Quelle: Archiv MG - EUROPA ITALIEN - Die Krise als Staatsideologie
zurück
EIN HISTORISCHER KOMPROMISS BEI FIAT
Seit dem Streik vom vergangenen Herbst in Turin spricht die ita-
lienische Öffentlichkeit bei der Begutachtung der Klassenkämpfe
von einem neuen ökonomischen Zeitalter: Dopo la Fiat! Die Ausein-
andersetzung zwischen dem größten Einzelkapital des Landes und
der von ihm beschäftigten "kampferfahrensten Abteilung der ita-
lienischen Arbeiterklasse" hatte von Anfang an den Charakter ei-
nes Präzedenzfalls für beide beteiligten Seiten: Fiat ging es um
das uneingeschränkte Recht des Kapitals, nach seiner Kalkulation
Arbeitskraft anzuwenden oder freizusetzen. Die Arbeiter gingen
auf die Barrikaden, um das Privileg eines Teils des italienischen
Industrieproletariats auf einen einigermaßen garantierten Ar-
beitsplatz zu verteidigen. Zwischen gleichen Rechten entscheidet
die Gewalt; im konkreten Falle endete der Arbeitskampf mit der
Annahme eines Rahmenplans der Staatsgewalt, der für Fiat - und
als Konsequenz auch für andere Branchen - das Verhältnis zwischen
Lohnarbeit und Kapital, unter neue Bedingungen stellt, die es
Fiat erleichtern, die "für die 80er Jahre notwendigen Umstruktu-
rierungen der Autoproduktion" (Agnelli) durchzuführen.
I. Eine unternehmerische Maßnahme
---------------------------------
Die Ankündigung Fiats vom Juli 1980, spätestens im Herbst sei die
Entlassung von 20.000 Arbeitern "unumgänglich", wurde mit der
auch hierzulande üblichen Begründung vorgetragen, es handle sich
dabei keineswegs um die Absicht des Kapitals, seine Lohnkosten zu
verringern, um mehr Gewinn bei der Automobilproduktion zu erwirt-
schaften. Vielmehr sei die Verteilung der Arbeit auf weniger Ar-
beiter der einzige
"Ausweg aus der, Markt- und Produktionssituation." ("La Repub-
blica")
Tatsächlich saß Fiat auf rund 40.000 Wagen der Modelle Mirafiori
und Lancia Delta, für die es weder im Inland noch auf dem EG-
Markt eine zahlungsfähige Nachfrage gab. Dies war das Resultat
der EG-Konkurrenz bei der auf dem Felde der Mittelklassewagen vor
allem VW und Renault besser abschnitten. Eine "Umstrukturierung
der Autoproduktion" sollte die Konkurrenznachteile Fiats wettma-
chen:
- Die Produktion der Mittelklassewagen wird entweder (wie bei Mi-
rafiori) ein - oder durch Angleichung des Motoren- und Karosse-
riebaus (mittels neuer Maschinensysteme) umgestellt.
- Die Produktion der Kleinwagen (Panda, Ritmo wird durch Einsatz
neuer Maschinerie gesteigert.
- Ein neuer Motorentyp wird entwickelt, der ab 1984 auf den Markt
kommen und einen Vorsprung vor der Konkurrenz bewirken soll. Zu
diesem Zweck schloß Fiat einen Kooperationmertrag mit Peugeot ab.
Alle drei Vorhaben verband Fiat mit umfangreichen Rationalisie-
rungen, als deren Resultat ein erweiterter Produktionsausstoß mit
verminderter Beschäftigtenzahl angestrebt wird: mehr A r b e i t
also für weniger A r b e i t e r, gesteigerter Profit mit ver-
ringerten Lohnkosten. Ein Vorgang, durchaus normal für die kapi-
talistische Ökonomie, der hierzulande als wirtschaftliche Notwen-
digkeit zwar Unruhe bei den Betroffenen auslöst, in der Regel
aber durch Sozialpläne und die Arbeitslosenversicherung, also
durch das routinierte Zusammenspiel von Kapital, Staat und
Gewerkschaft, seine friedliche Lösung findet. In Italien stoßen
Massenentlassungen, mögen sie auch noch so "unternehmerisch
begründet" sein, auf zwei Hindernisse:
1. Die italienische Form der Arbeitslosenversichetung heißt cassa
integrazione. Vom Betrieb freigesetzte Arbeiter erhalten nicht
nur 7/8 ihres zuletzt bezogenen Lohns weiterbezahlt aus einem
Fonds, der von Unternehmern und Staat finanziert wird. Sie haben
darüber hinaus den Anspruch, vom entlassenden Unternehmen inner-
halb einer bestimmten Frist wieder eingestellt zu werden. Diese
Regelung gilt für alle Arbeiter, die länger als ein Jahr beim Be-
trieb angestellt sind und damit als S t a m m a r b e i t e r
zumindest rechtlich unkündbar geworden sind. Die Entlassung in
die cassa integrazione erfordert ferner die Zustimmung der Ge-
werkschaft, die mit dem Kapital über die Dauer der Ausstellung
verhandelt.
Mit dem Ablauf der vereinbarten Frist ist der Betrieb zur Wieder-
verwendung der Arbeiter verpflichtet - mit der Auflage, ihnen
einen "vergleichbaren" Arbeitsplatz zuzuweisen - und wenn dies
seine Rentabilitätserwägungen nicht gestatten, muß über eine er-
neut befristete Verlängerung der cassa integrazione verhandelt
werden. Die Praxis dieses Systems sieht zwar so aus, daß ein
Großteil der "für die cassa integrazione Arbeitenden" (dies die
italienische Form der Hetze gegen Arbeitslose als Arbeitsscheue)
sich irgendwann mal anderswo einen Job sucht, weil anhaltender
Lohnverlust und die Aussicht auf Wiederbeschäftigung in dequali-
fizierenden Positionen sie so weit bringen, sich "freiwillig" zu
verändern - dennoch ist die cassa integrazione in einem Land, das
ein Drittel seiner Bevölkerung im Status einer Reservearmee als
Taglöhner und Barkellner hält und die Hälfte seines Territoriums
als Entwicklungsland behandelt, ein unbestreitbarer Vorteil: Die-
sen Vorteil des Stammarbeiters gegenüber seiner arbeitssuchenden
Konkurrenz, deren soziale "Absicherung " als Arbeitslose täglich
ca. DM 3.- beträgt, verteidigt er mit hierzulande unbekannter Mi-
litanz. Weil also der, Besitz eines industriellen Arbeitsplatzes
in Italien die Sicherung des Existenzminimums auch im Falle der
Arbeitslosigkeit einschließt, bei seinem Verlust das Absinken in
den Status eines unversicherten Dauerarbeitslosen mit der Alter-
native Abwandern ins Ausland oder Rückkehr ins heimatliche Dorf
droht, entbrennt der Klassenkampf in voller Härte an der Frage,
einzelne Arbeiter oder ganze Abteilungen zu e n t l a s s e n,
die dann keinen Anspruch auf die Leistungen der cassa integra-
zione haben. Dies das
2. Hindernis für unternehmerische Rationalisierungsvorhaben: Eine
Arbeiterklasse, die mit dem Arbeitsplatz nicht nur die Arbeit und
den Lohn verliert, sondern überhaupt die Aussicht je wieder einen
zu bekommen. Neben dem "subjektiven Faktor" verdanken sich also
die kämpferischen Qualitäten der italienischen Arbeiterklasse -
von hiesigen Linken gerühmt, von der BRD-Öffentlichkeit als Grund
für die Misere südlich der Alpen beklagt - einer Besonderheit von
Staat und Kapital in Italien, deren Ökonomie gerade darauf ba-
siert, einen großen Teil der vorhandenen Arbeitskraft als unnütz
für die Reichtumsproduktion zu erklären und entsprechend rück-
sichtslos zu behandeln. Der sprichwörtliche Zusammenhalt der ita-
lienischen Großfamilie hat hierin seinen Grund.
Fiats Plan für die 80er Jahre ließ sich mit vollem Erfolg also
nur durchführen, wenn die "heilige Kuh" der italienischen Sozial-
verfassung, die cassa integrazione, wenigstens stückweise ge-
schlachtet wird. Damit hatte die Auseinandersetzung mit der Be-
legschaft von Anfang an einen p o l i t i s c h e n Charakter,
der einerseits die Regierung veranlaßte, selbst einen "Rahmen-
plan" vorzulegen, andererseits die oppositionelle PCI auf den
Plan rief, für die die cassa integrazione, obzwar vom Faschismus
übernommen, in ihrer 1948 durchgesetzten Form eine wesentliche
Errungenschaft der antifaschistischen Einheit der Nachkriegsjahre
ist und für die Fiat der Präzedenzfall war, die Arbeiterklasse
mit einer staatlichen Rettung und Kontrolle des größten
nationalen (Privat-)Kapitals zu beglücken
II. Die Alternative der Gewerkschaft
------------------------------------
Gegen das "Angebot" Fiats an die Gewerkschaft von Anfang Septem-
ber - 24.000 Arbeiter werden für 18 Monate der Lohnausgleichs-
kasse überstellt; die Hälfte von ihnen wird nach dieser Zeit
n i c h t wieder eingestellt - setzten die drei in der Metallar-
beitergewerkschaft FLM vereinigten Gewerkschaftsbünde (CGIL,
mehrheitlich kommunistisch; CISL, christdemokratisch und UIL, so-
zialistisch, sozialdemokratisch) die "Forderung", keinesfalls ir-
gendeinen Arbeiter der "externen Mobilität" (dies der Ausdruck
für Arbeitslosigkeit mit eventueller Umsetzung auf einen Arbeits-
platz bei einem anderen Betrieb mit fast zwangsläufiger Dequali-
fizierung und Lohnverlust) auszusetzen, sondern mit ihr über mög-
liche Formen "interner Mobilität" zu verhandeln, worunter ein Ab-
bau, der Belegschaft durch "natürliche Fluktuation", Einstel-
lungsstop und betriebsinterne Umsetzung auf neue Arbeitsplätze
verstanden wird, freilich nur als Auftakt dazu, um mit Staat und
Kapital in Verhandlungen über die Modalitäten der "externen Mo-
bilität" einzutreten. Dies entsprach der seit einigen Jahren auch
in der Gewerkschaftsbewegung durchgesetzten Linie "nationaler So-
lidarität" zur Überwindung der "Krise Italiens", in deren Befol-
gung sich die Interessenvertretung der Arbeiter zunehmend bereit
erklärt, "notwendige" Sanierungen zu akzeptieren, vorausgesetzt,
es wird mit ihr darüber verhandelt und dir Nachteile für die Pro-
leten werden von ihr selbst mitbeschlossen. Der Fiat-Plan war für
die Führung der Gewerkschaft ein keineswegs unwillkommener Anlaß,
ihre seit einigen Jahren laufenden, direkten Verhandlungen mit
der Regierung über die Einführung sozialstaatlicher Maßnahmen in
Italien fortzusetzen, als deren bisheriges Ergebnis zwar keine
einzige Masche eines "sozialen Netzes" geknüpft wurde, dafür aber
alle bei uns bekannten Löcher dieser bekanntlich sehr arbeiter-
freundlichen Einrichtung mit Zustimmung der Gewerkschaft Ta-
rifrecht geworden sind: So unterschrieb die FLM vor zwei Jahren
einen nationalen Arbeitsvertrag, der erstmals die "externe Mobi-
lität" als Entlassungsform prinzipiell gestattet. Die Gewerk-
schaft kämpft nämlich für sozialstaatliche Regelungen, also für
die staatliche Verwaltung und Kontrolle der Benützung der Arbei-
ter durchs Kapital und d a s in einem Lande, in dem sich eben
die Benützung größerer Teile des Proletariats fürs Kapital gar
nicht lohnt. Dementsprechend ist die Bereitschaft des Staats zur
Betreuung von Arbeitslosen etc. auch eher mäßig und die diesbe-
züglichen "Zugeständnisse" an die Gewerkschaft mehr oder weniger
leere Versprechungen. Die FLM nahm den Fiat-Plan zum Anlaß,
i h r e Vorstellungen für einen geregelten Umgang des Kapitals
mit der Lohnarbeit auf den Tisch zu legen und die betroffenen Ar-
beiter d a f ü r kämpfen zu lassen.
- Die Arbeiter, die bei der Entlassungsankündigung sofort strei-
ken wollten, wurden abgewiegelt ("Wir müssen erst abwarten.");
Agnelli der harte Vorwurf gemacht, er dürfe "nicht immer nur von
Entlassungen reden", sondern erst einmal mit der Gewerkschaft
über das Wie. ("La Repubblica")
- Als die Arbeiter bereits streikten - gegen jede Entlassung bei
Fiat - setzte sich die FLM demonstrativ an die Spitze und legte
einen gewerkschaftseigenen Umstrukturierungsplan vor: Durch
"interne Mobilität", nämlich durch Frühpensionierungen, Einstel-
lungsstop und Versetzung von überflüssigen Arbeitern an jeden an-
deren Arbeitsplatz innerhalb des Gesamtkonzerns "könne Fiat rund
11.000 Leute einsparen"!
- Im Verlauf des Streiks verwandelte sie den Kampf zur Verhinde-
rung der "externen durch interne Mobilität" in eine Kampagne zur
Annahme des staatlichen Vermittlungsplans und brach den Streik
ab, als Agnelli akzeptierte.
III. Die staatliche "Vermittlung"
---------------------------------
Der Staat, der am Ende von beiden Seiten als Vermittler begrüßt
wurde, hatte nun seinerseits bereits vor anderthalb Jahren klar-
gestellt, auf welcher Seite er steht: Mit einem Gesetzentwurf zur
"externen Mobilität" wurde die Entlassungsform in die cassa inte-
grazione als Hindernis für die Modernisierung der Ökonomie einge-
schränkt. Ihre Beschränkung implizierte für den Staat die Auf-
gabe, die positive Funktion der cassa f ü r d a s
K a p i t a l in anderer Form fortzuführen. Rationalisierung
ohne ständige Gefährdung durch Streiks und Sabotage in den Fabri-
ken, sondern mit Zustimmung der Gewerkschaften soll in Zukunft
durch staatliche Hilfe für die betroffenen Arbeiter geregelt wer-
den: Die "Hilfe" bestand im Aufbau einer lokalen Arbeitsvermitt-
lung, dem Angebot von Umschulungen und der Zahlung von
"Überbrückungsgeldern", als ob die Arbeitslosigkeit in Italien
"Kommunikationsproblemen" zwischen "Arbeitgebern" und "Arbeit-
nehmern" geschuldet sei. Die "Hilfe" besteht also in einer
Ablösung der cassa-Leistungen durch das bloße Versprechen, ge-
wisse staatliche Ersatzanstrengungen einzurichten. Der 'caso
Fiat' bot Gelegenheit, das Gesetz mit Leben zu erfüllen. Schei-
terte das Vermittlungsprogramm des Arbeitsministers Foschi noch
am Sturz der Regierung Cossiga über ein staatliches Wirt-
schaftsprogramm, so wurde dieses von dem neuen Kabinett mit dem
gleichen Minister über die parlamentarischen Hürden gebracht und
der daran gekoppelte Vermittlungsplan von Fiat und der Gewerk-
schaft akzeptiert:
- Der Staat verpflichtet sich, für die Entlassenen Wiedereinglie-
derungs- und Umschulungskurse anzubieten und die Aktivitäten der
regionalen Arbeitsämter auszubauen.
- 23.000 Arbeiter sind - nach einem 5-wöchigen Streik ohne
Streikgelder - dazu verpflichtet, von 7/8 ihres Lohns aus der
cassa integrazione zu leben.
- Sie sollen sich während ihren Ausstellung in die cassa um einen
neuen Arbeitsplatz kümmern, indem sie sich ab Juni 1981 auf Ar-
beitsvermittlungslisten eintragen und Jobs im Umkreis von 50 km
annehmen müssen, ansonsten sie der Zahlungen aus der cassa verlu-
stig gehen.
- Der einzige "Erfolg" der Gewerkschaft, die Verlängerung der
Überstellung in die cassa integrazione von den 18 Monaten des
Fiat-Angebots auf 30 Monate ist somit ein sehr relativer; weil es
nur den wenigsten gelingen wird, bei Erfüllung aller Auflagen be-
züglich der "Zumutbarkeit" angebotener Jobs zweieinhalb Jahre
lang durchzuhalten.
Für die nichtentlassenen Arbeiter hat die FLM damit die Ver-
pflichtung zu gesteigerter Arbeitsintensität mitunterschrieben,
weil mit ihnen ab sofort die Umstrukturierung durchgeführt wird
und sie ohne die 23.000 Freigesetzten die erwartete Produktions-
steigerung erarbeiten dürfen. Fiat hingegen hat durch die Annahme
des staatlichen "Vermittlungsplans" gegenüber seinem ursprüngli-
chen Angebot sogar Boden gutgemacht: Es ist dem Zwang zur Wieder-
einstellung aller der ursprünglich für die "interne Mobilität"
vorgesehenen 12.000 enthoben: Durch die Anwendung der Bestimmung
für "externe Mobilität" auf alle 23.000 kann es damit rechnen, in
zweieinhalb Jahren keinen einzigen wieder einstellen zu müssen.
So kann die Konzernleitung nach Beendigung des Streiks ein neues
"Angebot" machen:
"Wir wetten, daß es dann" (nämlich am 30.6.1983) "keinen Arbeits-
losen mehr geben wird." ("Corriere della Sera" vom 16.10.1980)
IV. Die tragende Rolle der Arbeiter
-----------------------------------
Die Hauptdarsteller im 'caso Fiat', die Arbeiter, haben bei der
ganzen Veranstaltung im wahrsten Sinne des Wortes die tragende
Rolle gespielt. Als Betroffene sind sie in den Streik getreten
und zwar gegen den Willen der Gewerkschaftsführung. Dazu benutz-
ten sie ein Mittel, das sie sich in den Arbeitskämpfen Ende der
60er Jahre - ebenfalls in Gegnerschaft zur Gewerkschaft - ge-
schaffen hatten: Die Consiglii di fabbrica (Arbeiterräte inner-
halb des Betriebs), nicht zu verwechseln mit dem westdeutschen
Betriebsrat, der als staatliche Einrichtung auf das Wohl des Un-
ternehmens und den Betriebsfrieden verpflichtet ist. In den Con-
siglii ist die gesamte Belegschaft eines Werks, gewerkschaftlich
Organisierte u n d Unorganisierte direkt oder durch Delegierte
vertreten. Diese "lokale Basisvertretung", entstanden aus der
Kritik an den p o l i t i s c h e n Rücksichtnahmen der par-
teiorientierten Gewerkschaften, tragen den Gegensatz der Lohnar-
beit zum Kapital vom Standpunkt des b e t r o f f e n e n
A r b e i t e r s aus, was ihnen in Italien den Vorwurf der
"Unterwanderung durch Linksradikale" einträgt, bei Beobachtern
hierzulande das Urteil, sie seien von wirtschaftlicher Unver-
nunft, Verantwortungslosigkeit und Egoismus geleitet und sollten
sich erstmal die Reife unserer DGB-Mitglieder erwerben. Ange-
sichts der dominierenden Rolle der Consiglii nicht nur unter den
unorganisierten Gewerkschaftskritikern unter den Arbeitern, son-
dern auch der Beteiligung der eigenen Basis an diesen Räten
schwenkte die Gewerkschaftsföderation um, erkannte die Consiglii
als ihre eigene Basis an (seitdem können Streiks auf Betriebs-
ebene beschlossen werden) und verwandelte so die Kritik an der
Gewerkschaft in eine institutionalisierte i n n e r gewerk-
schaftliche Auseinandersetzung. Daß es sich hierbei von Anfang an
um ein t a k t i s c h e s Manöver der politischen Gewerk-
schaftsführung handelt, mit der sie die Basis im Griff behalten
wollte, zeigte und zeigt das Verfahren, Forderungen der Consiglii
aufzunehmen, sie zum Inhalt gewerkschaftlicher Politik zu machen,
ihnen dabei die Spitze abzubrechen und gleichzeitig den Versuch
zu unternehmen, die Teile der Basis, die am Inhalt ihrer
Forderungen festhalten, als Spalter zu bekämpfen und mundtot zu
machen.
So setzte sich die FLM, nachdem sie zunächst erst einmal verhan-
deln wollte, nach dem Streikbeschluß des Fabrikrats "an die
Spitze der Bewegung". PCI-Chef Berlinguer fuhr nach Turin und so-
lidarisierte sich mit den Streikposten und erstmals seit Jahren
erschienen Stellungnahmen von Gruppen links von der PCI, bislang
als "Agenten der Bourgeoisie" diffamiert, in den Spalten des Par-
teiorgans "Unita". G l e i c h z e i t i g verhandelte die Ge-
werkschaftsführung mit der Regierung in Rom und mit der Konzern-
leitung in Turin, was ihr heftige Kritik seitens des Fabrikrats
eintrug, der am Streikziel "Keine einzige Entlassung!" festhielt
und statt Verhandeln eine Besetzung des Werks forderte. Auf dem
Höhepunkt des Streiks distanzierte sich die gewerkschaftliche
Streikführung nebst ihren politischen Freunden von dieser Forde-
rung "radikaler Elemente" und Fiat nutzte diese Situation" um
vollendete Tatsachen zu schaffen:
Mit dem juristisch unanfechtbaren Argument, daß die Verhandlungs-
frist über Art und Dauer der Ausstellung der 24.000 in die cassa
integrazione abgelaufen sei, wurden alle Betroffenen in die cassa
entlassen, und zwar nur für 3 Monate mit der beigefügten Drohung
Agnellis, in diesem Zeitraum müsse die "externe Mobilität endgül-
tig geregelt" werden.
Diesem Schlag des Kapitals setzte die FLM lediglich die Forderung
entgegen, Fiat solle sich zu V e r h a n d l u n g e n über die
Rücknahme der Entlassungen und über die Modalitäten der Überstel-
lung in die cassa integrazione bereit erklären. D a f ü r und
nicht mehr gegen die E n t l a s s u n g e n wurde von nun an
gekämpft. Mit der Parole "Der Streik geht weiter" focht so die
FLM den Arbeitskampf bis zu seinem für die Arbeiter bitteren Ende
durch. Der Arbeitskampf hatte nicht mehr die Funktion, eine For-
derung der Arbeiter gegen das Kapital durchzusetzen, sondern
diente nur nach dem p o l i t i s c h e n Anspruch der Gewerk-
schaft, als Verhandlungspartner über die Maßnahmen des
K a p i t a l s mitbestimmen zu dürfen. Die Streikführung der
FLM war jetzt nur noch gegen die Streikenden selbst gerichtet:
Sie sollten sich zur Vernunft streiken, also einsehen, daß trotz
Kampfmaßnahmen nicht mehr drin war als die Gewerkschaft für sich
herausholen wollte. Unter den Streikenden, die sich auf einmal
vor ganz andere Streikziele gestellt sahen, führte diese Taktik
zu einer wachsenden P o l a r i s i e r u n g, so daß die
Streikfront abbröckelte; schließlich stand jetzt fest, daß auf
jeden Fall 24.000 zunächst für drei Monate auf ein Achtel des
Lohnes verzichten mußten und daß für die nicht Ausgestellten ein
weiterer Streik totalen Lohnausfall o h n e Sicherstellung des
Arbeitsplatzes bedeuten würde.
Der Streik wurde so zunehmend "unpopulär" und Zeitungen, Radio
und Fernsehen brachten täglich Stimmen von Arbeitern, die erklär-
ten, sie hofften, daß der Ausstand bald zu Ende sei. Die Radika-
len unter den Streikenden, die geglaubt hatten, FLM und PCI für
ihre Streikziele benutzen zu können, eröffneten jetzt eine
"zweite Front" gegen die Gewerkschaft. Die Mehrheit der Arbeiter
stellte sich darauf ein, nach Beendigung des Streiks sich einen
Platz unter denen zu sichern, an deren Anwendung Fiat weiter ge-
legen war und gingen vorsorglich auf Distanz zu den Kollegen, die
immer noch auf den Streik als Mittel gegen Fiat setzten. In der
Endphase des Arbeitskampfs wurde - von wem auch immer: von
Agnelli bis zu den Neofaschisten wurden alle Drahtzieher gehan-
delt - eine organisierte Demonstration von Streikbrechern auf die
Beine gestellt: Am "historischen Marsch der 40.000 " beteiligten
sich Fiat-Meister, höhere Angestellte und Arbeiter aus Zuliefer-
betrieben, die der Fiat-Streik brotlos gemacht hatte. Unter Beru-
fung auf ihr "Recht auf Arbeit" verlangten sie von der Polizei,
die Streikposten wegzuräumen, griffen die Gewerkschaft an, sie
sei von "Terroristen" unterwandert und forderten die Entlassung
der "Rädelsführer" des Streiks.
Der Marsch der Gewerkschaftsgegner war für die FLM ein willkomme-
ner Anlaß, den Streik abzubrechen mit dem Argument, er "spalte"
die Arbeiter und diene, falls er fortgesetzt werde, nur noch
Agnelli, weil er die Gewerkschaft schwäche. Während die Annahme
des staatlichen Vermittlungsplans nur noch Formsache war - die
Gewerkschaft hatte ja von Anfang an nur für ihn den Streik unter-
stützt -, stürzte sie sich nun mit aller Militanz in den Kampf
gegen die Opposition in den eigenen Reihen und im Betrieb:
- Der "Kompromiß" wurde als "Erfolg" propagiert. Zynisch verkün-
dete die FLM ihr sei es zu verdanken, daß jetzt alle 24.000 Be-
troffenen g l e i c h behandelt würden. Das stärkt die Einheit!
- Das Ergebnis wurde in den Betriebsversammlungen zur Abstimmung
gestellt, wobei vorgebrachte Kritik als Spaltertum verurteilt,
einfach ignoriert oder handfest niedergemacht wurde.
- Die innergewerkschaftliche Opposition wurde zum Schuldigen da-
für erklärt, daß der Arbeitskampf nicht ganz so erfolgreich been-
det werden konnte. Die Unzufriedenheit der Arbeiter mit dem
Streikergebnis sollte so zum Mittel für eine innergewerkschaftli-
che Säuberung gemacht werden.
- Konsequent griff die Gewerkschaft nun auch die Consiglii di
fabbrica an, die von radikalen Elemente "mißbraucht" worden
seien. Sie hätten die FLM-Führung daran gehindert, den Vermitt-
lungsplan schon eher anzunehmen und seien deshalb an der Spaltung
zwischen Basis und Führung schuld. Deshalb sollten in Zukunft auf
den Betriebsversammlungen nur noch Gewerkschaftsmitglieder stimm-
berechtigt sein. - Darüberhinaus benutzte die Gewerkschaft gleich
die Gelegenheit, gegen einen "übersteigerten Egalitarismus bei
den Löhnen" zu Felde zu ziehen, der durch eine "Modifizierung der
Tarifverträge" bezüglich "Leistung und Verdienst" (24 ore vom
21.10.) zu korrigieren sei.
V. Nach der capitulazione storica
---------------------------------
Fiat hat für sich und stellvertretend für das italienische Kapi-
tal eine Schlacht gewonnen:
- Das Werk muß bei Rationalisierungsmaßnahmen Entlassungen nicht
mehr nur dosiert und über lange Zeiträume verteilt vornehmen,
sondern kann zügig und unternehmerisch kühn sich auf einen Schlag
überflüssig gemachter Arbeitskräfte entledigen.
- Das Kapital kann sich bei der Rekrutierung von Lohnarbeitern
das passende Material auf dem Arbeitsmarkt aussuchen und muß
keine Rücksichten mehr auf die Stammbelegschaft nehmen.
- Die Arbeiter konkurrieren verschärft untereinander, was die In-
tensivierung der Arbeit von lästigen Widerstandsaktionen besser
schützt.
Der italienische Staat hat mit seinem Vermittlungsplan erreicht,
daß seine Wirtschaftsprogramme leichter gegen die Arbeiterklasse
durchgesetzt werden.
Für die Fiat-Arbeiter bedeutet das Resultat des Streiks
o b j e k t i v den Verlust eines "Privilegs" gegenüber ihren
Klassenbrüdern, die in der Konkurrenz der Arbeitenden ohne Ar-
beitsplatzgarantie antreten. Mit ihnen müssen sie jetzt darum
wetteifern, ihre Arbeitskraft so anzubieten, daß seine Anwendung
dem Kapital l o h n e n d erscheint. Für manchen von ihnen
heißt das Verlust eines relativ gut bezahlten Arbeitsplatzes,
Rückwanderung oder Auswanderung. Für alle mehr Arbeit zu schlech-
teren Bedingungen, eine Veränderung des Verhältnisses Lohn-Lei-
stung zu ihren Ungunsten.
Auf der subjektiven Seite teilt sich die Reaktion der Streikenden
auf das miese Ergebnis in W u t und O h n m a c h t auf. Die
Gewerkschaft hat für ihre "realistische" Linie Austritte von den
Enttäuschten in Kauf genommen, die aus dem Ergebnis dieses
Streiks den Schluß ziehen, der A r b e i t s k a m p f über-
haupt bringe es nicht. Andererseits betreibt sie selber den Aus-
schluß radikaler Elemente als "Gewerkschaftsfeinde".
Der "compromesso storico", mit dem die Gewerkschaft den Fiat-
Streik beendete, ist also in Wahrheit eine capitulazione storica
der Fiat-Arbeiter, auf deren Grundlage nicht nur Kapital und
Staat, sondern auch die Gewerkschaft einen neuen Abschnitt des
Klassenkampfs in Italien einzuleiten gedenken: Dopo la Fiat!
Bild ansehen
Fiats Fiasko
zurück