Quelle: Archiv MG - EUROPA JUGOSLAWIEN - Chaos im europäischen Hinterhaus
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Blockfreiheit:
"WIR WOLLEN NICHT VON EINER SEITE ABHÄNGEN"
Noch im Tod beweist Tito die Richtigkeit der Politik der Block-
freiheit, weil sich anläßlich seiner Beerdigung die Häuptlinge
der Welt getroffen und natürlich auch miteinander geredet haben
(als ob die gegenwärtige Weltlage auf mangelnde Gesprächsmöglich-
keiten zurückzuführen sei). Und auf dieser Begräbnisfeier zeigte
sich auch wieder die große Bedeutung der Blockfreien: Wer sonst
kann sich schon rühmen, mit dem gesamten Westen - von geringen
Differenzen abgesehen - ein ungetrübtes Verhältnis zu haben, seit
1978 auch zu China wieder Beziehungen zu pflegen und innerhalb
der quantitativ anwachsenden Gruppe der Blockfreien eine Füh-
rungsposition zu besitzen, die sich mit weltpolitischen Super-
shows wie der Durchführung der KSZE-Folgekonferenz in Belgrad und
dem jetzigen 'Arbeitsbegräbnis' bezahlt macht.
Der Grund dafür, daß der Westen Jugoslawien diese Führungsposi-
tion ganz ohne jede Einschränkung und ohne jede Aufforderung zum
Anschluß ans westliche Lager gönnt, liegt in der besonderen Note,
die Jugoslawien mit seiner Geschichte und seinem politischen
Standpunkt der Politik der Blockfreiheit hat geben können. Wäh-
rend bei anderen Mitgliedern dieser sogenannten Bewegung aufgrund
ihrer Entstehung im Zuge der Entkolonialisierung häßliche antiim-
perialistische Töne nicht immer zu vermeiden waren, besaß und be-
sitzt Jugoslawien den seltenen Vorzug, seine 'Entkolonialisie-
rung' gegen den Sozialismus, den selbsternannten Hüter jeder neu
entstandenen und damit per definitionem 'antiimperialistischen'
Souveränität in der Staatenwelt, vollzogen zu haben. Eine solche
Politik der Unabhängigkeit, die sich um die Aufdeckung von
Hegemonismus im Ostblock verdient gemacht hat, ist rundum integer
und braucht gerade deshalb keine Verdächtigungen über sich
ergehen zu lassen, weil sie ja pikanterweise von einem
Sozialismus betrieben wird. Im übrigen ist es ohnehin eine der
leichtesten Übungen für den Westen, gegenüber dem Unabhängig-
keitsgehabe x-beliebiger Staaten Respekt zu bezeugen, auch wenn
sie noch soviel Sozialismus, Antiimperialismus, eigenständige
afrikanische, asiatische und sonstige Wege heraushängen lassen,
irgendwie kommen doch alle, wenn sie als Staat auf ihre Kosten
kommen wollen, um "freundschaftliche Beziehungen" geschäftlicher
Art mit dem Westen nicht herum - wie eben auch das sehr soziali-
stische Jugoslawien.
Ihre Erfolge werden den Jugoslawen also durch keinerlei Feind-
schaft aus dem Westen und umgekehrt auch nicht dadurch getrübt,
daß die Blockfreiheit immer offener mit der Entscheidung für den
US-Imperialismus zusammenfällt, oder daß die Befreiungsbewegungen
ihre erlangte Souveränität schnellstens dazu benutzen, mit den
neu gewonnenen Untertanen einen ebenso ungemütlichen Staat wie
vorher aufzumachen. Nicht einmal die Tatsache, daß der Westen mo-
mentan mit auffälliger Begeisterung eine Garantieerklärung nach
der anderen für die jugoslawische Neutralität abgibt, macht sich
verdächtig. Da der Westen beteuert, er würde n u r einmarschie-
ren, wenn andere einmarschieren, erleben die jugoslawischen Au-
ßenpolitiker seit geraumer Zeit "die Entstehung des Sozialismus
als Weltprozeß". Im Unterschied zu den Sowjets, die den Vormarsch
der sozialistischen Weltrevolution in einer Veränderung der
Blockaufteilung sehen, die natürlich (auch) ständig zu ihren Gun-
sten verläuft, sehen die Jugoslawen den rasanten Fortschritt der
Weltrevolution gerade im Anwachsen der "Antithese zur Blockauf-
teilung der Welt" (s.o.), der Politik der Blockfreiheit. Am Trep-
penwitz, daß ausgerechnet Ägypten, Indien, Iran oder Indonesien
dem Sozialismus weltweit zum Durchbruch verhelfen sollen, hält
Jugoslawien trotz bohrender Fragen von amerikanischen Reportern
fest:
"Tatsache ut, daß bisher, allen Schwierigkeiten zum Trotz kein
einziges blockfreies Land die Bewegung verlassen oder sich von
der Blockfreiheitspolitik losgesagt hat." (Internationale Poli-
tik, 1979)
Denn von der Blockfreiheit zum Sozialismus ist es nur ein kleiner
Schritt, wenn man sich damit zufrieden gibt, daß die "Antithese"
zu allen hegemonialen Machtansprüchen allein schon Sozialismus
ist, und Tito deswegen auf der letzten Blockfreienkonferenz ganz
zu Recht und souverän dem Bemühen Castros entgegengetreten ist,
die Blockfreiheit rot zu färben. Wenn nicht, hat man sich an die
"historische Tendenz" zu halten, die eindeutig auf den Sozialis-
mus und sein Instrument, die "Blockfreiheit", weist. Danach ist,
von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, eigentlich jedes weltpo-
litische Ereignis der letzten 30 Jahre ausschließlich eine gün-
stige Bedingung für die Politik der Blockfreiheit:
- z.B. "antikoloniale, antiimperialistische und Nationalbefrei-
ungs-Revolutionen boten und bieten jetzt der blockfreien Bewegung
reale Kraft." (11. Parteitag)
Ein Schelm, wer bislang dachte, andersherum laufe diese Politik
der Blockfreiheit.
- Die Eurokommunisten sind eine Stärkung der Blockfreien, weil
sie "zur Blockteilung einen kritischen Standpunkt bezogen haben."
(Internationale Politik, 1979)
- Die UNO, die KSZE und ähnliche Konferenzen ohnehin, weil da je-
der Staat "gleichberechtigt mit einer Stimme redet."
- Willy Brandts Nord-Süd-Antigefälle-Kommission mit ihren lusti-
gen Vorschlägen zur Sicherung der Rohstoffe für den Imperialismus
ebenfalls, weil sie auch das Nord-Süd-P r o b l e m s i e h t.
- Die EG, weil "wir die Förderung der Zusammenarbeit zwischen
Staaten generell begrüßen, wenn das ihre Unabhängigkeit festigt
und ihre Entwicklung beschleunigt..." (Tito, 527)
- Die Gastarbeiter, weil "eine halbe Million" (untertrieben)
"jugoslawischer Gastarbeiter eine lebendige Verbindung zwischen
Angehörigen zweier Gesellschaften bzw. Kulturkreisen bilden",
(Bonac, S. 9)
und - ohne Kommentar - so weiter. Mit Grund macht Jugoslawien
Ernst mit der Ideologie der Blockfreiheit, während die ehemaligen
treuesten Gefolgsländer wie Indien, Ägypten, Indonesien usw.
längst ihre Blockfreiheit erklärtermaßen auf den soliden Schutz
durch einen der Blöcke stützen: Die Erklärung der Freiheit von
jedem Block ist bei d i e s e n Parteigängern des Westens die
positive Grundlage ihres Staats - was sich auch mit garantiert
blockfreien Waffen in klingende Münze umwandeln läßt:
"Mit dem Verkauf von Waffen in Entwicklungsländer deckte Jugosla-
wien 72% seiner eigenen Rüstungsimporte. (...) Immer mehr Ent-
wicklungsländer wollten sich eine eigene Armee mit Jugoslawiens
Hilfe bauen, um eine Abhängigkeit von den blockorientierten Staa-
ten, vor allem den Großmächten, zu vermeiden." (Süddeutsche Zei-
tung, 20.12.1979)
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