Quelle: Archiv MG - EUROPA JUGOSLAWIEN - Chaos im europäischen Hinterhaus
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Jugoslawien
WIRTSCHAFT AM RANDE DES CHAOS
Jugoslawien taucht in letzter Zeit in westlichen Zeitungen weni-
ger als Führer der Blockfreien auf - diese Rolle hat die Presse
mit Tito begraben, da gescheiterte Vermittlung im Krieg zwischen
Iran und Irak wurde als kläglicher Wiederbelebungsversuch abge-
tan; das blockfreie Statement Jugoslawiens zu Polen ("die Prinzi-
pien der nationalen Souveränität, Unabhängigkeit und territoria-
len Integrität" dürfen nicht verletzt werden) wurde als selbst-
verständlich in das Konzept der NATO passend hingenommen.
Wenn Jugoslawien Thema ist, dann unter der Rubrik "Wirtschaft am
Rande des Chaos" (Süddeutsche Zeitung). Belege dafür sind ja auch
nicht schwer zu finden: Eine Inflationsrate zwischen 30 und 40%,
Reallohnfall um ca. 10%; eine Diskussion darüber, ob es nicht op-
portun wäre, wieder Lebensmittelmarken einzuführen, da es an Kaf-
fee, Zucker, Fleisch, Speiseöl, Milch, Waschmittel etc. mangelt;
Stromabsperrungen etc.
Die jugoslawischen Medien geben offen Auskunft darüber, was es
damit auf sich hat:
"Es ist klar, daß die Störungen in der heimischen Versorgung di-
rekt mit dem Bedürfnis und den Anstrengungen verbunden sind, die
Ausfuhr zu erhöhen und die Einfuhr zu verringern. Bleibt aber
noch die Frage: Können wir uns so einen Preis der Vermehrung der
Ausfuhr leisten? Darauf kann nur die Wirtschaft (!) eine Antwort
geben: Denn wenn die Rede ist von der Ausfuhr, gibt es keine Wahl
damit wir wirtschaften und leben können, so wie wir jetzt leben,
müssen wir mehr ausführen." (Vjesnik, 6.12.1980)
Diese (alltägliche) Äußerung ist in mehrfacher Hinsicht auf-
schlußreich:
Erstens wird damit der Eindruck korrigiert, den die westlichen
Zeitungsberichte hervorrufen, als sei der Grund der
"Wirtschaftskrise" darin zu suchen, daß diese"sozialistische
Marktwirtschaft" nicht funktioniert. Denn die jugoslawischen Öko-
nomen geben ausdrücklich bekannt, daß sie diese Versorgungseng-
pässe mit Absicht produzieren. Der planmäßige Umgang damit zeigte
sich z.B. im Sommer, als es plötzlich - wegen der devisenbringen-
den Touristen - wieder Kaffee gab, dafür aber die Medikamente
knapp (und teuer) wurden (Begründung: "Im Prinzip ist die jugo-
slawische Bevölkerung ja gesund"). Als die Touristen dann wieder
weg waren, gab es kaum mehr Kaffee. Begründung: Die Devisen wür-
den für Waschmitteleinfuhr benötigt; man könne doch wohl auf den
Luxus, nicht aber auf die Hygiene verzichten.
Die jugoslawischen Staatsleute nutzen die Vorteile ihrer Plan-
wirtschaft zielbewußt für eine sehr flexible Außenhandelspolitik
aus und verkünden laut und deutlich ihre Absicht, daß auch künf-
tig und noch stärker Einschränkungen gefordert sind.
Zum andern gibt die oben zitierte Äußerung auch den Grund dafür
an: Jugoslawien hat seine Ökonomie auf den Weltmarkt ausgerichtet
und ist von daher darauf verwiesen, sein großes Zahlungsbilanzde-
fizit zu beseitigen bzw. zu verringern. Dafür läßt man sich alles
mögliche einfallen. So hatte die dreißigprozentige D i n a r-
a b w e r t u n g im Sommer, die sechste seit Bestehen der
Sozialistischen Republik Jugoslawien, zum Ziel, die Exporte zu
verbilligen und die Importe zu verteuern. Dies ist freilich eine
zweischneidige Angelegenheit, zeigt doch die Maßnahme selbst, daß
Abhängigkeit von Importen besteht, die nicht dadurch beseitigt
wird, daß die notwendig einzuführenden Waren verteuert werden,
gewährleistet damit aber eine Unterscheidung der Importe
hinsichtlich ihrer Dringlichkeit - keine Frage, daß die dem na-
tionalen Wachstum nicht zuträglichen Konsumbedürfnisse der Massen
auf der Strecke bleiben. Begleitet wurde diese Währungspolitik
(die nächste Abwertung ist schon wieder im Gespräch) von weiteren
Restriktionen für den Import und für (v.a. Verbraucher-)Kredite.
Die im November folgende L i b e r a l i s i e r u n g d e r
P r e i s e (d.h. die Preise von einem Drittel statt bisher ei-
nem Fünftel aller jugoslawischen Waren, vor allem Autos, Möbel
und einige Grundlebensmittel, dürfen jetzt relativ frei bestimmt
werden), die zusammen mit der Dinarabwertung eine durchschnittli-
che Preissteigerung von 30-40% zur Folge hatte, verschaffte den
Betrieben mehr Gewinn, was von offizieller Seite als "Zwang zu
höherer Produktivität" und "Beruhigung der Nachfrage" ausgegeben
wurde. Zusätzlich wurden die Löhne real gesenkt ("Das einzige,
was sich planmäßig entwickelte" - so ein Gewerkschaftsfunktio-
när). Von wegen Disziplinlosigkeit der Arbeiter im Selbstverwal-
tungssozialismus!
So verwundert es nicht, daß trotz aller Lamentos über die
schlechte Wirtschaftslage der Gewerkschaftspräsident Kroatiens
feststellt:
"Wir können zufrieden sein, denn wir haben mehr Mittel als jemals
zuvor für die gesellschaftliche Reproduktion gesichert."
Der Westen
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gibt Jugoslawien weiterhin Kredite:
"Gesprochen wird in diesem Rahmen auch über den Kredit eines
deutschen Bankenkonsortiums unter Führung der Deutschen Bank, der
sich in der Größenordnung von 1,4 Milliarden DM bewegen soll. Ein
Teil davon soll durch 'Hermes'-Bürgschaften gesichert werden. Die
Frage ist jedoch, ob die Jugoslawen überhaupt solche Projekte ha-
ben, die bürgschaftsfähig sind. Ohnehin ist die Neigung in Jugo-
slawien, solche Projekte ausfindig zu machen, nicht allzu groß.
Die Jugoslawen würden lieber ungebundene Finanzkredite erhalten.
Die deutschen Banken halten sich für die kommenden Jahre zu wei-
teren mittelfristigen Krediten bereit. Grund dafür ist, daß grö-
ßere jugoslawische Verbindlichkeiten gegenüber Bankinstituten der
Bundesrepublik fällig werden. Jugoslawien könnte diese Schulden
gegenwärtig kaum zurückzahlen. So stellen die Kredite praktisch
eine Refinanzierung dar, ja eine Rettungsaktion für früher etwas
voreilig geliehene Mittel" (Frankfurter Allgemeine Zeitung,
12.11.80)
Komisch ist das schon: Man "rettet" seine Gelder, indem man wei-
terhin jemandem Kredite gibt, der seit einer Reihe von Jahren
schon gezeigt hat, daß er sie nicht zurückzahlen kann. Dies ist
nichts anderes, als das übliche Verfahren im normalisierten Ge-
schäftsverkehr, wo der mit einer "chronisch defizitären Zahlungs-
bilanz" versehene Kreditnehmer um weitere Zahlungsfähigkeit nach-
sucht - dabei sich möglichst viel Freiheit im Verwenden der Kre-
dite wünscht, während der Kreditgeber im Bereitstellen der Zah-
lungsfähigkeit, also im Fortgang der für ihn offensichtlich pro-
fitablen "Überschuldung" des Partners, sich vorbehält, die kredi-
tierte Wirtschaft daraufhin zu begutachten bzw. ihr Vorschriften
dahingehend zu machen, wo und wie die Kredite einzusetzen sind.
Schließlich sollen sie ja dazu führen, daß sie verzinst zurückge-
zahlt werden können. So besteht gleichermaßen Gewißheit darüber,
daß der eine Kredit den nächsten nach sich zieht, wie auch dar-
über, daß dieses blockfreie sozialistische Land ein Teil des We-
stens ist, heißt: über politische Turbulenzen, die die Kreditak-
kumulation gefährden könnten, braucht man sich keine Sorgen zu
machen.
Die Jugoslawen
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selbst erfüllen die Aufgabe, die ihr Staat ihnen zugedacht hat,
bis jetzt recht ordentlich und zeigen, welche Möglichkeiten der
Selbstverwaltungssozialismus dem Staat bietet, seine Bürger für
seinen Reichtum einzusetzen: Die beklagen sich über die Schieber,
über die Ungerechtigkeiten bei der Verteilung der wenigen Waren
und schlagen sich auch mal gegenseitig die Köpfe im Kampf um Kaf-
fee oder Waschmittel ein, als seien gerade die anderen Bürger
schuld an der Misere; so streichen sie ihre Bauernschläue beim
Organisieren der knappen Waren heraus oder führen Debatten auf
allen Ebenen der Selbstverwaltungsorgane, daß sie nicht rechtzei-
tig informiert werden:
"Nachdem wir nun einmal in einer Zeit des Mangels leben..., müs-
sen die verantwortlichen Leute rechtzeitig sagen, was in den kom-
menden Monaten ansteht, damit es die Leute wissen und sich darauf
einrichten können." (Beschwerde eines Delegierten, Vjesnik,
27.11.1980)
Das nach Titos Tod vielbeschworene "Vakuum" ist also längst und
schon vor seinem Tod geschlossen worden: Wie sich in der Außenpo-
litik die enge Partnerschaft zur EG als bestimmender Faktor
durchgesetzt hat und frühere Ambitionen hinsichtlich einer gewis-
sen Eigenständigkeit als bedeutungsvoller Anführer der Block-
freien darin sich erfüllen, so ist im Inneren das "jugoslawische
Modell" soweit gereift, das dazugehörige Verhältnis von Armut und
Staatsreichtum mit den liebgewonnenen traditionellen Institutio-
nen der "Selbstverwaltung" unter staatlicher Anleitung durch-
zusetzen. Den hochfliegenden Illusionen bleibt es gestattet, zum
Grab des großen Partisanenführers, der vor Vollendung seines Wer-
kes hinweggerafft wurde, zu pilgern.
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