Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation
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Deutsch-französisches Jubiläum:
DER KERN DER VÖLKERVERSTÄNDIGUNG: WAFFENBRÜDERSCHAFT
Die deutsch-französische Versöhnung feiert 25. Geburtstag. Man
sollte den Verantwortlichen wirklich nicht nachsagen, sie täten
zu wenig, um der "Idee Europa" Realität zu verleihen. Deren Witz
bestand ja sowieso noch nie in Überbauveranstaltungen à la Schü-
leraustausch. Eher schon in der Verwirklichung der vollen Freizü-
gigkeit des Kapitals samt Währungshoheit der darüber wachenden
Finanz- und Wirtschaftsminister. Und dann ist da natürlich noch
die europäische Waffenbrüderschaft. Das mag man schon glauben,
daß die BRD und Frankreich heutzutage nicht mehr periodisch über-
einander herfallen, sondern ihre Erbfeindschaft begraben haben.
Bloß: F e i n d s c h a f t e n haben die neuen Erbfreunde des-
wegen noch lange nicht begraben. Irgendwie eher im Gegenteil: Eu-
ropa k e n n t Feinde, wenn als d i e Beglaubigung ihrer
Freundschaft Westdeutschland und Frankreich nach gemeinsamen Ma-
növern jetzt eine gemeinsame Brigade aufstellen. Ganz ohne natio-
nale Reibereien geht es zwar noch immer nicht ab; z.B. haben die
Franzosen allerhand Atomraketen von 120 Kilometer Reichweite, und
wo treffen die wohl hin? Aber dafür gibt es Lösungen: Die mit den
120 Kilometern kann man ja auch weiter östlich aufstellen, und
die neue Generation ist bereits in der Mache und schießt dann 400
Kilometer weit. (Und wo trifft die dann hin?) Außerdem haben die
Franzosen a u t o n o m e Atombomben, die "uns" in unserem Sor-
timent noch fehlen. Die wollen die französischen Befehlshaber
zwar auch jetzt noch nicht hergeben, aber sie kommen ihren deut-
schen Kollegen auch hier entgegen: Die "Sofortverteidigung" haben
sie jetzt in ihre Strategie eingebaut, d.h. sie wollen die Ver-
wicklung der BRD in Kampfhandlungen als "Angriff auf Frankreich"
werten und möglichst zurückschießen, noch bevor sie getroffen
werden könnten.
Kurz: So viel sogar militärischen S o u v e r ä n i t ä t s-
v e r z i c h t gehen zwei Nationalismen bloß ein, wem es gegen
gemeinsame Dritte geht, denen man einzeln nicht gewachsen wäre.
Zusammen aber schon. So jedenfalls die Absicht, wenn am Ende die
Idee Europa fertig gediehen ist. Gegen welche Dritte es geht, ist
erstens sowieso sonnenklar. Oder in den Worten des "Aktions-
komitees für Europa" (dem laut "Frankfurter Rundschau" vom 20.1.
"etwa 60 Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft" angehören,
darunter Egon Bahr und Jacques Chaban-Delmas): "Die Bundesre-
publik Deutschland, welche die längste Grenze mit den Ländern des
Warschauer Pakts hat, muß vorneverteidigt werden können." Dazu
sind "verstärkte europäische Anstrengungen" gefragt, und
selbstverständlich gehört sich "auch weiterhin eine geeignete
Verbindung atomarer und konventioneller Kräfte" im Arsenal
vorgehalten. SPD-Bahr ließ übrigens auf Anfrage der "Frankfurter
Rundschau" ausdrücklich mitteilen, daß er "diese Aussagen
mittrage".
Noch ein Stückchen weiter denkt CDU-Dregger. Auf einer Pressekon-
ferenz in Bonn nahm er (laut "Frankfurter Rundschau" vom 21.1.)
die Abmachung zwischen den USA und der SU über die Abschaffung
der Mittelstreckenraketen zum "Anlaß ernster Warnungen". Die USA
könnten den "Risikoverbund (!) der Allianzpartner" zugunsten ei-
ner Strategie der "Regionalisierung von Konflikten" aufgeben.
Dazu müßten "die Europäer einen Ausgleich schaffen", sprich: die
von den USA angeblich nicht mehr zum Einsatz in Europa vorgese-
henen Waffensysteme durch e i g e n e A u f r ü s t u n g
"ausgleichen". D a n n könnte Europa-West als "gleichberechtig-
ter Partner" an Verhandlungen zum Thema Rüstung mit Supermächten
teilnehmen.
Also: 'Europa erwache und tritt auf als dritte Supermacht gegen
den Erbfeind im Osten und ein bißchen auch gegen den unsicheren
Kantonisten und beneideten Konkurrenten, die eigene Bündnisvor-
macht USA' - das ist die Perspektive, mit der die Völker West-
deutschlands und Frankreich sich anfreunden sollen!
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