Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation


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       Frankreichs Führungsnachwuchs probt(e) den Aufstand
       

"WIR SIND NICHTS ALS EINE STUDENTENBEWEGUNG, DIE PROTESTIERT"

Ein Premierminister, der sein umstrittenes Hochschulgesetz vor- läufig auf Eis legt; ein Hochschulminister, der seinen Hut nimmt; ein ausländischer Student, der einen Polizeieinsatz nicht über- lebt; Schüler und Studenten, die mit einem weinenden und einem lachenden Auge das Ergebnis ihres Intellektuellenaufstandes be- trachten - "Unsere Demonstration wäre zu einem Fest geworden, hätte Minister Monory letzten Donnerstag die Rücknahme angekündigt. Zwischen Mo- nory und uns ist ein Blutfleck." (ein Studentensprecher laut We- ser-Kurrier, 9.12.) - war das der heiße französische Herbst 1986? Im Gemisch von Ju- bel und Trauer ist untergegangen, daß in Frankreich drei Wochen lang ein Kampf zweier Eliten ------------------- stattgefunden hat, zwischen der in Amt und Würden und der, die sich noch auf dem Karriereweg in die höchsten Positionen von Wirtschaft und Staat befindet. Die erste Abteilung, Chirac und Konsorten, hatten ihren Schluß daraus gezogen, daß die von allen anerkannte Scheidung des fran- zösischen Volkes in Masse und Elite, für die auch drüben Abitur und Hochschulabschluß die Nahtstellen sind, ein etwas problemati- sches Ergebnis gezeitigt hatte. Frankreichs gehobene Bildungsan- stalten hatten mehr angehende Führungskräfte ausgespuckt, als sich die Nation Manager und Lehrer, Rechtsanwälte und Politiker leisten wollte: Akademikerarbeitslongkeit. Auch drüben verwech- seln Bildungspolitiker elitäre Nachwuchsförderung nicht mit einer Arbeitsplatzgarantie für Karrieristen. Der prinzipielle Bedarf an Nachrückern ist gedeckt; die Schaffung eines Überangebots er- scheint als kostspieliger Umweg. Mit der Novellierung des Hoch- schulgesetzes wollten Chirac und Co. die abschließende Sortier- leistung des akademischen Arbeitsmarktes in die Hochschulen vor- verlegen. Mit den heiß umkämpften Artikeln 31, 32 und 40 des neuen Gesetzes sollte der automatische Übergang aller Abiturien- ten auf die Universitäten eingeschränkt, also eine Art Numerus Clausus eingeführt werden; die Einlaßkarten für die Hochschulen wurden um 500 Franc erhöht; schließlich sollten die Abschlußdi- plome den Namen der ausstellenden Uni tragen. Kurz: innerhalb des existierenden Karrierewegs wurde gewichtet und noch ein wenig der Ideologie nachgeholfen, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Daß damit die "selection" über die französischen Kaderschmieden hereingebrochen wäre, ist ebenso ein Gerücht wie das vom Einzug des Elitedenkens. Schließlich gehört es schon lange und immer noch zum Traum eines jeden jungen französischen Akademikers, in die Superkaderschmieden à la ENS (Ecole Normale Superieure) rein- zukommen, in die Vorzimmer der Macht. Der Wahrheit schon näher kam der L'Express mit der Frage: "Quelle selection pour reussier?" (Welche Auswahl zum Erfolg?) "Ob mit oder ohne Knete, die Elite bleibt Elite" (Plakat an einem Pariser Gymnasium) Das neue Gesetz traf Frankreichs akademische Jugend an ihrer emp- findlichsten Stelle: ihrer Ehre. Raketen, AKWs, (inter-)nationale Terrorismusbekämpfung hatten sie ihren Mitterands und Chiracs durchgehen lassen; der amtliche Angriff auf die Einbildung, was Besseres zu sein, ergo was Besseres verdient zu haben, war dem Stand der Kopfarbeiter zuviel. Etwas weniger heuchlerisch als ihre deutschen Kollegen benutzten sie weder die angebliche Men- schenfreundlichkeit ihrer Berufe noch das Rührstück vom Arbeiter- kind, das nicht Professor werden durfte, als Vorwand für ihren bornierten Protest. Sie sagten gerade heraus: "Haben sie Angst, politisch vereinnahmt zu werden? So sagt es Er- ziehungsminister Monory, aber wir verteidigen unsere Diplome und Qualifikationen unabhängig von unseren politischen Ideen." (Interview mit Isabelle Thomas, Sprecherin der nationalen Streik- korodination) Die Sache mit der 'Unabhängigkeit' stimmt nicht. Politik war es schon, was hunderttausende von Schülern und Studenten drei Wochen lang und sehr heftig getrieben haben, Studentenpolitik eben: Kampf um die Anerkennung akademischer Einbildung. Wie bei allen Ehrenhändeln blieb die Radikalität nicht aus. Schüler, die ge- stern noch Vokabeln gepaukt, Studenten, die sich gestern noch brav in die Einschreib-Warteschlangen eingereiht hatten, fanden sich auf Barrikaden wieder. In der Hand Spruchbänder folgender Art: "Rühr' meine Uni nicht an!" Daß sie dabei tief in den Fundus französischen Kulturgutes griffen und sich als oberste, aber eben zurückgewiesene Anwärter auf eine Idee namens "egalite" anprie- sen, beweist, was sie in Schule und Studium gelernt haben. Der Protest macht es nicht besser. Den "Druck der Straße" ---------------------- nahmen die beamteten Akademiker an der Staatsspitze wie gewohnt auf: als Störung von Ruhe und Ordnung. Schließlich konnten sie ihrem eigenen Nachwuchs nicht durchgehen lassen, gegen das Be- rufsethos zu verstoßen. Wer später einmal in Wort und Tat Arbei- ter und Kinder, überhaupt alle Klienten zu Disziplin und Anstand anhalten soll, der - so die Auskunft von Macht an Geist - hat sich auch selbst daran zu halten. Ausnahmslos. Für die handfeste Umsetzung dieser Botschaft brauchten sich Chirac und Co. nichts Neues einfallen zu lassen. Die berüchtigte Einheit der Bereitschaftspolizei CRS hat sich bei allen staatli- chen Aufräumungsarbeiten bestens bewährt, bei Ausländern und Ar- beitslosen, jetzt bei Schülern und Studenten. Und ihre Spezialma- sche, zwei Polizeischläger auf einem Moto-Crossrad zu plazieren, ist so todsicher, daß es wirklich ein Zufall ist, daß Malik Ous- sekine ihr bisher einziges Opfer wurde. Auf die Krokodilstränen quer durch die Fraktionen ist da geschissen. "Die französische Regierung weicht vor dem Druck der demonstrie- renden Studenten zurück." (FAZ) Das sollte man nicht falsch lesen. Auf die Ermordung eines Stu- denten hat die französische Regierung mit der Beibehaltung ihrer Eliteschläger und dem zynischen Spruch reagiert: "Dieses Gesetz ist nicht den Tod eines Menschen wert." (Innenminister Madelin, der sich wohl würdigere Umstände staatli- cher Gewaltanwendung denken kann!) Und was den Rückzug Chiracs aus der Hochschulfront anlangt, so verdient doch die Begründung einige Beachtung: "Keine Anpassung der Universität, so nötig sie auch sein mag, kann zum Erfolg führen ohne eine breite Beteiligung aller betrof- fenen Seiten und dies insbesondere der Studenten und Professoren. Dies muß selbstverständlich auch in Ruhe geschehen. Es erscheint klar, daß dies heute nicht der Fall ist. Es gibt Demonstrationen mit allen Risiken und Gefahren, die sie für alle nach sich zie- hen. Deshalb habe ich beschlossen, das derzeitige Gesetzesprojekt zurückzuziehen." (FR, 9.12.) Er will's also mit beidem versuchen, Zuckerbrot und Peitsche. P.S.: Daß der Gewerkschaftsbund CGT und andere Organisationen aus So- lidarität mit den Schülern und Studenten zum Arbeiter-General- streik aufgerufen haben, ist ein starkes Stück. Die Arbeit nie- derlegen und auf die Straße gehen für die Ausbeuter und Führer von morgen, das hat dem französischen Arbeitsmann gerade noch ge- fehlt! zurück