Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie
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Italien
DER "GESTEUERTE SKANDAL"
Der Ministerpräsident veröffentlicht - nachdem er alle Beteilig-
ten über sein Vorhaben informiert hat, so daß der "große
Gschaftlhuber" Gelli in aller Ruhe nach Argentinien verduften
kann - die Mitgliederliste der Freimaurerloge, P 2. Jedermann hat
es nun schwarz auf weiß: In Italien gibt es tatsächlich eine Or-
ganisation, die n e b e n den demokratischen Institutionen des
Parlaments, Militärs, Geheimdienstes, Bankwesens etc. existiert,
und i n der 962 Mitglieder eben jener erzdemokratischen Insti-
tutionen versammelt sind. Bis auf die Angehörigen der kommunisti-
schen und radikalen Partei traf sich hier alles, was Rang und Na-
men hat: Faschisten, Sozialisten sowie Mitglieder aller anderen
Parteien des Regierungsbündnisses nebst Generälen und den Chefs
der Geheimdienste und schließlich und endlich Geschäftsleute,
Bankiers und ihre staatliche Kontrollinstanz, der Chef der Fi-
nanzpolizei.
Formen demokratischer Herrschaft in Italien...
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Angesichts dieser überzeugenden Tatsachenlage sind dabei die paar
nicht allzu schwer zu ermittelnden Wahrheiten über die italieni-
sche Politik
kein Skandal.
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Offensichtlich wird in Italien so Politik gemacht, daß sich die
herrschenden Kreise nicht auf ihre parlamentarischen Zusammen-
künfte verlassen, damit die Politik dort in ihrem Sinne läuft.
Warum sonst wohl sollen sie in "Geheimorganisationen" wie der P 2
ihre Beziehungen pflegen? Damit garantieren sie sich, daß unab-
hängig vom demokratischen Procedere, unabhängig von irgendwelchen
mißliebigen Wahlausgängen beispielsweise, die Politik gemäß ihren
Interessen gemacht wird. Dabei sind sie in der Definition ihrer
Interessen nicht so kleinlich, wie ihre Kritiker sich die vorzu-
stellen belieben: Absahnen und nochmal absahnen! Schließlich sind
sie R e p r ä s e n t a n t e n des öffentlichen Lebens, und
die kennen nun mal auch in Italien nichts Schöneres, als weiter-
hin repräsentieren, d.h. bestimmen zu dürfen, was sie unter dem
Allgemeinwohl verstehen - daß damit für das Wohl der herrschenden
Klasse aufs trefflichste gesorgt ist, versteht sich dann wohl von
selbst. Darin können wir keinen gravierenden Unterschied zu hie-
sigen Verhältnissen erblicken. Für die Regierten kommt es
schließlich aufs selbe raus, ob sie ein Sparprogramm von einer
bundesrepublikanischen Regierung verpaßt bekommen, die zu ihrem
weisen Entschluß gelangt, nachdem sie sich in aller Öffentlich-
keit mit den Spitzen von Wirtschaft und Gewerkschaft ins Benehmen
gesetzt hat und letztere innerhalb, der politischen Parteien aus-
giebig die Gelegenheit nutzten, ihre Interessen über ihre Vertre-
ter zur Geltung zu bringen und aufeinander abzustimmen, so daß
dann hinterher die Regierung ganz korrekte Ausschreibungen an-
setzt, an denen sich immer die eine Seite bereichert. Oder ob von
einer italienischen Regierung derselbe Beschluß so geregelt wird,
daß alle, die was zu vermelden haben, ihre Ansprüche nicht so
sehr in, sondern vor allem außerhalb des Parlaments ausmauscheln,
so daß sie sich die Ausschreibungen auch mal schenken, weil sie
schon vorher geklärt haben, wer den Auftrag kriegt. Daß diese
Form der Herrschaft keinen anderen Inhalt hätte, als dauernd das
Geld für die Bonzen einzutreiben:
"Nur für die italienischen Normalverbraucher blieb leider nichts
übrig." (= vom Schmiergeldstrom!) "Sie müssen den Lebenswandel
ihrer Führer mit den höchsten Spritpreisen in Europa bezahlen
1,85 Mark für den Liter Super. Irgendwer muß das ja alles bezah-
len.",
halten wir allerdings für ein Gerücht. Erstens können es die Re-
präsentanten deutscher Wertarbeit in Sachen Luxus lässig mit den
Spaghettis aufnehmen. Deshalb besteht zweitens der Unterschied
auch nicht in der Wirkung auf die Beherrschten, sondern ist einer
in der Organisationsform der Herrschaftsausübung. Wenn die ita-
lienische herrschende Klasse sich neben den demokratischen Insti-
tutionen eine Extra-Abteilung Politik einrichtet, dann wird dort
einerseits nichts anderes verhandelt als bei uns i n den Par-
teien (welches Mittel auch einem italienischen Politiker nach wie
vor unbenommen bleibt) - schließlich verständigen sich ja dort
alle Interesenten darüber, welche Politik man mit und in den de-
mokratischen Institutionen verfolgt: Angefangen bei der Terrorbe-
kämpfung über das Verhältnis zu den Faschisten bis hin zur Kre-
ditvergabe und anderen Modalitäten des Geschäfts einigt man sich
hier auf einen gemeinsamen Kurs. Andererseits ist mit der Exi-
stenz solcher Clubs wie der P 2, in der die Regienngspolitiker
mit Militärs, Geheimdienstlern und Geschäftsleuten über "das
Schicksal Italiens" verhandeln, von seiten der italienischen
Machthaber ein klares Machtwort gesprochen. Und zwar nicht auf
die lächerliche Tour, daß da ein "kleiner, dicklicher, unschein-
barer" Herr, dessen Namen vorher niemand kannte, die ganze ita-
lienische Regierungscrew sich hörig gemacht hätte, sondern ganz
lapidar so, daß die Inhaber der Macht diese für sich reklamieren,
weil sie sie innehaben. Schließlich ist es kein Geheimnis, daß in
Italien seit Kriegsende, d.h. seit 36 Jahren die gleichen - so-
fern sie nicht gestorben sind - Typen darüber befinden, was zu
Italiens Bestem sei; daß also seit jeher der Beschluß der DC lau-
tet, daß Demokratie herrscht, wenn sie am Ruder ist. Angesichts
eines nicht unbeträchtlichen, sich von Kommunisten repräsentieren
lassen wollenden Teils des Volkswillens verdeutlichen die Macht-
haber ihren Vorbehalt gegen dieses Mißverständnis von Demokratie,
indem sie sich vom parlamentarischen Hickhack u n a b h ä n-
g i g e Gremien schufen, mit denen sie für den Fortbestand der
Demokratie sorgten. Daß sie dabei erfolgreich waren, kann wohl
keiner bezweifeln. Wie soll auch die Demokratie vor die Hunde
gehen, wenn Vertreter aller um die Herrschaft besorgten Parteien
sich a u ß e r h a l b des Parlaments auf den Volkswillen und
somit darauf einigen, welche Strategie sie in der Volksvertretung
verfolgen? Und warum sollte man andererseits ausgerechnet den
italienischen Demokraten den Vorwurf machen, sie hätten nicht die
Demokratie, sondern n u r die Aufrechterhaltung ihrer Macht im
Sinn? Als ob das ein Gegensatz wäre: Schließlich sind Demokraten
überall auf die Macht erpicht, dem Volk einen einheitlichen
Willen zu verpassen.
...und ihre Erklärung durch die Freunde
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der italienischen Demokratie
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Angesichts der offiziellen Aufdeckung des Tatbestands einer aner-
kannten außerparlamentarischen Nebenregierung hat sich weder
hierzulande noch in Italien jemand darüber aufgeregt, was die be-
schlossen hat. Auch hat sich keiner beschwert, daß dieses neben
dem Parlament existierende Gremium den Vorbehalt aller demokrati-
schen Parteien gegen das demokratische Procedere verkörpert: Die
Wahrheit über die Demokratie, daß die Entscheidung des "obersten
Souveräns" nur dann Gültigkeit besitzt, wenn er sich im Sinne der
von dem Vollstrecker seines Willens beschlossenen Notwendigkeiten
entscheidet, hat kaum einen empört. Was die hiesige Öffentlich-
keit angeht - und intelligentere Argumente sind auch in der ita-
lienischen nicht laut geworden -, so hat sie ihr
E i n v e r s t ä n d n i s mit den italienischen Verhältnissen
bekräftigt, indem sie sich über diese Praktiken der herrschenden
Klasse, von den Konsequenzen fürs Volk ganz zu schweigen, nicht
verwunderte.
S e l b s t v e r s t ä n d l i c h und n o r m a l schienen
ihr diese Schweinereien; schließlich ist Italien ja nicht
Deutschland, sondern das Land, wo auch die Erde dauernd bebt:
"Skandale in Italien sind Naturereignisse, die so unvermeidlich
niedergehen wie Regenschauer über, Hamburg."
Deshalb galt auch ihre ganze A n t e i l n a h m e nicht den
Italienern - die sind die Skandale ja mittlerweile so gewohnt,
daß sie bei ihrem unvermeidlichen Niedergang auch ohne Regen-
schirm auskommen. Arnaldo hingegen, der gebeutelte Forlani,
durfte nur 128 Tage regieren! Womit nur hatte er es verdient, daß
Katastrophen ihm nach der Macht trachteten?
"Seine Regierungsperiode war von unverschuldeten Skandalen und
Katastrophen begleitet."
Erst das Erdbeben - und nun dies!
"Warum eine Regierungskrise, wenn Ministerpräsident Forlani an
der ganzen Krise offenkundig keine Schuld trifft?"
Daß der Gerechte viel leiden muß; Forlani also zurücktreten
mußte, obwohl weder er noch sein Privatsekretär Mitglieder bei
der Freimaurerloge waren, der nur drei seiner Minister nebst 959
Personen des öffentlichen Lebens angehörten, deren Namen er al-
lenfalls vom Hörensagen kannte, ist
ein Skandal,
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der einem als "Auslandskorrespondenten" nahegeht. Der "sauren
Pflicht", "das der Welt zu erklären", kommt die Skandalnudel Car-
los Widmann regelmäßig für die "Süddeutsche Zeitung" nach, indem
er die Schlechtigkeit der Welt, deren Lohn Undank ist, bejammert
und beklagt. Warum nur, warum "mußte die Regierung Forlani
zuiücktreten?" Dieses ebenso schreckliche wie "mysteriöse"
R ä t s e l ist keineswegs mit der schlichten Antwort geklärt,
daß der Sozialist Craxi den P 2-Skandal dazu zu benutzen ver-
sucht, seine Position innerhalb des Regierungsbündnisses zu stär-
ken, indem er Forlani die Unterstützung entzog. Nein, der arme
Arnaldo ist O p f e r des "größenwahnsinnigen" Gelli geworden,
in dessen Fängen er regieren mußte, so daß er mit seinem ebenso
verzweifelten wie edelmütigen Befreiungsversuch aus den Klauen
des "Erpressers" auch seine Macht verlor.
Kaum ist also auf dem Tisch, wie die Demokratie in Italien funk-
tioniert, machen interessierte Beobachter ein Riesenrätsel dar-
aus, wie das wohl funktioniert haben mag, dessen Name nie und
nimmer Demokratie gewesen sein kann. Denn ist es nicht
ein Skandal,
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wenn nicht die gewählten Volksvertreter, sondern Drahtzieher aus
dem Hintergrund die Geschicke des Landes lenken:
"Seit Jahrzehnten existiert in Italien das Wort
s o t t o g o v e r n o zur Bezeichnung einer von fast allen
Staatsbürgern vermuteten 'Regierung unterhalb der Regierung', ei-
nes fließenden und ungreifbaren Gebildes, in welchem die Reprä-
sentanten der 'realen Macht' (Politiker, Militärs, Geheimdienst-
ler, Wirtschaftsführer und auch die Mafia) zusammenwirken, um das
Schicksal Italiens über die Köpfe der 'Scheinmächte' hinweg - die
Parteien, das Parlament, die Justiz, die Regierung - zu lenken."
Volkes Mund tut Wahrheit kund, v.a. wenn er Unsinn redet: Da ha-
ben ein und dieselben Politiker nichts Besseres zu tun, als sich
in real- und scheinmächtige zu verdoppeln, um sich mittels erste-
rer Eigenschaft zur Bedeutungslosigkeit in zweiterer zu degradie-
ren und so in völliger Pflichtvergessenheit nicht das Volk, son-
dern vornehmlich sich selbst über ihre eigenen Köpfe hinweg zu
regieren! Volk, Staatsbürger, das es nun auch mal in Italien ist,
führt sich mit der "Vermutung" eines sottogoverno die Lüge seiner
Repräsentanten zu Gemüte, das Land läge schwer darnieder, sei
ewig und drei Tage in der Krise etc. pp., und denkt sich deshalb
- da auch ihm anständig regiert zu werden über alles geht - als
Grund für die angebliche Misere des Landes die m a n g e l n d e
demokratische Entscheidungs- und Handlungsfreiheit seiner gewähl-
ten Volksvertreter. Mit der im sottogoverno postulierten Erfin-
dung einer Herrschaft, die sich nicht dem Wohlergehen Italiens
verpflichtet weiß, sind die regierenden Politiker aus dem Schnei-
der: In ihnen belächelt man abgeklärt, unfähige Hampelmänner omi-
nöser Hintermänner. D e r e n finstere Absichten sind nunmehr
eigentlich
ein Skandal,
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Getrieben von eigennützigen Interessen, purer Machtgier und schä-
biger Bereicherungssucht, ruinieren sie den Staat. Keine Ideale
sind ihnen heilig, was sie verbindet ist allein "die gemeinsame
Liebe zu Macht und Geld". So wird die tausendköpfige Bande zu
Schmarotzern verharmlost, die mit dem Staat nichts als die Be-
friedigung ihrer angeberischen Gelüste am Hut haben - als ob sich
ein ganzes Volk krumm legen müßte, bloß damit die paar Typen auf
ihren Luxusjachten in der Sonne rumlungern können. Mit der mora-
lischen Empörung über die skandalöse "Lasterhaftigkeit" solcher
Gesellen schnappt man nach der sauberen Luft der Demokratie, die
es in Italien angeblich nicht gibt.
Doch das Rätsel, warum Italien keine anständige Demokratie hat,
ist mit der Bekanntgabe der 1000 Bösewichte alles andere als ge-
lüftet. Das waren einfach z u v i e l e! Wenn praktisch
a l l e italienischen Politiker am sottogoverno beteiligt waren,
dann hat ja jeder jeden in der Mache gehabt, so daß man schön
langsam den Glauben an das Gute im Menschen verliert:
"Nur leider: Es sind einfach zu viele Leute, die im Mitglieder-
verzeichnis des sinistren Verschwörerclubs auftauchen, und alle
Parteien (außer der kommunistischen) sind darin vertreten; wahr-
scheinlich hat der 'Großmeister' Licio Gelli Hunderte von harmlo-
sen Figuren in seine Kartei aufgenommen, um im Falle einer Ent-
deckung die Untersucher zu verwirren."
Ein raffinierter Hund, dieser "Großmeister" der "Hochstapler"!
Aber Carlos Widmann ist auch nicht auf den Kopf gefallen: Gerade
die Bekanntgabe des der Loge angehörenden Personenkreises beweist
die Unfaßbarkeit eines solch "fließenden und ungreifbaren Gebil-
des" wie des sottogoverno, das sich damit zwar nicht ganz in Luft
auflöst, aber doch mehr oder weniger darauf zusammenkürzt, daß
Gelli
den Skandal
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verkörpert. Wer kein Gespür für Verschwörungen hat, der muß sich
eben von Widmann und seinen Schnüffelgefährten was vorwittern
lassen, damit die "Affäre um die Loge P 2" endgültig so
"mysteriös" ist, wie die darin - sie wissen auch nicht wie und
weshalb - "Verwickelten" sie haben möchten.
Nacktfotos vom Papst - wenn das kein "Herrschaftswissen" war, mit
dem sich der sportliche Pole dazu erpressen ließ, seinen Verein
auf Gelli-Kurs zu bringen! Mit den anderen hat er es genauso ge-
macht: Wo die Masche mit der Erpressung nicht lief, hat er sie
bestochen - mit Schmiergeldern. So sind ihm alle in ihrer Einfalt
- wann begegnet man schon mal so einem ausgekochten Verschwörer!
- auf den Leim gegangen, ohne daß ein Opfer das andere kannte, so
daß auch niemand die Möglichkeit gewerkschaftlicher Organisation
gegen diesen übermächtigen Feind besaß. Denn das war sein Trick:
"Daß sich alle der 962 Mitglieder und Kandidaten" (darunter ganze
961 harlose Figuren!) "untereinander kannten, darf als unwahr-
scheinlich gelten. Was hätten Faschisten - die einstigen Verfol-
ger der Freimaurerei -" (= die letzigen Verfolgten des Logenregi-
mes!) "sonst in einer Loge zu suchen gehabt, die auch prominente
Sozialisten zu ihren Mitgliedern zählte? Der einzige, der den
Überblick hatte, war wohl Gelli selbst...; ein Dossier-Virtuose,
dessen Macht sich darauf gründete, daß er über jeden etwas
wußte..."
Und wenn sich auch nicht mehr mit letzter Klarheit die Frage be-
antworten läßt, wie es die Generäle in die Loge verschlagen hat,
in der schon Faschisten und Sozialisten eigentlich nichts zu su-
chen hatten, "hereingefallen" sind auch sie - so daß sich inmer
unabweislicher der Verdacht aufdrängt, daß dieser Gelli schreck-
lich viel gewußt haben muß. Vom Dossier-Virtuosen zum östlichen
Geheimagenten ist es daher nicht mehr allzuweit: dies die mitt-
lerweile offiziellerseits kolportierte Lösung des Rätsels:
"Die Staatsanwaltschaft untersuchte am Sonntag in Florenz den In-
halt von zwei Koffern, die das mutmaßliche 'Geheimarchiv' des
nach Südamerika geflüchteten 'Großmeisters' der Loge, Licio
Gelli, bargen. Daraus geht nach unbestätigten Informationen" (we-
nig zuvorkommend, diese unkooperativen Russen!) "des italieni-
schen Rundfunks hervor, daß Gelli im Dienst eines östlichen Ge-
heimdienstes stand."
So ergibt sich das lustige Resultat, daß ein Gremium wie die P 2
- das allen an der Macht partizipierenden Fraktionen 1. dazu
diente, sich mit ihren Beziehungen gegen die Wechselfälle der De-
mokratie zu wappnen und sich so an der Macht zu halten und 2. da-
für da war, ihre Interessen und verschiedenen Vorstellungen be-
züglich der staatlichen Notwendigkeiten aufeinander abzustimmen,
damit die Politik im Parlament so lief, wie sie sollte -, daß
also eine so staatserhaltende Instanz wie die P 2 den Staat ins
Wanken bringt:
"P 2 bedroht Staatsgefüge."
Und das bloß, weil ein Herr namens Gelli zu viel wußte! Als ob es
nicht schon vorgekommen wäre, mißliebige Mitwisser zu m Schweigen
zu bringen - der Journalist, der zuviel über die P 2 und ihre
nichtakademischen Mitglieder wußte, mußte immerhin dran glauben.
Daß nun die gesamte Staatsgewalt Opfer dieses Unholds ist, liegt
nicht zuletzt an der weisen Voraussicht ihrer in der P 2 ver-
sammelten Mitglieder. Allzuviel Schläue gehört wirklich nicht
dazu, einem unbekannten Typen wie Gelli den Logenvorsitz zu las-
sen, damit bei einem eventuellen Bekanntwerden des Geheimbundes
der verantwortliche Drahtzieher und der Rest als Gezogene fest-
steht.
Egal, mit welch abenteuerlichen Konstruktionen die P 2 um ihren
Zweck - und schließlich selbst um die Existenz - gebracht wird:
Alle "Erklärungen", die entweder die Regierungspropaganda oder
die den Italienern liebgewordenen (und auch durch irgendwelche
Formen der Öffentlichkeit unter sie gebrachten) Vorurteile bezüg-
lich der Beschaffenheit ihrer Staatsform für bare Münze nehmen;
entschuldigen und verharmlosen die ersprießliche Zusammenarbeit
von Regierung und ihrem "Sub"system.
Mit dem Skandal eine Offensive der italienischen Demokraten
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Kein Wunder daher, daß dieser "Superskandal" für die zu dessen
Verdunkelung berufenen Voyeure über die jetzige italienische Po-
litik nichts anderes zum Vorschein bringt, als daß all den Vorur-
teilen über sie endlich die Würde der Realität zuerkannt wurde,
die ein journalistischer Saubermann noch an jedem Skandal ein ums
andere Mal triumphierend oder spekulierend 'enthüllt':
"Die Existenz eines sottogoverno, einer 'Regierung unterhalb der
Regierung', die mehr Einfluß ausübt als diese, wird im Volk als
Tatsache vorausgesetzt. Und das Erstaunlichste ist, daß die in-
stinktiven Ahnungen der Bevölkerung immer wieder von der Wirk-
lichkeit bestätigt werden - wenn ein Skandal aufblitzt und der
Widerschein für Sekundenbruchteile einige Hintergründe aus dem
Schatten hervor treten läßt... Die Aufdeckung des Geheimbundes
'P II' ist nun freilich für das an Skandal gewohnte Land ein Er-
eignis besonderer Art. Zum erstenmal werden längst vermutete Zu-
sammenhänge zwischen Politik und Verbrechen konkret erkennbar,
Ein Netz hintergründiger Beziehungen kommt ans Licht, das
s o t t o g o v e r n o hat auf einmal einen Namen."
Mag ja immerhin sein, daß manch Italiener sich angesichts des
Skandals bestätigt, wie recht er schon immer mit seiner Vermutung
des sottogoverno hatte, weil er jetzt weiß, wie die Schlimmen
heißen - bloß sind dadurch noch lange nicht die instinktiven Ah-
nungen der Bevölkerung Wirklichkeit geworden. Das Besondere die-
ses Skandals liegt daher auch weder an der Konkretheit der Namen
- das haben Skandale nun mal so an sich, daß da welche bekanntge-
geben werden - noch am die gewohnte Anzahl überschreitenden Aus-
maß ihrer Nennung.
Wenn Journalisten hierzulande voller Verwunderung feststellen,
daß Erdbeben und Freimaurerlogen ganz Italien zu erschüttern ver-
mögen, so wollen sie stets den Zusammenhang aufblitzen lassen,
daß der Staat arm dran sei, weil er von solchen Sächelchen an den
Rand der Krise gedrängt werde. Damit geben sie getreulich die an-
läßlich solcher Ereignisse propagierte offizielle Regierungsmei-
nung wieder, von der noch jedes Erdbeben je katastrophaler desto
mehr dafür ausgeschlachtet wird, dem Volk eine Vorstellung zu
vermitteln von der Krisengeschütteltheit des Staates und damit
von der Notwendigkeit, dem Staat in nationaler Solidarität beizu-
stehen.
Wenn da wer von jemandem erschüttert wird, so jedenfalls nicht
der Staat von einem freimaurerischen Großmeister und Mutter Na-
tur. Vielmehr setzen die Repräsentanten des Volkswillens die He-
bel der öffentlichen Meinung in Bewegung, um letzteren in ihrem
Sinne zu bewegen.
Klar, daß Forlani die Regierungskrise mit der Veröffentlichung
der Namensliste nicht inszeniert hat, u m sich den Italienern
als der sauberste aller Saubermänner zu präsentieren. Der Grund
für die Bekanntgabe war wie bei allen anderen Skandalen schlicht
der negative, der Konkurrenz zuvorzukommen; die absehbar im Falle
der weiteren Verheimlichung der seit nun mehr als einem Jahr als
Gerücht grassierenden und einer immer größer werdenden Zahl von
Eingeweihten bekannten Fakten für sich Kapital daraus geschlagen
hätte. Sich so ins Unvermeidliche schickend, hatte dieser Skandal
aber von vornherein eine ganz andere Qualität als alle bisheri-
gen: Während früher einzelne correnti der DC ihr Wissen über die
Schiebereien eines anderen corrente publik machten, um diesen in
politischen Mißkredit zu bringen und so die Führungsmannschaften
abzulösen, ging Forlani mit dem P 2 - oder auch sog.
"gesteuerten" - Skandal gegen alle mögliche Diskreditierung der-
gestalt in die Offensive, daß er mit der Aufdeckung des gesamten
"Sumpfs" seine Integrität und Uneigennützigkeit unter Beweis
stellte, woran sich alle ebenso in den Skandal "verstrickten",
aber um den Trumpf der Enthüllung gebrachten Parteien abzuarbei-
ten hatten. Was mittlerweile in Italien zur Normalität gehört,
sieht man am schönsten an der Reaktion auf die Publizierung die-
ses Knüllers: Kein Gedanke an den Rücktritt des unschuldigen Ent-
larvers, der schließlich nichts dafür kann, wenn sich (nur) drei
seiner Minister - ein Wunder bei der allgemeinen Verworfenheit,
daß nicht das ganze Kabinett in die Fänge der Loge geraten war! -
in ihrer Freizeit in sinistren Logen rumtreiben. Schließlich dau-
erte es noch eine Weile, bis sich der Sozialdemokrat Craxi zu der
Einsicht durchrang, daß dieser "Jahrhundertskandal" keine ungün-
stige Gelegenheit für die Verbreiterung der sozialistischen
Machtbasis war, wenn es ihm gelang, die Regierungsneubildung bis
nach den Regionalwahlen am 21. Juni hinauszuzögern.
Die Unverfrorenheit, mit der sich Forlani hinstellte und mit der
Bestätigung der Existenz des allgemeinen Volksvorurteils der
Herrschaft des sottogoverno sich fürderhin die Kritik an sich mit
letzterem verbat, weil schließlich die Aufdeckung dieses Übels
die Handlungsfreiheit der Regierung zur Genüge beweist, brauchte
nicht lange nach ihresgleichen zu suchen. Auch der sozialdemokra-
tische Generalsekretär Longo, selbst mit Mitgliedsnummer 0926 im
P 2-Verzeichnis aufgeführt, war unvernüglich mit dem Argument bei
der Hand, daß die Staatsanwälte,
"die das Verzeichnis zur Veröffentlichung freigaben... insgeheim
im Dienst der Kommunisten stünden.":
"'Ein Komplett nach dem Muster McCarthys, des Stalinismus und des
Faschismus, um die Spitzen des Staates durch Rufmord zu massa-
krieren und Italien ins Chaos zu stürzen.'"
Indem sie mit der offiziellen Bekanntgabe des längst von den In-
stinkten des Volkes erahnten Zustandes allseitiger Verfilztheit
den Vermutungen dergestalt ihren Respekt gezollt hatten, daß sie
das werte Volk mit allerlei Eselsbrücken dazu anhielten, darin
nicht länger einen Beweis der Unfähigkeit der Regierung zu
erblicken, führte die gesammelte Regierungsmannschaft an den ein-
dringlich vorstellig gemachten wahren Repräsentanten des sottogo-
verno, den Zersetzern und Zerstörern hehrster Absichten der Re-
gierung, dem Volk vor, was sich gehört und was nicht:
"Man sollte den Ehrenwerten mehr Kredit geben und nicht immer von
den Unehrenhaften meinen, daß sie im Besitz der Wahrheit seien."
Im Klartext: Spricht es nicht für unsere Ehrenwertheit, daß wir
die Peinlichkeit einer staatlichen Schande zugeben? Spricht nicht
andererseits die Unehrenhaftigkeit für sich, die aus dem - uns
als Italienern nun mal anhangenden - Mißgeschick politisches Ka-
pital dergestalt schlagen wollen, daß sie nicht nur weiter in ihm
rumstochern, sondern sogar noch weitergehende Konsequenzen ver-
langen?
"Im Lande entfesselt man eine Art Pogrom... Man darf den absurden
Massenreinigungen keine Lebenschance geben." (PS-Parteiblatt
'Avanti')
Denken also darf man schon noch, daß das sottogoverno überall
seine Finger drin hat aber nur so, daß dabei gleichzeitig überall
die Regierung ihren Daumen drauf hat: Die personifizierte Verkör-
perung desselben namens Gelli weilt nämlich derzeit weit weg im
befreundeten Argentinien. Fordern also darf man von der Regierung
in Sachen Sumpfbekämpfung nicht mehr, als sie selber leisten zu
können verspricht: Weshalb sollte auch die Regierung eine Kampa-
gne gegen sich selbst anzetteln, die allein deshalb dem Ruch der
Unehrenhaftigkeit dadurch entzogen ist, daß sie ihre Verfilztheit
mit hintergründigen Elementen ganz offiziell zu Protokoll gegeben
hat.
Wenngleich mit der Bekanntgabe von immerhin 1000 dem sottogoverno
zuzurechnenden Namen die Bedingungen fürs Gemauschel insofern mo-
difiziert sind, als ihre Tätigkeit nun nicht mehr vertuscht ist
und man nicht mehr wie bisher mit der Vertuschung als sicherer
Geschäftsgrundlage rechnen kann, so wird sich doch eines in Ita-
lien todsicher nicht ändern: Die Modalitäten der Herrschaft lau-
fen nach wie vor unter den oben abgehandelten Kriterien ab. Wofür
hat man schließlich all die schönen Beziehungen, wenn nicht, um
sie zu nutzen?
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