Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie


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UNSERE MEINUNG

Daß in I t a l i e n eine Naturkatastrophe stattgefunden hat, ist nur die halbe Wahrheit: In die Verantwortung der Natur fallen lediglich 7 Sekunden, alles was vorher geschah und nachher n i c h t, also die K a t a s t r o p h e, hat seine Gründe in Ökonomie und Politik. Italien muß sich herbe Kritik gefallen las- sen und legt sie sich selber auf. Diesseits der Alpen findet man das Urteil bestätigt, der Stiefelstaat halte keinen Vergleich mit dem Modell Deutschland aus, während man jenseits des Brenner die n a t i o n a l e "Heimsuchung" als Chance diskutiert, den Schock als heilsamen Auftrag zur Renovierung des Staates an "Haupt und Gliedern" auszunutzen. In solchem nachträglichen Räsonnieren über die "bodenlose Schlam- perei" südlich der Alpen bzw. über den Verfall der M o r a l bei der classa politica in Rom und im Mezzogiorno verwandelt die bürgerliche Empörung jedoch die Klärung der G r ü n d e für die Misere in ein Problem der Schuldzuweisung an Personen, die ausge- rechnet da versagt haben sollen, wo ihr konsequent verfolgtes I n t e r e s s e einen Berg von Leichen e i n k a l k u- l i e r t hat. Immerhin war und ist es Basis des Profits der Bauwirtschaft in Italien, gerade unter Umgehung aller Sicher- heitsvorschriften Häuser aufzuziehen und die stillschweigende staatliche Duldung solcher Praxis entsprach einer E n t- s c h e i d u n g der Verantwortlichen, ihr Kapital auf diese Weise zu subventionieren. Daß in einem notorischen Erdbebengebiet keine Vorsorge für den Ernstfall getroffen worden ist, soll als Panne oder Nachlässigkeit behandelt werden, wo doch auf der Hand liegt, daß man sich auf diesem Gebiet nicht in Ausgaben stürzen wollte, die man lieber anderweitig tätigte. Und daß die Hilferufe der Eingeschlossenen noch über eine Woche zu hören waren, ohne daß sie rausgeholt werden k o n n t e n, liegt nach einer Erklärung des italienischen Heeresministeriums an den Si- cherheitsinteressen seines Staates, die man hauptsächlich nörd- lich des Po verteidigen will, weswegen die sepoliti viri, die le- bendig Begrabenen, im wahrsten Wortsinne S t a a t s b e- g r ä b n i s s e erhielten. So ist es nur für den hiesigen Beobachter verwunderlich, daß die Überlebenden im Katastro- phengebiet die langsam anlaufenden Hilfsaktivitäten ihrer staatlichen Organe als zweite Heimsuchung fürchten und lieber ne- ben den Trümmern ausharren, als sich deportieren zu lassen. Das Schicksal der sizilianischen Erdbebenopfer vor Augen, die 10 Jahre nach dem Beben noch immer in Lagern hausen, werden sie leichte Beute des W i e d e r a u f b a u g e s c h ä f t s, mit dem der Fertighaushandel in den Abruzzen hausieren geht. Statt dem Schutz der Carabinieri vertrauen sich die Obdachlosen lieber den Paten der Camorra an, deren onorevoli sich in diesen Wochen ein Heer von lebenslang Abhängigen rekrutieren. Weiter nördlich, in Rom, sind die dreitausend Toten längst zur innenpolitischen Manövriermasse geworden, mit der die correnti der DC den Machtkampf betreiben und die PCI endlich an Regie- rungsämter kommen will. Die ausländische Begutachtung hat sich dem angeschlossen. Mit dem Schwinden der Chancen auf spektakuläre Rettungen Eingeschlossener werden Nachrichten aus dem Erdbebenge- biet nur noch als Illustration für Spendenaufrufe gehandelt und man wendet sich den farbenprächtigeren p o l i t i s c h e n N a c h b e b e n zu. Noch mitten im selbstgefälligen Verurteilen der "selbstsüchtigen" Politiker Italiens trifft der Ministerpräsident des B ü n d n i s p a r t n e r s in Bonn ein und konstatiert mit dem deutschen Kanzler "volle Übereinstimmung in allen Fragen". Nicht einmal da fällt auf, daß Italien Mitglied von NATO und EG ist, überhaupt durch "tausend politische, wirtschaftliche und kulturelle Bande mit uns verbunden", daß also die Existenz dieses Staatswesens und seiner Ökonomie ohne "uns" gar nicht denkbar ist. Der Einsatz eines Bundeswehrbataillons in der Provinz Avel- lino ist somit auch von keiner Seite als E i n m i s c h u n g in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates gewertet, sondern auf beiden Seiten als selbstverständliche B e t e i l i- g u n g an den Unkosten der gemeinsamen Sache begrüßt worden. Insofern unterscheidet sich die Behandlung der überlebenden Bürger in den südlichen Abruzzen in der Sache nur unwesentlich von dem Interesse, das man ihnen vor dem 23. November entge- genbrachte: sie sind ü b e r f l ü s s i g für die Ökonomie Italiens und innerhalb der EG ein Zuschußgebiet, wo man die Leute in den "traditionellen Dorfstrukturen" ihre kümmerliche Existenz fristen ließ. Jetzt sind sie nicht nur ein menschliches Potential, von dem man sich keine gewinnbringende Anwendung ver- spricht, sondern das einem auch noch l ä s t i g geworden ist, weil selbst ihre "traditionell" ärmliche Subsistenz öffentliche Mittel kostet. So wird diese weitgehend der privaten Wohlfahrt ans Herz gelegt, das Massensterben als S k a n d a l politisch ausgeschlachtet, und mit 15 Mill. DM aus der Staatskasse und dem EG-Ausgleichsfonds der Wiederaufbau zum nationalen Geschäft di- verser Industrien. Bis zur nächsten "Katastrophe" ist dann unsere Welt auch da unten wieder in Ordnung. zurück