Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie

       zurück

       Wochenschau
       

IN ITALIEN

bemüht man zur Erklärung der Unveränderlichkeiten in der staatli- chen Machtausübung, die, gleichgültig mit welchen personellen Garnituren sie besetzt ist, für immer gleiche Resultate sorgt, seit langem den Begriff vom "sottogoverno". Damit soll suggeriert werden, daß hinter den Amtsinhabern Drahtzieher stecken, die diese nach ihrer Pfeife tanzen lassen und für die Verteilung der Früchte der Macht Sorge tragen (lassen). Die Aufdeckung einer "geheimen Freimaurerloge", die zum Rücktritt der Regierung For- lani geführt hat, bestätigt diese "Theorie" nur scheinbar. Alle bekanntgewordenen Mitglieder von P2 sind oder waren auch Regie- rungsmitglieder, so daß man sich eigentlich fragen müßte, was denn hier "getarnt" werden sollte. Der Berichterstattung zufolge, die den Skandal in der "T a r n organisation" sieht, muß man schließen, der Hauptfehler der "entlarvten" Politiker sei die G e h e i m organisation gewesen, denn die Liste der Namen umfaßt ein politisches Spektrum, das mit dem der Parteien identisch ist, die seit 20 Jahren die Regierung in Italien stellen. Die ö f f e n t l i c h e Teilung der Macht und ihrer Vorteile in K o a l i t i o n e n ist allgemein akzeptiert; gibt sich dies aber eine Organisationsform, die sich von den diversenen Varian- ten der Koalitionsarithmetik freimacht, so kriegt ein sensibler Korrespondent wie der bereits in der letzten Ausgabe dieser Zei- tung zitierte Carlos Widmann von der "Süddeutschen Zeitung" das "Problem", wie er jetzt das wieder seinen "Lesern erklären" soll, ohne daß sie das "Vertrauen" in Italiens Demokratie verlieren, die - bei allen "menschlichen Schwächen" der Politiker - uns das Land als europäischen Partner erhalten soll. Widmann entdeckt plötzlich, daß es sich bei den belasteten Ministern um Leute han- delt, "die nicht im Ruf stehen, das Schießpulver erfunden zu ha- ben" (SZ vom 27. Mai), und beruhigt seine Leser so, daß der "Skandal" der Sache nach für Italien gar keiner ist, in der Form aber die Beteiligten es zu bunt getrieben haben. Bleibt noch die Regierungskrise, in die Forlani, obwohl in die Affäre "gar nicht verwickelt" hineingeschlittert ist. Sie wird jetzt von Politikern gemeistert, die nur "durch ihre Privatsekretäre" in P2 vertreten waren, also geschickt genug, sich nicht zu "kompromittieren". Bleibt abzuwarten, wie der Papst reagiert, dessen Kirche Freimau- rerei mit Exkommunikation bestraft. Auch hier wird es nicht allzu dick kommen, handelte es sich doch bei P2 um eine "nicht aner- kannte Freimaurerloge". zurück