Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie


       zurück

       

"NATIONALE SOLIDARITÄT" MIT DER PCI

I. Außenpolitik --------------- In schöpferischer Vorwegnahme der vom amerikanischen Präsidenten aufgestellten Gleichung Kommunismus = Terrorismus hat das italie- nische Staatsoberhaupt Moskau als Drahtzieher des italienischen Terrorismus ausgemacht. Antisowjetische Volksfront -------------------------- Die Kommunisten interpretierten die Attacke des Sozialisten Per- tini, mit der alle Kritik im Interesse Italiens auf eine Kritik des Kommunismus verpflichtet wurde, als innenpolitisches Ablenk- manöver, mit der die Sozialisten "nur die nachgiebige Haltung während der d'Urso Entführung vergessen machen wollten" (Corriere della sera, 26.1.81), und akzeptierten sie zugleich als den Maß- stab, an dem gerade und ausschließlich sie sich zu messen haben - und messen können. Empört darüber, daß ihnen ihre jahrelange, aufopferungsvolle Kampagne gegen Terroristen und alle anderen 'staatsfeindlichen linken Umtriebe' so wenig gedankt wurde, for- derten sie die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungs- ausschusses, da man schließlich bei der Prüfung, daß an dem von Pertini geäußerten "Verdacht" nichts dran sei, keineswegs schlu- dern dürfe. Als wäre dessen Angriff nicht eine politische Wil- lenserklärung, fordern sie die Gelegenheit, vor dem Richterstuhl der Nation ihre Unschuld in Sachen Staatsgegnerschaft zu bewei- sen. Auch sonst läßt sich die PCI nicht lumpen, um sich aus dem Ruch der Moskauhörigkeit zu befreien. Dabei legt jedes Dementi gegen Fragen wie: "Warum brechen Sie niemals mit der SU?... Und wenn der Faden (der Beziehungen) zur SU eine Nabelschnur wäre, die die PCI nicht durchschneiden kann?" (Fallaci-Interview mit Berlinguer; Corriere della sera, 26.1.81) nur die Bestätigung des unwiderleglichen, weil gewollten, Ver- dachts nahe, das Dementieren gerade deshalb besonders nötig zu haben, weil es nicht ernst gemeint sei. Die conditio sine qua non jeder weltpolitischen Stellungnahme der italienischen Kommunisten ist daher die Verurteilung der Russen - und damit beginnen sie mittlerweile jedes Statement, auch wenn sie mal nicht danach ge- fragt worden sein sollten und auch in ihren eigenen Parteipubli- kationen. Der Tenor ihrer ü b e r parteilichen, nämlich im Namen des Staats daherkommenden Kritik lautet, daß eine jede Souveräni- tät es um ihrer selbst willen verdient, daß man sie achtet. End- lich Schluß mit dem "Export des russischen Revolutionsmodelles" fordert man anläßlich Afghanistans: "Deshalb sprechen wir von einem neuen Internationalismus, der von der Anerkennung der Unterschiede und auch von der Möglichkeit, verschiedene Erfahrungen zu machen, ja sogar die eigenen Fehler begehen zu können, ausgeht. Etwas ganz anderes ist es hingegen, wenn sich ein Land dem anderen aufzwingt oder wenn eine proleta- rische Avantgarde oder revolutionäre Minderheit sich gegen eine Bevölkerung in ihrer Gesamtheit durchsetzt." (Pajetta) Daß die italienischen Kommunisten den in "schwierigen Zeiten" um so erforderlicheren "Dialog" mit den kritikbedürftigen russischen Partnern in dem Bewußtsein suchen, wann er abzubrechen sei, haben sie mit ein paar unfreundlichen diplomatischen Akten seitdem klargestellt: - im Dezember letzten Jahres wurde dem in Italien weilenden so- wjetischen Delegierten Wladimir Sagladin mitgeteilt, daß die PCI im Falle eines Einmarsches nach Polen die Beziehungen zur SU ab- brechen werde; - am diesjährigen Parteitag der KPdSU nahm nicht wie üblich Parteichef Berlinguer teil. Stattdessen verlas der außenpoliti- sche Sprecher seiner Partei, Giancarlo Pajetta, die Hetze gegen die SU. Nationale Friedensunion ----------------------- Auf der anderen Seite versuchen sie das "weltpolitische Kräfte- verhältnis" mit dem für die Kommunisten typischen und sie aus- zeichnenden Blick für die Realitäten als Chance zu ergreifen, den Nationalismus überzeugender als die politischen Konkurrenten un- ter Beweis zu stellen. Wenn "man sich der Realität des Wiedererwachens der Nationen, des Na- tionalgefühls nicht widersetzen kann" (Berlinguer), dann muß man es für sich ausnutzen, indem man nicht mur mit einer Kritik der SU Punkte für sich zu sammeln versucht. Schließlich kann man ja dem Gegner in dieser Frage und auch sonstwo damit kontern, daß er sich "auf nichtssagende und sklavische Weise den extremistischen Posi- tionen der USA" (Berlinguer) unterordnet - das wohlverstandene Interesse einer vielsagenden Bedeutsamkeit der Nation also bei ihm schlecht aufgehoben ist. Gerade die Distanzierung vom sowjetischen Einmarsch in Afghani- stan ist dann keine schlechte Gelegenheit, endlich einmal zur Sprache zu bringen, daß die USA im Prinzip mit E u r o p a das- selbe anstellen: Es ist "das politische Ziel der USA, die Tendenz Europas zur Wahrnehmung einer autonomen Rolle in den internationalen Bezie- hungen zu blockieren." (Bufalini) Unter der Parole "Gegen j e d e beschränkte Souveränität" ver- sucht so die KPI die Italiener für einen m o d e r a t e n An- tiamerikanismus zu erwärmen: "Die Position der IKP ist also keine neutrale Position. Sie ist es nicht, weil sie die Zugehörigkeit zum Atlantischen Pakt ver- tritt, obwohl sie zugleich die Notwendigkeit einer autonomen Rolle Italiens und Europas sieht und unterstreicht." (Bufalini) Jeder Kritik an den USA wird so nicht nur die positive Funktion des westlichen Bündnissystems für Italiens weltpolitische Sicher- heit vorangeschickt: "...die Nato sei ein 'nützlicher Schutzschild für den Aufbau des Sozialismus in Freiheit'. Berlinguer erklärte anschließend wort- lich: 'Ich fühle mich auf dieser Seite sicherer'." (Leonhard, Eu- rokommunismus) Sondern die Kritik selbst bestebt im wesentlichen darin, Ver- ständnis für die "Großmachtpolitik" der Amis zu bekunden, wobei die USA w i e die UdSSR als "Großmacht" zu bestaunen sind, ge- genüber deren Schwierigkeiten, gemeinsam den Frieden zu sichern, der kleinliche, "nichtssagende" politische Alltag Italiens ebenso in den Hintergrund rückt, wie sie Italien auf ganz neue Weise fordern: "Wir gehen von der Anerkennung der entscheidenden Weltfunktion aus, sowohl der USA als auch der UdSSR zum Zwecke der Friedenser- haltung und der Lösung der großen Probleme des Fortschritts auf der Welt." Die Tatsachen jedoch beweisen, "daß sich zwischen den beiden großen Weltmächten eine negative Aktions- und Retorsions- spirale in Gang gesetzt hat, die Gefahr läuft, unkontrollierbar zu werden, die Resultate der Entspannung zu beseitigen und die Gefahren für den Frieden unermeßlich werden zu lassen." (Berlinguer) Wenn der Frieden auf dem Spiel steht, so ist es nicht nur eine unverzeihliche Sünde der DC, den Italienern dies nicht ebenso un- mißverständlich wie der bewunderte Helmut mitzuteilen - als ob nicht die DC mit ihrem Sparprogramm den Italienern ihren Beitrag zum Frieden abverlangte. Vielmehr wird es zur nationalen P f l i c h t der Kommunisten, mit dem Gerede von der "möglich gewordenen Kriegsgefahr" in den Wahlkampf zu ziehen: "Wir können und dürfen den Griff von dieser Sache nicht mehr loc- ker lassen, nicht einmal, das ist klar, im nächsten Wahlkampf." (Natta) Die PCI möchte sich so nicht nur als Verdienst anrechnen, tatsächlich als erste die Italiener mit den weltpolitisch auf sie zukommenden Notwendigkeiten vertraut gemacht zu haben. Ihre Lei- stung besteht nicht zuletzt darin, mit der Angabe eines Auswegs aus den apokalyptisch beschworenen Dilemmata dem Nationalismus der Italiener zu schmeicheln, ohne sich dabei selbst gänzlich der Lächerlichkeit preiszugeben: Europa wird mit der Wiederherstel- lung des verlorengegangenen Gleichgewichts beauftragt. Es ist notwendig, "daß sich die Initiative der anderen Staaten und anderen Kräfte einschaltet, die es verstehen, für die Entspannung zu wirken und um so eine schnellstmögliche Wiederaufnahme des Dialogs zwischen den beiden 'Großen' zu begünstigen - zum Ziele einer Ordnung, nicht nur der Koexistenz, sondern auch der friedlichen Zusam- menarbeit zu entwerfen, die die freie und selbständige Mitwirkung aller großen und kleinen Staaten kennt." (Berlinguer) "Europa muß seine Rolle übernehmen, die heute vollkommen anders liegt als in vergangenen geschichtlichen Augenblicken. Zu diesem Europa gehört auch unser Land, und zu unserem Land gehört unsere Partei." (Pajetta) "All das bedeutet, daß die Aufgabe, die Sache des Europagedan- kens, und das heißt, eine positive Weltfunktion des Europas unse- rer Tage, zu verteidigen und voranzubringen, nicht von den alten herrschenden Gruppen erfüllt werden kann. Diese Aufgabe geht auf die Arbeiterbewegung und die Volks- und demokratischen Kräfte je- der Orientierung über..." (Berlinguer) Eine Volksfront für ein starkes Europa, das sich selber als sou- veräne W e l t (f r i e d e n s) m a c h t aufführt, das ist die Opposition, die Italiens Kommunisten gegen eine Regierung aufmachen, die über EG und NATO doch längst am Imperialismus be- teiligt ist. Daß man tatsächlich der Vorreiter Europas ist, be- weist man der Öffentlichkeit an den Früchten der eigenen Frie- densdiplomatie; und die bedeutet für diese Paradeeuropäer einer- seits das Eintreten für eine solidarisch kritische Rolle der Na- tion im Bündnis und andererseits die Agitation der Massen für einen Appell an die Verantwortung der vereinten europäischen Po- litiker. Deshalb besteht auch die ganze praktische Aktivität der KPI g e g e n den als Großmacht bedauerten Hauptfeind Nr. 1 darin, eine Großkundgebung von 200000 f ü r den Frieden auf die Beine zu stellen, auf der folgende aparte Maßnahmen der Friedenssiche- rung jedem einzelnen der Teilnehmer als seine Aufgabe ans Herz gelegt wurden: "Berlinguer nannte ein Beispiel, indem er die von den Frauen des XVI. Bezirks in Rom unternommene Initiative einer Unterschriften- samnnlung für eine Volkspetition für Frieden und Abrüstung an- führte, die anschließend ins Europaparlament in Strasbourg ge- bracht wurde. Das ist ein Gebiet, auf dem wir unsere umfangreiche kreative Fähigkeit ausweiten müssen: vom Rundfunk bis zum Fernse- hen, ... den geduldigen Informationen 'von Tür zu Tür', ... den an die Zeitungen zu richtenden Briefen. Alle... müssen sich in diese Richtung in Bewegung setzen, so viele Menschen wie nur mög- lich einbeziehend, dabei auch an die Pfarrei klopfend..." (Berlinguer) Die KPI tut das Ihre, wenn sie im Parlament gegen die Stationie- rung der amerikanischen Pershing-Raketen mit dem konstruktiven Hinweis Stellung nimmt, "man verschiebe diese Entscheidung und fordere gleichzeitig die UdSSR dazu auf, die Produktion und Installation der SS-20 zu stoppen.", und die Unmöglichkeit einer Demonstration dagegen der PSI anla- stet, die nicht mitgemacht hätte. Daß sie für die Nachrüstungsbe- schlüsse im Interesse Italiens stimmt, ist Ehrensache - denn der Frieden darf ebensowenig leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden wie die Glaubwürdigkeit der KPI. II. Innenpolitik ---------------- Die Alternativen gegen den angeblich uneuropäischen Ausverkauf italienischer Interessen an die Amis zeitigen allerdings nur eine Konsequenz: Das Nationalgefühl, zu dessen "Wiedererweckung" die PCI dem Volk gratuliert, wird so nicht nur von der DC, sondern auch durch sie nach Kräften gestärkt. Nicht-mehr-Opposition... ------------------------ Gerade weil es darauf mehr denn je ankommt, wird diese Leistung von der Regierungspartei um so weniger honoriert, je mehr die PCI Fortschritte in der Betonung der Schlagworte 'Volkseinheit' und 'Friedensmacht' auf den letzten Silben macht. Daß man Leute nicht an der Regierung beteiligen darf, die einen Alleinvertretungsan- spruch auf Demokratie gepachtet haben, versteht sich unter regie- renden Demokraten von selbst, um so mehr, als jeder Beweis der eigenen parteipolitischen Kalkulation mit der Macht die kommuni- stische Partei zum Verzicht auf parteipolitische Machtansprüche bewegt. "Intoccabilita" (Unberührbarkeit) heißt daher jetzt die Parole, wobei sich die in der Regierungskoalition zusammengefun- denen demokratischen Parteien mit vereinten Kräften um die Aufla- gen kümmern, die aus dem innenpolitischen Paria keinen Demokraten machen und dies auch gar nicht sollen: "... die 'Rückgewinnung' der IKP für die 'Demokratie', für den 'Westen'... 'die DC wünscht die Evolution der IKP', anerkennt die neuen Fakten in der Politik der IKP, die Reifung jedoch kann man nicht als abgeschlossen bezeichnen..." (Forderungen des DC-Par- teitags '80) Das Schöne an derlei Entwicklungen heutzutage ist, daß sie die Kommunisten zu gar nichts mehr b e r e c h t i g e n; man also nicht einmal dem Anschein nach mehr von ihnen V o r leistungen verlangt, d a m i t man dann noch einmal wohlwollend die Ent- scheidung überdenkt, nicht zusammen mit ihnen regieren zu wullen. Schließlich ist mit der offiziellen Aufkündigung des Historischen Kompromisses, der für die DC sowieso nie einer war, der PCI die R e g i e r u n g s f ä h i g k e i t bestritten worden. So nutzt die DC die moskaufeindliche Konjunktur des Weltgeschehens, um mit der Inkrimierung des innenpolitischen Gegners als poten- tiellem Staatsfeind in der Parteienlandschaft für klare Verhält- nisse zu sorgen - mit der Berechnung, daß die PCI auch diesen Verdacht wieder als Verleumdung durch den p r a k t i s c h e n Beweis ihrer b e d i n g u n g s l o s e n Verpflichtung auf die Beförderung des Staatswohls zu entkräften versucht und sich gerade dadurch verdächtig macht: welche demokratische Partei hat das schon nötig. So sehr daher die italienischen Demokraten im Sinne der Reagan- Direktive die Kommunisten in ihre Schranken weisen - dies wurde ihnen schon vorher von den Kommunisten selbst förmlich aufge- drängt. Die von der PCI aufgrund einer "Notstandssituation" in Italien beschlossene Politik der einseitigen Fortsetzung des Hi- storischen Kompromisses, nun aber ohne den Anspruch auf Teilnahme an der Macht - "Wir sind nicht mehr in der Opposition, aber noch nicht in der Realisierung." (Berlinguer) - hatte nämlich der Regierung die Bereitschaft signalisiert, sie auf jeden Fall im Interesse des großen Ganzen kritisch zu unter- stützen. ...in kritischer Solidarität mit der Regierung ---------------------------------------------- Die PCI-Absichten wie die wirtschaftspolitischern Erfolge, welche die Regierung mit ihrer Unterstützung verbuchen konnte, kann man der Kritik Amendolas (Mlitglied der PCI-Leitung) an der PCI und den Gewerkschaften unschwer entnehmen, da die DC nicht schöner lügen könnte, was in Italien noch im Argen liegt: "Weder hätte die PCI ihre Linie 'Austerität f ü r die Transfor- mation' noch die Gewerkschaften ihr Programm der Mäßigung bei Re- allohnforderungen zugunsten der Wirtschaftsprogrammierung wirk- lich befolgt. Stattdessen seien die Löhne m e h r a l s die Lebenshaltungskosten gestiegen, und die 'p r o d u k t i v e Umstrukturierung der italienischen Wirtschaft sei eine verbale Forderung geblieben. Im größeren Teil des Landes herrsche V o l l b e s c h ä f t i g u n g," (bei mehr als 1 Mio. Ar- beitslosen) "aber das willkürliche 'K r a n k f e i e r n' sei v o n der Arbeiterbewegung nicht bekämpft worden. Die bankrot- testen Staatsbetriebe würden mit S u b v e n t i o n e n erhal- ten, statt eine gewerkschaftlich kontrollierte M o b i l i t ä t der Arbeit zu fördern. Sozialbeiträge würden a u f d e n S t a a t überwälzt, die g l e i t e n d e L o h n s k a l a sei immer noch nicht revidiert." (Referiert nach: Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus 1-80) So hat die PCI der DC nicht nur keine Steine in den Weg gelegt, sondern in den letzten Jahren so ziemlich alle ausgeräumt, weil sie so sehr für ein ordentliches, effektives Staatswesen ist, daß sie beim Anblick des italienischen Staates an ihre Erfindung des Staatsruins glaubte, und ihre Arbeiterorganisation, die mitglie- derstärkste Gewerkschaft CGIL zur "Rettung des Staates" in vielen Fällen mit gutem Beispiel vorangehen, d.h, sich gegen Streiks aussprechen ließ. So sind unter ihrer tätigen Anleitung die ar- beitenden Massen unter Lebensbedingungen gesetzt worden, die über deren Ruinierung den Staat florieren lassen. Dafür verhalf man ihnen zu dem nötigen staatsbürgerlichen Bewußtsein, daß in diesen schweren Zeiten der Staat der Fürsprache und Anteilnahme seiner Bürger bedürfe, jede Form von Staatsgegnerschaft daher terroris- musverdächtig sei und die Aufgabe von ordentlichen Kommunisten vor allem darin bestünde, den Vorreiter in der Säuberung des Staates von radikalen Elementen zu machen und der Regierung in d i e s e n Fragen V e r s a g e n vorzuwerfen. Das Ergebnis dieser Politik für die PCI ist alles andere als ein Fortschritt auf dem Weg zu der für die Staatssanierung erforder- lich erachteten E i n h e i t mit der DC - der man als P a r- t e i in Gestalt ihrer "korrupten und unfähigen" Elemente die Schuld für den staatlichen Notstand anlastete, um ihr als R e g i e r u n g, die jedermanns Unterstützung verdient hat, unter die Arme zu greifen. Trotz bzw. wegen der angestrengten Be- weise, daß sie an das eigene Programm, die mögliche Einheit aller für Italien verantwortlichen Kräfte, glaubt, steht sie jetzt als isolierter T e i l in der Parteienlandschaft rum. Solcher Verbannung in die Rolle der Opposition - und auch noch der ewig der Verantwortungslosigkeit verdächtigten - begegnet die PCI in korrekter Anwendung des über alle Fährnisse wechselnder Kräfteverhältnisse erhabenen kommunistischen Lehrsatzes: 'Sie sind auf mich nicht angewiesen, aber ich auf Sie. Merken Sie Ih- nen das!' Wenn in derart böswilliger Gehässigkeit ihre wahren Absichten nicht nur verkannt, sondern in Abrede gestellt werden, dann ist doch die Opposition die beste Gelegenheit für deren Beweis, weil man sie für nichts anderes ge-, nämlich nicht "miß-brauchen" will. So gesehen war man dann schon immer oppositionell und hat konsequent den Historischen Kompromiß aufgekündigt und sich zu einer "neuen oppositionellen Linie" entschlossen, in der Kommu- nismus endgültig mit dem Ideal einer nationalen Sammelbewegung für die Rettung der 'Handlungsfähigkeit' der Regierung zusammen- fällt: "Wir haben eine großangelegte Initiative gestartet, die DC auf ihre Verpflichtungen zu drängen. Doch jetzt ist zum erstenmal (?) das Risiko einer institutionellen Krise bis bin zum Kollaps der Republik Wirklichkeit geworden. Es gilt, einen solchen Kollaps zu verhindern. Die DC liefert den Beweis der Unfähigkeit, dem Land ein Minimum an politischer und moralischer Führung zu geben. Des- halb ist eine Regierung unter Vorsitz der DC jetzt untragbar ge- worden." (Berlinguer) Denn für die "Wiedergeburt" einer wahrhaft einigen Nation gilt es den wahren Geut der DC gegen seine Deformierung zur Parteipolitik zu retten: "Der Kampf für eine Wiedergeburt ist auch der Kampf gegen die DC, zur Befreiung der Kräfte der katholischen Welt für eine stärkere Einheit der Linken, zur Vereinigung aller Kräfte, die sich in diesen Jahren erneuert haben, auch derer außerhalb der Parteien." Der Kampf gegen die Fiktion einer kollabierenden Republik ist das von den Kommunisten ersonnene Mittel, den Christdemokraten und darüber ganz Italien zu bedeuten, daß die Kommunisten nie vom tu- gendhaften Pfad demokratischen Zusammenstehens in der Stunde der Not abgewichen sind und abweichen werden, erst recht nicht, wenn alle anderen sich dem PCI-Credo entziehen, daß man den Staat aus seiner institutionellen Dauerkrise erlösen müsse. Dann muß die vom Mitmachendürfen ausgeschlossene PCI der DC vorrechnen, was sie zu tun hätte - und ihr weiterhin praktische parlamentarische Unterstützung bieten: "Das Problem ist vor allem jenes...: wie bringt man diese Politik voran: Wir müssen uns bemühen, diesen Plan der Veränderung zu ei- nem Massenfaktor werden zu lassen. Das heißt auch, daß die Kommu- nisten g e g e n ü b e r der D C beabsichtigen, ihre k r i- t i s c h e Aktion, ihren politischen Kampf weiter voran- zuführen... und das mit zwei bestimmten Zielen: ein für unsere Partei und für die Linke g ü n s t i g e r e s K r ä f t e- v e r h ä l t n i s verwirklichen und eine Änderung der Ziele und der Richtung der DC bewirken... Natta hat präzisieren wollen: wir nehmen die Position ein, die uns am korrektesten und stärksten erscheint, gerade um dem Kampf für eine Politik und eine Regierung des demokratischen Bündnisses wieder Schwung und Leben zu verleihen." (Natta) Wenn die PCI nämlich unter ihrem Programm des nationalen Not- stands die Politik der DC daraufhin kritisch abklopft, was diese zu dessen Beseitigung beiträgt, dann will sie gerade als ernst- hafte Oppositionspartei nicht die Augen vor dem Umstand ver- schließen, daß es kaum eine Maßnahme gibt, die nicht erforderlich wäre zur Rettung Italiens und von ihr als ein mehr oder weniger großer Schritt in die richtige Richtung interpretiert werden kann. Konstruktive Vorschläge ----------------------- Anders als eine demokratische Partei, die auf Basis des Konsenses aller Demokraten munter über die andere herzieht, sie der Ruinie- rung des Staatswesens verdächtigt, ohne befürchten zu müssen, daß irgendeiner diesen Vorwurf für bare Münze nimmt, und die deshalb die Retourkutsche gelassen einsteckt, lassen die italienischen Kommunisten nicht einmal ihrer konstruktiven Kritik freien Lauf und schimpfen drauflos. Schließlich wollen sie sich ja gerade in der Oppositionsrolle aus dem Ruch des ewigen Nörglers befreien. - So hat die PCI seit ihrer Kurskorrektur alle wirtschaftspoliti- schen Maßnahmen der DC-Regierung unter dem Vorbehalt unterstützt, daß ihr noch was Effektiveres eingefallen wäre. Zuletzt begrüßte sie die im Wirtschaftsplan des Haushaltsministers La Malfa vorge- sehene "einmalige" 5%-Abgabe (= 5% auf die 1981 von jedem Steuer- pflichtigen zu entrichtende Steuer) für den "Wiederaufbau" des Erdbebengebiets als Tat der "nationalen Solidarität". - Darüberhinaus unterstützte sie die Regierung, die, um das Durchboxen all ihrer Entschlüsse dringlich zu machen, diese je- weils mit der Vertrauensfrage verband, wahrhaft selbstlos, als der die nötigen Stimmen aus dem eigenen Lager fehlten, weil DC- Abgeordnete - wohl in dem Bewußtsein, daß auf die PCI Verlaß ist - daheimblieben. Der Vorschlag Andreattas, die Renten nur unter der Bedingung zu erhöhen, daß sie nicht vierteljährlich im Rahmen der scala mobile, sondern nur im Halbjahresrhythmus, an die In- flationsrate angeglichen werden, wurde von den Kommunisten, die die 1/4-jährliche Angleichung befürwortet hatten, mitgetragen. Ihre Gegnerschaft gaben sie mit der Begründung auf, nicht mit den Faschisten, der einzigen Opposition, in einen Topf geworfen wer- den zu wollen. Ob soviel Entgegenkommens war der Haushaltsmini- ster gerührt; er bot von selber einen 4-monatigen Kompromißvor- schlag an, mit dem die Regierung immer noch 4 Mrd. DM einspart. "Diese Initiative der Regierung hat ein nicht nebensächliches po- litisches Resultat. Sie hat die PCI, einem der entscheidendsten Verhandlungspartner im Oppositionsbereich, dazu geführt, sich dem Problem des grundsätzlichen ökonomischen Gleichgewichts im Haus- halt zu stellen. Die Kommunisten haben ihre Forderungen von 5000 auf 3000 Mrd. Lire reduziert. Was mir wichtig erscheint, ist, daß die Partei, die ein Drittel der Italiener repräsentiert, die Sachzwänge und die Regierungsentscheidungen in der staatlichen Haushaltspolitik akzeptiert, was in einer gewissen Weise die Re- gierungskultur der größten Oppositionspartei bestärkt. Deshalb habe ich meinen Reformvorschlag zurückgezogen. Ausgehend davon, daß sich die PCI selbst verpflichtet hatte, sich wenigstens einen Teil der Sorgen des Schatzmeisters zueigen zu machen, schien es mir eine unnötige Arroganz, es bis zum Bruch der Verhandlungen kommen zu lassen. Schließlich haben die Kommunisten auch erklärt, daß, wenn ihre Vorschläge zu Fall gebracht worden wären, sie für die der Regierung gestimmt hätten. Das scheint mir ein keineswegs unzufriedenstellendes politisches Resultat zu sein." (Schatz- meister Andreatta) - Und so hat sich die PCI auch bei der "Bewältigung" des Erdbe- bens beispielhaft hervorgetan. Wo im Wirtschaftsplan der DC vor- gesehen ist, diejenigen Arbeitslosen auszuheben, die "für den Wiederaufbau im Erdbebengebiet geeignet sind", macht die PCI den konstruktiven Vorschlag, wie die Verwendung des - nach ihrer An- sicht noch stärker auszumusternden - Arbeitsvolks praktisch zu organisieren sei. Für die nationale Solidarität ab marsch ins Ar- beitslager! "Subjekte dieses Wiederaufbaus müßten die jugendlichen Massen sein, die in Arbeitskooperativen vereint werden." (KPIler Tren- tin) In Neapel steckt der kommunistische Bürgermeister Leute, die ge- gen die Art ihrer Behandlung demonstrierten, kurzerhand in den Kerker; sehr zu recht, befand der kommunistische Gewerkschafts- führer Lama: "Diese sind keine echten Arbeitslosen, sondern Leute, die vom Staat leben wollen." So wird in Italien von der PCI der schöne Beweis mitgeführt, daß Opposition in der Demokratie eine überflüssige Institution ist, da die Nationalkommunisten nicht einmal mehr parlamentarische An- griffe auf die bürgerliche Regierung starten wollen, weil sie darin eine der vielen Gefahren für das über alles geschätzte Ge- meinwesen sehen, die sie von ihm abwenden wollen. Die DC stellt ein ums andere Mal und mit zunehmender Unverfrorenheit klar, daß die Macht in ihre Hände gehört, weil sie die Regierungspartei ist, und von der PCI die Unterstützung als Dank für alle Angriffe auf sie erwartet wird. Und die PCI gibt der Regierung recht, in- dem sie ihre Oppositionstätigkeit darauf beschränkt, diesen Vor- wurf durch Mitarbeit zu entkräften und den Erwartungen im Namen Italiens gerecht zu werden. zurück