Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie

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AUFSTAND DER CHIPS

Es läßt sich kaum bestreiten, daß die Profis in Sachen Entwick- lung und Produktion von Maschinen für den Einsatz in Industrie und Buchhaltung ihr Handwerk verstehen. Neue Maschinen werden nicht nur ständig erfunden, sondern eben angewandt in Fabrik und Büro, was umgekehrt ja wohl heißt, daß sich für die Käufer dieser Produkte die "Investitionen" auszahlen. Im vollen Bewußtsein ihrer Nützlichkeit für die kapitalistische Produktion läßt sich die Ingenieurzunft gerne das Hohe Lied ihrer Bedeutung in einer "technischen Welt" vorsingen. Der "Siegeszug der Mikroelektronik" bietet sich als Gelegenheit geradezu an, um die Weltgeschichte als Abfolge technischer Neuerungen zu behan- deln. Daß bei einem solchen Verfahren ökonomische Zwecke in der Form der Naturnotwendigkeit auftauchen, erscheint nicht als Man- gel, sondern vielmehr Überlegenheit einer Betrachtung vom höheren Standpunkt. Der Begriff der "industriellen Revelution" erfährt seine wundersame Vermehrung, indem man Technologien nacheinander aufzählt, wie etwa Dampfmaschine, Elektrizität, Atomkraft, Mikro- elektronik, und diese nach der Reihenfolge ihres historischen Auftretens durchnumeriert. Wenn die SZ in ihrer Serie: Mikroelek- tronik sich ausführlich damit beschäftigt, "vom Stahlwerk bis zur Waschmaschine" ein einziges riesiges "Einsatzfeld" für die "Chips" zu beschreiben, dann handelt es sich um nichts anderes als eine Beschwörung des Nutzens, den die IC's in die Welt brin- gen. Konsequent tauchen da Taschenrechner, Schweißautomat und Steuerung für Atomraketen nebeneinander auf. Die Dienstbarkeit für Zwecke aller Art, die hier der Mikroelektronik gutgeschrieben sind, heißt ja erst mal nichts anderes, als daß sie an den vor- handenen Zwecken vom sparsamen Umgang mit dem Haushaltsgeld bis zur Aufrüstung einer Weltmacht weder etwas ändert - wie sollte das auch möglich sein, noch neue in die Welt setzt. Ein weiteres Argument dafür, daß man es bei der Mikroelektronik rügt etwas 'Umwälzendem' zu tun habe, geht auf die Art und Weise der Nützlichkeit dieser Technik: "Mit seiner eingebauten Intelligenz" kann er (der Mikroprozessor) "zählen, sortieren, vergleichen, rechnen, kontrollieren. ent- scheiden." (SZ, Mikroelektronik.) Wenn hier von der Intelligenz dieser integrierten Schaltungen in Anführungszeichen die Rede ist, so hat das Methode. Nicht etwa, daß man es mit intelligenten Maschinen zu tun hätte, wird be- hauptet, aber irgendwie hätten diese kleinen Dinger etwas "Geistiges" an sich: Man beachte nur, was so ein Mikroprozessor alles kann. Diese moderne Form der Regelungstechnik, die als sol- che so alt ist wie die Maschinerie, soll eine neue Qualität da- durch erhalten, daß bis zu "1/2 Million Transistorfunktionen auf 80 Quadratmillimeter Siliziumfläche untergebracht" werden können. Man hat es hier wohl mit sowas wie dem Umschlag der Quantität in Qualität zu tun. Doch nicht nur so wahnsinnig viel Intelligenz auf so irrsinnig wenig Platz macht diese "chips" zu "Revolutionären". Auch und ge- rade die mittlerweise minimalen Kosten durch "Massenproduktion" werden ins Feld geführt, um die "Umwälzungen unserer Wirtschaft" zu kennzeichnen, die mit ihrem Auftauchen verbunden sei. Da ist es doch geradezu eine Schande, wenn die kleinen, nicht dummen Gummibärchen für 1 Pf. das Stück als "revolutionäre Erfindung" außer Acht gelassen werden, und die liebe Dampfmaschine, die so gerne als Ausgangspunkt der 1. industriellen Revolution behandelt wird, sieht bei solchen Kriterien recht alt aus: groß, teuer und saudumm. Die ganze Begriffslosigkeit bei der Behandlung der Mikroeletronik als ökonomisches Subjekt fassen die "Konjunkturzyklenforscher" zusammen: "Beispiele für Basisinnovationen: Dampfmaschine, Eisenbahn, Elek- trizität und Chemie, Luftfahrt und Auto, Informationstechnik und Mikroelektronik. Revolutionäre Erfindungen wurden in der bisheri- gen Technikgeschichte alle 50 Jahre gemacht und führten dann - jeweils 25 Jahre später - zu Hochkonjunkturen. Erst gebe es Ar- beitslose, später mehr Arbeitsplätze als zuvor." (SZ Reihe: Mi- kroelektronik) Was soll man daraus lernen? 1. Die Erfinder haben gerade rechtzeitig was Neues erfunden, die 50 Jahre waren gerade wieder einmal vorbei. 2. Man sollte an der Börse trotz aller gegenteiligen Auffassungen auf Boom spekulieren. 3. Herr Stingl kann sich zur Ruhe setzen, denn in 25 Jahren erle- digt sich sein Problem mit der Arbeitslosenquote sowieso von al- lein. Die ganze Konfusion, mit der Maschinen, Produktionsverfahren, Produkte und Abteilungen der Naturwissenschaft als Abschnitte ei- ner "Technikgeschichte" aufgezählt werden, beginnt schon dort, wo krampfhaft die Dampfmaschine als Beginn der Industrie gefeiert wird und allgemein als Beginn der "1. industriellen Revolution" bezeichnet wird. Wie falsch eine solche Charakterisierung ist, hat schon damals Karl Marx aufgezeigt, als sich zu seiner Zeit alle Welt daran machte, der Maschine gegenüber dem Werkzeug (wie heute den Chips gegenüber den Maschinen) eine "revolutionäre Qua- lität" anzudichten. Der Standpunkt der Technik erlaubt es nämlich nicht einmal, zwischen Werkzeug und Maschine zu unterscheiden, geschweige denn, den ökonomischen Zweck der Einführung der ma- schinenmäßigen Produktion zu entziffern, der durch die Betrach- tung dieser Dinger als "Technikgeschichte" gerade geleugnet wird. "Mathematiker und Mechaniker - und man findet dies hier und da von englischen Ökonomen wiederholt erklären das Werkzeug für eine einfache Maschine und die Maschine für ein zusammengesetztes Werkzeug. Sie sehn hier keinen wesentlichen Unterschied und nen- nen die einfachen mechanischen Potenzen, wie Hebel, schiefe Ebene, Schraube, Keil usw., Maschinen. In der Tat besteht jede Maschine aus jenen einfachen Potenzen, wie immer verkleidet und kombiniert. Vom ökonomischen Standpunkt jedoch taugt die Erklä- rung nichts, denn ihr fehlt das historische Element. Andrerseits sucht man den Unterschied zwischen Werkzeug und Maschine darin, daß beim Werkzeug der Mensch die Bewegungskraft, bei der Maschine eine von der menschlichen verschiedne Naturkraft, wie Tier, Was- ser, Wind usw. Danach wäre ein mit Ochsen bespannter Pflug, der den verschiedensten Produktionsepochen angehört, eine Maschine, Claussens Circular Loom, der von der Hand eines einzigen Arbei- ters bewegt, 96 000 Maschen in einer Minute verfertigt, ein blo- ßes Werkzeug. Ja, derselbe loom wäre Werkzeug, wenn mit der Hand, und Maschine, wenn mit Dampf bewegt. Da die Anwendung von Tier- kraft, eine der ältesten Erfindungen der Menschheit, ginge in der Tat die Maschinenproduktion der Handwerksproduktion voraus. Als John Wyatt 1735 seine Spinnmaschine und mit ihr die industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts ankündigte, erwähnte er mit kei- nem Wort, daß statt eines Menschen ein Esel die Maschine treibe, und dennoch fiel diese Rolle dem Esel zu. Eine Maschine 'um ohne Finger zu spinnen', lautete sein Programm." (K. Marx, Das Kapital Bd. 1, S. 391 f) Doch wen interessiert denn heutzutage noch die Bestimmung der Ma- schinerie, geht es doch darum, wenn z.B. Mikroelektronik Gegen- stand der Betrachtung ist, deren Bedeutung für die moderne Ge- sellschaft zu problematisieren. Wenn man sich dazu entschlossen hat, die Anwendung von Technik durch die ökonomischen Subjekte als von der Technik bestimt zu behandeln, dann erhalten sämtliche Folgen der Anwendung den Charakter von Naturnotwendigkeiten, die sich die Menschheit einhandelt. Auf der einen Seite steht die Mikroelektronik in der guten alten Traditon aller "technischen Neuerungen". Sie beschert den arbei- tenden Massen: - die Abschaffung der körperlichen Arbeit, - unermeßliche Berge von Gütern einfach so zum konsumieren, - sofern Arbeit überhaupt noch notwendig ist, nur noch kreativer abwechslungsreiche, selbstbestimmte Jobs, somit schlechthin ideale Bestätigungen des Wesens Mensch: "Die erste industrielle Revolution entlastete von Muskelarbeit. Die zweite erlaubte die Anstellung ungelernter Massen, steigerte die Produktionsmengen. Die dritte besteht darin, daß elektronisch gesteuerte Roboter die immer wiederkehrenden Handgriffe überneh- men... Aber nicht nur Handgriffe werden den Menschen abgenommen, sondern auch viele andere sich wiederholende Tätigkeiten..." Doch die Antithese stellt sich sogleich ein: Vom "faustischen Pakt" ist da die Rede, vom notwendigen "Abschied vorn Fort- schrittsglauben", von der "technologisch bedingten Arbeitslosig- keit". Daß noch kein Schweißroboter Entlassungsbriefe verfaßt hat, tut hier nichts zur Sache, gefällt man sich doch darin, in der Mikro- elektronik "gefährliche Tendenzen" der "modernen Zivilisation" entdeckt zu haben", An den Auswirkungen, die man sich von der "revolutionären Tech- nik" erwartet, halten die Interpretatoren des Weltgeschehens der Menschheit wieder einmal vor, daß diese mit der Mikroelektronik sich etwas in die Welt gesetzt habe, dessen Folgen unabsehbar seien - die Analogie zur Atombombe fehlt in solchen Besprechungen selbstverständlich nicht. Für die, denen beim Mikroprozessor nicht automatisch Fluch und Segen der Technik einfällt, sondern die sich für das Wie und Warum der Anwendung neuer Technik in den Fabriken und Büros in- teressieren, für die sei aus einem neueren ökonomischen Werk zi- tiert: Die einfache ökonomische Wahrheit --------------------------------- Wie jede Maßnahme, mit der sich der Kapitalist seinen Profit ver- schafft, ist auch die Rationalisierung eine durchgeführte K a l k u l a t i o n. Bestrebt, auf dem Markt einen Preisvor- teil zu erhalten/auszubauen oder einen Nschteil wettzumachen, drängen sich ihm die Produktionskosten seiner Ware auf. Will er mit der Konkurrenz fertigwerden und sie auf dem Markt schlagen, ohne Abstriche beim Gewinn zu machen, hat er die S t ü c k- k o s t e n zu senken. Die Differenz zwischen den Produk- tionskosten und dem erzielten Preis begrenzt seinen Spielraum auf dem Markt und verweist ihn auf die Sphären in der er diesen Spielraum ausweiten kann. Durch Veränderungen in der P r o- d u k t i o n erzielt er eine Senkung der Kosten für Maschinen, Material und Löhne. Die Rechnung, die zur Entscheidung führt, neue Maschinen anzuschaffen (dasselbe gilt für Umstellung in der betrieblichen Organisation mit nur geringer technischer Umrüstung), besteht in einem Vergleich zwischen Maschinenkosten und Lohnkosten. Die Betriebswirte haben festgestellt, daß die Steigerung der Arbeitshetze a l l e i n keinen weiteren Vorteil bringt oder am alten Gerät beim besten Willen nicht mehr möglich ist. Die Intensivierung der Arbeit, welche den L o h n anteil an den Kosten pro Stück senkt - ein Vorgang, den jeder Akkordler an der Verlängerung der Vorgabezeiten spürt -, wird mit der Einfüh- rung der neuen Technik nicht fallengelassen, sondern b e z w e c k t. Der Unternehmer hat nämlich die neue Maschine- rie nicht mit der Absicht eingeführt, um die Arbeiter zu schonen, sondem um mehr aus ihnen herauszuholen. Seine Kalkulatoren haben ihm mitgeteilt, daß durch die Verwendung der neuen Maschine die- selbe, wenn nicht eine größere Stückzahl durch weniger Arbeiter hergestellt werden kann. Sie haben ihm vorgerechnet, daß die Ko- sten, die mit der neuen Maschinerie entstehen, u n t e r den Kosten der eingesparten Arbeitskräfte liegen. (Wer meint, das könne bei den Millioneninvestitionen doch wohl kaum der Fall sein, soll nachrechnen und nicht vergessen, daß sich die Auslagen für den neuen Kram über Jahre hinweg auf eine stattliche Anzahl von Produkten verteilen - er soll sich also den Kopf des Kapita- listen zerbrechen, der sein G e s c h ä f t machen will und nicht die Welt moderner. Durch die Anwendung der neuen und "produktiveren" Maschinen fallen weniger Kosten an als durch die Löhne der Arbeiter, die überflüssig werden, Da winkt ein feines Profitchen; um es einzustreichen; hat der Herr Unternehmer nur noch e i n Problem: die Eigenschaften der neuen Technik optimal d e m Zweck zu unterwerfen für den sie eingekauft worden ist. Aus: Rationalisierung und Humanisierung (Gewerkschaftsbroschüre der MG) zurück