Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie


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       Wochenschau
       

DIE "UNREGIERBARKEIT" ITALIENS

ist eine von Kommentatoren diesseits und jenseits der Alpen er- fundene und gepflegte Legende, mittels derer dem Publikum die er- staunliche Leistung der Democrazia Cristiana, "38 Jahre lang mit 40 % der Wähler 80 % der Macht im Griff zu halten" (Süddeutsche Zeitung vom 19. Juni) als "P r o b l e m" ans Herz gelegt wird. Nachdem jüngsten Wahlergebnis sieht sich der bereits zitierte SZ- Italien-Experte Carlos Widmam zu dem aufklärerischen Hinweis ver- anlaßte daß "Italien n i c h t unregierbar ist", damit sich an- gesichts eines Abrutschens der DC auf 30% niemand f a l s c h e Probleme mit Italien macht. Einerseits ist jetzt die historische Würdigung fällig, daß die römische Staatspartei "trotz" (will sa- gen: mit) "aller Korruptheit... in Italien nach zwei Jahrzehnten faschistischer Herrschaft eine freie Gesellschaft entfalten konnte". Andererseits steht eine I n t e r p r e t a t i o n des Wählervotums an, derzufolge das relativ gute Abschneiden der PCI seine Ursache gerade im E r f o l g der Christdemokraten hat: Die Wähler und selbst Sozialistenchef Craxi seien "ahnungs- los" übers Kräfteverhältnis der Parteien an die Urnen gegangen. Sie überschätzten die Stärke der DC und verhinderten so in der Sicherheit über ihren prognostizierten Stimmengewinn die allseits erwarteten/erhofften Verluste der Kommunisten! Macht aber weiter gar nichts, denn Berlinguers Chancen auf eine Linksregierung sind heute allein schon "zahlenmäßig" gleich Null, ganz abgesehen davon, daß keiner mit der PCI koalieren will. Verschiebungen in den Prozentzahlen der Regierungsparteien sind auch diesmal nur die Verhandlungsbasis, auf der die jeweiligen Anteile an den Früchten einer Regierungsbeteiligung neu ausgehandelt werden. Dieser u n m i t t e l b a r e Zugriff auf die Pfründe der Macht ist gerade keine K o r r u p t i o n, sondern die spezi- fische Art und Weise, wie in I t a l i e n demokratisch regiert wird. Und d a g e g e n haben die Kommunisten selbst - 1976, als sie "zahlenmäßig" am stärksten waren, keine O p p o s i t i o n, gemacht, vielmehr g e m e i n s a m mit der DC die "Schlacht gegen den Terrorismus" geschlagen und in diesem Zuge auch gleich dafür gesorgt, alle Elemente in der Ar- beiterbewegung auszuschalten, von denen reale Gefahren für die Regierung des Landes auch nur potentiell hätten ausgehen können. Der damals, 1979, von einem kommunistischen Staatsanwalt inhaf- tierte Theoretiker der Autonomia Operaia und seitdem unter stets wechselnden und immer abenteuerlicheren Anschuldigungen in U-Haft gehaltene Professor Toni Negri ist übrigens über die Liste der Radikalen Partei ins Parlament gewählt worden und muß zunächst freigelassen werden. Dies das einzig bemerkenswerte und deshalb weitgehend unbemerkte Ergebnis der italienischen Wahlen. Die Regierbarkeit der USA ------------------------- ist dagegen über jeden Zweifel erhaben, dafür bürgen unter an- derem so beinharte Führungspersönlichkeiten wie Richard Nixon und Ronald Reagan. Der eine hat den Vietnamkrieg mit seinem Stein- zeitprogramm für Indochina erfolgreich zu seinem Ende gebracht und der andere bereitet zur Zeit den Endsieg für die Freiheit vor. Beides nie und nirgends Material für einen d e m o k r a- t i s c h e n Skandal. Ein S k a n d a l in der US-Demokratie wird in beiden Fällen, wenn sich hinterher herausstellt, daß der gewählte Präsident sich die Spickzettel des Konkurrenten besorgt hat, um sich im Wahlkampf als der besser p r ä p a r i e r t e Mann für die Macht zu profilieren. D e s w e g e n mußte Nixon gehen und s o soll Reagan Führer der Weltmacht Nr. 1 geworden sein! Zählt man die Leichen, die be- reits produzierten und die jetzt schon fest eingeplanten - so ist das ein welthistorischer Witz, ebenso blutig wie demokratisch. zurück