Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie
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Wochenschau
DAS URTEIL GEGEN DIE MORO-ATTENTÄTER
in Rom hat beim Italien-Korrespondenten der "Süddeutschen Zei-
tung" einen "bitteren Geschmack" hinterlassen (SZ vom 26.1.) -
und nicht nur bei ihm: "Selbst Staatspräsident Sandro Pertini
hatte es vor mehr als einem Jahr freimütig ausgesprochen", daß
"es wohl jedem Liebhaber der Gerechtigkeit schwer fällt, sich in-
nerlich mit der Tatsache abzufinden, daß in einer Mörderbande der
kaltblütigste Killer - und das größte Charakterschwein - mit der
mildesten Strafe davonkommt." Gemeint ist der "Chefbereuer" Anto-
nie Savasta, der durch seine Aussagen die gesamte angebliche
"Römische Kolonne" der Brigate Rosse (Br) hochgehen ließ, als
Zeuge vor Gericht ihre Verurteilung ermöglichte und dabei zum Be-
weis seiner Glaubwürdigkeit die eigene Beteiligung "an 17 Morden
in seiner zehnjährigen Terroristenkarriere" gestand. Savasta kann
jetzt als "Kronzeuge" mit seiner Freilassung in fünf bis sechs
Jahren rechnen. Die "Liebhaber der Gerechtigkeit" sind sauer,
weil sie die Br mithilfe eines "reuigen" Brigadisten zur Strecke
bringen konnten, dem sie jetzt als "Kronzeugen" seinen Preis
entrichten "müssen". Ein Urteil über die bürgerliche J u s t i z
soll daraus nicht folgen, wohl aber eins über den Charakter des
Delinquenten, dem das Recht diese Gelegenheit bietet. Savasta
verdient sich bei der Bourgeoisie das Prädikat
"Charakterschwein", obwohl seine Aussagen "sich als eminent ge-
meinnützig erwiesen" haben. Die Häscher und ihre journalistischen
Bewunderer werden geschmäcklerisch bei der Beurteilung von
"Figuren wie Savasta, die als Killer ebensogut im terroristischen
Untergrund wie in der Mafia eine Heimat finden können" - und
ignorieren dabei vornehm die Tatsache, daß es eben Männer wie Sa-
vasta sind, die ihr "blutiges und nicht ungefährliches Gewerbe"
auch bei der "Anti-Terror"-Einheit der Carabinieri hätten betrei-
ben können, die mittlerweile eine ansehnliche Zahl an erschosse-
nen "mutmaßlichen" Brigatisti vorweisen kann. Plötzlich soll
"Unbehagen" verursachen, was einen zum brauchbaren "Superpentito"
macht: "Er könnte leicht dazu neigen, der Polizei genau das mit-
zuteilen, was in ihr Ermittlungskonzept paßt, gleichgültig, ob es
zutrifft oder nicht." Für einen Carlos Widmann paßt die Verach-
tung des Savasta auch bruchlos zusammen mit seinem Applaus für 32
mal lebenslänglich plus 900 Jahre zusätzlich, die "in jeweils ein
Jahr Isolierhaft umgewandelt wurden", ausschließlich aufgrund
Aussagen Savastas. Denn: "Der italienische Terrorismus ist dank
solcher zweifelhaften Bereuer als Institution erledigt." Die
Bourgeoisie kann sich halt ein G e w i s s e n leisten,
n a c h d e m sie aufgeräumt hat. Doppelmoral? Keineswegs!
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