Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation

       zurück

       Die Bundesrepublik ist zufrieden
       

FRANKREICHS ATOMMACHT GEHT IHREN WEG

"Wer uns im Pazifik nicht will, ist unser Feind.", hat der fran- zösische Staatspräsident Mitterrand kurz und anmaßend verkündet. Gemünzt war das auf Proteste gegen französische Atomversuche in der Region. Um Frankreichs selbstgewährtes Recht zu bekräftigen, in seinen überseeischen Kolonien die neuesten technischen Errun- genschaften bei den Atomwaffen zu testen, ist der Präsident ei- gens in die Südsee gejettet, hat diplomatische Verstimmungen mit den westlichen Bündnispartnern Australien und Neuseeland in Kauf genommen und hat die französischen Kolonial- und Militärchefs vor Ort zu einem "Exekutivkommitee" versammelt. Das ist das vorläufige Ende einer 'Staatsaffäre', die damit be- gonnen hat, daß die Umweltschutzorganisation 'Greenpeace' mit Schiffen in das militärische Sperrgebiet um das Mururoa-Atoll fahren und so dagegen protestieren wollte, daß mit den französi- schen Atomversuchen der 'Umwelt' - ausgerechnet der! - Gewalt an- getan werde. Der französische Geheimdienst hat kurzerhand das Hauptschiff in Neuseeland versenkt. Nach Aufdeckung dieses An- schlags hat man in Frankreich aufgeregt diskutiert über den 'Skandal' nämlich, daß das Manöver hinterher bekannt geworden ist, daß der Geheimdienst u n p r o f e s s i o n e l l zu Werk gegangen sei, daß F r a n k r e i c h s A n s e h e n ein schlechter Dienst erwiesen worden sei und ob nicht vielleicht die Briten dahintersteckten. Die nationalistischen Gemüter, die sich - Frankreichs Souveränität Tausende von Meilen entfernt gesorgt haben, wurden durch das regierungsamtliche Versprechen beruhigt, solche 'Pannen' künftig zu vermeiden, sich im übrigen durch nichts bei seinen Waffentests beeinträchtigen zu lassen und die 'Greenpeace'-Schiffe mit o f f e n e r militärischer Gewalt vom französischen Hoheitsgebiet fernzuhalten. Mitterrands demonstra- tive Reise hat dieses Versprechen bekräftigt. Frankreichs Staatsprogramm - ---------------------------- der Ausbau einer atomaren Kriegsmacht... ---------------------------------------- steht unerschütterlich. Kein Wunder, daß da die nationale Ehre so leichtverletzlich ist und so gewalttätig aufrecherhalten wird. Wenn Frankreich seit 20 Jahren unter einem entlegenen Eiland Atombomben detonieren läßt, so sind die ungemütlichen Wirkungen, die von Protestlern beklagt werden, nur ein magerer Vorgeschmack auf die Zerstörungen, die mit den dort getesteten Waffen als Mit- tel der Politik angedroht werden - und zwar nicht der Umwelt, sondern der Sowjetunion und ihren Verbündeten. Seit mehr als 20 Jahren setzt Frankreich alles daran, sich neben den USA als ei- genständige europäische Atommacht zu behaupten, die der So- wjetunion vernichtende Schläge androhen kann und sich damit welt- politisch ins Spiel bringt. Jeden amerikanischen und sowjetischen Waffenfortschritt haben die französischen Politiker - ob 'Gaullisten' oder 'Sozialisten' - als eine Herausforderung ver- standen, der sie sich entschieden gestellt haben. Je mehr die USA ihre Atomkriegsdrohung ausgebaut haben und mit Pershings und Cruise Missiles in Europa der Sowjetunion noch zusätzliche Atom- waffen sozusagen vor die Haustür gestellt haben, um so mehr Ge- wicht erhalten auch die Atomraketen, die europäische Staaten sel- ber in die Waagschale zu werfen haben. Und die amerikanischen Weltraumrüstungspläne, die den sowjetischen Waffen ihre Durch- schlagskraft nehmen sollen, sind nur ein weiterer dringlicher Grund für Frankreich, seine 'Abschreckungs'macht gegen die sowje- tischen Kriegsmittel zu verdoppeln und zu verdreifachen und sich damit für Freund und Feind zu einer unübersehbaren politischen Größe zu machen. Den Aufbau einer eigenständigen Atommacht hat der europäische Lieblingspartner der Bundesrepublik dabei so er- folgreich geschafft, daß die Sowjetunion laufend mit den franzö- sischen Waffen als einer Extra-Bedrohung kalkulieren muß. D i e s e r Erfolg ist der Grund für die Rücksichtslosigkeit der französischen Politik gegenüber den Souveränitätsansprüchen der pazifischen Staaten und erst recht gegen die Umweltschützer und ihre moralischen Appelle an die Weltöffentlichkeit. Atombombe, Neutronenbombe, Mehrfachsprengköpfe (sowie die entsprechenden Trägerraketen, deren 'zivilen' Einsatz Mitterrand mit seinem Be- such bei einem mißglückten Ariane-Start ja auch symbolisch aufge- wertet hat) - solche Errungenschaften der Technik im Staatsdienst müssen schließlich erprobt und sicher gemacht werden. Eine sinn- vollere Verwendung abgelegener Kolonien ist für moderne Staats- männer kaum denkbar. ...voll im bundesdeutschen Interesse ------------------------------------ Diesem französischen Staatsprogramm steht die Bundesrepublik durch und durch aufgeschlossen gegenüber. Die Politiker, die ame- rikanische Atomraketen auf deutschem Boden befürworten und eine gewaltige eigene Rüstung verwalten, rechnen darauf, daß die fran- zösische Schlagkraft das Gewicht der eigenen Waffen auf dem Schlachtfeld Europa erhöht. Frankreichs Anstrengungen bilden da- mit einen Teil auch der bundesrepublikanischen 'Sicherheits'- Strategie: der Strategie, der Sowjetunion in ihrem Vorfeld eine gleichwertige konventionelle und atomare Kriegsmacht gegenüber- stellen zu können. Insofern verteidigt Frankreich im entlegenen Pazifik mit seinen kolonialistischen Rechten stellvertretend auch deutsche Interessen und erledigt ein Stück Militärfortschritt, der für deutsche Politiker unverzichtbar ist. Und siehe da, die deutsche Öffentlichkeit weiß auch gleich Be- scheid, daß frühere neidisch-süffisante Töne aber vergebliche französische Großmachtambitionen und überholtes Kolonialdenken nicht mehr so recht angebracht sind. Auch die Schadenfreude, daß der französische Geheimdienst auch nicht besser als unser Tiedge ist, wich sehr bald höheren Gesichtspunkten. Die Sprecher der zu ihrem Leidwesen nicht atomwaffenberechtigten BRD entdecken ziel- strebig in der französischen Kriegsstrategie den guten Grund für kolonialistische Rücksichtslosigkeit. Die atomare Schlagkraft zählt als das Mittel erfolgreicher Politik und Weltgeltung; also ist es für friedliebende deutsche Völkerfreunde sonnenklar, daß Militärmanöver und Atomversuche unverzichtbare Staatsinteressen sind. Deshalb schließen sie sich den nationalen Stimmen in Frankreich an, kritisieren 'Pannen' und orakeln über die weltöf- fentliche Gefährdung des staatlichen Anliegens Atomrüstung. Den Gegenbeweis liefern sie gleich selber. Sie lassen sich durch keine unschöne Gewalttat irritieren, sondern erinnern das deut- sche Publikum immer wieder daran, daß hier auch ein deutsch-ge- samteuropäisches Interesse auf dem Spiel gestanden hat und ver- teidigt worden ist. Frankreich verdient lauter Verständnis und die Bekenntnisse zu den unverzichtbaren Rechten einer europäi- schen Atommacht auf ihre Stärkung fallen endlich mal ganz vorbe- haltlos aus. zurück