Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie

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       Wochenschau
       

IN ITALIEN

haben die Terroristen von den Roten Brigaden einen besonders heimtückischen Schlag gelandet, indem sie einen christdemokrati- schen Politiker schnappten, bei dem es sich - wie man jetzt vor- sorglich erfährt - um einen Gangster im öffentlichen Dienst han- deln muß: "Ciro Cirillo ist zuständig für den Wiederaufbau der vom Erdbeben betroffenen Städte und Dörfer der Region Kampanien, die auch die Millionenstadt Neapel einschließt; er ist ein politisches Ge- schöpf der christdemokratischen Familie Ghava, die in Neapel den Ton angibt, und er ist in seiner Stellung vermutlich der größte Mitwisser aller Schiebungen und Unterschlagungen, die für das Baugewerbe der Stadtregion Neapel typisch sind." (Carlos Widmann in der "Süddeutschen Zeitung" vom 4. Mai) Die Rotbrigadisten hantieren also "mit sozialem Sprengstoff", was seitens der demokratischen Öffentlichkeit p o l i t i s c h e s Fingerspitzengefühl im Umgang mit diesen "ganz gewöhnlichen Kri- minellen" erfordert. Heimtückischerweise haben sie sich jetzt ne- ben den Kalaschnikows aus der Moskauer Zentrale des Weltterroris- mus noch eine andere Waffe zugelegt, die für Italien zum Dumdum- Geschoß werden könnte: "Das Material, über das sie verfügen - und vieles, was ihnen der entführte Cirillo verraten könnte -, gibt wahrscheinlich ein wahrheitsgetreues Bild von der Korruption, von der schuldhaften Verstrickung des örtlichen Establishments in die vom Erdbeben verschärfte Elendslage Neapels. Um so nötiger ist es, daß die propagandistische Verbreitung dieser Wahrheiten unterbunden wird." Hintergründige Beobachter vom Schlage eines Carlos Widmann fangen langsam an, den Zeiten nachzutrauern, in denen die Brigate Rosse ihre Opfer gleich umgelegt haben und es exklusiv Sache des "Parlaments, der Parteien und der Presse" war, "sich der Aufklä- rung von Mißständen zu widmen, deren Hintergründe nicht dem Ter- ror als Herrschaftswissen, dienen dürfen." Einstweilen hofft Herr Widmann auf ein "Höchstmaß an Berechnung und Unempfindlichkeit" in den Parteien und in der Presse, um den Fall Cirillo schadlos zu überstehen. Wenn keine Zeitung es wagt, etwaige Geständnisse Don Ciros aus dem "Volksgefängnis" zu veröf- fentlichen und einem die Terroristen den Gefallen tun, diese kom- promittierende Figur umzulegen, wofür die "Nüchternheit" mitsor- gen kann, die Widmann empfiehlt, falls die Entführer mit dem "Epressungsspiel" beginnen sollten, dann kann die italienische Öffentlichkeit sich ungestört jenem Spektakel widmen, mit dem in Turin nach dem Vorbild des türkischen Militärs gleich 170 mutmaß- liche Terroristen auf einen Streich abgeurteilt werden sollen. zurück