Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie


       zurück

       30 Jahre Zuchthaus für Toni Negri
       ---------------------------------
       
       und ein  paar hundert  Jahre mehr  für 50  weitere Mitglieder von
       A u t o n o m i a  O p e r a i a  (= Arbeiterautonomie), die seit
       dem 7.  April 1979  im Knast sitzen. Damals ließ der Staatsanwalt
       Calogero (Mitglied  der PCI)  in einer  "Blitzaktion" die gesamte
       Führung von  A. O.  verhaften mit  der Beschuldigung,  bei dieser
       linksradikalen Organisation, die in Betrieben, Stadtteilen und an
       den Hochschulen  für die  "organisierte proletarische Revolution"
       agitierte, handle  es sich in Wahrheit um die "legale Infrastruk-
       tur der Roten Brigaden" und der paduanische Staatsrechtsprofessor
       Negri sei das "Hirn" hinter der Entführung und Ermordung Aldo Mo-
       ros.   D i e s e  Anklage wurde fallengelassen, nachdem der Kron-
       zeuge Peci  Negri entlastete  und man seine "Glaubwürdigkeit" für
       die Schauprozesse  gegen die Brigate Rosse uneingeschränkt erhal-
       ten wollte.  Ab 1981 bastelte die Staatsanwaltschaft an einem De-
       likt "Vorbereitung  zum bewaffneten Aufstand gegen den Staat" und
       stützte sich  dabei auf die  S c h r i f t e n0  Negris. Weil da-
       bei  diverse   Lenin-   und   Marxzitate   aus   Negris   Büchern
       "versehentlich" in die Akten der Ermittlungsbehörde gerieten, er-
       regten sich  Teile der  italienischen Öffentlichkeit  über Gesin-
       nungsstrafrecht, und der neue Chefankläger Marini ließ den Ankla-
       gepunkt "bewaffneter  Aufstand" fallen.  1982 -  wohlgemerkt nach
       bereits 3 Jahren Untersuchungshaft präsentierte die Staatsanwalt-
       schaft den  Kronzeugen Fiorini,  der Negri und weitere Führer von
       A. O.  als "Auftraggeber" einiger Gewalttaten (Mordversuch an Po-
       lizisten, Entführung,  Banküberfall), die  man bisher den Brigate
       Rosse und der Prima Linea zugeschrieben hatte, belastete. Fiorini
       wurde auf freien Fuß gesetzt, mit neuen Papieren ausgestattet und
       ist kurz vor Prozeßbeginn "spurlos verschwunden".
       Allein seine  Aussagen in  Polizeiprotokollen und  Schriftstücken
       der Staatsanwaltschaft  dienten dem  Gericht als  Beweis, daß  es
       sich bei Negri und Genossen um "ganz normale, gewöhnliche Verbre-
       cher" handelt.  Negri, der bei den Parlamentswahlen 1983 über die
       Liste der  Radikalen Partei  gewählt und  wegen der damit verbun-
       denen Immunität  freigelassen werden mußte, wartete die Aufhebung
       seiner Immunität  durchs Parlament  nicht ab,  sondern floh  nach
       Frankreich. Italien  betreibt nun aufgrund des Urteils seine Aus-
       lieferung.
       Der  angeblich   so  schlappe  italienische  Staat  hat  mit  dem
       "processo 7  aprile" nach  der Zerschlagung der Brigate Rosse und
       anderer "terroristischer Organisationen" ein europäisches Vorbild
       für die  Austrocknung des  ganzen "terroristischen  Umfeldes" ge-
       schaffen. Mit der Verhaftung der "Führung" ist die gesamte Arbei-
       terautonomie, also Tausende von Betriebsräten, Gewerkschaftem und
       sympathisierenden Arbeitern,  zu Mitgliedern  einer  "subversiven
       Vereinigung" erklärt  und zur Strafverfolgung freigegeben worden.
       An den  Universitäten führte  der bloße Verdacht einer Autonomia-
       Operaia-Mitgliedschaft zur Relegation und die Carabinieri schlos-
       sen Buchläden, Sender und Stadtteillokale der Autonomia. Die Mit-
       arbeiter der weitverzweigten A. O.-Presse haben Unterstützer-Pro-
       zesse -  Hals und  die Aktivitäten  der "Nachfolgeorganisationen"
       beschränken sich  auf Solidaritätsaktionen  und materielle  sowie
       juristische Unterstützung  für Inhaftierte,  Angeklagte und deren
       Angehörige.
       Für die italienische Öffentlichkeit geht die Zerschlagung von Au-
       tonomia Operaia  im Prinzip in Ordnung. Die PCI hat sie als erste
       gefordert, mit  ihren Leuten  im Justizapparat  angeleiert und in
       ihrer Presse  gefeiert. Der  staatliche Gewaltapparat kam ihr als
       schlagendes Argument  gegen eine  linke Konkurrenz  sehr gelegen.
       Die Radikale  Partei benutzte Negri als Symbol für ihre Forderung
       nach einer  "Reform des  'Untersuchungshaftsystems" und  war sehr
       verärgert, als Negri abhaute, statt weiterhin als  O p f e r  zur
       Verfügung zu  stehen. Ein paar Abgeordnete der Sozialisten halten
       das Strafmaß  für   ü b e r t r i e b e n,    weil  A.  O.  keine
       "Gefährdung der  Demokratie" mehr darstellt und die hohen Strafen
       zu sehr nach  R a c h e  aussehen.
       Und die  Freunde Italiens  unter den  Freiheitsfreunden der NATO-
       und EG-Verbündeten? Für sie ist der Prozeß kaum der Rede wert ge-
       wesen.   In    Italien   ist    schließlich    eine    lupenreine
       D e m o k r a t i e   am Aufräumen,  und für  eine solche  zählen
       auch mittlerweile 1500 politische Gefangene (übrigens mehr als zu
       Mussolinis  Zeiten,   wie   der   italienische   "Spiegel",   der
       "Espresso", nachgerechnet  hat) zu  den vergleichsweise  billigen
       Kosten  der   Freiheit,   zumal   sie   jetzt   weitgehend   alle
       "rechtskräftig und mittels ordentlicher Prozesse" verurteilt wor-
       den sind.  Davon könnte  sich die  Türkei eine  Scheibe abschnei-
       den...

       zurück