen mit seinem Arbeiterselbstverwaltungsmodell als eher zweiten Weg des freien Westens denn dritten des utopischen Sozialismus charakterisiert, wird in der MSZ Nr. 3, Ende Mai angeboten. zurück