Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie

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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 26, 09.12.1980
       

ERDBEBEN IN SÜDITALIEN

Was der Mensch wo wert ist Ein Erdbeben - wie jetzt in Italien, hat auch sein Gutes. Nicht nur, daß man sich als kleiner Mann wieder einmal sagen (lassen) kann, daß ed einem - angesichts von 5000 Toten und des Elends der Überlebenden - doch eigentlich richtig gut geht. Das Schöne an einem Erdbeben ist, daß es eine Naturkatastrophe ist, für die ja keiner was kann - und wo ließe sich schöner demonstrieren, wie nützlich doch ein S t a a t für die Menschheit ist. Denn der h i l f t den Überlebenden, baut wieder auf, organisiert die Be- treuung von Menschen usw.. Dabei könnte einen allein die Tatsa- che, daß für solche Hilfseinsätze in allen Staaten die Armee zu- ständig ist, stutzig machen, und außerdem könnte man sich ja mal die Frage stellen, warum ein, in Süditalien noch nicht einmal un- erwartetes Naturereignis zu einer K a t a s t r o p h e für die Leute wird. Stattdessen werden Vergleiche darüber angestellt, daß es der i t a l i e n i s c h e Staat in Sachen Hilfe für die Betroffenen mit dem u n s e r e n nicht aufnehmen kann. Schlam- perei, keine gescheite Organisation, nicht einmal unsere Pioniere lassen sie richtig arbeiten.... Während bei uns, da ginge es ganz anders zu - siehe Hamburger Flutkatastrophe. Die Kritik des italienischen Staates ebenso wie das Lob und der Stolz auf den deutschen verdanken sich also beide dem Kriterium, wie sehr der Staat doch für die Menschen dazusein hätte - und das ist deshalb beidesmal falsch. Daß der italienische Staat für ein Gebiet, wo alle paar Jahre ein mittleres Erdbeben ansteht, weder den Bau von erdbebensicheren Häusern vorschreibt noch über Pläne verfügt, was im Falle eines Erdbebens zu passieren hat, verdankt sich einem ökonomischen Kalkül des Staates mit der Region und ih- ren Bewohnern. Der betroffene Teil der Campagna und die Basili- cata sind für eine Benutzung zur Mehrung des nationalen Reichtums nicht vorgesehen, ihre Bevölkerung wird daher seit Jahren vor die Alternative gestellt, entweder in den Norden auszuwandern und dort als billige Arbeitskräfte zu fungieren - (oder auch nicht) - oder aber im Bergland als Bauern und Landarbeiter eine kümmerli- che Existenz zu fristen. Weil die dortige Bevölkerung von kapita- listischen Unternehmern nicht gebraucht wird, zumindest nicht in der Region, verzichtet der italienische Staat darauf, auch nur die minimalsten Voraussetzungen dafür zu schaffen - selbst die physische Existenz überläßt er ganz dem Willen der Leute, die dort immer noch nicht verschwunden sind, oder auch einmal den Na- turgewalten. Daß der d e u t s c h e Staat anders handelt, liegt nicht daran, daß er anders kalkuliert. Bei der Hamburger Flut- und der norddeutschen Schneekatastrophe waren kaum die letzten Opfer ge- borgen, da war auch schon ermittelt, wieviel die Schäden kosten wurden und wieviele Millionen durch Produktionsausfall verloren gegangen waren. Eine Naturkatastrophe bei uns trifft eben auch den Staat, weil sie den Reichtum zerstört und seine Produktion behindert - also werden auch Voraussetzungen geschaffen, daß es nicht soweit kommt, Dämme an der Nordsee wurden höher gebaut und die Beseitigung der Schäden effektiv in Angriff genommen. Die kleinen Leute werden gerettet und instandgesetzt, sich wieder nützlich zu machen. Wer sein Haus verlor, bekommt es nicht etwa ersetzt, sondern einen K r e d i t zum Wiederaufbau. Das stimu- liert seine Arbeitskraft u n d versorgt ihn mit einer Wohnung - und wenn die Kinder noch am Häuschen abzahlen dürfen, dann wissen sie das G l ü c k eines angewendeten Proletariats zu schätzen - besonders mit Blick auf den Mezzogiorno. *** Naturkatastrophe - immer wieder aktuell --------------------------------------- Die Presse kennt eine ständige Rubrik, die sich mit den sogenann- ten Naturkatastrophen befaßt. Sie ereignen sich als Erdbeben-, Schnee-, Flut-, Dürre- und sonstige Katastrophen. Glauben soll der geneigte Zeitungsleser, daß die Natur unvermittelt über die Menschen hereingebrochen, er ihr wehrlos ausgesetzt sei. Richtig daran ist allerdings nur soviel: der betreffende Naturvorgang kann bis heute nicht verhindert werden. Naturkatastrophe will aber mehr behaupten und darin wird das Stichwort Ideologie: die Natur soll der G r u n d dafür sein, wie die Menschen davon betroffen sind. Daß die Gleichsetzung von Naturphänomen und Bewohnder der betroffenen Gebiete nicht stimmt, belegen schon folgende Auffassungen, die munter miteinander konkurrieren: Ist in Island der Ausbruch eines Vulkans ein Naturschauspiel, so in den USA eine Katastrophe; heißt hoher Schnee in Schleswig Holstein 'Schneekatastrophe', so in Bayern 'Ski- und Rodeln gut'. Ob also von einer Katastrophe geredet wird oder nicht, entscheidet sich offenbar nicht am Naturphänomen selbst, sondern ausschließlich an den Folgen, die es für die betroffenen Menschen hat oder nicht. Mag der Vulkanausbruch den Zufälligkeiten der Natur, zugeschlagen werden, welche Folgen das Naturereignis zeitigt, verdankt sich keinesfalls dem Zufall. Jedes Jahr wird in Indien der Ganges überflutet und dabei ertrinken immer einige Tausende (die Zeitungen setzen dann stets nur noch die neuen Zahlen in den Artikel vom letzten Mal), wogegen die Deiche an der Nordsee schon so manche Sturmflut bannen. Der Einwand an dieser Stelle, daß doch gerade auch in Norddeutschland regelmäßig alle zehn Jahre 'Sturmflutkatastrophen' stattfinden, belegt das glatte Gegenteil. Wenn nämlich die Deichbauer die Höhe der Deiche stets nur wenige Zentimeter über dem letzten Höchststand ansetzen, so liegt der Grund nicht darin, daß die Sturmflut nicht beherrscht ist, sondern daß der Staat die Kostender Deiche gegen das sogenannte 'Restrisiko' abwägt, was durchaus bei Zeiten wieder- einige 'Flut'opfer einschließt. Schutz der Bevölkerung ist also offenbar nur sehr bedingt das Anliegen des Staates, so daß der Zufall der Natur mit staatlich kalkulierter Notwendigkeit seine Opfer fordert. Nicht nur Politiker, auch die sonstige Intelligenz hat dabei alle Hände voll zu tun: 1.MESSEN: Auf der freien Richterskala erreichte das Beben eine Stärke von... 2. ZÄHLEN: Die Zahl der Toten wird nach vorläufigen Schätzungen beziffert mit.... 3. VERGLEICHEN: Das stärkste Beben seit...... zurück