Quelle: Archiv MG - EUROPA JUGOSLAWIEN - Chaos im europäischen Hinterhaus
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DER IMPERIALISMUS AM GRABE TITOS
Während das gesamte jugoslawische Volk in Tränen ausbricht, als
wäre Vater, Mutter oder ein lieber Freund, und nicht der Führer
staatlicher Herrschaft gestorben; während also die Jugoslawen -
egal, ob sie im Lande viel Arbeit und wenig Brot oder nicht ein-
mal Arbeit haben und deshalb als Gastarbeiter in der BRD schuften
dürfen - aus ganzem Herzen um den "Genossen Tito" trauern und so
ungeteilt ihren Nationalismus zeigen, der von Tito "geschenkt",
für sie offensichtlich so etwas wie ihr zweites Glück bedeutet,
trifft sich das internationale Kräfteverhältnis bei den Trauer-
feierlichkeiten keinesfalls aus einem selbstlosen Grund. Seitdem
Tito erkrankt und sein Ende sicher war, beseelt die westliche
Staatenwelt der Wunsch oder die Versicherung, daß Titos block-
freies Werk dem Imperialismus erhalten bleibe. Die als Sorge um
ein mögliches Auseinanderbrechen des von Tito souverän zusammen-
gehaltenen "komplizierten Vielvölkerstaates" vorgetragene politi-
sche Debatte, die ein ganz anderes Problem hat als die Einheit
Jugoslawiens, belegt das ebenso wie das Lob des "beeindruckten"
Bundeskanzlers nach der Beerdigung.
"Der unabhängige Weg Jugoslawiens ist im Zusammenhang mit den
Trauerfeierlichkeiten in sehr eindrucksvoller Weise unterstrichen
worden. Die politische Führung vermittelt den Eindruck ruhiger
Entschlossenheit. Der Abschied vom Präsidenten Tito ist mit
vielen Zeichen innerjugosiawischer Einigkeit verbunden."
Denn was interessiert den Westen die Einheit der jugoslawischen
Nation, wenn nicht unter dem Gesichtspunkt ihrer Unabhängigkeit
und diese hinwiederum, wenn nicht das "blockfreie" Jugoslawien in
seiner betonten Freiheit von jeglicher Blockbindung und gerade so
dem westlichen Block und nicht dem Ostblock nahesteht? Was lobt
der Westen am Werk Titos anderes, als daß er n i c h t zum öst-
lichen Lager gehört?
Füllung eines "Machtvakuums"
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Man muß schon ganz auf dem Boden des Imperialismus stehen und den
Hauptfeind Nr. 1, die Sowjetunion, immer als den eigentlich und
einzig bedrohenden Weltmachtfaktor im Kopf haben, um sich in der
eindeutig aufgeteilten Welt ein luftleeres Loch vorzustellen, in
das die Russen ihre Panzer zu stellen drohen. Wie diese Erfindung
des Imperialismus - seit Afghanistan werden immer neue Löcher der
Macht gefunden - auszufallen ist, darüber läßt die Weltmacht Nr.
1 keinen Zweifel: Carter erklärt kurz nach Titos Tod, daß er die
"unversehrte Souveränität" Jugoslawiens s i c h e r n werde,
betont also so, daß dieser unabhängige Staat zum Westen gehört
und weiter gehören soll. Breshnew hinwiederum läßt verlauten, daß
er den "Kampf Jugoslawiens für Frieden und gegen den Imperialis-
mus" überaus würdige, ansonsten aber die "nationale Einabhängig-
keit und Selbständigkeit" Jugoslawiens nicht antasten werde, was,
obwohl das Interesse nach besseren Beziehungen zu den Jugos nicht
zu überhören ist, schon anders klingt als Carters Erklärung -
Breshnew hat die Losung des Gegners verstanden.
Daß über hundert Staaten mit ihren zahlreichen Delegationen am
Grab erscheinen, die BRD ihre gesamte politische Spitze aufbie-
tet, gehört auch zur Füllung des Machtvakuums. Der Respekt ist
groß für den "Sieger über Hitler und Stalin", für den "Initiator
der Blockfreien", so groß, daß die Staaten, die aufgrund ihrer
ökonomischen und politischen Macht oder auch ihres militärischen
Einflusses von vornherein bei blockfreien und anderen minderbe-
mittelten Staaten Respekt besitzen, ihn ganz selbstverständlich
zu einem diplomatischen Kampfmittel um die Erhaltung der rechten
Zugehörigkeit machen. Tote Staatsmänner werden nicht einfach be-
graben: dem Volk wird ein Staatsbegräbnis und das entsprechende
verpflichtende Wort vorgesetzt; das Ausland wird emsig, die jugo-
slawische Staatsfeier zum Zwecke der Erhaltung oder Verbesserung
vorteilhafter Beziehungen zu nutzen. So werden die anwesenden
Häupter der Großen nicht nur gezählt, sondern auch in ihrem Spit-
zengrad verglichen - was dann interpretiert gehört, von welcher
Bedeutung es sei. Angesichts der erklärtermaßen drohenden oder
schon schwelenden Weltkrise, in der die europäischen Verbündeten,
kaum werden sie gefordert, den Amis in ihrer Rolle als Weltpoli-
zei handfest beizustehen und dafür eigene lnteressen hintan zu
stellen haben, ziemlich stark über den angeblich "wankelmütigen
und unentschlossenen" großen Bruder schimpfen - angesichts dieser
gespannten Lage wird die Beteiligung am Begräbnis des Erfinders
der Blockfreiheit vor allem unter dem Gesichtspunkt Ost gegen
West betrachtet. Der Respekt aus dem russischen Osten ist schnell
abgehakt: Serbien - sterbien - 1914 -- Balkan - Pulverfaß -
Kriegsgefahr; wer heute der Schuldige ist, bleibt keine Frage,
der mutwillige Zerstörer des Gleichgewichts, der russische Bär,
der nach der Verschlingung Afghanistans jetzt (wie aus einer Ka-
rikatur der SZ zu entnehmen ist) nach dem Honig aus dem Machtva-
kuum Jugoslawien lechzt und deshalb auch nur aus niederen
Machttrieben heraus den Weg zum Grabe sucht:
"Breshnews Anwesenheit in Belgrad konnte darüber nicht hinwegtäu-
schen, sondern hat das Vordringen der sowjetischen Macht eher au-
genfällig gemacht." (SZ)
Umso schlimmer - dies eines der Hauptthemen über das Begräbnis -
die "Instinktlosigkeit", die Carter besitzen soll, da er (gegen
Breshnew) nicht selbst nach Belgrad kommt, sondern einen unmög-
lich angezogenen Mondale und seine verknitterte Mutter schickt.
Nicht etwa die Souveränität der Amis, die sich noch an einem St-
rassenanzug ablesen ließe, und die den Russen bedeutet, daß sie
Vorleistungen für neue Gespräche zu erbringen haben, wird be-
merkt, sondern ein Zeichen für den weiteren Niedergang der Füh-
rungsmacht Amerika:
"Anstatt einer überzeugenden Präsenz in Belgrad, die ein US-In-
teresse an Jugoslawien sichtbar demonstriert hätte, gab Carter
das Feld kampflos auf."
Entspannender Dialog am Rande des Grabes
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So sind es vor allem die Deutschen, mit Carstens, Genscher,
Schmidt und Brandt stark vertreten, die mit ihrer Präsenz und
vielen Einzelgesprächen die internationale Begräbniskampfstätte
ausgiebig nutzten. Und dies ist ja nicht als Störung der Ehrung
oder Ruhe eines großen Toten zu sehen, denn erstens war Tito auch
immer für Frieden und Entspannung und zweitens interessiert Jugo-
slawien eben unter dem Gesichtspunkt, was es weiter für den Impe-
rialismus darstellt blockfreies Mittel gegen den östlichen Block
zu sein. Bis auf d a s Spitzengespräch mit Breshnew - der soli-
darische Westen bedeutet damit, daß sich die Russen in Afghani-
stan etwas geleistet haben, das sie sich lieber hätten überlegen
sollen -, kommt eine Menge Dialog zustande. Die Trauerfeier, "ein
Tag, der für die Entspannungspolilik hoffen läßt". Besonders mit
dem Osten werden von der DDR bis zur Tschechoslowakei lockernde
Gespräche von seiten der BRD geführt, womit sie bedeutet, daß sie
erstens gern das einträgliche Ostgeschäft weiterführen will, und
zweitens es lieber sähe, daß die Amerikaner weiter allein ihre
Konflikte lösen und Kriege ausfechten würden. Zwar ist sicher,
daß die westliche Führungsmacht entscheidet, wann die Solidarität
nicht nur etwas, sondern ganz anders auszusehen hat - daß die
Russen aus Afghanistan auszuziehen hätten, es also an ihnen
liegt, ob die Weltkrise sich verschärfe, wird also auch in fast
jedem Gespräch vorgekommen sein -, aber noch geht ja einiges.
Auch das Image der Westdeutschen, inzwischen und gerade jetzt als
Hauptvermittler in Sachen Erhaltung des Friedens dazustehen, wird
so aufpoliert. Der westdeutsche friedliche Imperialismus stellt
im vollen Bewußtsein der Dinge, die da kommen werden und in Ge-
stalt des Friedenswillys fest.
"Die beiden deutschen Staaten tun nichts, um die Lage zu ver-
schärfen, und die DDR tut nichts, um Öl ins Feuer zu gießen (man
beachte den feinen Unterschied). Das ist neu, das ist neu in der
deutschen Nachkriegsgeschichte."
Nicht neu aber für die deutsche Vorkriegsgeschichte, von der ein
kurzer Abschnitt am Grabe des toten Tito ablief. Und das ist der
richtige Platz dafür. Denn Jugoslawien mit, Tito war und Jugosla-
wien ohne Tito ist in einem Sinne der weltpolitischen Kalkulation
wert: Wie es dem Imperialismus gegen den Hauptfeind Nr. 1 zur
Verfügung steht.
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