Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie

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PROLETARISCHES TODESURTEIL

In Italien haben die Roten Brigaden der bürgerlichen Justiz da- durch einen Schlag versetzt, daß sie einen Hoheitsakt im Unter- grund vollzogen, den die legalen Gewaltapparate seit 35 Jahren nicht mehr für notwendig befinden. Im Namen des Volkes wurde über den Richter d'Urso ein Todesurteil verkündet, dessen Vollstrec- kung man "ausgesetzt" hat, weswegen der Gekidnappte bis auf wei- teres die erste handfeste Errungenschaft dieser "proletarischen Avantgarde" genießen darf, das "Volksgefängnis". Die "Revolution" als makabre Kopie demokratischer Staatsgewalt feiert ihre Siege dadurch, daß sie diese an Brutalität zu über- trumpfen sucht. Daß sie bei diesem Geschäft chancenlos ist, zeigt nicht nur die einmütige Reaktion aller demokratischen Parteien Italiens unter Führung der PCI, auch nicht der Vergleich zwischen dem "Volksgefängnis" mit 1 gefangenen Richter und den hundert Staatsgefängnissen und ihren zuliefernden ordentlichen Gerichten, sondern die Haltung der Basis, auf die sich beide Seiten berufen: das Volk, von dem die Brigadisten phantasieren, es befinde sich im "Bürgerkrieg", zieht auch in Italien nur dann in den Krieg, wenn sein Staat es befiehlt, und wie sollen ihm die Handstreiche einiger Desperados imponieren, wenn die 20.000 Toten im Erdbeben- gebiet in ihm ausgerechnet den Ruf nach einer sauberen, starken Staatsgewalt aufkommen lassen? zurück