Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 71, 12.04.1983
       
       Wochenschau
       

DIE WENDE A LA FRANCAISE

Daß in Frankreich eine "Volksfrontregierung" aus Sozialisten und Kommunisten zugunsten der Staatskasse das Volk verarmt, gerät der bundesdeutschen Öffentlichkeit zu einer "Sternstunde" (FAZ) na- tionalistischer Genugtuung. Mit Liebe zum Detail bei "einem bru- talen Sparprogramm" (FAZ) wird die demokratische Technik seiner Durchsetzung bei Mitterand und Mauroy entlarvt und genossen, daß sie noch als Notstand der Nation und der Regierung hinstellen, wenn diese "leider" mittels aller staatlichen Regelungen der Re- produktion des lohnarbeitenden Volkes von der Lohnsteuer über die Straßenbahntarife bis zu den Urlaubsdevisen das Volk so rnacht- voll schröpft, daß der Notstand der Massen sicher ist. Als b l o ß e s Austerity-Programm wird beim befreundeten Nachbarn belächelt, was hierzulande seit Jahren die Sozialliberalen so zur Selbstverständlichkeit gemacht haben, daß ihre christliberalen Nachfolger das Gerede vom "leider" notwendigen Sparen streichen können, wenn sie das Volk zur Pflichterfüllung am Wirtschafts- wachstum für Aufrüstung herannehmen. Wenn einem Kohl der Hinweis genügt, daß die entscheidenden Stützen bundesdeutscher Nation - Bundeswehr, Deutsche Mark und Wirtschaft - ihren staatlich geför- derten "Aufschwung" haben, womit alle dafür staatlich erzwungene Verarmung deutscher Bürger in Ordnung gehe, braucht er keine "Ermächtigung zur Gesetzgebung durch Regierungsverordnungen wie sein Kollege Mauroy." Er hat seit dem 6. März das Wähler-Jawort zu seiner Handlungsfreiheit und einer "konstruktiven Opposition". Die Häme deutscher Nationalisten gilt ausgerechnet dem Schein der Rücksichtnahme des "rosaroten Sozialismus a la francaise" (FAZ) gegenüber dem Volk, den ein Mauroy nicht auf einen Schlag ablegt, sondern ausnutzt. "Die letzte Chance für einen Erfolg der neuen sozialistischen Sa- nierungspolitik sind die dominierenden Gewerkschaftszentralen. Sie sollen an der Streikfront für Frieden, Ruhe und Kaufkraftver- zicht sorgen", schreibt die FAZ und ist sich sicher, daß ein deutscher Kopf da- bei nur den Genuß an hiesiger, oppositionsloser Rücksichtslosig- keit der Staatsmacht entwickelt. Die Wahrheit über den französi- schen Sozialismus, der sich allem andreren als einer Volksversor- gung, es sei denn der mit einer force de frappe und dafür "einer staatlich angeheizten Expansionspolitik" (Spiegel) des französi- schen Kapitals verschrieben hat, kann dabei freimütig ausgeplau- dert werden, ohne daß dem geneigten deutschen Leser die Tücke des Vergleichs auffallen will, in dem er jenseits wie diesseits des Rheins nur als der vorkommt, der für das gleiche Staatsprogramm zur Kasse gebeten wird. Er kann sich an die Mitteilung ganz deut- scher Journalisten halten, daß den expandierenden französischen Markt vor allem deutsches Kapital so sehr hat ausnutzen können, daß der Bundesfinanzminister Stoltenberg seinem französischen Kollegen Delors diktieren kann, bei welchem Prozentsatz Ruinie- rung der französischen Währung "Paris sein Gesicht bewahrt" (Spiegel). Andererseits will solches Gegeneinander deutschen und französischen Imperialismus gezügelt sein. Mag auch der Sozialist Mitterand bei der Bewältigung der volkswirtschaftlichen Kosten des Aufrüstungsprogramms im Vergleich zum deutschen Kohl schlecht aussehen, im gemeinsamen politischen Zweck läßt er sich nicht lumpen. Das hat der "Sozialist" dem Christen demonstrativ zu ver- stehen gegeben. Gleich nach der "Meldung", daß "wir Deutschen" die sozialistischen Experimente in Frankreich zu zahlen hätten, lobte BILD, daß Frankreich mit der Ausweisung von 47 Sowjetdiplo- maten in bewußt undiplomatischer Form ein Vorbild dafür gegeben. hat, wo es lang geht. zurück