Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie


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       Im Persischen Golf ein Stück Italien
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       Mitten im  heißen Sommer,  während die halbe Nation Urlaub machte
       und Millionen Touristen  B e l l a  I t a l i a  genossen, veran-
       stalteten die Politiker des Landes gemeinsam mit Presse, Funk und
       Fernsehen ein starkes Stück  K r i e g s p r o p a g a n d a  un-
       ter dem  Titel: Wieviel  militärische Präsenz  braucht Italien im
       Golfkrieg? Wie  es sich  für eine   D e m o k r a t i e   gehört,
       kriegt das  Volk mitgeteilt, daß die Führung den Einsatz für Waf-
       fen im  Interesse der  Nation plant,  und jedermann darf über das
       W i e   seine eigene  Meinung haben.  Deshalb steht  das  W o z u
       außer Frage, und im Resultat schürt die demokratische Öffentlich-
       keit eine  K r i e g s b e g e i s t e r u n g.  Und nicht nur in
       Italien, sondern  in allen  beteiligten NATO-Staaten  gehört  die
       Aufdeckung von  Waffen s k a n d a l e n  dazu. Die banale Tatsa-
       che, daß  das nationale  Kapital auch  noch mit dem Feind ins Ge-
       schäft gekommen  ist, fördert  die Befürwortung des Einsatzes der
       nationalen Waffen:
       
       "Während ein  französisches Geschwader, begleitet von zwei Minen-
       suchbooten, das  Meer von  Oman ansteuert,  um 'die französischen
       Interessen im  Indischen Ozean zu schützen', ist die sechste Mine
       entdeckt worden.  Gipfel der  Ironie: Es  könnte sich um eine von
       Hunderttausenden von  Minen handeln,  hergestellt in  Italien von
       der Firma  Valsella, die  die Sprengladungen zum größten Teil aus
       Frankreich und  Schweden, aber  auch aus  Belgien und Holland be-
       zieht." (la Repubblica, 14.8.)
       
       Der Ironie  - gemeint ist wohl: Jetzt fahren wir auf  u n s e r e
       e i g e n e n   Minen! -  läßt sich leicht abhelfen: Man entnimmt
       den nationalen  Lieferungen den  Auftrag, die  Minen wieder  weg-
       zuräumen, um  so mehr, als man ihren Raffinessen als stolzer Pro-
       duzent am allerbesten beikommen kann:
       
       "Die VS  SM 600 ist ein zwei Meter fünfundsiebzig langer Zylinder
       mit einem  Durchmesser von  53 Zentimetern. Laut "Jane's" - d e m
       Fachblatt auf  dem Weltwaffenmarkt  - ist  die Mine  in der Lage,
       'dank ihrer  Sprengladung von  600 Kilo selbst sehr große Schiffe
       zu zerstören'.  Außerdem sei  sie mit  'ausgeklügelter Elektronik
       ausgestattet' und  verfüge über eine gute Abschirmung, so daß sie
       von Minensuchbooten  nur schwer aufzufinden sei." (la Repubblica,
       14.8.)
       
       Die Erinnerung  an die  eigenen Arbeitsplätze  und den Hauptfeind
       fügen dem  Stolz auch  noch die Sicherheit hinzu, daß die hausge-
       machten Waffen am Golf bestens aufgehoben sind:
       
       "Guy Chevalier  (einflußreicher Lobbyist  der  französischen  Rü-
       stungsindustrie) scheute  sich nicht  vor einigen Journalisten zu
       erklären: 'Wir  können es  uns nicht  leisten, einen so wichtigen
       Markt wie  den iranischen zu verlieren, ohne unsere Rüstungsindu-
       strie damit  zu gefährden:  Davon könnte  nur die UdSSR profitie-
       ren'." (la Repubblica, 14.8.)
       
       Allerdings bedarf  es auch  noch der Klarstellung, daß die Aktion
       zur Befriedung des Golfs sich nicht gegen den Hauptempfänger des
       Kriegsgeräts richtet,  sondern gegen  den, der sie vom Standpunkt
       der jetzt  gültigen Kriegsschuldlogik  eigentlich gar nicht hätte
       erhalten dürfen. Die Firmen behaupten zwar, die Lieferungen seien
       an den  Irak gegangen. Die Öffentlichkeit dagegen spekuliert, wie
       sie an den Iran gelangt sein könnten:
       
       "Ist es  möglich, daß  die für  den Irak bestimmten Waffen wenig-
       stens teilweise  an den  Iran 'verschoben' worden sind?" Aber si-
       cher! "Dabei  handelt es  sich bis  jetzt zwar  nur um eine Hypo-
       these, die  man jedoch  keinesfalls außer  acht lassen darf." Be-
       gründung gefällig?  "In einem so langen und schwierigen Krieg wie
       dem zwischen  Iran und  Irak ist  alles möglich." (la Repubblica,
       14.8.)
       
       So sorgt  kritischer Enthüllungsjournalismus  dafür, daß sich zum
       nationalen Zweck  das passende  Feindbild gesellt.  Das Feindbild
       ist es ja auch gar nicht, woran der nationale Streit sich entzün-
       det. In der Hinsicht beteiligt sich die Öffentlichkeit nur an der
       zeitgemäßen Ausmalung.  Sie wälzt  zuerst  mit  Begeisterung  die
       Frage,   o b   man denn  jetzt gegen den Feind zuschlagen  m u ß.
       In Fragen  von Krieg  und Frieden sind Sozialisten seit eh und je
       Spezialisten:
       
       "Es sind gute Italiener, die da betroffen sind: unsere Schiffe im
       Golf sind  ein Stück  Italien, das es zu verteidigen gilt... Wenn
       die italienische  Flagge angegriffen wird, ist es unsere Pflicht,
       etwas zu unternehmen..." (Craxi, la Repubblica, 4.9.)
       
       Die PSI  hat sich  so sehr  an die Spitze der nationalen Empörung
       gesetzt, daß  die DC  sich  wundert  über  Craxis  "nostalgischen
       Traum" von  "Tripolis, dem  herrlichen Boden  der Liebe", und die
       PCI mutmaßt,  Craxi betreibe seine imperialistische Hetze nur, um
       in einer "schwachen Regierung" "Stärke zu demonstrieren". Dagegen
       bewiesen Christen und Kommunisten ihre moralische Stärke:
       
       "Außenminister Andreotti  hat die Gründe meiner ausgesprochen ge-
       ringen Begeisterung für die Entsendung der Schiffe erläutert, in-
       dem er  die politische  Signalwirkung abschwächte  und sein uner-
       schütterliches Vertrauen  in die  Vermittlertätigkeit der UNO be-
       kräftigt." (La Nuova, 9.9.)
       
       "Andreotti hat  sich so  skeptisch  gegeben,  daß  der  Kommunist
       Pecchioli bemerkte:  'Er vertritt eine ausgesprochen korrekte Li-
       nie, bloß die Schlußfolgerung ist verkehrt." (La Nuova, 9.9.)
       
       So sieht  das Italo-Genscher  Andreotti und  erntet dafür Lob von
       italienischen Kommunisten:  Kriegsschiffe losschicken,  aber ohne
       Begeisterung, vor  aller Welt  beteuern, daß das keineswegs Krieg
       bedeute, und auf höhere Gewalt hoffen.
       Die Opposition  bekundet demonstrativ, daß sie am  Z w e c k  der
       politischen Sendung  nichts zu  deuteln hat.  Konsequent, daß sie
       sich den Kopf zerbricht über die  R i s i k e n  der Expedition:
       
       "Luciano Lama (PCI) hat die 'Schludrigkeit, Oberflächlichkeit und
       Nachlässigkeit,  mit  der  die  Regierung  beschlossen  hat,  die
       Schiffe in  den Golf zu senden', angeprangert und von den 'großen
       Risiken,  denen   das  italienische  Geschwader  ausgesetzt  sein
       könnte', gesprochen.  Gegen religiösen Fanatismus helfe keine Ge-
       walt, schloß Lama, sondern nur Vernunft." (la Repubblica, 10.9.)
       
       Die Kommunisten beteuern überdies ihre nationale Zuverlässigkeit,
       indem sie  in gut  kommunistischer Tradition  das  internationale
       Einverständnis fürs Zuschlagen zur Bedingung machen:
       
       "Die Alternative  heißt nicht und hieß nicht: Nichtstun oder ein-
       seitige Erweiterung der militärischen Präsenz im Golf. Da gibt es
       auch noch  ... die Karten gemeinsamer politischer Druckmittel ge-
       gen den Iran, des Waffenembargos und anderer Sanktionen gegen die
       beiden Kontrahenten,  und auch, wenn nötig, die Aufstellung einer
       internationalen Streitmacht  unter Führung  der Vereinten  Natio-
       nen." (l'Unita, 12.9.)
       
       "...Es stimmt nicht, daß die PC gegen jede Intervention ist. Wenn
       die UNO  ein militärisches  Eingreifen  beschließen  würde,  dann
       könnten wir über unsere Teilnahme diskutieren." (PC-Fraktionschef
       Pecchioli, la Repubblica, 10.9.)
       
       Bei soviel  demokratischem Konsens  über den Zweck der Expedition
       landet die  Debatte konsequent  beim Streit  über die Mittel, die
       für ihn eingesetzt werden sollen. Der für seine Mäßigung bekannte
       christliche Außenminister  plädiert für  die Präsentation humaner
       Erpressungsinstrumente:
       
       "In seiner  Rede betonte  Andreotti die  Priorität diplomatischer
       Mittel. 'Man  muß für  die Wiederherstellung  eines  verläßlichen
       Waffenstillstands das  ganze politische  und ökonomische  Gewicht
       Europas geltend machen'." (La Nuova, 9.9.)
       
       "Andreotti hat  auch einige  überzeugende Maßnahmen  seitens  der
       westlichen Länder  vorgeschlagen: 'generelle Einstellung von Waf-
       fenlieferungen an  beide Seiten,  wirtschaftliche Sanktionen  und
       schließlich die Einstellung der Ölkäufe, solange die kriegführen-
       den Parteien keinen Frieden schließen'." (La Nuova, 9.9.)
       
       Während in  schöner Solidarität  Komnunisten, Franziskaner, Tier-
       und Umweltschützer  und Pax  Christi ihre  kritischen Einwände zu
       Italiens Mission am Golf anmelden, entscheidet das Parlament:
       
       "'Ich verfolge  mit ganzem Herzen die wichtige Reise des General-
       sekretärs der  Vereinten Nationen  und bete  zu Gott, daß die UNO
       Erfolg hat  in ihrem  Bemühen um  einen  gerechten  Frieden':  Im
       Schwunge dieses Appells Andreottis an die Vorsehung hat der Senat
       der Regierung  Goria das  Vertrauen ausgesprochen und die Entsen-
       dung der Schiffe in den Golf gebilligt." (la Repubblica, 10.9.)
       
       Und die  Kommunisten behalten  historisch recht, durch demokrati-
       sche Praxis besiegelt und um eine wertvolle Erfahrung reicher:
       
       "Wer ist im Ernstfall verfassungsrechtlich verantwortlich für die
       Flotte?" fragt  l'Unita den  Kommunisten Aldo  D'Alesmio, und der
       antwortet: "Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Entschei-
       dung über  den Einsatz der Streitkräfte in verfassungsgemäßer und
       politisch korrekter  Form  vom  Parlament  gefällt  werden  muß."
       (l'Unita, 12.9.)
       
       So kann denn der Verteidigungsminister seines Amtes walten:
       
       "Wir sind die italienische Marine. Wenn das Parlament beschließt,
       uns loszuschicken,  dann fahren  wir am hellen Tag und nehmen die
       Kritik derer,  die protestieren,  und den  Beifall derer, die uns
       zustimmen, entgegen."  (Verteidigungsminister Zanone,  in: la Re-
       pubblica, 11.9.)
       
       "Wir gehen  in den  Golf, um  dort zu  bleiben."  (Verteidigungs-
       minister Zanone, in: la Repubblica, 13./14.9.)
       
       Was jetzt  ansteht? Die kritische Beratung des Verteidigungsmini-
       sters, die  Sorge, ob  "unsere" Jungs  auch richtig  ausgestattet
       sind:
       
       "Wie kann  die italienische Flotte im Golf bleiben, wenn sie wei-
       terhin ohne Stützpunkt bleibt?" (la Repubblica, 10.9.)
       
       Und der Verteidigungsminister antwortet:
       
       "Wir müssen keine Marinebasis finden, sondern einfach einen Hafen
       für technisch bedingte Liegezeiten. Wir haben keine wirkliche und
       eigentliche Marinebasis.  Wir haben die Möglichkeit, Häfen zu be-
       nutzen...
       Der Verteidigungsminister  ist der  Friedensminister." (Verteidi-
       gungsminister Zanone, in: la Repubblica, 13./14.9.)
       
       Dann ist ja alles in bester Ordnung; "kritische" Sorgen der Oppo-
       sition entkräftet  man am besten damit, daß man sich darum natür-
       lich schon längst gekümmert hat.
       

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