Quelle: Archiv MG - EUROPA JUGOSLAWIEN - Chaos im europäischen Hinterhaus


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MARSCHALL VON GOTTES GNADEN

"Sie sagen: Tito ist tot! / Nein, nein, nein! / Hundert / Tausend / Zwölf Millionen mal nein. / Er lebt / Ewig lebt er / In mir / Dir / In uns. / Er lebt in der Morgenröte / In den Strahlen der Sonne / In den Blumen des Maien. / In den Fabriken lebt er, in den Schulen / In den Liedern der Dörfer / Der Städte." ("Vjesnik", Leserzuschrift in der Rubrik "Das Volk schreibt dem Präsidium") "Niemals darfst du akzeptieren, ein Satellit zu sein oder der Versuchung zu unterliegen, jemandem zu Kreuze zu kriechen." (Josip Broz Tito) Dem toten Staatspräsidenten auf Lebenszeit wird vom Volk das Man- dat verlängert und seine Nachfolger, das "kollektive Präsidium der SFRJ", landeten bereits einen ersten Treffer mit dem Andenken des Verschiedenen: Als Staatstrauer machten die Werktätigen des Landes unbezahlte Sonderschichten, verpflichteten sich zu Produk- tionssteigerungen und nahmen offiziell für ein paar Wochen Ab- stand von den Praktiken und den Streitereien, die im Selbstver- waltungssozialismus zwischen dem "Selbst" und den verschiedenen Ebenen der "Verwaltung" im Alltag so üblich sind. Was Tito, den Sohn eines kroatischen Vaters und einer slowenischen Mutter über 40 Jahre an der Spitze von Staat und Partei hielt, war nicht die - jedem Nationalitätenproblem Hohn sprechende - Liaison seiner Eltern, nicht sein Durchsetzungsvermögen in der Partei, seine bauernschlaue Kritik und Selbstkritik und seine wenig zimperliche Bereitschaft, Positionen der sozialistischen und Arbeiterbewegung einzunehmen, fallen zu lassen und miteinander zu harmonisieren, wie es gerade opportun war, sondern auch und vor allem seine Fä- higkeit, mit jedem Schritt, den er tat, die Verehrung, die ihm seine Vielvölker entgegenbrachten, zu steigern. Daß es dieser an Leib und Macht füllige Partei- und Staatschef beim Volk zu derar- tiger Reputation gebracht hat, erklärt sich aus den Verdiensten, die ihm die Jugoslawen zugute halten: - als antifaschistischer Partisanenführer Hitler getrotzt; - kaum die Deutschen rausgeworfen, dem "Waffenbruder" die Stirn geboten (Tito: "Wir sind aus eigener Kraft mit Hitler fertig ge- worden, wir werden auch vor Stalin nicht kuschen!"); - die Ökonomie dem Westen geöffnet und als erster sozialistischer Staat Coca-Cola ins Land geholt; - dabei noch für Freiheiten und Überlebensmöglichkeiten t r o t z Sozialismus gesorgt, die ihm so leicht keine Bananen- republik nachmacht. Tito ist für die Jugoslawen das S y m b o l für die Bewältigung aller inneren und äußeren Schwierigkeiten, denen die Jugos "seit Jahrzehnten nicht zu knapp ausgesetzt waren und sind. Als Person hat er für sich seinen symbolischen Gehalt auch ganz handfest Wirklichkeit werden lassen: Jede Republik wurde an reizvollen Ec- ken durch einen Landsitz des Genossen Tito geehrt, der die schön- ste Adriainsel wie ein Selbstverwaltungsonassis für sich absper- ren ließ. Und zumindest solange als er noch rüstig war, gestal- tete der lebensfrohe Marschall die Übergänge zwischen Staatsbe- such und Tourismus so fließend, daß er oft schon unterwegs war, ehe die Einladung erging. Im Lande ewiger Kampagnen gegen die Korruption kam niemand auf die Idee, Tito miteinzubeziehen: er repräsentierte antizipatorisch das, was er seinem Volk ihm, was er hatte, weil er der Garant des wenigen war, was die Jugoslawen sich nach der Hitlerokkupation und gegen Stalins Pläne erarbeiten konnten. Auf dem Felde der großen Politik war Tito ganz Staats- mann, der den Statthaltern von imperialistischen Gnaden aus der "Dritten Welt" vorführte, daß man - wenn man nur will - aus dem Ostblock ausscheren und sich ganz blockfrei an den Imperialismus 'anlehnen' kann und dabei noch persönlich eine gute Figur macht. Im eigenen Land galt er nach wie vor als d e r Partisan, der mit den alten Durchhalteparolen die Leute für die neuen Aufgaben bei der Stange hielt, obwohl er nicht mehr wie Fidel mit seinen Partisanenklamotten durch die Lande zog, sondern nur das Feinste vom Feinen trug (schon Stalin störte die zerfetzte Partisanen- kluft, weshalb er ihm gleich ordentlich russische Uniformen schneidern ließ). Nur hatten sich eben die Zeiten geändert: Partisanenmentalität predigte das Staatsoberhaupt nicht mehr so sehr gegenüber einem äußeren Feind, sondern nun eben gegenüber den vom jugoslawischen Staat selbst produzierten ökonomischen Schwierigkeiten. Die rhe- torische Frage, ob "wir sie überwinden können", war noch jedesmal der Auftakt zu Verzichtsappellen: "Ich bin überzeugt, daß wir es können. Wir haben dank der Einheit und der Anstrengungen der Arbeiterklasse und des Bundes der Kom- munisten Jugoslawien schon viel größere Schwierigkeiten und Pro- bleme bewältigt. (...) Dieses Jahr wird keineswegs leicht sein. Wir müssen uns bewußt sein, daß es unter den Problemen sehr schwierige und komplexe gibt, die vor allem durch beharrliche An- strengungen aller, ja Opfer und Verzicht zu lösen sind." (Tito) Dieser Moral ohne ihre Personifizierung nichts mehr zuzutrauen, gibt es wenig Gründe. Die balkanische Sentimentalität in der Trauer um Tito "Nein, Tito lebt, er ist nicht von uns gegangen, er wird nicht von uns gehen" (so der Sprecher von Radio Ljubljana nach der Bekanntgabe von Titos Tod mit tränenerstickter Stimme) - ist die Verpflichtung auf diese Ideologie und dafür taugt auch noch der tote Tito - er ist eine unerschöpfliche Quelle revolu- tionärer Inspiration" (Gemeinsame Erklärung des Partei- und Staatspräsidiums unmittelbar nach Titos Tod). zurück