Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie
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Wochenschau
IN ITALIEN
hat ein Skandal letzte Woche sein vorläufiges Ende gefunden, aus
dem man lernen kann, daß sich auch mit gewissen Besonderheiten
demokratischen Lebens, wie sie südlich der Alpen üblich sind, ein
sauberer Staat machen läßt. Wie hierzulande kaum noch erinnerlich
hatten die Brigate rosse letztes Jahr den neapolitanischen
Christdemokraten Cirillo entführt. Eine Aktion, die einerseits in
Kampanien bei nicht unbeträchtlichen Teilen der Erdbebengeschä-
digten "klammheimliche Freude" auslöste, weil die national und
international locker gemachten Hilfsgelder kaum jemandem ein Dach
über dem Kopf bescherten, stattdessen den Reichtum Don Ciros und
der Seinen mehrten; andererseits bestärkte die P e r s o n
ihres kassierten Parteifreunds die Democristiani in ihrer offi-
ziellen Linie, mit den "Terroristen nicht zu verhandeln". Der im
"Volksgefängnis" einsitzende Cirillo verpaßte jedoch die Chance,
durch seine Ermordung zum Märtyrer der wehrhaften Demokratie zu
werden. - Die Brigate rosse ließen ihn frei. Im März nun veröf-
fentlichte das PCI-Organ "Unita" ein angebliches Dokument aus
Kreisen der staatlichen Geheimdienste, demzufolge Don Ciro von
Parteifreunden durch die Vermittlung des Verbrechersyndikats Ca-
morra freigekauft worden sein soll. Das Dokument erwies sich als
Fälschung und die verantwortliche Journalistin wurde verhaftet.
Kurz darauf meldete sich der Autor des apokryphen Textes, ein
rechtsradikaler Professor aus Rom, tauchte unter und wurde ein
paar Tage später mit abgeschnittenem Kopf nach altem Camorra-
Brauch wiedergefunden. Dann bestätigten "Indiskretionen aus dem
Justizministerium", daß das Dokument zwar gefälscht sei, sein In-
halt aber durchaus der Wahrheit entspräche. Nun begann die
"Bereinigung des Skandal": Cirillo trat von seinen Ämtern zurück,
die Unita löste ihren Chefredakteur ab, der unterhandelnde Ca-
morra-Boß kam in ein anderes Gefängnis, die Regierung gab eine
Ehrenerklärung für ihre Spezialpolizei ab und die PCI schloß laut
dpa vom 10. Mai die Journalistin Maresea aus, weil sie aus man-
gelnder "journalistischer Sorgfaltspflicht" den Skandal ins Rol-
len gebracht hatte. Eine solch' penible Einhaltung demokratischer
Regeln bürgt dafür, daß auch der italienische Staat mit seinen
Terroristen fertig werden wird: Ein Redakteur der "Reppublica",
der nachweisen konnte, daß die Erfolge der Polizei im Kampf gegen
die Brigate rosse mittels "reuiger Terroristen" durch systemati-
sche Folterung zustandekamen, wurde prompt inhaftiert. Zu seinem
Glück war der Mann kein Mitglied der PCI und behielt nach seiner
Entlassung seinen Job.
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