Quelle: Archiv MG - EUROPA JUGOSLAWIEN - Chaos im europäischen Hinterhaus
zurück
Bremer Hochschulzeitung Nr. 12, 04.02.1980
WARUM DER WESTEN TITO "ALLES GUTE!" WÜNSCHT
"Die Welt hat Tito und ein unabhängiges Jugoslawien notwendiger
denn je." (Carstens)
Selten erfährt ein kranker Staatsmann solch überwältigende An-
teilnahme wie derzeit der jugoslawische Staatspräsident Tito. Man
fürchtet das Ableben eines "politischen Giganten dieses Jahrhun-
derts" (New York Times) und findet wenig dabei, daß dieses nost-
algisch als "letzter Habsburger" apostrophierte Staatsoberhaupt
an der Spitze eines Staates steht, in dessen Verfassung solch für
den Westen unfreiheitliche Sätze stehen wie: "Die sozialistische
gesellschaftliche Ordnung der Sozialistischen Föderativen Repu-
blik Jugoslawien beruht auf der Macht der Arbeiterklasse und al-
ler Werktätigen." oder: "Der Bund der Kommunisten Jugoslawiens
ist... der grundlegende Initiator und Träger der politischen Ak-
tivität." Bei Tito hält man es für Beckmesserei, seine Taten an
den im ideologischen Kampf gegen die Sowjetführer so beliebten
Menschenrechtsprinzipien zu messen, und betrachtet einschlägige
Verfehlungen Titos als Abfallprodukt einer nach geschichtlichen
Maßstäben zu beurteilenden Leistung:
"Tito kann in einem Atemzug genannt werden mit Churchill, Stalin
und de Gaulle... ein Staatsmann mit der spezifischen Eleganz der
übergewichtigen, die gern tanzen, wo andere gehen, notfalls auch
mal über Leichen." (Stern)
Unter welchen Umständen und warum der ehemalige Partisanenführer
und noch jetzt Kommunist von den herrschenden Nationen der freien
Welt schon vor seinem Ende auf den hohen Sockel großer politi-
scher Persönlichkeiten gestellt wird, liegt in diesem Falle
daran, daß man vor dem Eisernen Vorhang tatsächlich etwas gegen
das Ableben Titos hat und dies nicht nur heuchelt.
Sorge Nr. 1
-----------
ist eine ziemlich allgemeine, nämlich die um die Unsicherheit
dessen, was nach Titos Tod in und mit Jugoslawien geschieht:
"Wie würde Europa, wie die Welt ohne Tito heute aussehen, wie
könnte sie sich weiterentwickeln, wenn er einmal nicht mehr am
Werk wäre." (SZ)
Diese nach hinten wie nach vorn gerichtete Frage nach der Mög-
lichkeit ohne Tito läßt sich zusammenkürzen auf die einfache:
Bleibt Jugoslawien für die westliche Welt, was es bisher für
diese war? und gibt so die wirkliche Sorge frei. Ob nämlich das
titolose Jugoslawien wie Tito - "dem Mann, der Moskau trotzte" -
auf seiner Selbständigkeit gegen den Sowjetblock beharrt und mit
dieser Selbständigkeit g e g e n seine Unabhängigkeit f ü r
weiter dem Westen anbietet.
Aus dieser Stellung heraus, die "Balance in Europa" sagt und
'Jugoslawien dem Westen' meint, ist man durchaus bereit, um die
Leistung Titos mit der notwendigen Dignität zu versehen, auch
einmal einer Form von Sozialismus ein zumindest relatives Lob zu
erteilen. Es handelt sich da um "die menschlichste und konsum-
freudigste (bei uns "Konsumterror" genannt) Gesellschaft, die mit
kommunistischer Zielsetzung je errichtet worden ist" (Zeit), um
das "gelobte Musterland eines milden Sozialismus" (Spiegel); denn
schließlich kann man mit diesem "blockfreien" Modell ohne Mos-
kauer Führung den Sozialismus des Hauptfeindes vorbildlich madig
machen:
"Titos Sozialismus wurde eine Art Heilslehre "diesmal eine nicht
zu verachtende) für die Linken in Ost und West. Wo immer osteuro-
päische Arbeiter gegen das Monopol der Partei meuterten.... grif-
fen sie zunächst einmal auf das jugoslawische Modell zurück."
(Spiegel)
Sorge Nr. 2
-----------
erscheint insofern konkreter, als sie vorgibt, sich um den inne-
ren Zustand und das Wohl des Landes Jugoslawien zu kümmern. Wo im
O s t b l o c k völkische, religiöse und sonstwie Unterschiede
oder Gegensätze hier permanent die Hoffnung nähren, daran könnte
die Macht des sowjetischen Kommunismus zerbröseln oder zumindest
Risse bekommen, macht sich an Jugoslawien der Wunsch breit, die
Vielheit dieses "klapprigen Vielvölkerstaates" möge seine staat-
liche Einheit behalten wie unter Tito, und zwar blockfrei:
"Ein Land mit 22 Millionen Menschen, sieben Nationalitäten, fünf
Sprachen, einer (nur eine) komplizierten Sozialstruktur, einer
negativen Handelsbilanz, einer beängstigenden Inflationsrate hat
der alte Partisan zum Kristallisationspunkt blockfreier Staaten
gemacht und sich selber zur Symbolfigur der Dritten Welt."
(Stern)
Tito, der "durch sein Charisma und seine Autorität" das so diffe-
renzierte Gebilde Jugoslawien "eisern zusammenhielt" (Spiegel),
besaß die für Machthaber ungemein seltene Gnadengabe, sich mit
seinem Kampf gegen Fremdherrschaft und für nationale Unabhängig-
keit beim Volk den Dank zu erhalten, als Führer anerkannt zu
sein: "Tito to smo mi (das sind wir)". Er hatte die originelle
politische Begabung, mit der Armee und mit diversen Säuberungen
das Volk bei der nationalen Stange zu halten. Und ihm war die
überaus besondere Eigenschaft eigen, den Nationalismus des Jugo-
slawischen Volkes mit dem satten Argument zu nähren, wieviel
"besser" es doch dem blockfreien Bürger Jugoslawiens im Vergleich
zu denen im Block gehe - ein Argument, das noch jeden Kationali-
sten überzeugt, aber auch nur diesen.
Das Lob Titos, mit seiner Person einen blockfreien Nationalismus
aufgebaut zu haben, entspringt der westlichen Sorge, daß nach Ti-
tos Ende auch der Titoismus absterbe. Deshalb die penible Zertei-
lung dieses Staates, deshalb auch die - nicht schadenfrohe wie an
bekannter anderer Stelle, sondern - sorgenvolle Betrachtung der
miesen wirtschaftlichen Lage und nur deshalb die Kritik, Titos
"Modell überforderte die Menschen", was in diesem Fall nicht un-
ter Systemkritik fällt.
Sorge Nr. 3
-----------
tritt gegenwärtig vor allem als Gerücht auf: Russische Truppen-
verschiebungen, auffällige Manöver, militärische Bewegungen in
Ungarn... die Nato dementiert. Nach dem sog. Schock von Afghani-
stan wird ein zweiter ganz zielstrebig ins Auge gefaßt; seitdem
Tito schwer krank ist: "'Die brüderliche Hilfe', der Durchstoß
der Roten Armee bis zum Mittelmeer" (Zeit). Hilferufende sind in
dem "Balkanstaat" nicht schwer auszumachen, wenn man so will; die
Jugoslawische Armee könnte der Wassersuche der Russen kaum Wider-
stand leisten, höchstens auf die alte Partisanentour usw. usf. Da
der blockfreie Tito den Russen tatsächlich ein Dorn im Auge ihrer
Einflußsphäre ist, bedeutet der Westen der SU klar und deutlich,
daß sein Bündnis Blockfreiheit mit allen Mitteln verteidigen
werde,
"daß die Integrität Jugoslawiens auch eine Angelegenheit sei, die
das Nato-Bündnis berühre". (Luns)
Auch ökonomisch läßt sich etwas tun für den unberührbaren Staat.
Dieser ist so integer, daß Marshallplan und Handelsgeschäfte der
jugoslawischen Wirtschaft den Fortschritt gebracht haben, Gastar-
beiter in die BILD schicken zu können, damit diese entweder Devi-
sen einbringen oder zu Haus für die deutschen Touristen eine Pen-
sion oder ähnliche Dienstleistungen einrichten. Und wenn Block-
freiheit diese ziemlich totale Abhängigkeit vom Westen bedeutet,
dann läßt sich aus politischen Gründen und für das
"Gleichgewicht" in Europa die ökonomische Waffe auch mal umge-
kehrt wie im Fall Afghanistan anwenden:
"Die Bundesrepublik d r ä n g t auf einen beschleunigten Ab-
schluß des geplanten Handelsabkommens" (das s i c h wegen der
Unstimmigkeiten im Zusammenhang mit der Auslieferung von Terrori-
sten verzögert hatte) "zwischen Jugoslawien und der Europäischen
Gemeinschaft." (SZ)
Die gewaltige Anteilnahme am Gesundheitszustand Titos hat also
zwei einfache, aber für den Imperialismus wesentliche Gründe:
1. Das blockfreie Jugoslawien soll weiterhin n i c h t zum
Hauptfeind Nr. 1 gehören;
2. ein blockfreier Staat - mag das System noch so unterschiedlich
sein - kommt auf jeden Fall nicht daran vorbei, dem Westen ökono-
misch von Nutzen zu sein.
Bleibt noch der etwas schwierige Hinweis zu machen, daß 2. 1.
untergeordnet ist, wegen 2. nämlich. Das sieht man auch daran,
daß man sich gegenwärtig Afghanistan zunutze macht, indem man in
Europa und an Jugoslawien die Fronten klar absteckt.
zurück