Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation


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       Wochenschau
       

FRANZÖSISCHE STUDENTENUNRUHEN '83

Die französischen Studenten gehen wieder auf die Barrikaden - und liefern ein fürchterliches Gegenbild zum Mai '68. "Wir sind unpo- litisch!" schreien sie heute an die Adresse derjenigen, die sie mit ihren Reformen behelligen. Unter der Parole: "Frankreich braucht Eliten!" demonstrieren sie zusammen mit den buntberockten Professoren, unter deren Talaren die '68er den "Muff von 1000 Jahren" entdeckt hatten. Und die aktuelle Umkehrung der alten linken Studentenparole "Arbeiterkinder an die Uni!" lautet im Pa- riser Mai '83: "Keine Nichtabiturienten an die Hochschulen!" Die 'französische Intelligenz' sieht sich von einer sozialistischen Studienreform bedroht, die - ganz volksfreundlich - möglichst viele Studenten an die Uni läßt, um aus den Massen dann durch verschärfte Selektion eine leistungsgerechte Elite für die Nation hervorzubringen. Da empören sich die jetzigen Studenten über eine neue Eingangsprüfung zum Hauptstudium (second cycle) und verlan- gen von der Regierung stattdessen einen Numerus clausus zu Beginn des Studiums (premier cycle), damit die nachrückenden Konkurren- ten draußen bleiben: "Wo sollen die neuen Studenten unterkommen, wenn wir doch schon fast 1400 im ersten Jahr - sind?" Und weil dieser "unpolitischen" Elite die rechten Parolen gegen die so zialistische "Gleichmacherei" voll einleuchten - der reaktionäre Standpunkt, einen geschenkten Konkurrenzvorteil als angestammtes Menschenrecht einzufordern, sobald daran gerührt wird, weiß eben durchaus als ideale Forderung des Gemeinwohls und der Nation da- herzukommen! -, werden in Paris und anderen Universitätsstädten "antimarxistische" Studentendemonstrationen angezettelt, auf denen Mitterrand das Schicksal Allendes prophezeit wird. Das ist zwar reichlich unrealistisch, liegt gesinnungsmäßig aber voll im Trend der NATO-weiten "Wende" und bezeugt immerhin eine beträcht- liche Liebe auch des französischen "esprit" und "savoir vivre" zu einer Gewalt, der sich zu unterwerfen sich zweifelsfrei l o h n t für die Aspiranten auf Posten im Herrschaftsapparat. Die Linken halten es, regierungssolidarisch, für "höchste Zeit, die Straße nicht den Rechten zu überlassen." So erlebt die fran- zösische Öffentlichkeit neben den großen rechten Demos auch noch kleine linke Gegendemos, in denen die Öffnung der Universitäten begrüßt, die Verschärfung der Auslese aber bedauert wird - was nicht gerade von Einblick in den Zweck der Konkurrenz zeugt, um deren Modalitäten so vehement gestritten wird. Mitterrand findet das ganze "Theater" mit der Arroganz des sat- telfesten Machthabers "mittelmäßig", läßt den "Respekt vor der Staatsautorität" gewaltsamwiederherstellen - und kümmert sich im übrigen in ganz anderen Dimensionen praktisch um die Stellung Frankreichs als Elitenation, um die seine rechten Gegner sich heuchlerisch sorgen. Denn über die "Größe Frankreichs" wird wahr- haftig nicht durch akademische Prüfungsordnungen entschieden, sondern nach den Kriterien der NATO-Freiheit, also in den Fabri- ken und in der Rüstung. Und da weiß Mitterrand seinen rechten Vorgänger allenfalls noch zu überbieten und bleibt dem rechtesten Kritiker nichts schuldig - und die akademische Dummheit französi- scher Zunge ist da wirklich nicht unter die Leidtragenden zu zäh- len! zurück