Quelle: Archiv MG - EUROPA JUGOSLAWIEN - Chaos im europäischen Hinterhaus
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Was deutsche Nationalisten in ihrem vergrößerten Deutschland gar
nicht verstehen wollen - und was man sicher auch nicht von den
jugoslawischen Kollegen oder im Sommerurlaub erfährt:
WARUM JUGOSLAWIEN ZERBRICHT
Nein, an dem unzähmbaren Freiheitsdrang der Völkerschaften, die
angeblich von Tito mit eiserner kommunistischer Faust zusammenge-
zwungen worden sind, liegt es nicht. Weder hat nämlich im sozia-
listischen Jugoslawien 50 Jahre nur Unterdrückung und Gewalt ge-
herrscht; die verschiedenen Nationalitäten haben sich früher
durchaus auch als Jugoslawen gefühlt und im Gesamtstaat gehorsam
ihre Dienste versehen. Noch nehmen jetzt die slowenischen, kroa-
tischen, serbischen Massen ihre Geschicke endlich in die eigene
Hand, weil sie ihre Lebensverhältnisse verbessern wollen. Das
wäre mit Angriffen gegen die Angehörigen jetzt als 'fremd' und
'feindlich' geltender Volksgenossen, mit der Aufstellung
'eigener' Armeemilizen und der gewaltsamen Besetzung von Landes-
teilen ja wohl auch schwerlich zu machen. Es sind ihre politi-
schen Führer, die den bisherigen Zusammenhalt des Staates aufkün-
digen und gegeneinander um die Macht über die verschiedenen Völ-
kerschaften konkurrieren. Sie denken nämlich nicht an die Lebens-
verhältnisse der Mitglieder der vielbeschworenen nationalen Ge-
meinschaften, sondern an den Ertrag für ihre politische Macht.
Mit dem sind sie höchst unzufrieden.
Das Ende eines alternativen Staatsprogramms
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Ihnen sind die beiden Gründe abhanden gekommen, die den Zusammen-
halt Jugoslawiens ausgemacht und die Führungsmannschaften der
Republiken zu Anhängern der größeren Gemeinschaft gemacht haben.
- Tito war davon ausgegangen, daß die Völkerschaften in Jugosla-
wien mit ihrem Befreiungskampf gegen den Faschismus auch die
Grundlage für eine höhere politische Gemeinsamkeit geschaffen
hätten, die wichtiger als ihre nationalen Konkurrenzstrei-
tigkeiten und Feindseligkeiten wäre. `Selbstverwalteter Sozia-
lismus' hieß das Programm, mit dem Tito die nationalen Gegensätze
versöhnen und das Volk zufriedenstellen wollte: Zusammen sollten
alle ehemals zerstrittenen Nationalitäten den Staat, den sie sich
erfolgreich erkämpft hatten, als ihre eigene, gemeinsame Errun-
genschaft aufbauen. Zugleich sollten alle als Volksgenossen davon
profitieren, daß Industrie und Wirtschaft vorankommen, sollten
sich Kroaten, Serben, Slowenen als gleichberechtigte und
mitbestimmende Mitglieder Jugoslawiens heimisch fühlen.
- Die neue Nation sollte nach Titos Vorstellung eine wichtige und
unabhängige Rolle in der Weltpolitik spielen als Vorreiter eines
Dritten Wegs zwischen Ost und West. Die nationale Unabhängigkeit
sollte das Mittel sein, gegen die Supermächte und ihre Blöcke der
Dritten Welt Gewicht zu verleihen. Praktisch hat dieser dritte
Weg allerdings ein bißchen anders ausgesehen. Die Rolle, die Ju-
goslawien international gespielt hat, beruhte gar nicht auf eige-
ner Stärke und Unabhängigkeit, sondern auf dem Gegensatz der
großen, strategisch gleich starken Blöcke: Den hat Jugoslawien
für sich auszunutzen versucht. Mit dem Erfolg, daß das Land mit
den Ostblockstaaten wirtschaftliche und politische Sonderbezie-
hungen gepflegt und den Schutz der sowjetischen Weltmacht genos-
sen hat, ohne sich deren Block anzuschließen. Auf der anderen
Seite wurde Jugoslawien vom Westen als Reiseland und als Arbeits-
kräftereserve benutzt und hat darüber einige westliche Devisen-
einnahmen erzielt. Darüberhinaus wurde es als Geschäftssphäre
begutachtet und behandelt, als abtrünniger sozialistischer Staat
geschätzt und dementsprechend mit einigen Krediten ausgestattet.
Vorgestellt und eingebildet haben sich die jugoslawischen
Politiker aber immer mehr, nämlich daß sie damit die Rolle eines
Schiedsrichters zwischen Ost und West und eines Wortführers der
blockunabhängigen Staaten spielen und zu nationalem Reichtum
gelangen könnten.
Beide Seiten dieser nationalen Erfolgsrechnung haben sich jetzt
endgültig blamiert: Der Reichtum hat sich im erhofften Maße nicht
eingestellt. Statt dessen hat der jugoslawische Staat nun ziem-
lich umfangreiche Schuldendienste für die internationalen Kredite
zu leisten, und die jugoslawische Wirtschaftspolitik ist inzwi-
schen von den Vorschriften der internationalen Finanzverwalter
abhängig. Mit Tito wurde schon vor Jahren auch die Staatsideolo-
gie vom eigenen, nationalen Weg zum Sozialismus mehr oder weniger
zu Grabe getragen. Und mit dem Ende des Ostblocks ist die letzte
Grundlage für die Einbildung verlorengegangen, das Land könne in
dem Weltgegensatz eine selbständige, dritte Kraft darstellen.
Damit ist aber auch die Einigkeit derjenigen zerbrochen, die in
Jugoslawien das Sagen haben, die der Führungsmannschaften der Re-
publiken. Der Glaube, mit der gleichberechtigten Staatsverwaltung
durch die Republikvorsteher sowie mit einem gesamtnationalen al-
ternativen Wirtschaftskonzept würden alle Regionen am besten fah-
ren, ist dahin.
Und prompt melden sich die regionalen Machtansprüche der führen-
den Figuren, die im erfolgreichen Gesamtstaat befriedigt und
zugleich überwunden werden sollten, feindselig zu Wort. Alle tre-
ten sie jetzt als Vertreter der Serben, Kroaten, Slowenen gegen-
einander an. Sie klagen die Verletzung der Rechte ihrer jeweili-
gen Einzelrepublik an und machen andere Republiken und überhaupt
den bisherigen staatlichen Zusammenhalt zum Grund für den Mißer-
folg ihres jeweiligen Landesteils. Die einen kündigen die Zugehö-
rigkeit zum Gesamtstaat auf, die anderen beharren auf der Zusam-
mengehörigkeit, meinen aber damit ein Jugoslawien unter ihrer na-
tionalen Führerschaft, und alle haben sie Forderungen gegeneinan-
der. Die gemeinschaftliche Staatsleitung haben sie praktisch er-
ledigt. Statt dessen stellen sie auf Krisensitzungen nur noch die
Unversöhnlichkeit ihrer Staatsprogramme fest. Sie stellen
Gebietsansprüche als Minderheit oder Mehrheit und bestreiten das-
selbe anderen Nationalitäten. Sie nehmen das Recht auf Abspaltung
in Anspruch und verweigern es umgekehrt den anderen, wo es nicht
in ihr eigenstaatliches Programm paßt. Sie drohen einander mit
dem Einsatz der Armee bzw. eigener Ordnungskräfte, also mit dem
Bürgerkrieg. Und alle sehen sich nach mächtiger Unterstützung um
und appellieren an den Westen, er sollte ihre jeweilige eigen-
staatliche Rechnung tatkräftig fördern und ihr damit zum Erfolg
verhelfen. Der Westen tut allerdings alles andere, weil für seine
ökonomischen und weltpolitischen Rechnungen die streitenden Par-
teien mit ihren politischen Rechnungen viel zu unwichtig und un-
brauchbar sind.
Und die jugoslawischen Massen?
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Die fühlen sich nur noch als Serben, Slowenen, Kroaten und machen
sich die Gebiets- und Herrschaftsansprüche ihrer regionalen Poli-
tiker zu ihrem ureigensten Herzensbedürfnis. Als wäre das der Weg
zur Beseitigung ihrer ganzen Sorgen. In diesem Geist nehmen sie
mit wohlwollender Billigung ihrer Obrigkeit die Durchsetzung des
neu entdeckten Rechts auf 'ihren eigenen' Staat gegen andere Na-
tionalmannschaften auch in die eigene Hand. Überall wittern sie
nur noch eine feindliche Verschwörung der ehemaligen
Brudervölkerschaften zur Unterdrückung ihrer berechtigten Ansprü-
che auf staatliche Unabhängigkeit in echten nationalen Grenzen
und gehen aufeinander los. Um so erbitterter, als wegen des völ-
kischen Durcheinanders eine saubere Sortierung nach Nationalitä-
ten ohne gewaltsame Vertreibung von Minderheiten oder Mehrheiten
anderer Volkszugehörigkeit völlig unmöglich ist. So machen sie
sich zu den nützlichen Idioten der neuen Staatsbestrebungen und
der Zerschlagungs- bzw. Erhaltungsprogramme des jugoslawischen
Gesamtstaats. Sie merken nicht einmal, daß es gar nicht von ihrem
Fanatismus, sondern von den Berechnungen ihrer jeweiligen Obrig-
keit und der machtvollen Unterstützung auswärtiger Interessenten
abhängt, was aus ihnen wird.
P.S.: Man kann das alles natürlich auch ganz anders sehen und als
deutscher Bürger und Billigurlauber verächtlich über die Jugosla-
wen mit ihrem Volksfanatismus die Nase rümpfen. Einfach in un-
serem angestammten Urlaubsrevier machen, was sie wollen, ohne
Rücksicht auf das Erholungsbedürfnis eines DM-Besitzers - uner-
hört! Nationalisten, die von ihrem Vaterland mit Erfolgen ver-
wöhnt werden, können und mögen die Fanatiker einer erfolglosen
Nation nicht verstehen. Oder anders ausgedrückt: Nationaler Fana-
tismus steht nur den Anhängern eines erfolgreichen Staates zu. In
diesem Sinne können wir über die Jugos nur den Kopf schütteln.
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